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Des­halb ha­be ich mei­ne Mei­nung ge­än­dert zu An­ti­se­mi­tis­mus und Anti-​Israelismus

Joshua Mu­rav­chik, 9.12.2015, Mo­saic Ma­ga­zi­ne

Ich hat­te ein­mal ge­dacht, dass es mög­lich ist, die welt­wei­te Wen­dung ge­gen Is­ra­el oh­ne Hin­weis auf An­ti­se­mi­tis­mus an­zu­ge­hen. Nicht mehr.

Die sie­ben Wo­chen des Krie­ges zwi­schen Is­ra­el und der Ha­mas im Som­mer 2014 ver­ur­sach­ten den gröss­ten Aus­fluss an ro­hem An­ti­se­mi­tis­mus seit dem En­de des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Iro­ni­scher­wei­se trat re­la­tiv we­nig da­von, oder zu­min­dest we­ni­ger als üb­lich, in der ara­bi­schen Welt auf: Kai­ro, Da­mas­kus, Bei­rut und Bag­dad wa­ren ru­hi­ger als wäh­rend al­le frü­he­rer Krie­ge zwi­schen Is­ra­el und sei­nen Nach­barn. Aber in Eu­ro­pa und da und dort in La­tein­ame­ri­ka, Afri­ka und so­gar in den USA und Ka­na­da folg­te Zwi­schen­fall auf Zwi­schen­fall von bös­ar­ti­ger Ju­den­het­ze und ge­le­gent­li­che Ge­walt­tä­tig­keit.

Durch ei­nen selt­sa­men Zu­fall kam mein Buch Ma­king Da­vid In­to Go­li­ath: How the World Tur­ned Against Is­ra­el ge­nau an dem Tag her­aus, als die is­rae­li­schen Streit­kräf­te als Re­ak­ti­on auf ei­ne Wel­le von Ra­ke­ten­an­grif­fen der Ha­mas in Ga­za ein­rück­ten. In dem Buch schrieb ich viel über An­ti­zio­nis­mus und An­ti­is­rae­lis­mus, aber we­nig über An­ti­se­mi­tis­mus, ein Punkt, an dem ich im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert wur­de, wenn ich vor jü­di­schem Pu­bli­kum sprach. In An­be­tracht des­sen, dass die welt­weit ak­tu­el­le Feind­se­lig­keit ge­gen­über Is­ra­el of­fen­sicht­lich miss­bräuch­lich ist, ge­hen vie­le da­von aus, dass sei­ne Quel­le im welt­weit äl­tes­ten Hass lie­gen muss. War­um al­so ha­be ich das ver­nach­läs­sigt?

Der Haupt­grund ist, dass ich dar­auf ab­ziel­te, Ver­än­de­run­gen zu er­klä­ren. Kei­ne an­de­re als die is­rae­li­sche Na­ti­on hat je­mals so ei­ne dra­ma­ti­sche Um­kehr er­lebt in der Art, wie sie wahr­ge­nom­men und von der üb­ri­gen Welt be­han­delt wird. Am Vor­abend des Sechs­ta­ge­krieg zeig­ten Um­fra­gen die fran­zö­si­sche und bri­ti­sche Öf­fent­lich­keit Is­ra­el ge­gen­über den Ara­bern zu be­güns­ti­gen durch na­he­zu ein­stim­mi­ge Ver­hält­nis­se (28 zu 1). In den letz­ten Jah­ren hin­ge­gen ha­ben die glei­chen Öf­fent­lich­kei­ten in­ten­si­ve Feind­se­lig­keit ge­gen­über Is­ra­el re­gis­triert. Doch si­cher­lich war die Welt im Jahr 1967 nicht frei von An­ti­se­mi­tis­mus. Wenn „Is­ra­el” ein Stell­ver­tre­ter ist für das ei­gent­li­che Ziel – Ju­den – wä­re das dann nicht schon im Jahr 1967 ma­ni­fest ge­we­sen?

