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Kon­ti­nu­ier­li­che jü­di­sche Prä­senz im Hei­li­gen Land

Eretz Isroel.org

Die Ju­den wa­ren noch nie ein Volk oh­ne Hei­mat. Nach­dem sie ih­res Lan­des be­raubt wor­den wa­ren, hat­ten Ju­den nie auf­ge­hört, ih­rer Angst für ih­ren Ent­zug Aus­druck zu ge­ben und für ihn zu be­ten und sei­ne Rück­kehr zu for­dern. Wäh­rend der fast zwei Jahr­tau­sen­de der Di­sper­si­on blieb Pa­läs­ti­na der Fo­kus der na­tio­na­len Kul­tur. Je­den Tag in al­len je­nen sieb­zig Ge­ne­ra­tio­nen ga­ben from­me Ju­den ih­rer Bin­dung an Zi­on ei­ne Stim­me.

Das Be­wusst­sein der Ju­den, Pa­läs­ti­na sei ihr Land, war nicht ei­ne theo­re­ti­sche Übung oder ein Ar­ti­kel der Theo­lo­gie oder ei­ne an­spruchs­vol­le po­li­ti­sche Ein­stel­lung. Es war in ge­wis­ser Wei­se all dies – und ein weit ver­brei­te­tes und un­ent­wirr­ba­res Ele­ment im All­tags­le­ben je­des Ju­den. Jü­di­sche Ge­be­te, jü­di­sche Li­te­ra­tur, sind ge­sät­tigt mit der Lie­be und der Sehn­sucht, nach Pa­läs­ti­na zu ge­hö­ren. Mit Aus­nah­me von Re­li­gi­on und der Lie­be zwi­schen den Ge­schlech­tern gibt es kein The­ma so all­ge­gen­wär­tig in der Li­te­ra­tur von je­der an­de­ren Na­ti­on, hat kein The­ma so vie­le Ge­dan­ken und Ge­füh­le zum Aus­druck ge­bracht, wie die Be­zie­hung der Ju­den zu Pa­läs­ti­na in der jü­di­schen Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie. Und in sei­nem Haus auf Fa­mi­li­en­fei­ern, bei sei­nen täg­li­chen Ge­wohn­hei­ten an Wo­chen­ta­gen und am Sab­bat, als er sag­te, Gna­de über die Mahl­zei­ten, als er hei­ra­te­te, als er sein Haus bau­te, als er Wor­te des Tros­tes zu Trau­ern­den sag­te, war der Kon­text im­mer sein Exil, sei­ne Hoff­nung und der Glau­be an die Rück­kehr nach Zi­on und der Wie­der­auf­bau sei­ner Hei­mat. So in­ten­siv war die­ses Ge­fühl der Af­fi­ni­tät, die, wenn er in den Wech­sel­fäl­len des Exils sich die­se Wie­der­her­stel­lung nicht mehr wäh­rend sei­ner Le­bens­dau­er vor­stel­len konn­te, es ei­ne Sa­che des Glau­bens war, dass mit dem Kom­men des Mes­si­as und der Auf­er­ste­hung er zu­rück in das Land ge­bracht wer­den wür­de nach sei­nem Tod.

Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te, durch den Druck der Ver­fol­gung – der so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung, von pe­ri­odi­schem Tod und Zer­stö­rung – ver­brei­ter­te sich das Ge­biet des Exils. Ver­folgt und un­ter­drückt, be­weg­ten sich die Ju­den von Land zu Land. Sie tru­gen Eretz Is­ra­el mit sich, wo­hin sie gin­gen. Jü­di­sche Fes­te blie­ben auf die Um­stän­de und Be­din­gun­gen des jü­di­schen Hei­mat­lan­des ab­ge­stimmt. Ob sie im war­men Ita­li­en oder Spa­ni­en blie­ben, egal ob sie Häu­ser im kal­ten Ost­eu­ro­pa fan­den, ob sie ihr Weg nach Nord­ame­ri­ka oder in die süd­li­che He­mi­sphä­re ver­schla­gen hat­te, wo die Jah­res­zei­ten um­ge­kehrt sind, die Ju­den fei­er­ten im­mer den pa­läs­ti­nen­si­schen Früh­ling, Herbst und Win­ter. Sie be­te­ten für Tau im Mai und für re­gen im Ok­to­ber. An Pes­sach ze­le­brier­ten sie fei­er­lich die Be­frei­ung aus der ägyp­ti­schen Knecht­schaft, die ur­sprüng­li­che na­tio­na­le Eta­blie­rung im Ge­lob­ten Land-​und sie be­schwo­ren die Vi­si­on ei­ner neu­en Be­frei­ung.

Nie, selbst in den Zei­ten der gröss­ten Ver­fol­gung, ha­ben die Ju­den als Volk auf die­sen Glau­ben ver­zich­tet. Nie, selbst in den Zei­ten der gröss­ten Ge­fahr für ih­re phy­si­sche Exis­tenz und der schein­ba­ren Un­mög­lich­keit, ihr Land Is­ra­el zu­rück­zu­ge­win­nen, ha­ben sie sich ei­nen Er­satz für das Va­ter­land ge­sucht. Im­mer wie­der im Lau­fe der Jahr­hun­der­te, da er­ho­ben sich küh­ne Geis­ter, die glaub­ten oder be­haup­te­ten, sie hät­ten ei­nen Plan oder ei­ne gött­li­che Vi­si­on für die Wie­der­her­stel­lung des jü­di­schen Vol­kes in Pa­läs­ti­na. Im­mer wie­der stieg ei­ne Wel­le der Hoff­nung auf in den Ghet­tos von Eu­ro­pa, die Nach­richt von ei­nem neu­en Möchtegern-​Messias. Der Ju­den Hoff­nun­gen wur­den ent­täuscht, und der Traum ver­blass­te, aber nie ha­ben sie auch nur für ei­nen Tag die Bin­dung zu ih­rem Land auf­zu­ge­ben.

Es gab Ju­den, die aus der Bahn fie­len. Wenn Sie un­ter Fol­ter die Wahl be­ka­men, oder in Zei­ten der bür­ger­li­chen Gleich­heit und des ma­te­ri­el­len Wohl­stands, ver­lies­sen sie ih­re Re­li­gi­on oder wand­ten sich von ih­rem his­to­ri­schen Land ab. Doch die Men­schen, das Land – wie es von al­len über die Jahr­hun­der­te ge­nannt wur­de: ein­fach Ha’aretz, das Land – blieb die ein­zi­ge Hei­mat, un­ver­än­der­lich und un­er­setz­lich. Wenn über­haupt ein Recht von un­er­bitt­li­chem Be­har­ren auf den An­spruch auf­recht­erhal­ten wur­de, so war es der jü­di­sche An­spruch auf Pa­läs­ti­na.

Weit­ge­hend un­be­kannt, in ih­rer Be­deu­tung si­cher­lich lan­ge un­ver­stan­den, ist die nicht we­ni­ger ein­drucks­vol­le Tat­sa­che, dass im Lau­fe der acht­zehn Jahr­hun­der­ten zwi­schen dem Fall des zwei­ten jü­di­schen Rei­ches und den An­fän­gen des Drit­ten, in un­se­rer Zeit, die Zä­hig­keit der jü­di­schen Bin­dung an das Land Is­ra­el im Land selbst kon­ti­nu­ier­li­chen Aus­druck ge­fun­den hat. Es wur­de lan­ge – und wird im­mer noch – ge­glaubt, selbst in ei­ni­gen als ho­hen Wis­sens­stan­des an­ge­nom­me­nen Quar­tie­ren, dass es in je­nen Jahr­hun­der­ten kei­ne Ju­den gab in Pa­läs­ti­na. Die po­pu­lä­re Vor­stel­lung war, dass al­le Ju­den, die die Zer­stö­rung von 70 n.Chr. über­leb­ten, ins Exil gin­gen, und dass ih­re Nach­kom­men erst 1800 Jah­re spä­ter wie­der zu­rück­zu­kom­men be­gan­nen. Dies ist kein Fakt.1 Ei­nes der er­staun­lichs­ten Ele­men­te in der Ge­schich­te des jü­di­schen Vol­kes – und von Pa­läs­ti­na – ist die Kon­ti­nui­tät, un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den, des jü­di­schen Le­bens im Land.

