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Das Ver­sa­gen des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus

Ge­mein­schaft Ver­sus Ge­sell­schaft in Eu­ro­pa

Ken­an Ma­lik, April 2015, For­eign Af­fairs

Vor dreis­sig Jah­ren sa­hen vie­le Eu­ro­pä­er Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus – die Um­ar­mung ei­ner in­te­gra­ti­ven, viel­fäl­ti­gen Ge­sell­schaft – als ei­ne Ant­wort auf Eu­ro­pas so­zia­le Pro­ble­me. Heu­te be­trach­ten ihn vie­le als de­ren Ur­sa­che. Die­se Wahr­neh­mung hat ei­ni­ge Mainstream-​Politiker, dar­un­ter der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Ca­me­ron und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, da­zu ge­bracht, öf­fent­lich den Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus an­zu­pran­gern und sich ge­gen sei­ne Ge­fah­ren aus­zu­spre­chen. Es hat den Er­folg der rechts­ex­tre­men Par­tei­en und po­pu­lis­ti­schen Po­li­ti­ker in ganz Eu­ro­pa, von der Par­tei für die Frei­heit in den Nie­der­lan­den bis zum Front Na­tio­nal in Frank­reich an­ge­heizt. Und in den ex­trems­ten Fäl­len hat er ob­szö­ne Ak­te der Ge­walt, wie An­ders Beh­ring Brei­viks mör­de­ri­schen Amok­lauf auf der nor­we­gi­schen In­sel Uto­ya im Ju­li 2011, in­spi­riert.

Hie kam es zu die­sem Wan­del? Nach den Kri­ti­kern des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus hat Eu­ro­pa über­mäs­si­ge Zu­wan­de­rung zu­ge­las­sen, oh­ne ge­nug In­te­gra­ti­on zu for­dern – ein Miss­ver­hält­nis, das den so­zia­len Zu­sam­men­halt aus­ge­höhlt hat, na­tio­na­le Iden­ti­tä­ten un­ter­gra­ben, und das Ver­trau­en der Öf­fent­lich­keit ab­ge­baut. Die Be­für­wor­ter der Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät hin­ge­gen ent­geg­nen, dass das Pro­blem nicht zu­viel Viel­falt sei, son­dern zu­viel Ras­sis­mus.

Doch die Wahr­heit über Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ist weit­aus kom­ple­xer als die bei­den Sei­ten zu­las­sen wol­len, und die De­bat­te dar­über geht oft in Spitz­fin­dig­kei­ten über. Der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ist zu ei­nem Stell­ver­tre­ter für an­de­re so­zia­le und po­li­ti­sche The­men ge­wor­den: Mi­gra­ti­on, Iden­ti­tät, Po­li­tik­ver­dros­sen­heit, Nie­der­gang der Ar­bei­ter­klas­se. An­de­re Län­der, dar­über hin­aus, ha­ben ver­schie­de­ne We­ge ein­ge­schla­gen. Gross­bri­tan­ni­en hat sich be­müht, den ver­schie­de­nen eth­ni­schen Ge­mein­schaf­ten glei­che Spies­se zu ge­ben im po­li­ti­schen Sys­tem. Deutsch­land hat Ein­wan­de­rer er­mu­tigt, ihr ei­ge­nes Le­ben statt der Ge­wäh­rung der Staats­bür­ger­schaft zu ver­fol­gen. Und Frank­reich hat mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ab­ge­lehnt zu­guns­ten ei­ner As­si­mi­la­ti­ons­po­li­tik. Die kon­kre­ten Er­geb­nis­se wa­ren eben­falls un­ter­schied­lich: in Gross­bri­tan­ni­en gab es kom­mu­na­le Ge­walt; in Deutsch­land sind tür­ki­sche Ge­mein­den wei­ter von der Ge­sell­schaft ab­ge­trie­ben; und in Frank­reich sind die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Be­hör­den und den nord­afri­ka­ni­schen Ge­mein­schaf­ten stark be­las­tet. Aber über­all sind die über­grei­fen­den Fol­gen die glei­chen ge­we­sen: frag­men­tier­ten Ge­sell­schaf­ten, ent­frem­de­te Min­der­hei­ten, und ver­är­ger­te Bür­ger.

Als po­li­ti­sches In­stru­ment hat Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus nicht nur ei­ne Ant­wort auf die Viel­falt funk­tio­niet, son­dern auch als Mit­tel, sie ein­zu­schrän­ken. Und die­se Ein­sicht of­fen­bart ein Pa­ra­do­xon. Mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ak­zep­tiert, wie selbst­ver­ständ­lich, dass Ge­sell­schaf­ten viel­fäl­tig sind, doch ge­hen sie im­pli­zit da­von aus, dass ei­ne sol­che Viel­falt an den Rän­dern der Min­der­hei­ten en­det. Sie sind be­strebt, die Viel­falt zu in­sti­tu­tio­na­li­si­se­ren, in­dem sie die Men­schen in eth­ni­sche und kul­tu­rel­le Schub­la­den ein­ord­nen – in ei­ne sin­gu­lä­re, ho­mo­ge­ne mus­li­mi­sche Ge­mein­schaft, zum Bei­spiel – und ih­re Be­dürf­nis­se und Rech­te ent­spre­chend zu de­fi­nie­ren. Ei­ne sol­che Po­li­tik, mit an­de­ren Wor­ten, hat da­zu bei­ge­tra­gen, die­se Tren­nun­gen, die sie ei­gent­lich ver­wal­ten soll­te, über­haupt erst zu kre­ieren.

Der My­thos Viel­falt

Das Ent­wir­ren der vie­len Strän­ge der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus­de­bat­te er­for­dert das Ver­ständ­nis des Kon­zepts an sich. Der Be­griff „mul­ti­kul­tu­rell” de­fi­niert so­wohl ei­ne Ge­sell­schaft, die be­son­ders viel­fäl­tig ist, in der Re­gel als Fol­ge der Ein­wan­de­rung, als auch die Po­li­tik, die not­wen­dig ist, ei­ne sol­che Ge­sell­schaft zu ver­wal­ten. Er ver­kör­pert da­mit so­wohl ei­ne Be­schrei­bung der Ge­sell­schaft, als auch ein Re­zept für den Um­gang mit ihr. Die Ver­schmel­zung der bei­den – das wahr­ge­nom­me­ne Pro­blem mit der an­geb­li­chen Lö­sung – hat den Kno­ten im Her­zen der De­bat­te zu­sam­men­ge­schnürt. Die­sen Kno­ten zu lö­sen er­for­dert ei­ne sorg­fäl­ti­ge Be­wer­tung der ein­zel­nen Punk­te.

Be­für­wor­ter wie Kri­ti­ker des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ak­zep­tie­ren im Gros­sen und Gan­zen die Prä­mis­se, dass Mas­sen­ein­wan­de­rung die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten ver­wan­delt hat, in­dem sie sie viel­fäl­ti­ger mach­te. Zu ei­nem ge­wis­sen Grad scheint dies of­fen­sicht­lich. Deutsch­land ist heu­te das zweit­be­lieb­tes­te Ziel für Ein­wan­de­rer aus al­ler Welt nach den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Im Jahr 2013 wa­ren es mehr als zehn Mil­lio­nen Men­schen, al­so et­was mehr als 12 Pro­zent der Be­völ­ke­rung, die im Aus­land ge­bo­ren wa­ren. In Ös­ter­reich wa­ren es 16 Pro­zent; in Schwe­den 15 Pro­zent; und in Frank­reich und Gross­bri­tan­ni­en rund 12 Pro­zent. Aus his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve ist je­doch der An­spruch, dass die­se Län­der viel­fäl­ti­ger sind als je zu­vor, nicht so ein­fach, wie es schei­nen mag. Eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts mö­gen aus heu­ti­ger Sicht ho­mo­gen auss­se­hen, doch so sa­hen sich die­se Ge­sell­schaf­ten da­mals nicht.