Statt auf An­ti­se­mi­tis­mus kon­zen­trier­te sich mein Buch des­halb auf die kon­kre­ten his­to­ri­schen und po­li­ti­schen Kräf­te, die hel­fen könn­ten, die­se Wen­de ge­gen Is­ra­el zu er­klä­ren. Ers­tens die Be­sat­zung: Der Krieg von 1967 hin­ter­liess Is­ra­el die Kon­trol­le über Ge­bie­te, die von ein paar Mil­lio­nen pa­läs­ti­nen­si­schen Ara­bern be­wohnt wa­ren, und was, durch die Be­schä­di­gung des Pan-​Arabismus, den Weg eb­ne­te für die Kris­tal­li­sa­ti­on des pa­läs­ti­nen­si­schen Na­tio­na­lis­mus. Dies ver­wan­del­te das Bild des Kon­flik­tes von der gros­sen ara­bi­schen Welt ge­gen das win­zi­ge Is­ra­el auf ei­nen Kon­flikt des schein­bar mäch­ti­gen Is­ra­els ge­gen die be­mit­lei­dens­wer­ten Pa­läs­ti­nen­ser. Zwei­tens die Welt­po­li­tik: die Ara­ber, nach­dem sie kläg­lich ge­schei­tert wa­ren, ih­re nu­me­ri­sche Über­le­gen­heit in mi­li­tä­ri­sche Er­fol­ge um­zu­set­zen, lern­ten spät, sie di­plo­ma­tisch ein­zu­set­zen, und ver­wan­del­ten die UNO in die Kan­zel der Welt für die Ver­un­glimp­fung Is­ra­els und den Ma­schi­nen­raum für anti-​israelischen Ak­ti­vis­mus . Drit­tens die welt­wei­te Kam­pa­gne für „so­zia­le Ge­rech­tig­keit”, die die Ju­den zu weis­sen ko­lo­nia­lis­ti­schen Wes­ten und die Ara­ber oder Pa­läs­ti­nen­ser zu „Men­schen an­de­rer Haut­far­be” form­te.

Es gab auch ei­nen se­kun­dä­ren Grund, war­um ich mich nicht auf An­ti­se­mi­tis­mus kon­zen­trier­te: Aus­ser der Ani­mus ge­gen­über Ju­den wird of­fen aus­ge­spro­chen, ist es schwie­rig, die Mo­ti­ve ei­ner an­de­ren Per­son zu ken­nen. Da­her kon­zen­trier­te ich mich in mei­nem Buch auf das, was tat­säch­lich nach­ge­wie­sen wer­den kann, näm­lich dass die meis­ten der Vor­wür­fe ge­gen Is­ra­el falsch, ten­den­zi­ös, un­ver­hält­nis­mäs­sig sind und oft in bö­ser Ab­sicht vor­ge­bracht wer­den. Im Gros­sen und Gan­zen schien mir das wirk­sa­mer, als in ei­ne ste­ri­le De­bat­te über Mo­ti­ve ein­zu­tre­ten. Aus­ser­dem, mit oder oh­ne An­ti­se­mi­tis­mus ist Hass auf Is­ra­el in sich selbst das Töd­lichs­te, de sich das jü­di­sche Volk seit Hit­ler ge­gen­über sieht, und selbst die­je­ni­gen, die vor der Be­ge­hung von Ge­walt ge­gen Is­ra­el mit ei­ge­nen Hän­den zu­rück­schre­cken wür­den, ar­bei­ten hart dar­an, es zu schä­di­gen oder, im Fall der BDS-​Kampagne, zie­len dar­auf ab, es zu un­ter­gra­ben und zu zer­stö­ren.

 

Und doch: Ob­wohl ich 2013 – 14 noch dach­te, dass es mög­lich sei, mit An­ti­is­rae­lis­mus oh­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma des An­ti­se­mi­tis­mus um­zu­ge­hen, so den­ke ich heu­te nicht mehr so. Das nack­te an­ti­jü­di­sche Vi­tri­ol, das durch Re­ak­tio­nen auf den Krieg in Ga­za aus­ge­schüt­tet und das seit­dem nur in­ten­si­viert wur­de, macht deut­lich, dass, ob der An­ti­se­mi­tis­mus nun die un­aus­ge­spro­che­ne Quel­le der Feind­se­lig­keit ge­gen­über Is­ra­el ist, so ist die Um­keh­rung si­cher wahr: Hass auf Is­ra­el ist zu sol­chem Fie­ber an­ge­wach­sen, dass er ei­nen un­ge­schmink­ten Ju­den­hass ent­fes­selt hat. Letzt­lich, was im­mer zu­erst kommt, die Gren­ze zwi­schen An­ti­is­rae­lis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus wird von Tag zu Tag dün­ner.

