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Als Ter­rorüber­le­ben­de ist Is­ra­els ers­te ara­bi­sche Nach­rich­ten­spre­che­rin fer­tig mit dem Opfer-​sein

Elhanan Miller, 20. 4. 2015, Times of Israel

Lucy Aharish, ausgewählt, um eine Fackel am Unabhängigkeitstag anzuzünden, erzählt von ihrer Reise von Dimona zum Prime-Time-TV.

Die arabisch-israelische TV-Moderatorin Lucy Aharish (Foto: Youtube Screenshot)

Lucy Aharish war ein 5-jähriges Mädchen, das gerade fertig war, mit ihren Eltern in Gaza Kleidung einzukaufen, als das Fahrzeug der Familie von einem Terroristen angegriffen wurde.

“Es war April 1987, ein sehr heisser Tag, und mein Vater öffnete das Fenster,” erinnert sie sich. “Ich erinnere mich an einen Stau auf der Hauptstrasse, und ich sah, wie jemand auf uns zukam mit etwas in der Hand. Ich sah ihn an und er sah mich an, und ich begann, automatisch vor Angst in meinen Sitz abzurutschen. Meine Mutter rief ‘Lucy, gerade sitzen,’ und als sie ihren Satz beendete, hörten wir einen Knall im Auto.”

Der Terrorist hatte einen Molotov-Cocktail ins Auto gestossen -- den ihr Vater rasch wieder hinauswarf -- und warf einen weiteren auf das Dach des Autos, der sich entzündete und das Auto in Flammen hüllte. Lucy und ihre Eltern entkamen unverletzt, doch ihr 3-jähriger Cousin erlitt schwere Verbrennungen am ganzen Körper und war monatelang hospitalisiert.

“Das Gesicht des Mannes bleibt in mein Gedächtnis eingegraben,” erzählte Aharish der Times of Israel früher diesen Monat in einem Café in Tel Aviv in ihrem akzentfreien Hebräisch. “Als ich aufwuchs konnte ich nicht verstehen, wie jemand so böse sein kann.”

Lucy Aharish in Tel Aviv, 7. April 2015 (Foto: Elhanan Miller/Times of Israel)

Jener Terroranschlag wurde eine Schlüsselepisode aus dem Leben von Aharish, die als Erwachsene Israels erste arabische Moderatorin am Prime-Time-Fernsehen werden würde. Im vergangenen Monat wurde ihr eine der höchsten Auszeichnungen Israels verliehen: eine Fackel zu entzünden auf der Feier des nationalen Unabhängigkeitstag am Herzlberg, dessen Thema dieses Jahr “bahnbrechende Israelis” ist.

Ein von einem Molotow-Cocktail in Brand gestecktes israelisches Auto in der nähe des palästinensischen Dorfes Tuqua in der Westbank, 8.11.2013 (Foto: Gershon Elinson/Flash90)

Aharish ist eine “bahnbrechende muslimische Journalistin, die einen Diskurs der Toleranz und interkonfessioneller Offenheit in die öffentliche Agenda Israels einbringt”, schrieb der Ministerausschuss für Symbole und Zeremonien, geleitet vom ehemaligen Kulturminister Limor Livnat, und erklärt seine Wahl der 33-Jährigen Medienikone.

Doch Identität ist kaum so eindeutig für Aharish. Im Juli letzten Jahres, als israelische Truppen im Häuserkampf in den Strassen von Gaza standen, schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite: “Ich bin weder Araberin, noch Jüdin. Ich bin weder Christin noch Muslimin oder Buddhistin, noch Drusin oder Tscherkessin. Ich bin weder links noch rechts. Ich bin weder religiös noch weltlich. Ich will keine entführten und ermordeten Kinder sehen; Ich will keine tödlich verbrannten Kinder sehen. Ich will keine Sirenen hören oder Raketen starten sehen ... Ich möchte aber, dass wir unsere Augen öffnen und die Wut und den Hass sehen, der uns bei lebendigem Leib auffrisst.”

In ihrem Gespräch mit der Times of Israel klang Aharish etwas verhaltener. “Wenn mich die Leute heute fragen, ‘Was bist du?’, dann sage ich, dass ich eine Israeli bin. Ich schäme mich nicht meines Israelitums. Dann bin ich eine Frau, und dann bin ich eine arabische Muslimin. Das ist die Reihenfolge: Israeli, Frau, arabische Muslimin”


Es brauchte Zeit für Aharish, einen differenzierten Blick auf den Konflikt zu entwickeln. Als ein Opfer des Terrors, aufgewachsen in der jüdisch entwickelten Stadt Dimona, sagte sie, sie sei ‘von sehr antiarabischer Kultur.’