Be­trach­ten wir Frank­reich. In den Jah­ren der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, bei­spiels­wei­se, sprach nur die Hälf­te der Be­völ­ke­rung Fran­zö­sisch und nur rund 12 Pro­zent spra­chen es kor­rekt. Wie der His­to­ri­ker Eu­gen We­ber zeig­te, be­nö­tig­te die Mo­der­ni­sie­rung und Ver­ein­heit­li­chung Frank­reichs nach der Re­vo­lu­ti­on ei­nen trau­ma­ti­schen und lang­wie­ri­genn Pro­zess der Selbst­ko­lo­ni­sie­rung in Sa­chen Kul­tur, Bil­dung, Po­li­tik und Wirt­schaft. Die­ser Kraft­akt pro­du­zier­te den mo­der­nen fran­zö­si­schen Staat und ge­bar Vor­stel­lun­gen der fran­zö­si­schen (und eu­ro­päi­schen) Über­le­gen­heit ge­gen­über aus­ser­eu­ro­päi­schen Kul­tu­ren. Aber er ver­stärk­te auch ein Ge­fühl da­für, wie so­zi­al und kul­tu­rell dis­pa­rat die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung noch im­mer war. In ei­ner An­spra­che an der Medizinisch-​Psychologischen Ge­sell­schaft von Pa­ris im Jah­re 1857 frag­te sich der Christ und So­zia­list Phil­ip­pe Bu­chez, wie es pas­sie­ren konn­te, dass „in­ner­halb ei­ner Po­pu­la­ti­on wie der un­se­ren sich Ras­sen bil­den kön­nen – nicht nur ei­ne, son­dern meh­re­re Ras­sen, so elend, un­ter­le­gen und bas­tar­di­siert, dass sie tie­fer als die min­der­wer­tigs­ten wil­den Ras­sen ein­ge­stuft wer­den kön­nen, da ih­re Un­ter­le­gen­heit manch­mal jen­seits al­ler Hei­lung ist.” Die „Ras­sen”, die Bu­chez sol­che Angst ver­ur­sach­ten, wa­ren nicht Ein­wan­de­rer aus Afri­ka oder Asi­en, son­dern die ar­me Land­be­völ­ke­rung in Frank­reich.

In der vik­to­ria­ni­schen Ära be­trach­te­ten auch vie­le Bri­ten die städ­ti­sche Ar­bei­ter­klas­se und die Ar­men in länd­li­chen Ge­bie­ten wie das an­de­re. Ei­ne Dar­stel­lung des Ar­bei­ter­le­bens im Ost-​Londoner Stadt­teil Beth­nal Green, in ei­ner Aus­ga­be von 1864 des Sa­tur­day Re­view, ei­ner be­le­se­nen li­be­ra­len Zeit­schrift der da­ma­li­gen Zeit er­schie­nen, war ty­pisch für die vik­to­ria­ni­sche bür­ger­li­che Hal­tung. „Die Ar­men von Beth­nal Green”, er­klärt die Ge­schich­te, sei­en „ei­ne Kas­te ent­fernt, ei­ne Ras­se, von der wir nichts wis­sen, de­ren Le­ben ganz un­ter­schied­li­che Kom­ple­xi­tät hat als bei uns, Men­schen, mit de­nen wir kei­nen Kon­takt ha­ben.” Ähn­li­ches galt, nach dem Ar­ti­kel, für „die gros­se Mas­se der bäu­er­li­chen Ar­men”. Ob­wohl die Un­ter­schie­de zwi­schen Skla­ven und Her­ren als „ekla­tan­ter” ein­ge­stuft wur­den, als je­ne zwi­schen den Be­tuch­ten und Ar­men, so bo­ten sie doch „ei­nen sehr fai­ren Ver­gleich;” in der Tat wa­ren die Un­ter­schie­de so tief­grei­fend, dass sie „so et­was wie Ver­ei­ne oder Ka­me­rad­schaft” ver­hin­der­ten.

Heu­te ist Beth­nal Green das Herz­stück der ban­gla­de­schi­schen Ge­mein­schaft in East Lon­don. Vie­le weis­se Bri­ten se­hen ih­re Be­woh­ner als neue Ar­me von Beth­nal Green, kul­tu­rell und ras­sisch ver­schie­den von ih­nen. Doch nur die­je­ni­gen an den po­li­ti­schen Rän­dern wür­den die Un­ter­schie­de zwi­schen weis­sen Bri­ten und de­ren Nach­barn aus Ban­gla­desch mit je­nen von Meis­tern und Skla­ven ver­glei­chen. Die so­zia­len und kul­tu­rel­len Un­ter­schie­de zwi­schen ei­nem vik­to­ria­ni­schen Gen­tle­man oder Fa­brik­be­sit­zer auf der ei­nen Sei­te, und ei­nem Bau­ern oder Ma­schi­nen­schlos­ser auf der an­de­ren, wa­ren in Wirk­lich­keit viel grös­ser als die zwi­schen ei­nem weis­sen Ein­woh­ner und ei­nem, der aus Ban­gla­desh stammt, heu­te. So sehr sie sich ge­gen­sei­tig als un­ter­schied­lich se­hen, tra­gen ei­ne 16-​Jährige mit Her­kunft Ban­gla­desch, die in Beth­nal Green lebt, und ei­ne weis­se 16-​Jährige wohl die glei­chen Klei­der, hö­ren die glei­che Mu­sik, und fol­gen dem glei­chen Fuss­ball­ver­ein. Das Ein­kaufs­zen­trum, der Sport­platz und das In­ter­net bin­den sie zu­sam­men, was ei­ne Rei­he von Er­fah­run­gen und kul­tu­rel­len Prak­ti­ken schafft, die ähn­li­cher sind als al­les an­de­re in der Ver­gan­gen­heit.

Ei­ne ähn­li­che Ge­schichts­ver­ges­sen­heit plagt die Dis­kus­si­on um die Ein­wan­de­rung. Vie­le Kri­ti­ker des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus le­gen na­he, dass die Ein­wan­de­rung nach Eu­ro­pa heu­te an­ders ist, als in frü­he­ren Zei­ten. In sei­nem Buch „Re­fle­xio­nen über die Re­vo­lu­ti­on in Eu­ro­pa”, legt der Jour­na­list Chris­to­pher Cald­well na­he, dass vor dem Zwei­ten Welt­krieg Ein­wan­de­rer in eu­ro­päi­schen Län­dern fast aus­schliess­lich aus dem Kon­ti­nent ka­men und da­her leicht as­si­mi­liert wer­den konn­ten. „In­ner­eu­ro­päi­sche Be­we­gun­gen mit dem Wort Ein­wan­de­rung zu be­schrei­ben,” ar­gu­men­tiert Cald­well, „macht nur we­nig mehr Sinn, als ei­ne New Yor­ker in Ka­li­for­ni­er als ‚Ein­wan­de­rer’ zu be­schrei­ben.” Laut Cald­well un­ter­schei­det sich die Vorkriegs-​Einwanderung zwi­schen den eu­ro­päi­schen Na­tio­nen von der Nach­kriegs­ein­wan­de­rung von aus­ser­halb Eu­ro­pas, denn „die Zu­wan­de­rung aus den Nach­bar­län­dern wirft nicht die al­ler­be­denk­lichs­ten Ein­wan­de­rungs­fra­gen auf, wie zum Bei­spiel ‚wie gut wer­den sie zu uns pas­sen?’, ‚ist As­si­mi­la­ti­on das, was sie wol­len?’, und, vor al­lem ‚Wo ist ih­re wah­re Loya­li­tät?’”

Und doch ha­ben die­se Fra­gen auch die eu­ro­päi­schen Ein­wan­de­rer in den Vor­kriegs­jah­ren be­grüsst. Wie der Ge­lehr­te Max Sil­ver­man schrieb, ist die Vor­stel­lung, dass Frank­reich Ein­wan­de­rer aus an­de­ren Tei­len Eu­ro­pas mit Leich­tig­keit as­si­mi­liert hat vor dem Zwei­ten Welt­krieg ei­ne „Re­tro­spek­ti­ve Il­lu­si­on” ist. Und ziem­lich das glei­che gilt für Gross­bri­tan­ni­en. 1903 ha­ben Zeu­gen der Roy­al Com­mis­si­on on Ali­en Im­mi­gra­ti­on die Be­fürch­tung ge­äus­sert, dass Neu­an­kömm­lin­ge in Gross­bri­tan­ni­en ge­neigt sein wür­den, zu le­ben „nach ih­ren Tra­di­tio­nen und Ge­pflo­gen­hei­ten.” Es gab auch Be­den­ken, wie es der Zei­tungs­ver­le­ger J.L. Sil­ver aus­drück­te, dass „die de­bi­len, kränk­li­chen und üb­len Pro­duk­te Eu­ro­pas auf den eng­li­schen Stock auf­ge­pfropft” wer­den könn­ten. Das ers­te Ein­wan­de­rungs­ge­setz des Lan­des, das Aus­län­der­ge­setz von 1905, wur­de in ers­ter Li­nie ent­wi­ckelt, um den Fluss der eu­ro­päi­schen Ju­den zu brem­sen. Oh­ne ein sol­ches Ge­setz, ar­gu­men­tier­te der da­ma­li­ge Pre­mier­mi­nis­ter Ar­thur Bal­four zu der Zeit, wür­de die bri­ti­sche „Na­tio­na­li­tät nicht die glei­che sein und wür­de die Na­tio­na­li­tät nicht die­je­ni­ge sein, die wir als un­ser Er­be be­trach­ten wol­len im Wan­del der Zei­ten, die noch kom­men wer­den.” Das Echo der zeit­ge­nös­si­schen Ängs­te ist un­ver­kenn­bar.