Es gibt hier ein Pa­ra­do­xon: gro­be oder ge­walt­tä­ti­ge Äus­se­run­gen der Feind­se­lig­keit ge­gen Ju­den muss nicht un­be­dingt be­deu­ten, dass der An­ti­se­mi­tis­mus selbst sich aus­brei­tet. In der Tat deu­ten jüngs­te ge­sell­schafts­wei­te Um­fra­gen, dass er in den USA und auch in Eu­ro­pa im­mer we­ni­ger ver­brei­tet ist. Gleich­zei­tig ist je­doch die Häu­fig­keit von Hass­ver­bre­chen ge­gen Ju­den, ins­be­son­de­re in Eu­ro­pa, stark ge­stie­gen. Und hier­auf kön­nen wir uns mit ei­ni­ger Ge­nau­ig­keit ein­schies­sen. Man­ches an Miss­brauch und Ge­walt ist auf Skin­heads oder Neo­na­zis zu­rück­zu­füh­ren. Doch der Lö­wen­an­teil ist die Ar­beit von mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rern oder ih­ren Nach­kom­men.

Die Quel­le ist nicht schwer zu fin­den: in wei­ten Tei­len der is­la­mi­schen Welt und in na­he­zu der ge­sam­ten ara­bi­schen Welt, wird nur sel­ten zwi­schen Is­ra­el und Ju­den un­ter­schie­den. So­mit heisst es in der Hamas-​Charta: „Is­ra­el, Ju­den­tum und Ju­den [Her­vor­he­bung hin­zu­ge­fügt] for­dern den Is­lam und die Mus­li­me her­aus,” un­ter Hin­zu­fü­gung ei­nes an­geb­li­chen Zi­ta­tes von Mo­ham­med: „Der Tag des jüngs­ten Ge­richts wird nicht kom­men, bis die Mus­li­me nicht die Ju­den be­kämp­fen, [und] die Stei­ne und Bäu­me wer­den sa­gen: O Mus­li­me, es ist ein Ju­de hin­ter mir, komm und tö­te ihn.” Die Pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de (PA), et­was we­ni­ger blu­tig, ver­schmilzt Ju­den und Is­ra­el in ähn­li­cher Wei­se, et­wa wenn ein PA-​Botschafter an ei­ner in­ter­na­tio­na­len Kon­fe­renz sagt, die „Wei­sen von Zi­on” ei­nen Mas­ter­plan für das „Do­mi­nie­ren des Le­bens auf de gan­zen Pla­ne­ten” hät­ten.

Wie die­se Bei­spie­le zei­gen, ver­schmilzt die Ab­nei­gung ge­gen Is­ra­el leicht mit tra­di­tio­nel­len re­li­giö­sen Vor­ur­tei­len, die sich auf den Ko­ran und das Le­ben des Pro­phe­ten zu­rück­füh­ren las­sen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Er­folg von Is­ra­el in sei­nem Kampf mit den Ara­bern be­son­ders är­ger­lich, und die po­pu­lä­re Phan­ta­sie hat Ju­den mit so et­was wie dä­mo­ni­schen Kräf­ten aus­ge­stat­tet. Im Ge­gen­zug hat die Dä­mo­ni­sie­rung oft töd­li­che Fol­gen, wie die vie­len Fäl­le von ge­walt­tä­ti­gen Ag­gres­sio­nen, die an­geb­lich von  Mus­li­men ge­gen Is­ra­el ge­rich­tet sind, die aber auf nicht-​israelische Ju­den in Eu­ro­pa zie­len.

Al­lein in Frank­reich be­ginnt die Ge­schich­te mit ei­nem Bom­ben­an­schlag auf ei­ne Syn­ago­ge in Pa­ris von 1980, der vier tö­te­te und 40 ver­letz­te, und er­streckt sich bis zum Dschihad-​Angriff auf den ko­sche­ren Su­per­markt im Ja­nu­ar die­ses Jah­res. Hin­zu kommt die we­nig be­ach­te­te Tat­sa­che, dass im An­griff Ta­ge zu­vor auf die Bü­ros von Char­lie Heb­do al­le an­we­sen­den Frau­en ver­schont wur­den mit Aus­nah­me ei­ner, von der die Mör­der of­fen­bar wuss­ten, dass sie jü­disch war, und den neue­ren An­ga­ben über die Ab­sich­ten der 13.-November-Planer des Is­la­mi­schen Staa­tes, sich von ih­ren ur­sprüng­li­chen Zie­len weg zu spe­zi­fisch jü­di­schen zu be­we­gen. Fü­gen wir die An­grif­fe in Wien (1982) und Rom (1984) und auf das Chabad-​Haus in Mum­bai (2004) hin­zu; die Bom­bar­die­rung des jü­di­schen Ge­mein­de­zen­trums in Bue­nos Ai­res, für die der Iran fe­der­füh­rend war, die 84 tö­te­te und Hun­der­te ver­letz­te (1994); und vie­le mehr.