Es ist ei­ne Kon­ti­nui­tät, die zu- und ab­ge­nom­men hat, die sich in ka­lei­do­sko­pi­schen Ver­schie­bun­gen be­weg­te, in Re­ak­ti­on auf den Druck der frem­den im­pe­ria­len Herr­scher, die sich in ver­wir­ren­der Ab­fol­ge dem Land auf­er­legt ha­ben. Es ist ein Mus­ter der hart­nä­cki­gen Wei­ge­rung, im An­ge­sicht der Un­ter­drü­ckung, Ver­trei­bung und Tö­tung, ei­nen manch­mal selbst dün­nen Halt im Land los­zu­las­sen, ein ge­ziel­tes Ein­gra­ben, von ei­nem Glau­ben an die ul­ti­ma­ti­ve vol­le Wie­der­her­stel­lung ge­stützt, von der je­der Ju­de, der im Hei­mat­land wohn­te, sich als Haus­meis­ter und Vor­läu­fer sah.

Die­ses Volk, das „nicht da” war – die jü­di­sche Ge­mein­schaft in Pa­läs­ti­na, ih­re Ge­schich­te kon­ti­nu­ier­lich und ziel­ge­rich­tet – spiel­te in der Tat ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Rol­le in der jü­di­schen Ge­schich­te. Zu oft feh­len De­tails und Tie­fe, doch die Ge­schich­te der jü­di­schen Prä­senz in Pa­läs­ti­na, zu­sam­men­ge­spon­nen aus ei­ner bun­ten Viel­falt von Quel­len und Re­fe­ren­zen, heid­ni­schen und christ­li­chen, jü­di­schen und mus­li­mi­schen Ur­sprungs, ver­teilt über den ge­sam­ten Zeit­raum zwi­schen dem zwei­ten und dem neun­zehn­ten Jahr­hun­dert, ist ein fas­zi­nie­ren­der und über­zeu­gen­der Kon­tra­punkt zum do­mi­nie­ren­den The­ma der Sehn­sucht im Exil.

Erst nach der Nie­der­schla­gung der von Si­mon Bar Koch­ba an­ge­führ­ten Re­vol­te im Jah­re 135 n.Chr. – mehr als 60 Jah­re nach der Zer­stö­rung des Zwei­ten Tem­pels – un­ter­nah­men die Rö­mer ei­ne ent­schlos­se­ne An­stren­gung, um die jü­di­sche Iden­ti­tät in der jü­di­schen Hei­mat aus­zu­mer­zen. Sie in­iti­ier­ten den lan­gen Pro­zess der Ver­ödung des Lan­des. Es war zu je­nem Zeit­punkt, dass Je­ru­sa­lem, auf Be­fehl des Kai­sers Ha­dri­an „um­ge­pflügt”, in Ae­lia Ca­pi­to­li­na um­be­nannt wur­de, und das Land, des Na­mens Ju­däa ver­wei­gert, in Sy­ria Pa­lesti­na um­be­nannt wur­de. In der Re­vol­te selbst – der hef­tigs­ten und längs­ten Re­vol­te, mit der sich das Rö­mi­sche Reich kon­fron­tiert sah – star­ben 580’000 jü­di­sche Sol­da­ten im Kampf, und ei­ne un­be­stimm­te Zahl von Zi­vi­lis­ten starb an Hun­ger und Seu­chen; 985 Dör­fer wur­den zer­stört.2

Doch auch nach die­ser wei­te­ren Ka­ta­stro­phe blieb das jü­di­sche Le­ben ak­tiv und pro­duk­tiv. Aus Je­ru­sa­lem ver­bannt, kon­zen­trier­te es sich jetzt in Ga­li­läa. Flücht­lin­ge kehr­ten zu­rück; Ju­den, die in die Skla­ve­rei ver­kauft wor­den wa­ren, wur­den frei­ge­kauft. In den Jahr­hun­der­ten nach Bar Koch­ba und Ha­dri­an, sind ei­ni­ge der be­deu­tends­ten Wer­ke des jü­di­schen Geis­tes in Pa­läs­ti­na pro­du­ziert wor­den. Es war da­mals, dass die Misch­na ab­ge­schlos­sen wur­de und der Je­ru­sa­le­mer Tal­mud zu­sam­men­ge­stellt wur­de, und der Gross­teil der Ge­mein­schaft be­wirt­schaf­te­te das Land.

Das Rö­mi­sche Reich nahm im vier­ten Jahr­hun­dert das Chris­ten­tum an; von nun war sei­ne Po­li­tik in Pa­läs­ti­na auf ei­nen neu­en Zweck aus­ge­rich­tet: um die Ge­burt von je­dem Schim­mer von neu­er Hoff­nung auf jü­di­sche Un­ab­hän­gig­keit zu ver­hin­dern. Es war im­mer­hin Fun­da­ment der christ­li­chen Theo­lo­gie, dass der Ver­lust der na­tio­na­len Un­ab­hän­gig­keit ein Akt Got­tes war, dar­auf an­ge­legt, das jü­di­sche Volk für ih­re Ab­leh­nung Chris­ti zu be­stra­fen. Dem Werk des All­mäch­ti­gen muss­te nach­ge­hol­fen wer­den. Ei­ni­ge Kai­ser wa­ren nach­sich­ti­ger als an­de­re, aber die mi­ni­ma­len Kri­te­ri­en der Un­ter­drü­ckung und Ein­schrän­kung wur­den fast im­mer auf­recht er­hal­ten.

Nichts­des­to­trotz nen­nen selbst die ma­ge­ren über­le­ben­den Quel­len drei­und­vier­zig jü­di­sche Ge­mein­den in Pa­läs­ti­na im sechs­ten Jahr­hun­dert: zwölf Städ­te an der Küs­te, in der Negev-​Wüste und öst­lich des Jor­dans, und ein­und­dreis­sig Dör­fer in Ga­li­läa und im Jor­dan­tal.

Die Ge­dan­ken der Ju­den wan­den sich bei je­der Ge­le­gen­heit um die Hoff­nung der na­tio­na­len Wie­der­her­stel­lung. Im Jahr 351 star­te­ten sie ei­nen wei­te­ren Auf­stand, was schwe­re Ver­gel­tung pro­vo­zier­te. Als 438 die Kai­se­rin Eu­do­cia das Ver­bot, dass Ju­den nicht an der Tem­pel­an­la­ge be­ten durf­ten, auf­hob, ga­ben die füh­ren­den Köp­fe der Ge­mein­schaft in Ga­li­läa ei­nen Auf­ruf „an das gros­se und mäch­ti­ge Volk der Ju­den” her­aus, der be­gann:” Wis­set, dass das En­de des Exils un­se­res Vol­kes ge­kom­men ist!„3

Im Glau­ben an die kom­men­de Wie­der­her­stel­lung sind die Ju­den ei­ne Al­li­anz mit den Per­sern ein­ge­gan­gen, die 614 in Pa­läs­ti­na ein­dran­gen, an ih­rer Sei­te kämpf­ten, die by­zan­ti­ni­sche Gar­ni­son in Je­ru­sa­lem über­wäl­tig­ten, und drei Jah­re lang die Stadt re­gier­ten.4 Doch die Per­ser mach­ten ih­ren Frie­den mit Kai­ser He­ra­kli­us. Christ­li­cher Herr­schaft wur­de wie­der her­ge­stellt, und die Ju­den, die die kon­se­quen­te Schlach­tung über­leb­ten, wur­den er­neut aus der Stadt ver­bannt. Ein neu­es Ka­pi­tel der rach­süch­ti­gen by­zan­ti­ni­schen Ver­fol­gung wur­de er­las­sen, aber, wie es ge­schah, war es nur von kur­zer Dau­er. Ei­ne neue Kraft war auf dem Vor­marsch. 632 ka­men die mos­le­mi­schen ara­bi­schen In­va­so­ren und er­ober­ten. Bis zum Jahr 640 war Pa­läs­ti­na ein Teil des ent­ste­hen­den mus­li­mi­schen Rei­ches ge­wor­den.