Wett­ren­nen nach oben

Ob das zeit­ge­nös­si­sche Eu­ro­pa wirk­lich viel­fäl­ti­ger ist, als es das im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert war, bleibt zu dis­ku­tie­ren, aber die Tat­sa­che, dass die Eu­ro­pä­er es als viel­fäl­ti­ger be­trach­ten, ist un­be­strit­ten. Dies ba­siert zu ei­nem gros­sen Teil auf Ver­än­de­run­gen, wie die Men­schen die so­zia­len Un­ter­schie­de de­fi­nie­ren. Vor ein­ein­halb Jahr­hun­der­ten war Klas­se ein viel wich­ti­ger Rah­men für das Ver­ständ­nis der so­zia­len In­ter­ak­tio­nen. Wie schwie­rig es im­mer sein mag, das heu­te zu be­grei­fen, vie­le sa­hen zur da­ma­li­gen Zeit Ras­sen­un­ter­schie­de we­ni­ger in Be­zug auf die Un­ter­schie­de in der Haut­far­be, son­dern in der Klas­se oder so­zia­len Stel­lung. Die meis­ten Den­ker des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts wa­ren nicht be­sorgt we­gen der Frem­den, die die Gren­zen ih­rer Län­der über­quer­ten, son­dern we­gen de­nen, die die dunk­len Be­rei­che in­ner­halb der­sel­ben be­wohn­ten.

In den letz­ten Jahr­zehn­ten je­doch hat Klas­se an Be­deu­tung in Eu­ro­pa ver­lo­ren, so­wohl als po­li­ti­sche Ka­te­go­rie, als auch als Kenn­zeich­nung für die so­zia­le Iden­ti­tät. Zur glei­chen Zeit hat sich Kul­tur zu ei­nem zu­neh­mend zen­tra­len Me­di­um ent­wi­ckelt, durch das die Men­schen so­zia­le Un­ter­schie­de wahr­neh­men. Die Ver­schie­bung spie­gelt brei­te­re Trends. Die ideo­lo­gi­schen Grä­ben, die die Po­li­tik für ei­nen Gross­teil der letz­ten 200 Jah­re ge­prägt ha­ben, sind zu­rück­ge­gan­gen, und die al­ten Un­ter­schei­dun­gen zwi­schen links und rechts ha­ben im­mer we­ni­ger Be­deu­tung. Wäh­rend die Ar­bei­ter­klas­se an wirt­schaft­li­cher und po­li­ti­scher Macht ver­lo­ren hat, sind Ge­werk­schaf­ten und kol­lek­ti­vis­ti­sche Ideo­lo­gi­en zu­rück­ge­gan­gen. Der Markt hat sich in­zwi­schen in fast al­le Ecken und En­den des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens aus­ge­wei­tet. Und In­sti­tu­tio­nen, die tra­di­tio­nel­ler­wei­se Per­so­nen zu­sam­men­ge­bracht ha­ben, von Ge­werk­schaf­ten bis zur Kir­che, sind aus dem öf­fent­li­chen Le­ben ver­schwun­den.

In der Fol­ge ha­ben Eu­ro­pä­er da­mit be­gon­nen, sich selbst und ih­re so­zia­len Zu­ge­hö­rig­kei­ten auf ei­ne an­de­re Art zu se­hen. Zu­neh­mend de­fi­nie­ren sie so­zia­le So­li­da­ri­tät nicht in po­li­ti­scher Hin­sicht, son­dern im Hin­blick auf die Volks­zu­ge­hö­rig­keit, Kul­tur oder ih­ren Glau­ben. Und sie we­ni­ger be­sorgt mit der Be­stim­mung der Ge­sell­schaft, die sie schaf­fen möch­ten, als mit der De­fi­ni­ti­on der Ge­mein­schaft, der sie an­ge­hö­ren wol­len. Die­se bei­den Fra­gen sind na­tür­lich eng ver­wandt, und je­der Sinn für so­zia­le Iden­ti­tät muss bei­de be­rück­sich­ti­gen. Doch wäh­rend sich das ideo­lo­gi­sche Spek­trum ver­engt hat und die Me­cha­nis­men für den Wan­del ero­dier­ten, ist die Po­li­tik der Ideo­lo­gie über­ge­gan­gen zu ei­ner Po­li­tik der Iden­ti­tät. Es ist vor die­sem Hin­ter­grund, dass die Eu­ro­pä­er ih­re Hei­mat­län­dern als be­son­ders, so­gar un­mög­lich, di­vers be­trach­ten – und We­ge for­mu­liert ha­ben, dar­auf zu re­agie­ren.

Un­ter mei­nem Schirm

Bei der Be­schrei­bung der mo­der­nen eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten als äus­serst viel­fäl­tig, ist Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus deut­lich män­gel­be­haf­tet. Wie steht es denn um das Ziel des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, die­se ver­meint­li­che Viel­falt zu ver­wal­ten? In den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten ha­ben vie­le eu­ro­päi­sche Na­tio­nen mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ver­ab­schie­det, aber sie ta­ten das auf sehr ver­schie­de­ne Wei­se. Ver­gleicht man nur zwei die­ser Ver­gan­gen­hei­ten, die von Gross­bri­tan­ni­en und der von Deutsch­land, und das Ver­ständ­nis des­sen, was sie ge­mein­sam ha­ben, ver­rät viel über Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus an sich.

Ei­ner der am wei­tes­ten ver­brei­te­ten My­then in der eu­ro­päi­schen Po­li­tik ist, dass die Re­gie­run­gen mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ver­ab­schie­det ha­ben, weil Min­der­hei­ten ih­re Un­ter­schie­de be­haup­ten woll­ten. Ob­wohl Fra­gen zur kul­tu­rel­len As­si­mi­la­ti­on si­cher­lich von po­li­ti­schen Eli­ten ver­tieft wur­den, ha­ben sie nicht, bis vor kur­zem, die Ein­wan­de­rer selbst be­schäf­tigt. Als ei­ne gros­se Zahl von Ein­wan­de­rern aus der Ka­ri­bik, In­di­en und Pa­ki­stan in Gross­bri­tan­ni­en an­kam in den spä­ten 1940er und 1950er Jah­ren, um ei­nen Ar­beits­kräf­te­man­gel zu fül­len, be­fürch­te­ten bri­ti­sche Be­am­te, dass dies das Ge­fühl der Iden­ti­tät des Lan­des un­ter­gra­ben könn­te. Wie ein Be­richt der Re­gie­rung im Jahr 1953 warn­te: „Ei­ne gros­se far­bi­ge Ge­mein­schaft als be­son­de­res Merk­mal un­se­res so­zia­len Le­bens wür­de … das Kon­zept von Eng­land oder Gross­bri­tan­ni­en, dem die Men­schen bri­ti­scher Her­kunft im ge­sam­ten Com­mon­wealth an­hän­gen, schwä­chen.”

Die Ein­wan­de­rer brach­ten Tra­di­tio­nen und Sit­ten aus ih­rer Hei­mat mit, de­rer sie oft sehr stolz sind. Aber sie wa­ren nur sel­ten be­schäf­tigt mit der Wah­rung ih­rer kul­tu­rel­len Un­ter­schie­de, noch be­trach­te­ten sie Kul­tur im All­ge­mei­nen als po­li­ti­sches The­ma. Was sie be­un­ru­hig­te, war nicht der Wunsch, an­ders be­han­delt wer­den zu wol­len, son­dern die Tat­sa­che, dass sie an­ders be­han­delt wur­den. Ras­sis­mus und Un­gleich­heit, nicht Re­li­gi­on und Eth­ni­zi­tät, wa­ren ih­re Haupt­an­lie­gen. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten hat ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von schwar­zen und asia­ti­schen Ak­ti­vis­tin­nen, die Grup­pen bil­de­ten wie die Asi­an Youth Mo­ve­ments und das Race-​Today-​Kollektiv, auf die­se Miss­stän­de ein­ge­wirkt mit der Or­ga­ni­sa­ti­on von Streiks und Pro­tes­ten, die Dis­kri­mi­nie­rung am Ar­beits­platz, De­por­ta­tio­nen, und die Bru­ta­li­tät der Po­li­zei an­pran­ger­ten. Die­se Be­mü­hun­gen ka­men zu ei­nem ex­plo­si­ven Hö­he­punkt in ei­ner Rei­he von Un­ru­hen, die durch die In­nen­städ­te Gross­britt­an­ni­ens fuh­ren in den spä­ten 1970er und frü­hen 1980er Jah­ren.