Ein Er­geb­nis die­ser an­dau­ern­den Ge­walt war die welt­wei­te Flucht der Ju­den aus den Län­dern, die sie bis­her ge­schütz­ten hat­ten. Es be­gann al­les im Na­hen Os­ten, wo die Ge­burt des jü­di­schen Staa­tes im Jahr 1948 ein neu­es Ka­pi­tel in der Ju­den­ver­fol­gung er­öff­ne­te, als Ju­den aus ara­bi­schen Län­dern ver­trie­ben wur­den, und im Jahr 1979, nach der Is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on, aus dem Iran flo­hen. Der Auf­stieg der is­la­mis­ti­schen Be­we­gung der Tür­kei im letz­ten Jahr­zehnt, zu­sätz­lich zu Mas­sen­mor­den in tür­ki­schen Syn­ago­gen in den Jah­ren 1986 und 2003, ha­ben ei­ne Flucht von Ju­den aus die­sem Land aus­ge­löst, vor kur­zem noch be­schleu­nigt an­ge­sichts der of­fe­nen Be­schimp­fun­gen in den Me­di­en und des Boy­kotts jü­di­scher Ge­schäf­te.

Nicht-​muslimische Län­der, de­ren Re­gie­run­gen mit anti-​israelischen Kräf­ten ver­bün­det sind – Ve­ne­zue­la, des­sen Dik­ta­tor Hu­go Cha­vez den Iran oder Süd­afri­ka um­armt, wo der do­mi­nan­te Af­ri­can Na­tio­nal Con­gress seit lan­gem en­ge Be­zie­hun­gen zur PLO pflegt – ha­ben auch Wel­len der Schmä­hun­gen und von Ge­walt an ein­hei­mi­schen Ju­den ge­se­hen und ei­ne dar­aus fol­gen­de ra­di­ka­le Re­duk­ti­on ih­rer jü­di­schen Be­völ­ke­rung.

Da die Zahl der Or­te auf der Er­de, wo Ju­den in Frie­den und Si­cher­heit woh­nen kön­nen, ge­schrumpft ist, hat sich die Fra­ge er­ge­ben, ob Eu­ro­pa auch wei­ter­hin zu den we­ni­gen ver­blei­ben­den sol­chen Or­ten ge­hört. Er­eig­nis­se vor und seit Ju­ni 2014 ha­ben ei­ni­ge ernst­haf­te Be­ob­ach­ter da­von über­zeugt, dass die Ant­wort nein ist. Ju­den ha­ben Eu­ro­pa ver­las­sen, und ins­be­son­de­re Frank­reich, in Zah­len wie seit den 1930er Jah­ren nicht mehr ge­se­hen. „Wir se­hen den An­fang vom En­de der jü­di­schen Ge­schich­te in [West-] Eu­ro­pa”, sag­te Na­tan Sha­ran­sky, der Vor­sit­zen­de der Je­wish Agen­cy. Aus­ser die Be­am­ten in die­sen Län­dern sind be­reit, mit un­ge­wohn­ter Stren­ge zu han­deln, um die An­grif­fe der ra­di­ka­len Is­la­mis­ten zu un­ter­drü­cken, ist ei­ne be­trächt­li­che Ab­wan­de­rung bei­na­he un­ver­meid­lich.

 

 

Was all das na­he­legt, ist, dass die Mi­schung aus Is­rael­hass und An­ti­se­mi­tis­mus, wäh­rend sie un­ter Mus­li­men am wei­tes­ten ver­brei­tet ist, kaum aus­schliess­lich für sie zu­trifft. Ob­wohl West­ler, die re­spek­ta­bel blei­ben wol­len, im­mer dar­auf be­stehen, dass ih­re an­ti­is­rae­li­schen Ge­füh­le sie nicht zu An­ti­se­mi­ten ma­chen, be­wei­sen oder im­pli­zie­ren die Be­wei­se oft et­was an­de­res.