Die 450-​jährige mus­li­mi­sche Herr­schaft in Pa­läs­ti­na war die ers­te un­ter den Umay­ya­den (vor­wie­gend Ara­ber), die to­le­rant von Da­mas­kus aus re­gier­te; dann un­ter der Abbasiden-​Dynastie (vor­wie­gend Tür­ken), in wach­sen­den An­ar­chie, von Bag­dad aus; und schliess­lich, in wech­seln­der To­le­ranz und Ver­fol­gung un­ter den Fa­tim­iden von Kai­ro. Die mus­li­mi­schen Ara­ber nah­men den Ju­den das Land, an dem sie seit zwan­zig Ge­ne­ra­tio­nen nach dem Un­ter­gang des jü­di­schen Staa­tes fest­ge­hal­ten hat­ten. Die Kreuz­fah­rer, die nach ih­nen ka­men und Pa­läs­ti­na oder Tei­le da­von für den bes­se­ren Teil von zwei Jahr­hun­der­ten re­gier­ten, mas­sa­krier­ten die Ju­den in den Städ­ten. Doch un­ter den Mos­lems of­fen, un­ter den Kreuz­fah­rern vor­sich­ti­ger, über­leb­te die jü­di­sche Ge­mein­schaft in Pa­läs­ti­na ir­gend­wie, un­ter Um­stän­den, die un­mög­lich zu ver­ste­hen oder zu ana­ly­sie­ren sind, auf dem Zahn­fleisch krie­chend, und ar­bei­te­te und kämpf­te. Zu­sam­men mit den Ara­bern und Tür­ken ge­hör­ten die Ju­den zu den stärks­ten Ver­tei­di­gern Je­ru­sa­lems ge­gen die Kreuz­fah­rer. Als die Stadt fiel, ver­sam­mel­ten die Kreuz­fah­rer die Ju­den in ei­ner Syn­ago­ge und ver­brann­ten sie. Die Ju­den ver­tei­dig­ten fast im Al­lein­gang Hai­fa ge­gen die Kreuz­fah­rer und hielt in der be­la­ger­ten Stadt ei­nen gan­zen Mo­nat lang aus (Juni-​Juli 1099). Zu die­sem Zeit­punkt, vol­le tau­send Jah­re nach dem Un­ter­gang des jü­di­schen Staa­tes, gab es jü­di­sche Ge­mein­den im gan­zen Land. Fünf­zig von ih­nen sind uns be­kannt; dar­un­ter Je­ru­sa­lem, Ti­be­ri­as, Ra­mie, Ash­kel­on, Cae­s­area, und Ga­za.

Wäh­rend mehr als sechs Jahr­hun­der­ten der mus­li­mi­schen und Kreuzfahrer-​Herrschaft, fla­cker­ten Zeit­räu­me von To­le­ranz oder be­schäf­tig­ter Gleich­gül­tig­keit un­ru­hig zwi­schen sol­chen kon­zen­trier­ter Ver­fol­gung. Ju­den, aus den Dör­fern ver­trie­ben, flo­hen in die Städ­te. Über­le­ben­de von Mas­sa­kern in den Städ­ten im Lan­des­in­ne­ren mach­ten ih­ren Weg an die Küs­te. Wenn die Küs­ten­städ­te zer­stört wur­den, ge­lang ih­nen ir­gend­wie die Rück­kehr ins Lan­des­in­ne­re. Im Lau­fe die­ser Jahr­hun­der­te war Krieg fast kon­ti­nu­ier­lich, ob zwi­schen Kreuz und Halb­mond oder un­ter den Mos­lems selbst. Die jü­di­sche Ge­mein­de, jetzt stark re­du­ziert, er­hielt sich in hart­nä­cki­ges Aus­dau­er.

Mus­li­mi­sche und christ­li­che Auf­zeich­nun­gen be­rich­ten, dass sie ei­ne Viel­zahl von Be­ru­fen aus­üb­ten. Der ara­bi­sche Geo­graph Abu Ab­dal­lah Mo­ham­med – als Mu­ka­das­si be­kannt – der im zehn­ten Jahr­hun­dert schrieb, be­schreibt die Ju­den als Münz­prü­fer, Fär­ber, Ger­ber und Ban­ker in der Ge­mein­schaft. In sei­ner Zeit, ei­ne Zeit der To­le­ranz der Fa­tim­iden, wur­den vie­le jü­di­sche dienst­tu­en­de Be­am­ten des Re­gimes. Ob­wohl es ih­nen nicht er­laubt war, Land zu be­sit­zen in der Kreuz­fah­rer­zeit, kon­trol­lier­ten die Ju­den viel des Han­dels der Küs­ten­städ­te in Zei­ten der Ru­he. Die meis­ten von ih­nen wa­ren Hand­wer­ker: Glas­blä­ser in Si­don, Kürsch­ner und Fär­ber in Je­ru­sa­lem.

In der Mit­te von all ih­ren Wech­sel­fäl­len und im An­ge­sicht al­ler Ver­än­de­run­gen flo­rier­ten He­bräi­sche Stu­di­en und li­te­ra­ri­sches Schaf­fen. Es war in die­ser Zeit, dass die he­bräi­schen Gram­ma­ti­ker in Ti­be­ri­as ihr he­bräi­sches Vo­kal­zei­ge­sys­tem ent­wi­ckel­ten, wo­mit sie dem mo­der­nen Stu­di­um der Spra­che Form ga­ben; und ein gros­ses Vo­lu­men an Piyu­tim und Mi­d­ra­schim hat­ten ih­ren Ur­sprung im Pa­läs­ti­na je­ner Ta­ge.

Nach den Kreuz­fah­rern kam ei­ne Zeit der wil­den Stö­run­gen, da zu­nächst die Kha­rez­mier – ein asia­ti­scher Stamm, der flüch­tig auf der Büh­ne der Ge­schich­te er­scheint – und dann die mon­go­li­schen Hor­den nach Pa­läs­ti­na ein­dran­gen. Sie sä­ten neu­es Ver­der­ben und Ver­damm­nis im gan­zen Land. Sei­ne Städ­te wur­den ver­wüs­tet, sei­ne Län­de­rei­en wur­den ver­brannt, sei­ne Bäu­me wur­den ent­wur­zelt, der jün­ge­re Teil der Be­völ­ke­rung wur­de zer­stört.

Doch der Staub der mon­go­li­schen Hor­den, von den Ma­me­lu­cken ge­schla­gen, hat­te sich kaum ge­legt, als die Je­ru­sa­le­mer Ge­mein­de, die al­les aus­ser aus­ge­rot­tet ge­we­sen war, wie­der her­ge­stellt wur­de. Dies war das Werk des be­rühm­ten, Ge­lehr­ten Mo­ses ben Nach­man (Nach­ma­ni­des, der „RaM­baN ’). Von dem Tag im Jah­re 1267, als RaM­baN sich in der Stadt nie­der­liess, gab es ei­ne ko­hä­ren­te jü­di­sche Ge­mein­de in der Alt­stadt von Je­ru­sa­lem, bis sie ver­trie­ben wur­de, vor­über­ge­hend, wie sich er­wies, von der von den Bri­ten ge­führ­ten ara­bi­schen Le­gi­on aus Trans­jor­da­ni­en fast 700 Jah­re spä­ter.