Zu die­sem Zeit­punkt er­kann­ten bri­ti­sche Be­hör­den, dass, aus­ser die Min­der­hei­ten wür­den ei­ne po­li­ti­sche Be­tei­li­gung am Sys­tem er­hal­ten, die Span­nun­gen wei­ter die städ­ti­sche Sta­bi­li­tät be­dro­hen wür­den. Es war in die­sem Zu­sam­men­hang, dass mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ent­stand. Der Staat, so­wohl auf der na­tio­na­len und der lo­ka­len Ebe­ne, war Pio­nier ei­ner neu­en Stra­te­gie, schwar­zen und asia­ti­schen Ge­mein­schaf­ten in den nor­ma­len po­li­ti­schen Pro­zess hin­ein­zu­zie­hen durch die Be­nen­nung spe­zi­fi­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen oder Füh­rer, um ih­re In­ter­es­sen zu ver­tre­ten. Im Kern de­fi­niert der An­satz die Kon­zep­te von Ras­sis­mus und Gleich­heit neu. Ras­sis­mus war nun nicht nur die Ver­wei­ge­rung der Gleich­be­rech­ti­gung, son­dern auch die Ver­wei­ge­rung des Rechts, an­ders zu sein. Und Gleich­be­rech­ti­gung be­deu­te­te nicht mehr nur den Be­sitz von Rech­ten, die Ras­se, eth­ni­sche Her­kunft, Kul­tur und Glau­ben über­win­den; es be­deu­te­te, un­ter­schied­li­che Rech­te zu ha­ben auf­grund all des­sen.

Neh­men wir den Fall von Bir­ming­ham, zweit­gröss­te Stadt Gross­bri­tan­ni­ens. Im Jahr 1985 wur­de der Stadt­kreis Hand­s­worth von Un­ru­hen durch­ge­schüt­telt durch ei­nen schwe­len­den Groll ge­gen Ar­mut, Ar­beits­lo­sig­keit, und ins­be­son­de­re Po­li­zei­schi­ka­ne­nen. Zwei Men­schen star­ben und Dut­zen­de wur­den in den ge­walt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­letzt. In der Zeit nach den Un­ru­hen ver­such­te die Stadt­ver­wal­tung, die Min­der­hei­ten durch die Schaf­fung von neun so ge­nann­ten Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen, die für ih­re Mit­glie­der ein­tre­ten soll­ten in Fra­gen der Stadt­po­li­tik. Die­se Aus­schüs­se ent­schie­den nach den Be­dürf­nis­sen der je­wei­li­gen Ge­mein­schaft, an wen und wie­vie­le Res­sour­cen aus­ge­schüt­tet wer­den soll­ten, und wie die po­li­ti­sche Macht ver­teilt wer­den soll­te. Sie wur­den ef­fek­tiv Er­satz­stim­men für eth­nisch de­fi­nier­te Le­hen.

Der Stadt­rat hat­te ge­hofft, die Min­der­hei­ten in den de­mo­kra­ti­schen Pro­zess ein­zu­be­zie­hen, doch die Grup­pen kämpf­ten, um ih­re in­di­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Man­da­te fest­zu­le­gen. Ei­ni­ge von ih­nen, wie die afri­ka­ni­sche und ka­ri­bi­sche Volks­be­we­gung, re­prä­sen­tier­ten ei­ne Volks­grup­pe, wäh­rend an­de­re, wie der Rat der Schwarz-​geführten-​Kirchen auch re­li­gi­ös wa­ren. Viel­falt un­ter den Grup­pen traf auf Viel­falt in­ner­halb der­sel­ben; nicht al­le Leu­te, die an­geb­lich vom Bangladesch-​Islamische-​Projekte-​Beratenden-​Ausschuss ver­tre­ten wur­den, zum Bei­spiel, wa­ren eben­so fromm. Doch das Vor­ha­ben der Stadt­ver­wal­tung wies ef­fek­tiv je­des Mit­glied ei­ner Min­der­heit ei­ner dis­kre­ten Ge­mein­schaft zu, de­fi­nier­te die Be­dürf­nis­se je­der Grup­pe als Gan­zes, und stell­te die ver­schie­de­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen in Kon­kur­renz zu­ein­an­der um Res­sour­cen der Stadt. Und je­der, der aus­ser­halb die­ser de­fi­nier­ten Ge­mein­den fiel wur­de ef­fek­tiv vom mul­ti­kul­tu­rel­len Pro­zess voll­kom­men aus­ge­schlos­sen.

Das Pro­blem mit der Po­li­tik von Bir­ming­ham, wie 2005 be­ob­ach­tet von Joy War­ming­ton, Di­rek­tor der da­ma­li­gen Bir­ming­ham Race Ac­tion Part­nership (jetzt BRAP), ei­ne ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on zur Ver­rin­ge­rung der Un­gleich­heit, ist, dass sie „ten­den­zi­ell Eth­ni­zi­tät als Schlüs­sel für An­sprü­che un­ter­strei­chen. Es wird als gu­te Pra­xis ak­zep­tiert, die Res­sour­cen auf eth­ni­schen oder Glau­bens­li­ni­en auf­zu­tei­len. Statt al­so über das Er­fül­len der Be­dürf­nis­se der Men­schen nach­zu­den­ken und wie die Ver­tei­lung von Res­sour­cen ge­recht er­fol­gen kann, wer­den Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­zwun­gen, über die Ver­tei­lung der eth­ni­schen Her­kunft nach­zu­den­ken.” Die Fol­gen wa­ren ka­ta­stro­phal. Im Ok­to­ber 2005, zwei Jahr­zehn­te nach den ur­sprüng­li­chen Handsworth-​Ausschreitungen, brach Ge­walt im be­nach­bar­ten Lo­zells aus. 1985 wa­ren asia­ti­sche, schwar­ze und weis­se De­mons­tran­ten zu­sam­men auf der Stras­se, um ge­gen Ar­mut, Ar­beits­lo­sig­keit und Schi­ka­nen durch die Po­li­zei zu pro­tes­tie­ren. Im Jahr 2005 fand der Kampf zwi­schen Schwar­zen und Asia­ten statt. Der Fun­ke war ein Ge­rücht, das nie be­stä­tigt wur­de, dass ei­ne Grup­pe von asia­ti­schen Män­ner ein ja­mai­ka­ni­sches Mäd­chen ver­ge­wal­tigt hat­te. Der Kampf dau­er­te ein gan­zes Wo­chen­en­de.

War­um kämpf­ten zwei Ge­mein­schaf­ten, die 1985 Sei­te an Sei­te ge­kämpft hat­ten, im Jahr 2005 ge­gen­ein­an­der? Die Ant­wort liegt im We­sent­li­chen in der mul­ti­kul­tu­rel­len Po­li­tik Bir­ming­hams. Wie ei­ne wis­sen­schaft­li­che Stu­die der Po­li­tik Bir­ming­ham fest­stell­te: „Das Mo­dell des En­ga­ge­ments durch Trä­ger­grup­pen hat ten­den­zi­ell zu Wett­be­werb zwi­schen den BME [Schwarz und eth­ni­schen Min­der­hei­ten] Ge­mein­den um Res­sour­cen ge­führt. Statt die Be­dürf­nis­se und kon­fes­si­ons­über­grei­fen­de Ar­bei­ten zu prio­ri­sie­ren, ha­ben die ver­schie­de­nen Trä­ger­grup­pen im All­ge­mei­nen ver­sucht, ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen zu ma­xi­mie­ren.”

Die Po­li­tik des Stadt­ra­tes hat, mit an­de­ren Wor­ten, nicht nur die Men­schen nä­her an be­stimm­te Iden­ti­tä­ten ge­bun­den, son­dern führ­te auch da­zu, dass sie an­de­re Grup­pen fürch­te­ten und Res­sen­ti­ments ge­gen sie hat­ten, weil sie Kon­kur­ren­ten um Macht und Ein­fluss wa­ren. Die Iden­ti­tät ei­ner Per­son muss­te des­halb auf un­ver­wech­sel­ba­re Wei­se von den Iden­ti­tä­ten der an­de­ren Grup­pen un­ter­schie­den wer­den: Ein Ban­gla­de­schi in Bir­ming­ham zu sein, be­deu­te­te auch, nicht irisch, nicht Sikh, und nicht ka­ri­bisch zu sein. Die Fol­ge war die Schaf­fung von dem, was der Öko­nom Amart­ya Sen als „Plu­ra­ler Mo­no­kul­tu­ra­lis­mus” be­zeich­ne­te – ei­ne Po­li­tik, die ge­trie­ben ist durch den My­thos, die Ge­sell­schaft set­ze sich aus un­ter­scheid­ba­ren, ho­mo­ge­nen Kul­tu­ren zu­sam­men, die um­ein­an­der tan­zen. Das Er­geb­nis in Bir­ming­ham war die Spal­tung zwi­schen schwar­zen und asia­ti­schen Ge­mein­schaf­ten in ei­nem sol­chen Aus­mass, dass die­se Spal­tung in kom­mu­na­le Ge­walt aus­brach.