Neh­men wir zum Bei­spiel die ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler John Me­ar­shei­mer und Ste­phen Walt, die in ei­nem Auf­satz über den un­heil­vol­len Ein­fluss der „Israel-​Lobby” – ela­bo­riert in ih­rem Buch The Is­ra­el Lob­by and U.S. For­eign Po­li­cy von 2007 – er­klär­ten sich de­zi­diert als „philo-​Semiten.” Nur ein paar Jah­re spä­ter je­doch schlug Me­ar­shei­mer vor, Ju­den in zwei Ka­te­go­ri­en zu un­ter­tei­len: „Ge­rech­te Ju­den”, das heisst die­je­ni­gen, die Is­ra­el has­sen, oder ihm zu­min­dest die Schuld für den Kon­flikt mit den Ara­bern ge­ben, und der gan­ze Rest, die er als „Afri­kaaner” be­zeich­ne­te. Die Un­ter­schei­dung wirft kein Licht auf Ju­den, son­dern viel­mehr dar­auf, wie Me­ar­shei­mer ih­nen ge­gen­über fühlt.

Wenn sie mit dem An­ti­se­mi­tis­mus­vor­wurf kon­fron­tiert wer­den, re­agie­ren Me­ar­shei­mer und je­ne, die so den­ken wie er – ein­schliess­lich der Blog­ger An­drew Sul­li­v­an, der den bes­se­ren Teil ei­nes Jahr­zehnts da­mit ver­bracht hat, Vi­tri­ol auf Is­ra­el und sei­ne Un­ter­stüt­zer aus­zu­gies­sen – mit dem Vor­wurf an ih­re Kri­ti­ker, sie „spiel­ten die Anti-​Semitismus-​Karte” in ei­nem Ver­such, sie zum Schwei­gen zu brin­gen. In Me­ar­shei­mers Wor­ten: „al­le, die is­rae­li­sche Ak­tio­nen kri­ti­sie­ren und sa­gen, dass Pro-​Israel-​Gruppen mass­geb­li­chen Ein­fluss ha­ben auf die US-​Politik im Na­hen Os­ten, ha­ben gu­te Chan­cen, als An­ti­se­mi­ten eti­ket­tiert zu wer­den.” In Sul­li­v­ans Wor­ten: „Kri­tik an AIPAC ist für Nicht-​Juden ver­bo­ten – aus Angst, als An­ti­se­mit be­zeich­net zu wer­den.”

Die Be­haup­tung ist ab­surd. Be­den­ken Sie, dass prak­tisch je­der Leit­ar­ti­kel der New York Times, der sich mit dem Na­hen Os­ten be­fasst, Is­ra­el zu­min­dest teil­wei­se kri­ti­siert; das glei­che gilt für den Ko­lum­nis­ten für aus­wär­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten der­sel­ben Zei­tung, Tho­mas Fried­man; dass dies nicht we­ni­ger zu­trifft auf die meis­ten der gros­sen Print- und elek­tro­ni­schen Me­di­en, dar­un­ter der New Yor­ker, der New York Re­view of Books, der Na­tio­nal In­te­rest und an­de­re in­tel­lek­tu­el­le und aus­sen­po­li­ti­sche Zeit­schrif­ten; dass jü­di­sche Ma­ga­zi­ne wie Ta­blet und der For­ward eben­falls rou­ti­ne­mäs­sig schar­fe Kri­tik selbst in Ar­ti­keln üben, die Is­ra­el ver­tei­di­gen; und dass die Ar­beits­ge­mein­schaft Vor­de­rer Ori­ent, die do­mi­nie­ren­de Be­rufs­or­ga­ni­sa­ti­on von Wis­sen­schaft­lern auf dem Ge­biet, hef­tig und gleich­mäs­sig is­rael­feind­lich ist.

Kurz ge­sagt, Is­ra­el an­zu­grei­fen evo­ziert nie an sich ei­ne Be­schul­di­gung des An­ti­se­mi­tis­mus von ernst­haf­ten Or­ten her und selbst hef­ti­ge und wie be­ses­se­ne An­grif­fe schei­nen je­man­den nicht aus der fei­nen Ge­sell­schaft aus­zu­schlies­sen. Man dreht die An­schul­di­gung bes­ser um: je­der, der pro­tes­tiert, dass Is­rael­kri­tik ein un­fai­res Ri­si­ko dar­stellt, zu Un­recht als An­ti­se­mit be­zeich­net zu wer­den, ist wahr­schein­lich ein An­ti­se­mit, der ver­sucht, Kri­tik zu­vor­zu­kom­men.