Für zwei­ein­halb Jahr­hun­der­te (1260−1516) war Pa­läs­ti­na Teil des Rei­ches der Ma­me­lu­cken, Mos­lems türkisch-​tatarischen Ur­sprungs, die zu­erst aus der Tür­kei, dann aus Ägyp­ten re­gier­ten. Krieg und Auf­stän­de, Blut­ver­gies­sen und Zer­stö­rung floss in fast un­auf­hör­li­chen Wel­len über ih­re Do­mä­ne. Ob­wohl Pa­läs­ti­na nicht im­mer am Streit be­tei­ligt war, war es häu­fig ge­nug in­vol­viert, um den Pro­zess der phy­si­schen Zer­stö­rung zu be­schleu­ni­gen. Ju­den (und Chris­ten) er­lit­ten Ver­fol­gung und De­mü­ti­gung. Doch ge­gen En­de der Herr­schaft der Ma­me­lu­cken, am En­de des fünf­zehn­ten Jahr­hun­derts, be­merk­ten christ­li­che und jü­di­sche Be­su­cher und Pil­ger das Vor­han­den­sein von er­heb­li­chen jü­di­schen Ge­mein­den. Auch die spär­li­chen Auf­zeich­nun­gen be­rich­ten von fast dreis­sig jü­di­schen städ­ti­schen und länd­li­chen Ge­mein­den zu Be­ginn des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts.

Mitt­ler­wei­le wa­ren fast 1500 Jah­re seit der Zer­stö­rung des jü­di­schen Staa­tes ver­gan­gen. Jü­di­sches Le­ben in Pa­läs­ti­na hat­te by­zan­ti­ni­sche Rück­sichts­lo­sig­keit über­lebt, hat­te die Dis­kri­mi­nie­run­gen, Ver­fol­gun­gen und Mas­sa­ker an den bun­ten mus­li­mi­schen Sek­ten – ara­bi­schen Umay­ya­den, Ab­ba­si­den und Fa­tim­iden, die tür­ki­schen Seld­schu­ken und die Ma­me­lu­cken – er­tra­gen. Das jü­di­sche Le­ben von ei­ni­ger his­to­ri­scher Fin­ger­fer­tig­keit hat­ten die Kreuz­fah­rer über­lebt, sei­nen Tod­feind. Es hat­te die mon­go­li­sche Bar­ba­rei über­lebt.

Mehr als ein Aus­druck der Selbst­er­hal­tung hat­te jü­di­sches Le­ben ei­nen Sinn und ei­ne Mis­si­on. Es war der Treu­hän­der und die Vor­hut der Re­stau­rie­rung. Am En­de des fünf­zehn­ten Jahr­hun­derts be­rich­te­te der Pil­ger Ar­nold Van Harff, dass er vie­le Ju­den in Je­ru­sa­lem ge­fun­den hat­te und dass sie He­brä­isch spra­chen. Sie sag­ten ei­nem an­de­ren Rei­sen­den, Fe­lix Fa­bri, dass sie hoff­ten, bald das Hei­li­ge Land wie­der zu be­sie­deln.5

Im glei­chen Zeit­raum, rief Mar­tin Ka­hat­nik (der Ju­den nicht moch­te), beim Be­such Je­ru­sa­lems wäh­rend sei­ner Pil­ger­rei­se, aus:

Die Hei­den un­ter­drü­cken sie nach Lust und Lau­ne. Sie wis­sen, dass die Ju­den den­ken und sa­gen, dass dies das Hei­li­ge Land ist, das ih­nen ver­spro­chen wur­de. Die­je­ni­gen von ih­nen, die hier le­ben, wer­den als hei­lig an­ge­se­hen von den an­de­ren Ju­den, denn trotz al­ler Lei­den und Qua­len, die sie in den Hän­den der Hei­den er­lei­den, wei­gern sie sich, die place.6

Auf dem Hö­he­punkt ih­rer Pracht, in den ers­ten Ge­ne­ra­tio­nen nach ih­rer Er­obe­rung Pa­läs­ti­nas im Jah­re 1516 wa­ren die os­ma­ni­schen Tür­ken to­le­rant und zeig­ten den Ju­den ein freund­li­ches Ge­sicht. Wäh­rend des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich ein neu­es Auf­brau­sen im Le­ben der Ju­den im Land. Dreis­sig Ge­mein­den, städ­ti­sche und länd­li­che, wer­den bei Be­ginn der os­ma­ni­schen Zeit auf­ge­zeich­net. Sie um­fas­sen Hai­fa, Sh’chem, He­bron, Ra­mie, Jaf­fa, Ga­za, Je­ru­sa­lem, und vie­le im Nor­den. Ihr Zen­trum war Safed; sei­ne Ge­mein­de wuchs schnell. Es wur­de die gröss­te in Pa­läs­ti­na und über­nahm die an­er­kann­te geist­li­che Füh­rung der gan­zen jü­di­schen Welt. Der Glanz des kul­tu­rel­len „gol­de­nen Zeit­al­ters”, das sich jetzt ent­wi­ckel­te, leuch­te­te über das gan­ze Land und hat jü­di­sches geist­li­ches Le­ben bis heu­te in­spi­riert. Es war dann und dort, dass ei­ne phä­no­me­na­le Grup­pe von mys­ti­schen Phi­lo­so­phen die Ge­heim­nis­se der Kab­ba­la ent­wi­ckel­te. Es war zu die­sem Zeit­punkt und die In­spi­ra­ti­on die­ses Or­tes, in der Jo­seph Ca­ro den Schul­chan Aruch zu­sam­men­stell­te, die ge­wal­ti­ge Ko­di­fi­zie­rung der jü­di­schen Ob­ser­vanz, die weit­ge­hend or­tho­do­xen Brauch bis heu­te lei­tet. Dich­ter und Schrift­stel­ler blüh­ten. Safed er­reicht ei­ne Fu­si­on von Ge­lehr­sam­keit und Fröm­mig­keit mit Han­del, Ge­wer­be und Land­wirt­schaft. In der Stadt ent­wi­ckeln die Ju­den ei­ne Rei­he von Bran­chen, vor al­lem in Ge­trei­de, Ge­wür­ze und Tuch. Sie spe­zia­li­sie­ren sich wie­der in Fär­be­rei. Auf hal­bem Weg zwi­schen Da­mas­kus und Si­don an der Mit­tel­meer­küs­te lie­gend, ge­wann Safed be­son­de­re Be­deu­tung in den Han­dels­be­zie­hun­gen in der Re­gi­on. Die 8’000 oder 10’000 Ju­den in Safed im Jahr 1555 wuch­sen auf 20’000 oder 30’000 am En­de des Jahr­hun­derts7 In der be­nach­bar­ten ga­li­lä­i­schen Land­schaft war ei­ne Rei­he von jü­di­schen Dör­fern – aus tür­ki­schen Quel­len wis­sen wir, zehn von ih­nen – da­mit be­schäf­tigt mit der Pro­duk­ti­on von Wei­zen und Gers­te und Baum­wol­le, Ge­mü­se und Oli­ven, Wein­re­ben und Obst, Puls und Se­sam8

Die wie­der­keh­ren­den Re­fe­ren­zen in den skiz­zen­haf­ten Auf­zeich­nun­gen, die über­lebt ha­ben, le­gen na­he, dass in ei­ni­gen die­ser ga­li­lä­i­schen Dör­fer – wie Kfar Al­ma, Ein Zei­tim, Bi­ria, Pe­ki­in, Kfar Hana­nia, Kfar Ka­na, Kfar Yas­sif – Die Ju­den, ge­gen al­le Lo­gik und Trotz der Be­las­tun­gen und Er­pres­sun­gen und Be­schlag­nah­mun­gen von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on frem­der Er­obe­rer, fünf­zehn Jahr­hun­der­te lang an ih­rem Land hat­ten fest­hal­ten kön­nen.9 Nun, in den meh­re­ren Jahr­zehn­ten der wohl­wol­len­den os­ma­ni­schen Herr­schaft, blüh­ten die jü­di­schen Ge­mein­den in Dorf und Stadt re­gel­recht auf.