Ge­trennt und un­gleich

Deutsch­lands Weg zum Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus war an­ders als der Gross­bri­tan­ni­ens, ob­wohl der Aus­gangs­punkt der glei­che war. Wie vie­le an­de­re Län­der in West­eu­ro­pa war Deutsch­land in den Jah­ren nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit ei­nem im­mensen Ar­beits­kräf­te­man­gel kon­fron­tiert und re­kru­tier­te ak­tiv aus­län­di­sche Ar­beit­neh­mer. An­ders als in Gross­bri­tan­ni­en ka­men die neu­en Ar­beit­neh­mer nicht aus den ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­en, son­dern aus den Län­dern rund ums Mit­tel­meer: zu­erst von Grie­chen­land, Ita­li­en und Spa­ni­en, und dann aus der Tür­kei. Sie ka­men auch nicht als Ein­wan­de­rer, noch we­ni­ger als po­ten­ti­el­le Bür­ger, son­dern als so­ge­nann­te Gast­ar­bei­ter, von de­nen er­war­tet wur­de, in ih­re Her­kunfts­län­der zu­rück­zu­keh­ren, wenn die deut­sche Wirt­schaft ih­re Diens­te nicht mehr be­nö­tigt.

Mit der Zeit je­doch, ver­wan­del­ten sich die­se Gäs­te, die über­wie­gen­de Mehr­heit von ih­nen Tür­ken, von ei­ner vor­über­ge­hen­den Not­wen­dig­keit in ei­ne stän­di­ge Prä­senz. Dies war zum Teil, weil Deutsch­land wei­ter­hin auf ih­re Ar­beit an­ge­wie­sen war, und zum Teil, weil die Ein­wan­de­rer, und noch mehr ih­re Kin­der, Deutsch­land als ih­re Hei­mat sa­hen. Aber der deut­sche Staat fuhr fort, sie als Aus­sen­sei­ter zu be­han­deln und ver­wei­ger­te ih­nen die Staats­bür­ger­schaft.

Deut­sche Staats­bür­ger­schaft ba­sier­te bis vor kur­zem auf dem Prin­zip des ius san­gui­nis, durch die man Staats­an­ge­hö­rig­keit nur er­warb, wenn die El­tern Bür­ger wa­ren. Das Prin­zip schloss nicht nur Im­mi­gran­ten der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on von der Staats­bür­ger­schaft aus, son­dern auch die in Deutsch­land ge­bo­re­nen Kin­der. Im Jahr 1999 er­leich­ter­te es ein neu­es Staats­an­ge­hö­rig­keits­recht den Im­mi­gran­ten, die Staats­bür­ger­schaft zu er­wer­ben. Doch die meis­ten Tür­ken blei­ben Aus­sen­sei­ter. Von den drei Mil­lio­nen Men­schen tür­ki­scher Her­kunft in Deutsch­land ist es nur et­wa 800.000 ge­lun­gen, die Staats­bür­ger­schaft zu er­wer­ben.

Statt Ein­wan­de­rer als Glei­che will­kom­men zu heis­sen, be­han­del­te die deut­sche Po­li­tik das so ge­nann­te tür­ki­sche Pro­blem durch ei­ne Po­li­tik des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus. Seit den 1980er Jah­ren hat die Re­gie­rung tür­ki­sche Ein­wan­de­rer er­mu­tigt, ih­re ei­ge­ne Kul­tur, Spra­che und Le­bens­wei­se zu be­wah­ren. Die Po­li­tik re­prä­sen­tiert nicht so sehr ei­ne Ach­tung der Viel­falt, als ein be­que­mes Mit­tel zur Ver­mei­dung der Fra­ge, wie ei­ne ge­mein­sa­me, um­fas­sen­de Kul­tur ge­schaf­fen wer­den kann. Und sei­ne Haupt­fol­ge war die Ent­ste­hung von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten.

Ein­wan­de­rer der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on wa­ren weit­ge­hend sä­ku­lar, und die­je­ni­gen, die re­li­giö­se wa­ren, wa­ren sel­ten Hard­li­ner in ih­ren Über­zeu­gun­gen und Prak­ti­ken. Heu­te be­su­chen fast ein Drit­tel der er­wach­se­nen Tür­ken in Deutsch­land re­gel­mäs­sig Mo­sche­en, ei­ne hö­he­re Ra­te als bei den an­de­ren tür­ki­schen Ge­mein­den in West­eu­ro­pa und auch in vie­len Tei­len der Tür­kei. Auf ähn­li­che Wei­se ha­ben tür­ki­sche Frau­en der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on fast nie Kopf­tü­cher ge­tra­gen; heu­te tun das vie­le ih­rer Töch­ter. Oh­ne ei­nen An­reiz, sich an der na­tio­na­len Ge­mein­schaft be­tei­li­gen zu kön­nen, ma­chen sich vie­le Tür­ken nicht ein­mal die Mü­he, Deutsch zu ler­nen.

Zur glei­chen Zeit, als die mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik in Deutsch­land die Tür­ken auf­for­der­te, sich der deut­sche Ge­sell­schaft mit Gleich­gül­tig­keit zu nä­hern, hat sie Deut­sche da­zu ge­bracht, der tür­ki­schen Kul­tur mit zu­neh­men­der Feind­se­lig­keit zu be­geg­nen. Be­lieb­te Vor­stel­lun­gen da­von, was es be­deu­tet, ein Deut­scher zu sein, sind teil­wei­se im Ge­gen­satz zu den wahr­ge­nom­me­nen Wer­ten und Über­zeu­gun­gen der aus­ge­schlos­se­nen Ein­wan­de­r­er­ge­mein­schaft de­fi­niert wor­den. Ei­ne Um­fra­ge des fran­zö­si­schen Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Ifop 2011 er­gab, dass 40 Pro­zent der Deut­schen die Prä­senz der is­la­mi­schen Ge­mein­den als „ei­ne Be­dro­hung” für ih­re na­tio­na­le Iden­ti­tät be­trach­ten. Ei­ne wei­te­re Um­fra­ge von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld im Jahr 2005 liess ver­mu­ten, dass drei von vier Deut­schen glaub­ten, dass die mus­li­mi­sche Kul­tur nicht in die west­li­che Welt pas­sen. Anti-​muslimische Grup­pen wie Pa­trio­ti­sche Eu­ro­pä­er ge­gen die Is­la­mi­sie­rung des Abend­lan­des, oder PEGIDA, sind auf dem Vor­marsch, und Anti-​Einwanderungs-​Proteste in Städ­ten im gan­zen Land im Ja­nu­ar die­ses Jah­res wa­ren ei­ni­ge der gröss­ten in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit. Vie­le deut­sche Po­li­ti­ker, dar­un­ter Mer­kel, ha­ben ei­ne star­ke Hal­tung ge­gen die anti-​muslimische Be­we­gung ein­ge­nom­men. Aber der Scha­den ist be­reits ge­tan wor­den.

Aus­wärts­ver­ga­be der Po­li­tik

In Gross­bri­tan­ni­en und Deutsch­land, sind Re­gie­run­gen dar­an ge­schei­tert, die Kom­ple­xi­tät, Elas­ti­zi­tät, und die schie­re Ge­gen­sätz­lich­keit der Iden­ti­tät zu er­ken­nen. Per­sön­li­che Iden­ti­tä­ten ent­ste­hen aus Be­zie­hun­gen – nicht nur per­sön­li­che Bin­dun­gen, son­dern auch sol­che so­zia­ler Na­tur – die sich stän­dig ver­än­dern.

Neh­men wir die mus­li­mi­sche Iden­ti­tät. Heu­te gibt es viel Ge­re­de in den eu­ro­päi­schen Län­dern über ei­ne so ge­nann­te mus­li­mi­sche Ge­mein­schaft – ih­rer An­sich­ten, ih­rer Be­dürf­nis­se, ih­rer Wün­sche. Aber das Kon­zept ist völ­lig neu. Bis En­de der 1980er Jah­re hiel­ten sich nur we­ni­ge mus­li­mi­sche Ein­wan­de­rer ei­ner der­ar­ti­gen Sa­che an­ge­hö­rig. Das war nicht, weil sie nur we­ni­ge an der Zahl wa­ren. In Frank­reich, Deutsch­land und Gross­bri­tan­ni­en, zum Bei­spiel, gab es in den 1980er Jah­ren be­reits gros­se und eta­blier­te Ge­mein­den an Ein­wan­de­rern aus Süd­asi­en, Nord­afri­ka und der Tür­kei.