Es brauchte Zeit für Aharish, einen differenzierten Blick auf den Konflikt zu entwickeln. Als ein Opfer des Terrors, aufgewachsen in der südlichen jüdisch entwickelten Stadt Dimona, sagte sie, sie sei “von sehr antiarabischer Kultur.” Das Kind weltlicher Eltern, die in den frühen 1970er Jahren aus Nazareth hergezogen waren wegen eines attraktiven Arbeitsplatzangebots für ihren Vater, wuchs Aharish mit einer Mischung aus Hebräisch und Arabisch auf (“wir streiten immer auf Arabisch”) und mit einem Holocaust-Überlebenden Nachbarn namens Menahem als Grossvater, da sie ihre wahren Grosseltern nie kannte.

“Ich habe so viel von der jüdisch-israelischen Kultur aufgelesen; Ich wusste nicht einmal, was die Nakba - ein palästinensischer Begriff für die nationale Katastrophe, die aus der Gründung Israels folgte - war”, sagte sie.

Ihrem nationalen Erbe in der Schule auszuweichen erwies sich allerdings als unmöglich. Aharish wurde schikaniert und manchmal fand sie sogar Graffiti, die sie eine schmutzige Araberin nannte, auf die Badezimmerwände gekritzelt.

“Es war keine leichte Kindheit”, sagte sie. “Es gab schreckliche Terroranschläge in den frühen 1990er Jahren, und bei der Ankunft in der Schule am Morgen wusstest du, dass du ein Araber bist und würdest unweigerlich schwierige Dinge hören. Du würdest ‘Tod den Arabern,’ hören und ‘Tötet sie alle.’ Plötzlich würde jemand bemerken, wie du dort stehst und sagen: ‘Ja, aber du bist nicht wie sie, Lucy; du bist anders.’”

Lucy Aharish feiert ihren vierten Geburtstag in Dimona. Foto: Facebookseite von Lucy Aharish

Aharish lobte ihre Highschool-Direktor Meir Cohen, der später Bürgermeister von Dimona und zuletzt Minister für Wohlfahrt und soziale Dienste als Mitglied der Jesch Atid Partei werden würde, für seine kompromisslose Haltung gegen Rassismus.

“Gewalt und Rassismus wurden nie toleriert. Er hat den Schultag jedes Mal, wenn Graffiti über mich geschrieben worden war, gestoppt. Er hat sich vor die gesamte Klasse hingestellt und gesagt: ‘Das lasse ich in meiner Schule nicht zu. Rassismus ist etwas, das keine anständige Gesellschaft, und vor keine jüdische Gesellschaft, tolerieren kann.’ Ich weiss nicht, ob solche Prinzipien im heutigen Bildungssystem existieren.”

Der ehemalige Bürgermeister und israelischer Minister Meir Cohen vor seinem Büro beim Ministerium für soziale Angelegenheiten in Jerusalem, 30. 11. 2014. Foto: Miriam Alster/Flash90

Aber der Paradigmenwechsel fand statt, als Aharish das Zuhause verliess, um an der Hebräischen Universität Jerusalem zu studieren, als sie 18 Jahre alt geworden war.

“Ich war in einem Bus auf der Route 1 - die Ost-West-Jerusalem trennt - als ich, aus dem Fenster schauend, einen Soldat vier junge Männer aus einem Van holen sah und sie bat, sich zur Wand zu drehen und ihre T-Shirts zu heben, wie er ihre Ausweise hielt und seine Waffe auf sie richtete. Ich sagte zu mir: ‘Wow, da ist etwas, was ich vorher nicht kannte. Kein Mensch verdient es, so gedemütigt zu werden. '”

‘So lange wir uns als Opfer sehen, kommen wir zu nichts.’

Aharish ist des “Opferdiskurses” müde, der, wie sie sagt, die israelische Gesellschaft durchdringt, aber unter den Arabern noch deutlich stärker ist.

In der Zeit nach den jüngsten Wahlen wurde sie in einer TV-Debatte, die sie moderierte, von einem Vertreter der arabisch-nationalistischen Partei Balad beschuldigt, “die Opfer zu beschuldigen”.


“Ich sagte zu ihm: ‘Wer ist das Opfer? Sind Sie ein Opfer? Dann ist das Ihr Problem. Ich bin niemandes Opfer ... Der Tag, an dem wir Araber aufhören, uns selbst als Opfer zu sehen, wird der Tag sein, an dem wir beginnen können, uns zu entwickeln und unsere Rechte einzufordern.’”