Die Ge­schich­te der zwei­ten Hälf­te des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts zeigt die Dy­na­mik des Wohl­stands der pa­läs­ti­nen­si­schen Ju­den, ih­re Fort­schritt­lich­keit und ih­re Un­ter­wer­fung. Im Jah­re 1577 wur­de ei­ne he­bräi­sche Dru­cke­rei in Safed eta­bliert. Die ers­te Pres­se in Pa­läs­ti­na, es war auch die ers­te in Asi­en. Im Jah­re 1576, und wie­der im Jah­re 1577, ord­ne­te der Sul­tan Mu­rad III, der ers­te an­ti­jü­di­sche os­ma­ni­sche Herr­scher, die De­por­ta­ti­on von 1000 wohl­ha­ben­den Ju­den aus Safed an, ob­wohl sie kei­ne Ge­set­ze ge­bro­chen oder in ir­gend­ei­ner Wei­se über­tre­ten hat­ten. Sie wur­den von Mu­rad be­nö­tigt, um die Wirt­schaft ei­ner an­de­ren Pro­vinz des Sul­tans zu stär­ken – Zy­pern. Es ist nicht be­kannt, ob sie tat­säch­lich de­por­tiert oder be­gna­digt wur­den.10

Die Flit­ter­wo­chen zwi­schen dem Os­ma­ni­schen Reich und den Ju­den dau­er­te nur so lan­ge, wie das Reich blüh­te. Mit dem Be­ginn und der Ent­wick­lung sei­nes lan­gen Nie­der­gangs im sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert, hiel­ten Un­ter­drü­ckung und An­ar­chie wach­sen­den Ein­zug ins Land, und das jü­di­sche Le­ben fing an, ei­nem ver­wirr­ten Mus­ter von Ver­fol­gun­gen, Ver­bo­ten und ephe­me­rem Wohl­stand zu fol­gen. Wohl­stand wuchs sel­te­ner, Ver­fol­gun­gen und Un­ter­drü­ckung wur­de die Norm. Die Os­ma­nen, für die Pa­läs­ti­na nur ei­ne Ein­nah­me­quel­le war, be­gan­nen die hef­ti­ge Bin­dung an Pa­läs­ti­na aus­zu­nut­zen. Man brach­te sie kon­se­quen­ter­wei­se da­zu, ei­nen ho­hen Preis für ihr Dort-​Leben zu be­zah­len. Sie wur­den über die Mas­sen be­steu­ert und über­dies ei­nem Sys­tem der will­kür­li­chen Geld­stra­fen aus­ge­setzt. Zu Be­ginn des sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts konn­ten zwei christ­li­che Rei­sen­de, Jo­hann van Eg­mont und John Hay­man, über die Ju­den in Safed sa­gen: „Das Le­ben hier ist das ärms­te und elen­des­te, das man sich vor­stel­len kann.” Die Tür­ken be­drän­gen sie der­mas­sen, so schrie­ben sie, dass „sie selbst für die Luft, die sie at­men, be­zah­len muss­ten.„11

Im­mer und im­mer wie­der wäh­rend der drei Jahr­hun­der­te des tür­ki­schen Ver­falls leb­ten und lit­ten die Ju­den so sehr, dass so­gar feind­lich ge­sinn­te christ­li­che Rei­sen­de be­wegt wa­ren, ih­re Ver­wun­de­rung über ih­re Hart­nä­ckig­keit aus­drü­cken – trotz Leid, De­mü­ti­gung und Ge­walt an ih­rem Hei­mat­land fest­zu­hal­ten.

Die Ju­den von Je­ru­sa­lem, schrieb der Je­su­it Pa­ter Mi­cha­el Naud 1674, wa­ren sich in ei­ner Sa­che ei­nig: „an die Tür­ken schwer zu be­zah­len für ihr Recht, hier zu blei­ben – Sie zie­hen es vor, als Ge­fan­ge­ne in Je­ru­sa­lem zu le­ben, als die Frei­heit, die sie an an­de­rer Stel­le er­wer­ben könn­ten, zu ge­nies­sen… Die Lie­be der Ju­den für das Hei­li­ge Land, das sie durch ih­ren Ver­rat [Chris­ti] ver­lo­ren, ist un­glaub­lich. Vie­le von ih­nen kom­men aus Eu­ro­pa, ein we­nig Trost zu fin­den, auch wenn das Joch schwer ist.„12

Und nicht nur in Je­ru­sa­lem. Selbst als sich An­ar­chie über das Land aus­brei­te­te, plün­dern­de Über­fäl­le von Be­dui­nen aus der Wüs­te an­stie­gen, und die Stras­sen im­mer mehr von Ban­di­ten über­fal­len wur­den, und wäh­rend des Sul­tans Män­ner, wenn sie über­haupt er­schien, nur her­ka­men, um so­wohl die ge­gen al­le ge­rich­te­ten Steu­ern zu er­he­ben, als auch die Son­der­steu­er von den Ju­den zu for­dern, hiel­ten sich jü­di­sche Ge­mein­den noch im­mer auf dem gan­zen Land. Wäh­rend des sieb­zehn­ten und acht­zehn­ten Jahr­hun­derts, be­rich­te­ten Rei­sen­de von Ju­den in He­bron (wo, zu­sätz­lich zu den re­gu­lä­ren Er­pres­sun­gen, Ab­schie­be­dro­hun­gen, Ver­haf­tun­gen, Ge­walt und Blut­ver­gies­sen, die Ju­den die grau­sa­men Lei­den ei­ner Ver­leum­dung er­lit­ten im Jah­re 1775); Ga­za, Ram­le, Sh’chem, Safed (wo die Ge­mein­de ih­re Vor­macht­stel­lung und ih­ren Wohl­stand ver­lo­ren hat­te); Ac­re, Si­don, Ty­rus, Hai­fa, Ir­s­uf, Cae­s­area und El Arish; Und Ju­den leb­ten und be­bau­ten den Bo­den wei­ter­hin in den ga­li­lä­i­schen Dör­fern.

Doch wie das Land selbst ver­gam­mel­te und die täg­li­chen Le­bens­not­wen­dig­kei­ten im­mer un­zu­gäng­li­cher wur­den, kon­tra­hier­te auch die jü­di­sche Ge­mein­de. Bis zum En­de des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts schätz­ten His­to­ri­ker ih­re Zahl auf 10’000 bis 15’000. Ih­re na­tio­na­le Rol­le war je­doch nie ver­schwom­men. Als die Ju­den in Pa­läs­ti­na kei­ne wirt­schaft­li­che Grund­la­ge hat­ten, be­trach­te­ten es die Ju­den im Aus­land als ih­re mi­ni­ma­le na­tio­na­le Pflicht, ih­ren phy­si­schen Un­ter­halt zu ge­währ­leis­ten und ein ste­ti­ger Strom von Ab­ge­sand­ten brach­te Mit­tel aus der Dia­spo­ra. Auf lan­ge Sicht hat­te dies ei­ne er­nied­ri­gen­de Wir­kung auf die Ju­den, die von die­sen Bei­trä­ge für al­le ih­re Be­dürf­nis­se ab­hän­gig wa­ren. Aber die Be­deu­tung der Mo­ti­va­ti­on und des Geis­tes der Bei­hil­fe wird da­durch nicht ge­rin­ger: Die Ju­den in Pa­läs­ti­na wur­den als die Hü­ter des jü­di­schen Er­bes an­ge­se­hen. Man kann auch die Aus­dau­er und Hart­nä­ckig­keit der Emp­fän­ger nicht igno­rie­ren, im An­ge­sicht von Un­ter­drü­ckung und Er­nied­ri­gung und der An­dro­hung von kör­per­li­cher Ge­walt aus­zu­har­ren in ih­rer Rol­le als „Hü­ter der Mau­ern.”

Wie ent­schlos­sen und ziel­stre­big die Ju­den in Pa­läs­ti­na auch im­mer ge­we­sen sein mö­gen, wie tief ih­re Bin­dung an das Land auch im­mer war, und wie stark ihr Ge­fühl der Mis­si­on, dar­in le­ben zu wol­len, die his­to­ri­schen Um­stän­de hät­ten ih­re phy­si­sche Exis­tenz si­cher­lich lan­ge vor dem Be­ginn der Neu­zeit in den Bo­den stamp­fen sol­len.