Die ers­te Ge­ne­ra­ti­on der nord­afri­ka­ni­schen Ein­wan­de­rer in Frank­reich war im Gros­sen und Gan­zen welt­lich, wie auch die ers­te Ge­ne­ra­ti­on tür­ki­scher Ein­wan­de­rer in Deutsch­land. Im Ge­gen­satz da­zu war die ers­te Wel­le der süd­asia­ti­schen Ein­wan­de­rer in Gross­bri­tan­ni­en nach dem Zwei­ten Welt­krieg mehr re­li­gi­ös. Doch auch sie dach­ten nicht an sich selbst als Mus­li­me zu­erst, son­dern als Pun­ja­bis oder Ben­ga­len oder Syl­he­tis. Ob­wohl fromm, tru­gen sie ih­ren Glau­ben leicht. Vie­le Män­ner tran­ken Al­ko­hol. Nur we­ni­ge Frau­en tru­gen ein Kopf­tuch, ge­schwei­ge denn ei­ne Bur­ka oder ei­nen Ni­qab (ein voll­stän­di­ger Ge­sichts­schlei­er). Die meis­ten be­such­ten Mo­schee nur ge­le­gent­lich. Der Is­lam war in ih­ren Au­gen nicht ei­ne all­um­fas­sen­de Phi­lo­so­phie. Ihr Glau­be de­fi­nier­te ih­re Be­zie­hung zu Gott, nicht ei­ne sa­kro­sank­te öf­fent­li­che Iden­ti­tät.

Mit­glie­der der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on von Bri­ten mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund wa­ren noch we­ni­ger ge­neigt, sich mit ih­rer Re­li­gi­on zu iden­ti­fi­zie­ren. Glei­ches galt für die­je­ni­gen, de­ren El­tern Hin­du oder Sikh wa­ren. Re­li­giö­se Or­ga­ni­sa­tio­nen wa­ren in­ner­halb der Min­der­hei­ten kaum sicht­bar. Die Or­ga­ni­sa­tio­nen, die Ein­wan­de­rer ver­ban­den, wa­ren vor al­lem sä­ku­lar und oft po­li­tisch; In Gross­bri­tan­ni­en zum Bei­spiel zähl­ten die Asi­an Youth Mo­ve­ments, die den Ras­sis­mus be­kämpf­ten, und der in­di­sche Ar­bei­ter­ver­ein, der sich auf Ar­beits­rech­te kon­zen­triert, da­zu.

Erst En­de der 1980er Jah­re ist die Fra­ge der kul­tu­rel­len Un­ter­schie­de wich­tig ge­wor­den. Ei­ne Ge­ne­ra­ti­on, die iro­ni­scher­wei­se weit mehr in­te­griert und ver­west­licht ist als die ers­te, so stell­te sich her­aus, stell­te sich als ein­dring­li­cher auf die Auf­recht­erhal­tung ih­rer an­geb­li­chen Un­ter­scheid­bar­keit zu po­chen. Die Grün­de für die­se Ver­schie­bung sind kom­plex. Teil­wei­se lie­gen sie in ei­nem Ge­wirr von grös­se­ren so­zia­len, po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen im Lau­fe des letz­ten hal­ben Jahr­hun­derts, wie dem Zu­sam­men­bruch der Lin­ken und der An­stieg der Iden­ti­täts­po­li­tik. Teil­wei­se lie­gen sie in in­ter­na­tio­na­len Ent­wick­lun­gen be­grün­det, wie zum Bei­spiel der ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­on von 1979 und des Bos­ni­en­krie­ges der frü­hen 1990er Jah­re, die bei­de ei­ne wich­ti­ge Rol­le spiel­ten bei der För­de­rung ei­nes Be­wusst­seins für mus­li­mi­sche Iden­ti­tät in Eu­ro­pa. Und teil­wei­se lie­gen sie in der eu­ro­päi­schen mul­ti­kul­tu­rel­len Po­li­tik be­grün­det.

Grup­pen­iden­ti­tä­ten sind kei­ne na­tür­li­chen Ka­te­go­ri­en; sie er­ge­ben sich aus der so­zia­len In­ter­ak­ti­on. Aber als Kul­tur­ka­te­go­ri­en die of­fi­zi­el­le Wei­he be­ka­men, er­schie­nen be­stimm­te Iden­ti­tä­ten plötz­lich fest­ge­zurrt. Durch die Ka­na­li­sie­rung fi­nan­zi­el­ler Res­sour­cen und der po­li­ti­schen Macht durch eth­nisch be­grün­de­te Or­ga­ni­sa­tio­nen, ha­ben Re­gie­run­gen be­stimm­ten eth­ni­schen Iden­ti­tä­ten ei­ne Form von Au­then­ti­zi­tät ver­lie­hen und sie an­de­ren ver­wei­gert.

Mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ver­sucht, ei­ne Brü­cke zu schla­gen zwi­schen dem Staat und den Min­der­hei­ten, in­dem sie be­stimm­te ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen und Füh­rer zu Ver­mitt­lern zu ma­chen ver­sucht. Statt an die Mus­li­me und an­de­re Min­der­hei­ten als Staats­bür­ger zu ap­pel­lie­ren, nei­gen Po­li­ti­ker da­zu, an­zu­neh­men, dass Min­der­hei­ten Treue eher zu ih­rem Glau­ben oder ih­rer eth­ni­schen Ge­mein­schaft wah­ren. Ef­fek­tiv über­ge­ben die Re­gie­run­gen ih­re po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung an die Min­der­heits­füh­rer.

Sol­che Füh­rer sind je­doch sel­ten re­prä­sen­ta­tiv für ih­re Ge­mein­schaf­ten. Das ist aber kei­ne Über­ra­schung: Kei­ne ein­zel­ne Grup­pe oder Rei­he von Füh­rern könn­te ei­ne ein­zel­ne weis­se Ge­mein­schaft re­prä­sen­tie­ren. Ei­ni­ge weis­se Eu­ro­pä­er sind kon­ser­va­tiv, vie­le sind li­be­ral, und wie­der an­de­re sind kom­mu­nis­tisch oder neo­fa­schis­tisch. Und die meis­ten Weis­sen wür­den ih­re In­ter­es­sen nicht als spe­zi­fisch „weiss” se­hen. Ein weis­ser Christ hat wohl mehr mit ei­nem schwar­zen Chris­ten ge­mein, als mit ei­nem weis­sen Athe­is­ten; ein weis­ser So­zia­list wür­de wahr­schein­lich eher den­ken wie ein So­zia­list aus Ban­gla­desh, als wie ein weis­ser Kon­ser­va­ti­ver; usw. Mus­li­me und Sikhs und schwar­ze aus der Ka­ri­bik sind nicht an­ders; hier liegt der grund­le­gen­de Feh­ler des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus.

As­si­mi­lie­re jetzt

Die fran­zö­si­sche Po­li­tik der As­si­mi­la­ti­on wird all­ge­mein als der Ge­gen­pol des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus an­ge­se­hen, den fran­zö­si­sche Po­li­ti­ker stets stolz ab­ge­lehnt ha­ben. Im Ge­gen­satz zum Rest von Eu­ro­pa be­stehen sie dar­auf, Frank­reich be­hand­le je­den ein­zel­nen als Bür­ger und nicht als Mit­glied ei­ner be­stimm­ten ras­si­schen, eth­ni­schen oder kul­tu­rel­len Grup­pe. In Wirk­lich­keit aber ist Frank­reich als so­zi­al ge­spal­ten wie Deutsch­land oder Gross­bri­tan­ni­en, und dies auf auf­fal­lend ähn­li­che Wei­se.

Fra­gen rund um die fran­zö­si­sche So­zi­al­po­li­tik und so­zia­le Spal­tung des Lan­des kam deut­lich in den Fo­kus in Pa­ris im Ja­nu­ar die­ses Jah­res, als is­la­mis­ti­sche be­waff­ne­te Män­ner 12 Men­schen er­schos­sen in den Ge­schäfts­räu­men der Sa­ti­re­zeit­schrift Char­lie Heb­do und vier Ju­den in ei­nem ko­sche­ren Su­per­markt. Fran­zö­si­sche Po­li­ti­ker hat­ten lan­ge mul­ti­kul­tu­rel­len Po­li­tik als Nähr­bo­den für die hei­mat­li­chen Dschi­ha­dis­ten in Gross­bri­tan­ni­en ver­ant­wort­lich ge­hal­ten. Jetzt muss­ten sie be­ant­wor­ten, war­um sol­che Ter­ro­ris­ten auch im as­si­mi­lie­ren­den Frank­reich ei­nen Nähr­bo­den ge­fun­den hat­ten.

Es wird oft be­haup­tet, dass es rund fünf Mil­lio­nen Mus­li­me in Frank­reich gibt, an­geb­lich die gröss­te mus­li­mi­sche Ge­mein­de in West­eu­ro­pa. In der Tat wa­ren je­ne Nord­afri­ka­ner in Frank­reich, die in die­se Grup­pe ge­wor­fen wer­den, noch nie ei­ne ein­zi­ge Ge­mein­schaft, und noch we­ni­ger ei­ne re­li­giö­se. Ein­wan­de­rer aus Nord­afri­ka wa­ren im Gros­sen und Gan­zen welt­lich und oft so­gar re­li­gi­ons­feind­lich ge­we­sen. Ein Be­richt des Pew Re­se­arch Cen­ter 2006 er­gab, dass 42 Pro­zent der Mus­li­me in Frank­reich sich pri­mär als fran­zö­si­sche Bür­ger iden­ti­fi­zier­ten, mehr als in Deutsch­land, Spa­ni­en oder Gross­bri­tan­ni­en. Im­mer mehr ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren zum Is­lam hin­ge­zo­gen ge­fühlt. Aber auch heu­te, nach ei­ner Stu­die von Ifop von 2011, be­zeich­nen sich nur 40 Pro­zent als gläu­bi­ge Mus­li­me, und nur 25 Pro­zent be­su­chen das Frei­tags­ge­bet.