“Ich sagte zu ihm, ‘Wer ist ein Opfer? Sind Sie ein Opfer? Dann ist das Ihr Problem. Ich bin niemandes Opfer… Der Tag, an dem wir Araber aufhören, uns selbst als Opfer zu sehen, wird der Tag sein, an dem wir beginnen können, uns zu entwickeln und unsere Rechte einzufordern.'”

Diese eherne Offenheit hat Aharish in heisses Wasser gebracht mit einigen ihrer arabischen Landsleute. Als Aharish sich öffentlich gegen Balad MK Hanin Zoabi für deren Rechtfertigung der Entführung und Ermordung von drei israelischen Jugendlichen im letzten Jahr aussprach, wurde ihr vom sozialen Aktivisten Hanin Majadli vorgeworfen, sie “leide an einer Identitätskrise.”

“Es gibt keinen Grund, die Wirklichkeit zu schönen, um vom israelischen Mainstream gemocht zu werden. Genug mit der widerlichen ‘Haustier-Araber’-Politik, schrieb Majadli auf Facebook im Juni 2014. “Die meisten Palästinenser in Israel betrachten Entführungen nicht als Terrorismus. Sie sehen es als einen Akt des Widerstands gegen den anhaltenden israelischen Terror in Gaza und der Westbank. Auf der anderen Seite können wir nicht akzeptieren, dass Geiseln geschädigt oder getötet werden. Das Ziel ist es, sie als Verhandlungsmasse für die Freigabe Gefangener zu verwenden.”

Aharish behauptete, solche Kritik nehme sie nicht zu herzen. “Ich lese sie gar nicht,” sagte sie. “Ich respektiere ihre Identität, aber das ist meine Identität, und lass Sie sagen, was sie wollen. Ich habe noch nie Menschen verurteilt.”


Wenn mich heute die Leute fragen, ‘Was bist du?’, so sage ich, dass ich eine Israeli sei. Ich schäme mich nicht vor meinem Israelitum. Dann bin ich eine Frau, und dann bin ich eine arabische Muslimin. Das ist die Reihenfolge: Israeli, Frau, arabische Muslimin.


“Das Problem ist, dass wir es wirklich lieben, in die Vergangenheit zu schauen,” fügte Aharish hinzu, “Wir sagen: ‘Im Jahr 1948 passierte das und das; im Jahr 1967 passierte das und das ... Was ist mit der Gegenwart? Nachdem wir geweint haben, wie können wir lösen, was jetzt passiert? Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass die Leute denken, Araber sind der Feind? Dass, wenn ich in diesem Café arabisch spreche, ich mindestens zweimal angestarrt werde?”

Der gleiche Opferdiskurs gilt für Israels Haltung gegenüber Fürsprache - oder Hasbara - meinte sie.

“Im Hinblick auf die Araber präsentiert sich Israel immer wieder als Opfer. ‘Die ganze Welt ist antisemitisch,’ lautet die Partyzeile. Stattdessen sollten wir uns bemühen, die Wahrheit zu zeigen, wie sie ist ... Es ist sehr viel komplexer, als zu sagen: “Wir haben recht und du irrst dich.'”

‘Ein Araber wird niemals in Israel die Hauptnachrichten präsentieren’

Zunächst Aharish hatte nicht vor, ein Journalist zu sein. Ihr Traum, als sie aus der High School kam, war Schauspielerin zu werden. “Die Fähigkeit, die Leute zum Lachen zu bringen oder Emotionen in ihnen zu wecken, hat mich immer erstaunt”, erklärte sie. Doch ihr Vater hatte andere Pläne. Er sagte ihr, sie solle zuerst ein Diplom erwerben und dann “tun, was immer sie will.”

Also schrieb sich Aharish in Theaterwissenschaft und Politikwissenschaft ein an der Hebräischen Universität. Nach der Diplomierung verbrachte sie zwei Jahre mit dem Studium der Journalistik an der Koteret-Schule in Tel Aviv, gefolgt von einem sechsmonatigen Medienpraktikum in Deutschland.

Bei ihrer Rückkehr nach Israel, im Februar 2007, wurde sie von Channel 10 TV angeheuert, um Israels erste arabische Nachrichtensprecherin zu werden. Bald wurde sie mit den palästinensischen Angelegenheiten beauftragt und berichtete regelmässig aus der Westbank.