Schon die Ab­fol­ge von Er­obe­rern, die durch das Land ström­ten und die Ju­den un­ter­drück­ten oder ab­schlach­te­ten, vor­sätz­lich oder auch nur ne­ben­her in ih­rem Kampf um die Macht oder das Über­le­ben, wirft die Fra­ge auf, wie über­haupt ein Ju­de über­le­ben konn­te, ge­schwei­ge denn in ko­hä­ren­ten Ge­mein­den. Heid­ni­sche Rö­mer, by­zan­ti­ni­sche Chris­ten, die ver­schie­de­nen mus­li­mi­schen im­pe­ria­len Dy­nas­ti­en (vor al­lem wäh­rend des tür­ki­schen Seldschuken-​Zwischenspiels vor den Kreuz­fah­rern), die Kreuz­fah­rer selbst, die Kha­rez­mier und die Mon­go­len, die os­ma­ni­schen Tür­ken, al­le die­se gin­gen über den Kör­per der jü­di­schen Ge­mein­de. Wie kann ei­ne jü­di­sche Ge­mein­de un­ter sol­chen Um­stän­den über­haupt über­le­ben? Wie konn­te sie als ein Arm des jü­di­schen Vol­kes über­le­ben, be­wusst wach­sam für den Tag der na­tio­na­len Wie­der­her­stel­lung?

Die Ant­wort auf die­se Fra­gen spie­gelt ei­nen wei­te­ren As­pekt der phä­no­me­na­len Af­fi­ni­tät des jü­di­schen Vol­kes auf das Land Is­ra­el. Trotz der Ver­bo­te und Ver­bo­te, trotz der höchst un­wahr­schein­li­chen und aus­sichts­lo­sen Um­stän­de gab es nie ei­ne Zeit wäh­rend der Jahr­hun­der­te des Exils oh­ne jü­di­sche Ein­wan­de­rung nach Pa­läs­ti­na. Aliyah („go­ing up”) war ein be­wuss­ter Aus­druck und De­mons­tra­ti­on der na­tio­na­len Zu­ge­hö­rig­keit zum Land. Ein kon­stan­ter Zu­fluss gab der pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­mein­de Le­ben und oft Élan. Nach heu­ti­gen Stan­dards war die Zahl nicht gross. Nach den Mass­stä­ben je­ner Zei­ten und un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den pass­te die Be­deu­tung und das Ge­wicht die­ses Stroms von Aliyah – fast im­mer Ein­zel­un­ter­neh­mun­gen – zu den Leis­tun­gen der mo­der­nen zio­nis­ti­schen Be­we­gung.

Mo­der­ner Zio­nis­mus be­ginnt tat­säch­lich mit der Zäh­lung der Ein­wan­de­rungs­wel­len nach 1882, doch nur der Rah­men und die Or­ga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keit wa­ren neu: Die Wohn-​Bewegung in das Land hat­te nie auf­ge­hört.

Die über­lie­fer­ten Auf­zeich­nun­gen sind dürf­tig. Es gab viel Be­we­gung in den Ta­gen der mus­li­mi­schen Er­obe­rung. Ap­pel­le im zehn­ten Jahr­hun­dert für Aliyah durch die Ka­rä­er Füh­rer in Je­ru­sa­lem ha­ben über­lebt. Es gab Zei­ten, in de­nen die Ein­wan­de­rung ab­so­lut ver­bo­ten war; Kein Ju­de konn­te „le­gal” oder si­cher nach Pa­läs­ti­na ge­hen, wäh­rend der Herr­schaft der Kreuz­fah­rer. Doch ge­ra­de in die­ser Zeit gab Je­hu­da Ha­le­vi, der gröss­te he­bräi­sche Dich­ter des Exils, ei­nen Auf­ruf an die Ju­den zur Aus­wan­de­rung, und vie­le Ge­ne­ra­tio­nen zo­gen ak­ti­ve In­spi­ra­ti­on aus sei­ner Leh­re. (Er selbst starb bald nach sei­ner An­kunft in Je­ru­sa­lem im Jahr 1141, zer­malmt, der Le­gen­de nach, vom Pferd ei­nes Kreuz­fah­rers.) Ei­ne Grup­pe von Ein­wan­de­rern, die aus der Pro­vence in Frank­reich in der Mit­te des zwölf­ten Jahr­hun­derts ka­men, müs­sen Ge­lehr­te von gros­ser Wert­schät­zung ge­we­sen sein, denn man glaubt, dass sie Ver­ant­wort­lich sind für die Än­de­rung der Eretz Is­ra­el Tra­di­ti­on der Neu­jahrs­fei­er an nur ei­nem Tag; seit ih­rer Zeit dau­ern die Fei­er­lich­kei­ten zwei Ta­ge. Es gibt leich­te An­spie­lun­gen in Auf­zeich­nun­gen an­de­rer Grup­pen, die nach ih­nen ka­men. Un­ter den Ein­wan­de­rern, die an­kom­men, als der Griff der Kreuz­fah­rer durch Sa­la­din ge­bro­chen war, war ei­ne or­ga­ni­sier­te Grup­pe von drei­hun­dert Rab­bi­nern, die aus Frank­reich und Eng­land kam im Jah­re 1210, um vor al­lem die jü­di­schen Ge­mein­den von Je­ru­sa­lem, Ak­ko und Ram­leh zu stär­ken. Ih­re Ar­beit er­wies sich als ver­ge­bens. Ei­ne Ge­ne­ra­ti­on spä­ter kam die Zer­stö­rung durch die Mon­go­len. Doch kaum wa­ren sie ge­gan­gen, als ein neu­er Ein­wan­de­rer, Mo­ses Nach­ma­ni­des, nach Je­ru­sa­lem kam, nur zwei Ju­den, ei­nen Fär­ber und sei­nen Sohn vor­fand; aber er und die Jün­ger, die sei­nem Au­ruf folg­ten, stell­ten die Ge­mein­de wie­der her.

Ob­wohl Ye­hu­da Ha­le­vi und Nach­ma­ni­des die be­rühm­tes­ten mit­tel­al­ter­li­chen Pre­di­ger der Aliyah wa­ren, wa­ren sie nicht die ein­zi­gen. Vom zwölf­ten Jahr­hun­dert an be­schrie­ben die über­lie­fer­ten Schrif­ten von ei­ner lan­gen Rei­he von jü­di­schen Rei­sen­de ih­re Er­fah­run­gen in Pa­läs­ti­na. Ei­ni­ge blie­ben, um sich nie­der­zu­las­sen; al­le pro­pa­gier­ten die na­tio­na­le Pflicht und mit­tels in­di­vi­du­el­ler Er­lö­sung der „hin­auf” (Aliyah), um in der Hei­mat zu le­ben.

Der kon­zen­trier­te wis­sen­schaft­li­che Schre­cken des Ho­lo­caust im Eu­ro­pa des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts hat viel­leicht die Er­in­ne­rung an die Er­in­ne­rung an die Er­fah­run­gen der Men­schen ge­trübt, für die, Jahr für Jahr, Ge­ne­ra­ti­on für Ge­ne­ra­ti­on, Eu­ro­pa das Fe­ge­feu­er war. Das, im­mer­hin, war das Mit­tel­al­ter; das wa­ren die Jahr­hun­der­te, als die Ju­den Eu­ro­pas dem ge­sam­ten Be­reich der Ver­fol­gung aus­ge­setzt wa­ren, von Mas­se­n­er­nied­ri­gung bis zum Tod nach Fol­ter. Für ei­nen Ju­den, der sei­ne Iden­ti­tät nicht ver­ber­gen woll­te oder konn­te, war der Weg aus der ei­ge­nen ver­trau­ten Stadt oder ei­nem Dorf zum an­de­ren, aus dem Land, des­sen Spra­che er kann­te, durch Län­der, die ihm fremd wa­ren, be­schwer­lich. Er be­deu­te­te, sich mit ziem­li­cher Si­cher­heit Ver­dacht aus­zu­set­zen, Be­lei­di­gung, und De­mü­ti­gung, wahr­schein­lich Raub und Ge­walt, mög­li­cher­wei­se Mord. Je­de Rei­se war ge­fähr­lich. Für ei­nen Ju­den im drei­zehn­ten, vier­zehn­ten oder fünf­zehn­ten Jahr­hun­dert (und auch spä­ter), war die Odys­see von West­eu­ro­pa nach Pa­läs­ti­na ein he­roi­sches Un­ter­fan­gen, das oft in ei­nem De­sas­ter en­de­te. Für die gros­se Mas­se der Ju­den, die im Elend ver­sun­ken wa­ren, de­ren Freu­de es war, ih­re Ge­sich­ter drei­mal täg­lich nach Os­ten zu wen­den und für die Rück­kehr nach Zi­on zu be­ten, war die­ser Traum der Rück­kehr zu ih­ren Leb­zei­ten ein Traum des Him­mels.