His­to­risch ge­se­hen wur­de der An­ti­se­mi­tis­mus häu­fig mit der Rech­ten in Ver­bin­dung ge­bracht, aber heu­te fin­det sich ra­sen­der und ob­ses­si­ver Hass auf Is­ra­el, der an die Gren­zen des An­ti­se­mi­tis­mus reicht und manch­mal dar­über hin­aus­geht, vor al­lem auf der lin­ken Sei­te. Am deut­lichs­ten wird dies wie­der­um in der BDS-​Kampagne, be­kannt für ih­re ekla­tan­te Dop­pel­mo­ral. Ob­wohl in der Re­gel Un­ter­stüt­zer be­haup­ten, dass der Zweck von BDS sei, pa­läs­ti­nen­si­sche Men­schen­rech­te zu schüt­zen, hat die Be­we­gung nie die uni­ver­sel­le Miss­hand­lung (oder Schlach­tung) der Pa­läs­ti­nen­ser in den ara­bi­schen Län­dern, zu­letzt in Sy­ri­en, an­ge­spro­chen. Is­ra­els ei­ge­ne Men­schen­rechts­bi­lanz ist Licht­jah­re bes­ser als die von al­len um­ge­ben­den Staa­ten zu­sam­men­ge­nom­men, doch we­der BDS selbst, noch ei­ner der Kir­chen, Ge­werk­schaf­ten, aka­de­mi­schen Ver­bän­de, oder Stu­den­ten­ver­ei­ni­gun­gen, die ab­ge­stimmt ha­ben, um Is­ra­el zu boy­kot­tie­ren oder zu sank­tio­nie­ren hat je­mals ir­gend ei­nen an­de­ren Staat den­sel­ben Mass­stä­ben un­ter­wor­fen. Das ist es, was La­wrence Sum­mers, den ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Har­vard Uni­ver­si­ty, da­zu auf­ge­for­dert hat, mit per­fek­ter Ge­nau­ig­keit zu sa­gen, dass BDS „an­ti­se­mi­tisch in sei­ner Wir­kung, wenn nicht in sei­ner Ab­sicht” ist.

Ne­ben dem ste­ti­gen An­stieg der BDS-​Aktivitäten ha­ben die letz­ten Jah­ren ei­nen star­ken An­stieg an Israel-​Bashing und An­ti­se­mi­tis­mus auf Col­le­ges und Uni­ver­si­tä­ten ge­se­hen, wo lin­ke Mei­nun­gen zu do­mi­nie­ren nei­gen, ein­schliess­lich Be­läs­ti­gun­gen oder An­grif­fe auf jü­di­sche Stu­den­ten von „anti-Israel”-Demonstranten. In ei­ner na­tio­na­len Um­fra­ge von 2014 sag­ten 54 Pro­zent der jü­di­schen Stu­den­ten, sie hät­ten ei­nen an­ti­sei­ti­schen Vor­fall per­sön­lich er­lebt oder sei­en Zeu­ge da­von ge­we­sen.

Die­se Zahl ist er­schre­ckend hoch; Da lei­der kei­ne frü­he­ren Un­ter­su­chun­gen für Ver­gleichs­zwe­cke vor­han­den sind, sind die Da­ten schwer zu in­ter­pre­tie­ren. Viel­leicht über­spitzt sich An­ti­se­mi­tis­mus auf dem Cam­pus, viel­leicht auch nicht. Aber man kann ge­trost sa­gen: die vor­herr­schen­de At­mo­sphä­re der aku­ten aka­de­mi­schen Sen­si­bi­li­tät für je­de Art von leich­ter oder ver­meint­li­cher Be­lei­di­gung für an­de­re Iden­ti­täts­grup­pen ist deut­lich we­ni­ger of­fen­sicht­lich, wenn es um of­fe­nen An­ti­se­mi­tis­mus geht.