“Die Interviewten haben oft gesagt, ‘Wow, Sie sprechen aber gut Arabisch.’ Ich sagte jeweils, ich sei Araberin und musste dann meine ID-Karte vorweisen, um es zu beweisen.”

Es brauchte Zeit für ihre palästinensischen Gesprächspartner, sich an die Idee zu gewöhnen, im Gespräch mit einer weiblichen arabischen Journalistin zu sein, die sie nicht einfach an der Nase herumführen können.


‘Ein Araber wird niemals die Hauptnachrichtensendung präsentieren. Dazu haben die Entscheidungsträger den Mut nicht’


“Es ist ein ganz anderes Ballspiel. Araber erzählen jüdischen Journalisten, was immer sie hören wollen, doch bei einem arabischen Journalisten spielt die Musik ganz anders,” fuhr sie fort. Aharish sagte, sie habe den Respekt der Palästinenser der Westbank gewonnen, indem sie “auf Augenhöhe mit ihnen gesprochen habe, wie ein Freund.”

Über ihre relativ kurze Karriere als TV-Journalistin hat Aharish in einer Reihe von Gebieten Erfahrung gewonnen: vom West Bank Reporter zur Unterhaltungskorrespondentin in der Guy Pines-Show; und von der Nachrichtensprecherin auf Kanal 10 zur besten Sendezeit zur Redakteurin einer Nachmittags-Kindernachrichtensendung auf Kanal 1. Sie hat sogar ihr Schauspieltraum realisiert und Nebenrollen in einer Reihe von israelischen Spielfilme gespielt, wie auch im Blockbuster-Film von 2013, World War Z, mit Brad Pitt in der Hauptrolle.

Doch einen Job wird sie nie erreichen, behauptete sie, nämlich Moderatorin der Abendnachrichtensendung auf einem israelischen Nachrichtensender.

“Das ist nicht eine Frage von Rassismus, sondern vielmehr die Angst der Entscheidungsträger vor dem Stereotyp oder der möglichen Kritik. Diese Angst ist unbegründet, denn die Zuschauer haben bereits [einen arabischen Ankermann] akzeptiert. Doch ein Araber niemals die zentrale Nachrichtensendung präsentieren. Dafür fehlt den Entscheidungsträgern der Mut."

Lucy Aharish präsentiert die Abendausgabe auf i24news. Foto: YouTube Screenshot

Als Moderatorin der englischen Ausgabe der Abendnachrichten und Leiterin der Hauptsendezeit auf I24news, einem internationalen Nachrichtensender, der im Jahr 2013 ins Leben gerufen wurde und im Hafen von Jaffa, Tel Aviv, operiert, fühlt sich Aharisch, wie sie sagt, einflussreicher als auf jeder lokalen Station.

“Der Welt eine andere Stimme aus Israel zu bringen ist der grösste Einfluss, den ich mir zu haben wünschen könnte”, sagte sie. “Ich versuche, unseren Zuschauern zu erklären, dass das Leben in Israel fast unmöglich ist, dass wir es aber trotzdem leben.”

Aharish war überrascht vom Benachrichtigungsanruf, der ihr die grosse Ehre mitteilte, die ihr am kommenden 23. April zukommen wird.

“Ich weinte etwas”, gab sie zu. “Ich fragte mich: ‘Was habe ich getan, um das zu verdienen?’ Die Leute fragten mich, warum ich das verdient hätte und wer ich überhaupt sei. Ich stelle mir die gleiche Frage. Es gibt Menschen, die viel schwierigere Dinge im Leben erlebt haben als ich.”

Beim entzünden der Fackel wird Aharish an ihre im Publikum sitzende Familie denken.

Miriam Peretz, die trauernde Mutter von zwei israelischen Soldaten, hält eine Fackel während der 66sten israelischen Unabhängigkeitstagfeierlichkeiten am Herzlberg in Jerusalem am 5. Mai 2014. Foto: Yonatan Sindel / Flash90

“Diese Zeit [im Journalismus] hat mir gezeigt, dass meine Eltern immer für mich da sind, auch wenn wir nicht in allen meinen Lebensstilentscheidungen einer Meinung sind. Trotz allem sind sie sehr stolz auf mich.”

Wo wird Aharish in 10 Jahren sein? Nicht unbedingt in den Medien, denkt sie.

“Ich sehe mich ein kleines Café in der Toskana betreiben und gleich nebenan wohnen”, sagte sie. “Die Kamera hat mich nie als meine Lebensaufgabe interessiert. Vorträge, Beratung, sicher. Aber ich bin mehr daran interessiert, was hinter den Kulissen geht. Die Kamera ist nur ein Bonus.”

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