Es gab dar­über hin­aus Zei­ten, wenn die Päps­te bei ih­ren An­hän­gern an­ord­ne­ten, dass jü­di­scher Rei­se nach Pa­läs­ti­na zu ver­hin­dern sei. Für die meis­te Zeit des fünf­zehn­ten Jahr­hun­derts ver­wei­ger­ten die ita­lie­ni­schen Küs­ten­staa­ten Ju­den den Ein­satz von Schif­fen für ih­re dau­er­haf­te Über­fahrt nach Pa­läs­ti­na, um sie zu zwin­gen, ihr Pro­jekt auf­zu­ge­ben oder die gan­ze Rei­se zu ei­nem kreis­för­mi­gen Land­weg zu ma­chen, was zu­sätz­lich zu den an­fäng­li­chen Kom­pli­ka­tio­nen ih­rer Rei­se die Ge­fah­ren der Be­we­gung durch Deutsch­land, Po­len und Süd­russ­land, oder durch den un­wirt­li­chen Bal­kan und ei­ner Schwarzmeer-​Kreuzung vor dem Er­rei­chen der ver­gleichs­wei­sen Si­cher­heit der Tür­kei be­deu­te­te. Im Jah­re 1433, kurz nach­dem das Ver­bot ver­hängt wur­de, kam ei­ne kräf­ti­ge Auf­for­de­rung durch Yitz­hak Tsa­refa­ti, die Ju­den zu drän­gen, den We­ge der so to­le­ran­ten Tür­kei zu neh­men. Die Ein­wan­de­rung der dreis­te­ren Geis­ter wur­de fort­ge­setzt. Oft dau­er­te die Rei­se Jah­re, wäh­rend Ein­wan­de­rer an den Zwi­schen­lan­de­or­ten ar­bei­te­ten, um die Kos­ten für die nächs­te Etap­pe der Rei­se zu er­spa­ren oder, wie es manch­mal pas­sier­te, wäh­rend er die lo­ka­len rei­chen Ju­den ein­lud, sei­ne Rei­se zu fi­nan­zie­ren und stell­ver­tre­tend die Miz­wa sei­ner Aliyah zu tei­len.

Sie­bald Rie­ter und Jo­hann Tu­cker, christ­li­che Pil­ger in Je­ru­sa­lem im Jah­re 1479, no­tier­ten die Stre­cken und Hal­te­or­te ei­nes Ju­den, der neu als Ein­wan­de­rer aus Deutsch­land an­kam. Er hat­te war von Nürn­berg aus­ge­gan­gen und reis­te nach Po­sen (300 Mei­len). Dann Po­sen [Po­z­nań] nach Lub­lin 250 Mei­len, Lub­lin nach Lem­berg [Lvov] 120 Mei­len, Lem­berg nach Kho­tin 150 Mei­len, Kho­tin nach Aker­man 150 Mei­len, Aker­man nach Sam­sun 6 Ta­ge, Sam­sun nach To­kat 6 – 7 Ta­ge, To­kat nach Alep­po 15 Ta­ge, Alep­po nach Da­mas­kus 7 Ta­ge, Da­mas­kus nach Je­ru­sa­lem 6 Ta­ge.

Os­ma­ni­sche Sul­ta­ne hat­ten die jü­di­sche Ein­wan­de­rung in ih­re Herr­schafts­ge­bie­te ge­för­dert. Mit ih­rer Er­obe­rung Pa­läs­ti­nas wa­ren ih­re To­re ge­öff­net. Ob­wohl die Be­din­gun­gen in Eu­ro­pa es nur sehr we­ni­ge Ju­den er­mög­lich­te, „auf­zu­ste­hen und zu ge­hen”, floss auf ein­mal ein Strom von Ein­wan­de­rern nach Pa­läs­ti­na. Vie­le, die ka­men, wa­ren Flücht­lin­ge aus der In­qui­si­ti­on. Sie um­fass­ten ei­ne gros­se Viel­falt von Be­ru­fen; sie wa­ren Ge­lehr­te und Hand­wer­ker und Händ­ler. Sie füll­ten al­le be­stehen­den jü­di­schen Zen­tren. Je­ner Strom von Ju­den aus dem Aus­land spritz­te ei­nen neu­en Im­puls in das jü­di­sche Le­ben in Pa­läs­ti­na im sech­zehn­ten Jahr­hun­dert.

Als das os­ma­ni­sche Ré­gime sich ver­schlech­ter­te, wur­den die Le­bens­be­din­gun­gen in Pa­läs­ti­na här­ter, doch die Ein­wan­de­rungs­wel­len setz­ten sich fort. In der Mit­te des sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts ging durch das jü­di­sche Volk ein elek­tri­scher Strom von Selbst­i­den­ti­fi­ka­ti­on und ver­stärk­ter Af­fi­ni­tät zu sei­nem Hei­mat­land. Zum ers­ten Mal in Ost­eu­ro­pa, das ih­ren Vor­fah­ren ein Heim ge­ge­ben hat­te auf der Flucht vor Ver­fol­gung im den Wes­ten, un­ter­zo­gen re­bel­lie­ren­de Ko­sa­ken im Jah­re 1648 und 1649 die Ju­den ei­nem Mas­sa­ker so wild wie je­des in der jü­di­schen Ge­schich­te. Ver­armt und hilf­los flo­hen die Über­le­ben­den zur nächs­ten Schutz­zo­ne – nun wie­der in West­eu­ro­pa. Auch hier sind die küh­ne­ren Geis­ter un­ter ih­nen auf den Weg nach Pa­läs­ti­na ge­gan­gen.

Je­ne sel­be Ge­ne­ra­ti­on wur­de noch ein­mal elek­tri­siert durch das Auf­kom­men des Sab­ba­tai Zwi, des selbst­er­nann­ten Mes­si­as, des­sen Be­trü­ge­rei und des­sen Nach­fol­ge un­ter den Ju­den in Ost und West nur durch die un­ver­än­der­ten Be­stre­bun­gen der Ju­den für die Wie­der­her­stel­lung mög­lich war. Der Traum, ir­gend­wie un­ter dem Ban­ner des Mes­si­as nach Is­ra­el ge­weht zu wer­den, ver­dampf­te, aber auch hier gab es ent­schlos­se­ne Män­ner, die ir­gend­wie die Mit­tel und den Weg nach Pa­läs­ti­na fan­den, über den See­weg oder Stu­fen­wei­se über Land durch die Tür­kei und Sy­ri­en.

Die De­ge­ne­ra­ti­on des zen­tra­len Os­ma­ni­schen Re­gimes, die An­ar­chie in der lo­ka­len Ver­wal­tung, die Er­nied­ri­gun­gen und Er­pres­sun­gen, Seu­chen und Pest, setz­ten sich im acht­zehn­ten Jahr­hun­dert fort und reich­ten weit ins neun­zehn­te Jahr­hun­dert hin­ein. Die Mas­sen der Ju­den in Eu­ro­pa leb­ten in grös­se­rer Ar­mut als je zu­vor. Doch ka­men Ein­wan­de­rer, nun auch in Grup­pen, wei­ter­hin. Er­hal­te­ne Brie­fe er­zäh­len von den Aben­teu­ern von Grup­pen, die aus Ita­li­en, Ma­rok­ko und der Tür­kei ka­men. An­de­re Brie­fe be­rich­ten über den ste­ti­gen Strom von Chas­si­dim, Schü­ler des Baal Schem-​Tov, aus Ga­li­zi­en und Li­tau­en, wäh­rend der gan­zen zwei­ten Hälf­te des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts.