Die­je­ni­gen nord­afri­ka­ni­scher Her­kunft in Frank­reich wer­den auch oft als Ein­wan­de­rer be­schrie­ben. In der Tat, die meis­ten sind fran­zö­si­sche Bür­ger der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on, in Frank­reich ge­bo­ren und so Fran­zö­sisch wie je­der Wäh­ler des Front Na­tio­nal. Die Ver­wen­dung der Be­grif­fe „Mus­lim” und „Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund” als Be­zeich­nung für fran­zö­si­sche Bür­ger nord­afri­ka­ni­scher Her­kunft ist je­doch nicht zu­fäl­lig. Es ist Teil des Pro­zes­ses, durch den der Staat die­se Bür­ger zu an­de­ren macht – als nicht wirk­lich Teil der fran­zö­si­schen Na­ti­on.

Wie in Gross­bri­tan­ni­en war in Frank­reich die ers­te Ge­ne­ra­ti­on der Nach­kriegs­im­mi­gran­ten kon­fron­tiert mit er­heb­li­chem Ras­sis­mus, und die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on war weit we­ni­ger be­reit, so­zia­le Dis­kri­mi­nie­rung, Ar­beits­lo­sig­keit und Po­li­zei­bru­ta­li­tät zu ak­zep­tie­ren. Sie or­ga­ni­sier­ten sich, gröss­ten­teils durch sä­ku­la­re Or­ga­ni­sa­tio­nen, und gin­gen auf die Stras­se, oft un­ter hef­ti­gem Pro­test. Die Un­ru­hen, die durch fran­zö­sisch Städ­te feg­ten im Herbst 2005, zeig­te die Brü­che in der fran­zö­si­schen Ge­sell­schaft so klar wie die­je­ni­gen, die die bri­ti­schen Städ­ten zwei Jahr­zehn­te zu­vor ver­schlun­gen hat­ten.

Wäh­rend der 1970er und frü­hen 1980er Jah­ren, nah­men die fran­zö­si­schen Be­hör­den ei­ne re­la­tiv ent­spann­te Hal­tung zum Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ein, in der Re­gel to­le­rier­ten sie kul­tu­rel­le und re­li­giö­se Un­ter­schie­de zu ei­ner Zeit, als nur we­ni­ge Min­der­hei­ten ih­re Iden­ti­tät in kul­tu­rel­len oder re­li­giö­sen Be­zug zum Aus­druck brach­ten. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent François Mit­ter­rand präg­te so­gar den Slo­gan le droit à la dif­fé­rence (das Recht auf Un­ter­schied­lich­keit). Als die Span­nun­gen in den nord­afri­ka­ni­schen Ge­mein­schaf­ten of­fen­ba­rer wur­den und der Front Na­tio­nal als po­li­ti­sche Kraft ent­stand, ver­liess Pa­ris die­sen An­satz für ei­ne här­te­re Li­nie. Die Un­ru­hen im Jahr 2005 und die Un­zu­frie­den­heit, die da zum Aus­druck ge­bracht wur­de, ist we­ni­ger als Re­ak­ti­on auf den Ras­sis­mus prä­sen­tiert wor­den, als als Aus­druck des Is­lam als wach­sen­de Be­dro­hung für Frank­reich. Grund­sätz­lich lehn­ten die fran­zö­si­schen Be­hör­den den mul­ti­kul­tu­rel­len An­satz Gross­bri­tan­ni­ens ab. In der Pra­xis je­doch ha­ben sie die nord­afri­ka­ni­schen Ein­wan­de­rer und ih­re Nach­kom­men auf „mul­ti­kul­tu­rel­len” Weg be­han­delt – als ei­ne ein­zi­ge Ge­mein­de, vor al­lem ei­ner mus­li­mi­schen. Die Be­sorg­nis über den Is­lam re­flek­tier­te grös­se­re Sor­gen um die Kri­se der Wer­te und der Iden­ti­tät, die jetzt Frank­reich be­drän­gen.

Ei­ne viel dis­ku­tier­te Um­fra­ge der fran­zö­si­schen For­scher­grup­pe Ip­sos und dem Cent­re de Re­cher­ches Po­li­ti­ques oder CEVIPOF, durch­ge­führt 2013 am In­sti­tut d’Etudes Po­li­ti­ques de Pa­ris (be­kannt als Sci­en­ces Po) hat fest­ge­stellt, dass 50 Pro­zent der Be­völ­ke­rung Fran­zö­sisch glaub­ten, dass der wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le „Nie­der­gang” ih­res Lan­des „un­ver­meid­lich” sei. We­ni­ger als ein Drit­tel mein­te, die fran­zö­si­sche De­mo­kra­tie funk­tio­nie­re gut, und 62 Pro­zent fan­den „die meis­ten” Po­li­ti­ker „kor­rupt”. Der Be­richt der Mei­nungs­for­scher be­schreibt ein ge­bro­che­nes Frank­reich, an Stam­mes­li­ni­en ent­lang ge­teilt, ent­frem­det von All­tags­po­li­tik, miss­trau­isch ge­gen­über Staats- und Re­gie­rungs­chefs, und ver­är­gert über Mus­li­me. Die Haupt­stim­mung, die die fran­zö­si­sche Ge­sell­schaft treibt, so der Be­richt zum Schluss, war „Angst”.

In Gross­bri­tan­ni­en war die mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik gleich­zei­tig die An­er­ken­nung ei­ner zer­bro­che­nen Ge­sell­schaft als auch die Ur­sa­che da­von. In Frank­reich hat­te die As­si­mi­la­ti­ons­po­li­tik pa­ra­do­xer­wei­se hat­te das glei­che Er­geb­nis. Kon­fron­tiert mit ei­ner miss­traui­schen und un­en­ga­gier­ten Öf­fent­lich­keit, hat die Po­li­tik ver­sucht, ei­ne ge­mein­sa­me fran­zö­si­sche Iden­ti­tät durch­zu­set­zen. Je­doch, da sie nicht in der La­ge war, die Ide­en und Wer­ten, die das Land prä­gen, klar zu de­fi­nie­ren, ha­ben sie dies in ers­ter Li­nie durch die Aus­saat von Feind­se­lig­keit ge­gen­über Sym­bo­len der Fremd­heit ge­macht – durch das Ver­bot der Bur­ka 2010 zum Bei­spiel.

Statt die Nord­afri­ka­ner als voll­wer­ti­ge Bür­ger zu ak­zep­tie­ren, neig­te die fran­zö­si­sche Po­li­tik da­zu, den Ras­sis­mus und die Dis­kri­mi­nie­rung, wo­mit sie kon­fron­tiert war, zu igno­rie­ren. Vie­le in Frank­reich se­hen die Bür­ger nord­afri­ka­ni­scher Her­kunft nicht als Fran­zo­sen, son­dern als Ara­ber oder Mus­li­me. Doch Nord­afri­ka­ner der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on sind oft noch mehr ent­frem­det von der Kul­tur und den Sit­ten ih­rer El­tern – vom Mainstream-​Islam – wie vom Rest der fran­zö­si­schen Ge­sell­schaft. Sie sind nicht zwi­schen zwei Kul­tu­ren ge­fan­gen, wie oft ge­sagt wird, son­dern oh­ne ei­ne. In der Fol­ge ha­ben sich ei­ni­ge von ih­nen dem Is­la­mis­mus zu­ge­wandt, und ei­ni­ge ha­ben ih­re in­ne­re Wut durch Dschi­had Ge­walt zum Aus­druck ge­bracht.