Da­her, als ei­ne Kam­pa­gne an der UCLA ver­lang­te, dass Kan­di­da­ten für Stu­den­ten­ver­wal­tun­gen Zu­sa­gen un­ter­schrei­ben müss­ten, dass sie nicht an Rei­sen nach Is­ra­el von pro-​israelischen Or­ga­ni­sa­tio­nen teil­neh­men, hat der Uni­ver­si­täts­ver­wal­ter, nach­dem er ord­nungs­ge­mäss sei­ne per­sön­li­che Ab­nei­gung ge­gen die For­de­rung re­gis­trier­te, den­noch dar­auf be­stan­den, dass die Po­si­ti­on der Kam­pa­gne „di­rekt in den Be­reich der frei­en Mei­nungs­äus­se­rung fällt, und Mei­nungs­frei­heit ist an je­dem Uni-​Campus un­an­tast­bar.” Wenn ei­ne gleich­ar­ti­ge For­de­rung ge­gen­über Schwar­zen oder La­ti­nos oder Fe­mi­nis­tin­nen oder Ho­mo­se­xu­el­len ge­macht wor­den wä­re, so wür­de kei­ne Ver­wal­tung sich so schnell auf die Hei­lig­keit der frei­en Re­de be­ru­fen.

Selbst­ver­ständ­lich ver­stär­ken die Hoch­schu­len selbst nur vor­han­de­ne Strö­me der po­li­ti­schen Kul­tur im All­ge­mei­nen, wie durch den US-​Präsidenten ver­kör­pert. Ob­wohl Ba­rack Oba­ma sich in Kon­tro­ver­sen mit ei­nem ras­si­schen As­pekt ge­wor­fen hat, wie die Ver­haf­tung von Hen­ry Lou­is Gates, die Er­schies­sung von Tray­von Mar­tin, und dem Mas­sa­ker an schwar­zen Gläu­bi­gen durch ei­nen weis­sen Ras­sis­ten in South Ca­ro­li­na, scheint er vom An­ti­se­mi­tis­mus nur we­nig be­wegt zu sein. Nach­dem fran­zö­si­sche mus­li­mi­sche Dschi­ha­dis­ten Kun­den des ko­sche­ren Su­per­mark­tes in Pa­ris mas­sa­kriert hat­ten, da­bei vier Ju­den zum Tö­ten aus­sor­tier­ten, zeig­te der Prä­si­dent be­mer­kens­wer­te Gleich­gül­tig­keit: Nicht nur dass er die Teil­nah­me am an­schlies­sen­den So­li­da­ri­täts­marsch in Pa­ris ab­lehn­te, noch ei­nen Ver­tre­ter an sei­ner Stel­le zu schi­cken, nein, in ei­nem In­ter­view ent­liess er die Mör­der als „Ei­fe­rer… die nach dem Zu­falls­prin­zip ei­ne Rei­he von Leu­ten in ei­nem Fein­kost­la­den er­schos­sen.”

 

Der Gum­mi von Oba­mas Un­be­küm­mert­heit trifft auf die Stras­se der jü­di­schen Ge­fähr­dung an der Stel­le von Irans Stre­ben nach der Atom­bom­be. Im Ver­such, die Op­po­si­ti­on durch Un­ter­stüt­zer Is­ra­els ge­gen sei­nen ge­heg­ten nu­klea­ren Deal ab­zu­stump­fen, schür­te Oba­ma die Ängs­te, die er an­geb­lich zu zer­streu­en be­ab­sich­tig­te. Über den vi­ru­len­ten An­ti­se­mi­tis­mus der ira­ni­schen Macht­ha­ber sag­te er:

Die Tat­sa­che, dass du an­ti­se­mi­tisch oder ras­sis­tisch bist, schliesst dich nicht vom Über­le­bens­wil­len aus. Es hin­dert dich nicht dar­an, ra­tio­nal zu blei­ben be­züg­lich der Not­wen­dig­keit, die Wirt­schaft über Was­ser zu hal­ten; es hält dich nicht da­von ab, stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen dar­über zu tref­fen, wie du an der Macht bleibst.