Es ist klar, dass bis­her der Zu­stand des Lan­des ei­ne hö­he­ren Le­bens­zoll for­der­te, als durch Ein­wan­de­rer er­setzt wur­den. Doch die an­kom­men­den Ein­wan­de­rer ver­schlos­sen ih­re Au­gen vor dem phy­si­schen Ru­in und Elend, nah­men mit Lie­be je­de Not und Be­dräng­nis und Ge­fahr an. Und so schrie­ben im Jah­re 1810 die Jün­ger des Wil­na­er Goa, der ge­ra­de aus­ge­wan­dert war:

Wahr­lich, wie wun­der­bar ist es, fünf in dem gu­ten Land zu sein. Wahr­lich, wie wun­der­bar ist es, un­ser Land zu lie­ben. – Auch in sei­nen Rui­nen ist kei­ner, sich mit ihr zu ver­glei­chen, auch in ih­rer Trost­lo­sig­keit ist sie un­er­reicht, in ih­rem Schwei­gen ist nie­mand wie sie. Gut sind ih­re Asche und ih­re Stei­ne.13

Die­se Ein­wan­de­rer von 1810 muss­ten noch un­ge­ahn­te Stra­pa­zen er­lei­den. Erd­be­ben, Seu­chen und mör­de­ri­schen An­griff durch ma­ro­die­ren­de Ban­di­ten wa­ren Teil ih­res Le­bens­plans. Aber sie wa­ren ei­nes der letz­ten Glie­der in der lan­gen Ket­te, die Lü­cke zwi­schen dem Exil von ih­rem Volk und sei­ner Un­ab­hän­gig­keit. Sie oder ih­re Kin­der leb­ten, um die An­fän­ge der mo­der­nen Wie­der­her­stel­lung des Lan­des zu se­hen. Ei­ni­ge von ih­nen leb­ten, um ei­nen der Pio­nie­re der Wie­der­her­stel­lung zu er­le­ben, Sir Mo­ses Mon­te­fio­re, der jü­di­sche Phil­an­throp aus Gross­bri­tan­ni­en, der durch den grös­se­ren Teil des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts ei­ne Viel­zahl von prak­ti­schen Plä­ne kon­zi­pier­te und ver­folg­te, um die Ju­den in ih­rem Hei­mat­land an­zu­sie­deln. Mit ihm be­gann die graue Mor­gen­däm­me­rung des Wie­der­auf­baus. Ei­ni­ge der Kin­der die­ser Ein­wan­de­rer er­leb­ten und teil­ten das Un­ter­neh­men und das Wag­nis, als im Jah­re 1869 ei­ne Grup­pe von sie­ben Ju­den aus Je­ru­sa­lem aus­zog, um vor der Alt­stadt das ers­te Wohn­pro­jekt aus­ser­halb sei­ner Mau­ern ent­ste­hen zu las­sen. Je­der von ih­nen bau­te ein Haus zwi­schen den Fel­sen und den Scha­ka­len in der Wüs­te, die schliess­lich den Na­men Nahl­at Shi­va (Woh­nung der Sie­ben) be­ka­men. Heu­te ist es das Herz der In­nen­stadt Je­ru­sa­lems, be­grenzt von der Jaffa-​Strasse, zwi­schen Zion-​Platz und der Bank of Is­ra­el. 1878 mach­te ei­ne wei­te­re Grup­pe ih­ren Weg über die Ber­ge Ju­dä­as zur Ein­rich­tung der ers­ten mo­der­nen jü­di­schen land­wirt­schaft­li­chen Sied­lung Pe­tah Tik­va, die so­mit die „Mut­ter der Sied­lun­gen” wur­de. Acht Jah­re zu­vor hat­te die ers­te mo­der­ne Land­wirt­schafts­schu­le Pa­läs­ti­nas in Mikwe Jis­ra­el in der Nä­he von Jaf­fa er­öff­net. Wie wir sie jetzt se­hen – und sie im Jah­re 1810 wä­ren nicht über­rascht ge­we­sen, denn das war ihr Glau­be, und das war ihr Ziel – die lan­ge Zeit der Wa­che kam zu ei­nem En­de.

1. Ja­mes Par­kes, der christ­li­che Ge­lehr­te, der viel da­zu bei­ge­tra­gen hat, den My­thos zu spren­gen, schreibt: „[der Ju­den] ech­te Ei­gen­tums­ur­kun­den wur­den von der … he­roi­schen Aus­dau­er der­je­ni­gen, die ei­ne jü­di­sche Prä­senz in dem Land durch die Jahr­hun­der­te ge­pflegt hat­ten, ge­schrie­ben, und das trotz al­ler Ent­mu­ti­gung.” Wes­sen Land? Ei­ne Ge­schich­te der Völ­ker Pa­läs­ti­nas (Lon­don, 1970), S. 266.

2. Dio Cas­si­us, Ge­schich­te der Rö­mer, Theo­dor Mo­nun­sen, Pro­vin­zen des rö­mi­schen Rei­ches. Bei­de zi­tiert in Ja­cob De Haas, Histo­ry of Pa­lesti­ne, the Last Two Thousand Ye­ars (New York, 1934). S. 52.

3. Av­ra­ham Yaa­ri, Igrot Eretz Yis­ra­el (Tel Aviv, 1943), S. 46.

4. A. Mal­mat, H. Tad­mor, M. Stem, S. Sa­frai, To­le­dot Am Yis­ra­el Bi’mei Ke­dem (Tel Aviv, 1969), S. 348. Neue ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de in Je­ru­sa­lem deu­ten dar­auf hin, dass die Pe­ri­ode fünf Jah­re dau­er­te.

5. The Pil­grimage of Ar­nold van Harff (Lon­don, 1946), S. 217; The Wan­de­rings of Fe­lix Fa­bri (Lon­don, 1807), S. 130.

6. Jus­tin V. Pra­sek, Mar­tin Ka­bat­nik (Pra­gue). Zi­tiert in Mi­cha­el Ish-​Shalom, Ma­sa­ei Notz­rim Bee­retz Yis­ra­el (Tel Aviv, 1965), S. 265.

7. H. H. Ben-​Sasson, To­le­dot Haye­hu­dim Bi’mei Ha­bein­ay­im (Tel Aviv, 1969), Sei­ten 239 – 240.

8. Ber­nard Le­wis, No­tes and Do­cu­ments from the Tur­kish Ar­chi­ves (Je­ru­sa­lem, 1952), S. 15ff

9. Yitz­hak Ben-​Zwi, She’ar Yas­huv (Je­ru­sa­lem, 1966), S. 10.

10. Le­wis, Sei­ten 28 – 33.

11. Tra­vels (Lon­don, 1759), zi­tiert von Ish-​Shalom, S. 388.

12. R. P. Mi­cha­el Naud, Voya­ge Nou­veau de la Terre-​Sainte (Pa­ris, 1702), Sei­ten 58, 563.

13. Av­ra­ham Yaa­ri, S. 330.

Quel­le: „Batt­le­ground: Fact & Fan­ta­sy in Pa­lesti­ne” von Sa­mu­el Katz, Aus­zü­ge aus­ge­wählt von Jo­seph Katz.

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  1. Stoff für’s Hirn | abseits vom mainstream - heplev

    […] (Da­ni­el): – Kon­ti­nu­ier­li­che jü­di­sche Prä­senz im Hei­li­gen Land – Wenn GANZ Is­ra­el “Die Sied­lun­gen” sind – Pa­läs­ti­nen­si­scher […]

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