Gleich­zei­tig hat die fran­zö­si­sche As­si­mi­la­ti­ons­po­li­tik das Ge­fühl der Los­lö­sung ver­schärft, das die tra­di­tio­nel­len Ar­bei­ter­ge­mein­den fühl­ten. Der So­zia­le­geo­graph Chris­to­phe Gu­il­luy hat den Aus­druck „das pe­ri­phe­re Frank­reich” ge­prägt, um je­ne Men­schen zu be­schrei­ben, die „durch die De­indus­tria­li­sie­rung und Gen­tri­fi­zie­rung aus den ur­ba­nen Zen­tren aus­ge­stos­sen,” des­we­gen „ent­fernt von den Wirtschafts- und Ent­schei­dungs­zen­tren le­ben in ei­nem Zu­stand der so­zia­len nicht-​Integration,” und die sich des­halb „aus­ge­schlos­sen füh­len”. Das pe­ri­phe­re Frank­reich ist vor al­lem als Fol­ge der wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen ent­stan­den. Aber wie vie­le Tei­le der nord­afri­ka­ni­schen Ge­mein­schaf­ten des Lan­des, ha­ben sie ih­re Mar­gi­na­li­sie­rung durch die Lin­se der kul­tu­rel­len und eth­ni­schen Iden­ti­tät wahr­ge­nom­men. Laut der Ipsos-​Umfrage CEVIPOF von 2013 dach­ten sie­ben von zehn Leu­te, es ge­be „zu vie­le Aus­län­der in Frank­reich,” und 74 Pro­zent fan­den den Is­lam als mit der fran­zö­si­schen Ge­sell­schaft un­ver­ein­bar. Den Is­lam als Be­dro­hung fran­zö­si­scher Wer­te dar­zu­stel­len hat nicht nur die po­li­ti­sche Rol­le der Kul­tur ge­stärkt, son­dern auch die po­pu­lä­re Ent­täu­schung über die Mainstream-​Politik ver­schärft.

In der Ver­gan­gen­heit hät­te die Un­zu­frie­den­heit, ob in den nord­afri­ka­ni­schen oder weis­sen Ar­bei­ter­klas­sen­ge­sell­schaf­ten, zu so­for­ti­gen po­li­ti­schen Hand­lun­gen ge­führt. Heu­te je­doch drü­cken bei­de Grup­pen ih­re Be­schwer­den durch Iden­ti­täts­po­li­tik aus. Auf ih­re ei­ge­ne Wei­se sind ras­sis­ti­scher Po­pu­lis­mus und ra­di­ka­ler Is­la­mis­mus je­weils Aus­druck des so­zia­len Rück­zugs in ei­ner Zeit der Iden­ti­täts­po­li­tik.

Ein an­de­rer Weg

Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und As­si­mi­la­ti­on sind ver­schie­de­ne po­li­ti­sche Re­ak­tio­nen auf das­sel­be Pro­blem: die Spal­tung der Ge­sell­schaft. Und doch hat­ten bei­de die Wir­kung, dass al­les noch schlim­mer wur­de. Es ist da­her Zeit, über die zu­neh­mend ste­ri­le De­bat­te zwi­schen den bei­den An­sät­zen hin­aus­zu­schau­en. Und das er­for­dert drei Ar­ten von Un­ter­schei­dun­gen.

Zu­nächst soll­te Eu­ro­pa die Viel­falt als ge­leb­te Er­fah­rung tren­nen vom Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus als po­li­ti­schen Pro­zess. Die Er­fah­rung des Le­bens in ei­ner Ge­sell­schaft, die durch Mas­sen­ein­wan­de­rung viel­fäl­tig ge­wor­den ist, soll­te be­grüsst wer­den. Ver­su­chen, ei­ne sol­che Viel­falt zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren durch die for­mel­le An­er­ken­nung der kul­tu­rel­len Un­ter­schie­de soll­te wi­der­stan­den wer­den.

Zwei­tens soll­te Eu­ro­pa Far­ben­blind­heit un­ter­schei­den von Ras­sis­mus­blind­heit. Die Ent­schlos­sen­heit der Ver­tre­ter der As­si­mi­la­ti­on, al­le gleich zu be­han­deln, als Bür­ger und nicht als Trä­ger von be­stimm­ter Rasse- oder Kul­tur­ge­schich­te, ist wert­voll. Aber das be­deu­tet nicht, dass der Staat Dis­kri­mi­nie­rung be­stimm­ter Grup­pen igno­rie­ren soll. Bür­ger­schaft be­deu­tet nichts, wenn ver­schie­de­ne Klas­sen von Bür­gern un­ter­schied­lich be­han­delt wer­den, egal ob auf­grund der mul­ti­kul­tu­rel­len Po­li­tik oder we­gen Ras­sis­mus.

Schliess­lich soll­te Eu­ro­pa un­ter­schei­den zwi­schen Völ­kern und Wer­ten. Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten be­haup­ten, dass ge­sell­schaft­li­che Viel­falt die Mög­lich­keit ge­mein­sa­mer Wer­te un­ter­gräbt. Eben­so deu­ten As­si­mi­la­tio­nis­ten an, dass sol­che Wer­te nur in ei­ner kul­tu­rell – und, für ei­ni­ge, eth­nisch – ho­mo­ge­nen Ge­sell­schaft mög­lich sind. Bei­de be­trach­ten Min­der­hei­ten als ho­mo­ge­ne Lö­cher, ver­bun­den mit ei­nem be­stimm­ten Satz von kul­tu­rel­len Merk­ma­len, Re­li­gio­nen, Über­zeu­gun­gen und Wer­ten, und nicht als Be­stand­teil ei­ner mo­der­nen De­mo­kra­tie.

Die ei­gent­li­che De­bat­te soll­te nicht zwi­schen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und As­si­mi­la­ti­on statt­fin­den, son­dern zwi­schen zwei For­men des ers­te­ren und zwei For­men des letz­te­ren. Ei­ne idea­le Po­li­tik wür­de die Um­ar­mung des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus der tat­säch­li­chen Viel­falt, statt sei­ne Ten­denz, Un­ter­schie­de zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren, mit der Ent­schlos­sen­heit des As­si­mi­la­tio­nis­mus, al­le als Bür­ger zu be­han­deln, statt sei­ner Ten­denz, ei­ne na­tio­na­le Iden­ti­tät durch die Cha­rak­te­ri­sie­rung be­stimm­ter Grup­pen als Fremd­kör­per der Na­ti­on auf­zu­bau­en, ver­hei­ra­ten. In der Pra­xis ha­ben die eu­ro­päi­schen Län­der das Ge­gen­teil ge­tan. Sie ha­ben ent­we­der mul­ti­kul­tu­rel­le Po­li­tik ver­ab­schie­det, die Ge­mein­schaf­ten in en­ge Bo­xen ein­pfercht, oder as­si­mi­lie­ren­de Po­li­tik, die Min­der­hei­ten aus der Mehr­heit ent­fernt.

In Zu­kunft muss Eu­ro­pa ein pro­gres­si­ves Ge­fühl der uni­ver­sel­len Wer­te wie­der­ent­de­cken, et­was, das die Lin­ken des Kon­ti­nents weit­ge­hend auf­ge­ge­ben ha­ben, wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se. Auf der ei­nen Sei­te gibt es ei­ne Grup­pe von Lin­ken, die Re­la­ti­vis­mus und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ver­bun­den ha­ben, mit dem Ar­gu­ment, dass die schie­re Idee uni­ver­sel­ler Wer­te in ge­wis­ser Wei­se ras­sis­tisch sei. Auf der an­de­ren Sei­te gibt es die­je­ni­gen, bei­spiel­haft ver­kör­pert durch fran­zö­si­sche As­si­mi­la­tio­nis­ten wie der Phi­lo­soph Bernard-​Henri Lé­vy, die auf der Wah­rung der tra­di­tio­nel­len Wer­te der Auf­klä­rung be­stehen, die das aber in ei­ner Art Stammes-​Modus tun, was ei­nen Kampf der Kul­tu­ren vor­aus­setzt.

Es gab auch ei­ne Grund­an­nah­me in ganz Eu­ro­pa, dass Zu­wan­de­rung und In­te­gra­ti­on durch staat­li­che Mass­nah­men und In­sti­tu­tio­nen ver­wal­tet wer­den müs­sen. Doch wirk­li­che In­te­gra­ti­on, ob der Zu­wan­de­rer oder in­di­ge­ner Grup­pen, ge­schieht sel­ten durch Hand­lun­gen des Staa­tes; sie wird in ers­ter Li­nie von der Zi­vil­ge­sell­schaft ge­formt, von den in­di­vi­du­el­len Bin­dun­gen, die Men­schen mit­ein­an­der bil­den, und durch die Or­ga­ni­sa­tio­nen, die sie schaf­fen, um ih­re ge­mein­sa­men po­li­ti­schen und so­zia­len In­ter­es­sen zu för­dern. Es ist die Ero­si­on sol­cher Bin­dun­gen und In­sti­tu­tio­nen, die sich als pro­ble­ma­tisch er­wie­sen hat – die das Ver­sa­gen der As­si­mi­la­ti­ons­po­li­tik ver­bin­det mit je­nem der Mul­ti­kul­tu­ra­len Po­li­tik, und die er­klärt, war­um so­zia­ler Rück­zug nicht nur ei­ne Funk­ti­on der Ein­wan­de­rer­grup­pen ist, son­dern auch von der Ge­sell­schaft als Gan­zes. Um den Scha­den, den der Rück­zug an­ge­rich­tet hat, zu re­pa­rie­ren und um ei­nen vor­an­schrei­ten­den Uni­ver­sa­lis­mus wie­der­zu­be­le­ben, braucht Eu­ro­pa nicht so sehr neue Staats­po­li­tik als ei­ne Er­neue­rung der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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