Wie es sich er­gibt, war Iran schon lan­ge im sel­ben Boot mit an­de­ren dik­ta­to­ri­schen Re­gi­men, des­sen Ent­schei­dun­gen von Ideo­lo­gen im Wi­der­spruch zu ra­tio­na­len Über­le­gun­gen ge­trof­fen wur­den, die manch­mal zu ka­ta­stro­pha­len Ef­fek­ten führ­ten – wie im kom­mu­nis­ti­schen Chi­na der „Gros­se Sprung nach vorn”, der ei­ne Hun­gers­not ver­ur­sach­te, die schät­zungs­wei­se 20 – 50 Mil­lio­nen Le­ben kos­te­te. Kein Ar­gu­ment konn­te we­ni­ger be­ru­hi­gend sein für Ju­den, als die Prä­mis­se, dass die wirt­schaft­li­chen Ei­gen­in­ter­es­sen im­mer über An­ti­se­mi­tis­mus tri­um­phie­ren wer­den. Ju­den sind von vie­len Or­ten ver­trie­ben wor­den, im­mer un­ter wirt­schaft­li­chen Nach­tei­len der be­tref­fen­den Ge­sell­schaf­ten. Und die­ses Mus­ter wur­de wie­der­holt und ab­ge­run­det im Ho­lo­caust, des­sen gröss­ter Teil aus­ge­führt wur­de, als sich das Kriegs­glück be­reits ge­gen Hit­ler zu wen­den be­gon­nen hat­te und al­le mög­li­chen Res­sour­cen für die deut­sche Kriegs­an­stren­gun­gen nö­tig wa­ren. Den­noch, im Ge­gen­satz zu Oba­mas Theo­rie, dass die auf Hass ba­sie­ren­de Po­li­tik nur ver­folgt wird, „wenn die Kos­ten nied­rig sind,” war Hit­ler be­reit, Men­schen und Ma­te­ri­al ab­zu­zwei­gen und sein Land, sein Ré­gime und sein ei­ge­nes Le­ben zu op­fern auf der ziel­stre­bi­gen Ver­fol­gung sei­nes Has­ses.

Heu­te, steht ein Ré­gime, das nicht mü­de wird, sei­ne völ­ker­mör­de­ri­schen Ab­sich­ten ge­gen­über Ju­den an­zu­kün­di­gen, an der Schwel­le zur Atom­bom­be und da­mit sein Ziel zu er­fül­len, der He­ge­mon des mus­li­mi­schen Na­hen Os­ten zu wer­den und sich die Macht an­zu­eig­nen, ei­nen zwei­ten Ho­lo­caust zu ver­üben. Trotz Oba­mas sim­pli­zis­ti­scher Theo­ri­en wird der Iran die­ses Stre­ben nicht auf­ge­ben, um sein BIP zu er­hö­hen.

Im An­ge­sicht der stei­gen­den Ge­fahr macht es für die Ju­den kaum ei­nen Un­ter­schied, wel­ches zu­erst kommt, Hass auf Ju­den oder Hass auf Is­ra­el. Die Ge­fahr ent­steht nicht da­durch, weil sich der Hass aus­brei­tet; die Ge­fahr ent­steht, weil der Hass im­mer töd­li­cher wird, wäh­rend der ra­di­ka­le Is­lam im­mer ex­tre­mer wird. Der Iran scho­ckiert ein­mal die Welt mit sei­nem mut­wil­li­gen Rück­griff auf Ter­ror, sei­nem Miss­brauch der di­plo­ma­ti­sche Im­mu­ni­tät und sei­ner Ze­le­brie­rung des Has­ses. Dann Al-​Kaida, die noch über­trie­be­ner schei­nen, ver­dun­kel­te den Schock­wert des Iran, und jetzt über­traf der Is­la­mi­sche Staat so­gar Al-​Qaida. Die Ju­den sind nicht die ein­zi­gen Zie­le, aber sie sind ein be­son­ders ge­fähr­de­tes, und wie die An­grif­fe häu­fi­ger und hef­ti­ger wer­den in ver­schie­de­nen Tei­len der Dia­spo­ra, wird das Le­ben für die Ju­den im­mer schwie­ri­ger oder gar un­mög­lich.

Und dies, zu­sätz­lich zur Stei­ge­rung der Ge­walt des ra­di­ka­len Is­lam, weist auf die zwei­te Quel­le der Ge­fahr hin, mit der sich heu­ti­ge Ju­den kon­fron­tiert se­hen. Die­se Quel­le ist die Le­thar­gie, Feig­heit und Gleich­gül­tig­keit der west­li­chen Füh­rer, po­li­ti­schen Eli­ten, Kir­chen­män­ner, Künst­ler und Intellektuellen- und Hoch­schul­ad­mi­nis­tra­to­ren und Do­zen­ten. So sind die Ju­den wie­der ein­mal sich selbst über­las­sen, um mit ei­ner Be­dro­hung für ih­re Exis­tenz fer­tig zu wer­den, ob­wohl das, was sie be­droht – wie in New York und Wa­shing­ton und Pa­ris und Lon­don und Ma­drid und an­ders­wo be­reits – auch an­de­re be­dro­hen und tö­ten wird.

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