StartseiteNaher OstenWar­um has­sen sie die Juden?

Facebook-​Posting von Noël Ratz in der Grup­pe „Eu­ro­peans against An­ti­se­mi­tism”, ur­sprüng­lich pu­bli­ziert von
Al­bert Ein­stein, 26. 11. 1938, Collier’s Magazine

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Wenn du es nicht auf ein­fa­che Wei­se er­klä­ren kannst, dann ver­stehst du es noch nicht gut ge­nug. – Al­bert Einstein

Ei­gent­lich möch­te ich mit ei­ner al­ten Fa­bel be­gin­nen, mit ein paar klei­nen Än­de­run­gen – ei­ne Fa­bel, die da­zu dient, auf küh­ne Wei­se die Trieb­fe­dern des po­li­ti­schen An­ti­se­mi­tis­mus in die Waag­scha­le zu werfen:

Der Hir­ten­jun­ge sag­te zum Pferd: „Du bist das edels­te Tier, das die Er­de be­schrei­tet. Du ver­dienst es, in un­be­schwer­tem Glück zu le­ben, und in der Tat wä­re dein Glück kom­plett, gä­be es nicht den ver­rä­te­ri­schen Hirsch. Doch er üb­te von Klein auf, dich zu über­tref­fen in der Schnel­lig­keit des Fus­ses. Sein schnel­le­res Tem­po er­laubt es ihm, die Was­ser­lö­cher vor dir zu er­rei­chen. Er und sein Stamm trin­ken das Was­ser weit und breit, wäh­rend du und dein Foh­len dem Durst über­las­sen blei­ben. Bleib bei mir! Mei­ne Weis­heit und Füh­rung wer­den dich und dei­ne Art aus düs­te­rem und schmach­vol­lem Zu­stand befreien.”

Von Neid und Hass ge­gen­über dem Hirsch ge­blen­det, stimm­te das Pferd zu. Er über­gab dem Hir­ten­bur­schen sei­nen Zaum. Er ver­lor sei­ne Frei­heit und wur­de des Hir­ten Sklave.

Das Pferd in die­ser Fa­bel stellt ein Volk dar, und der Hir­ten­jun­ge ei­ne Klas­se oder Cli­que von An­wär­tern auf die ab­so­lu­te Herr­schaft über das Volk; der Hirsch auf der an­de­ren Sei­te stellt die Ju­den dar.

Ich hö­re Sie sa­gen: „Ei­ne höchst un­wahr­schein­lich Ge­schich­te! Kein Ge­schöpf wä­re so dumm wie das Pferd in der Fabel.”

Doch den­ken wir et­was län­ger dar­über nach. Das Pferd hat­te die Qua­len der Durst er­lit­ten, und sei­ne Ei­tel­keit ist oft ge­sto­chen wor­den, wenn es sah, wie ihm der flin­ke Hirsch da­von­lief. Sie, die Sie kei­nen sol­chen Schmerz und Är­ger ge­kannt ha­ben, fin­den es viel­leicht schwie­rig, zu ver­ste­hen, wie Hass und Blind­heit das Pferd da­zu trei­ben kann, so schlecht be­ra­ten und in leicht­gläu­bi­ger Ei­le zu han­deln. Das Pferd fiel je­doch als leich­tes Op­fer der Ver­su­chung an­heim, weil sei­ne frü­he­ren Wir­run­gen es auf ei­nen sol­chen Feh­ler vor­be­rei­tet hat­ten. Denn es steckt viel Wahr­heit in dem Sprich­wort, dass es ein­fach ist, – an­de­ren! – ge­rech­te und wei­se Rat­schlä­ge zu ge­ben, je­doch schwer, recht und klug für sich selbst zu han­deln. Ich sa­ge euch mit vol­ler Über­zeu­gung: Wir al­le ha­ben oft die tra­gi­sche Rol­le des Pfer­des ge­spielt und wir sind in stän­di­ger Ge­fahr, der Ver­su­chung nachzugeben.

Die in die­ser Fa­bel dar­ge­stell­te Si­tua­ti­on er­eig­net sich im­mer und im­mer wie­der im Le­ben von Men­schen und Völ­kern. Kurz ge­sagt, kön­nen wir es das Ver­fah­ren nen­nen, durch das Ab­nei­gung und Hass ge­gen ei­ne be­stimm­te Per­son oder Grup­pe an ei­ne an­de­re Per­son oder Grup­pe um­ge­lei­tet wird, die nicht in der La­ge ist, sich ef­fek­tiv zu ver­tei­di­gen. Doch war­um ist die Rol­le des Hir­sches in der Fa­bel so oft den Ju­den zu­ge­fal­len? War­um ha­ben sich die Ju­den so oft den Hass der Mas­sen zu­ge­zo­gen? In ers­ter Li­nie, weil es in fast al­len Na­tio­nen Ju­den gibt, und weil sie über­all zu dünn ge­streut sind, um sich ge­gen ge­walt­tä­ti­ge An­grif­fe zu verteidigen.

Ei­ni­ge Bei­spie­le aus der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit be­wei­sen die­sen Punkt: Ge­gen En­de des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts seufz­ten die rus­si­schen Men­schen un­ter der Ty­ran­nei ih­rer Re­gie­rung. Dum­me Feh­ler in der Aus­sen­po­li­tik führ­ten zu wei­te­ren An­span­nun­gen ih­res Tem­pe­ra­ments, bis es den Bruch­punkt er­reich­te. In die­ser Ex­trem­si­tua­ti­on ver­such­ten die Herr­scher von Russ­land, Un­ru­hen durch die An­stif­tung der Mas­sen zu Hass und Ge­walt ge­gen­über den Ju­den ab­zu­len­ken. Die­se Tak­tik wur­de wie­der­holt, nach­dem die rus­si­sche Re­gie­rung die ge­fähr­li­che Re­vo­lu­ti­on von 1905 in Blut er­tränkt hat­te und die­ses Ma­nö­ver wird gut da­zu bei­ge­tra­gen ha­ben, das ver­hass­te Ré­gime bis kurz vor dem En­de des Welt­krie­ges an der Macht zu halten.

Als die Deut­schen den Welt­krieg ver­lo­ren hat­ten, der von ih­rer herr­schen­den Klas­se ge­hegt wor­den war, wur­de so­fort ver­sucht, den Ju­den die Schuld zu ge­ben, zu­nächst für die An­stif­tung zum Krieg und dann, ihn zu ver­lie­ren. Im Lau­fe der Zeit wur­den die­se Be­mü­hun­gen mit Er­folg  be­lohnt. Der Hass, der ge­gen die Ju­den ge­schürt wur­de, schützt nicht nur die pri­vi­le­gier­ten Klas­sen, son­dern er­laub­te ei­ner klei­nen, skru­pel­lo­sen und fre­chen Grup­pe, das deut­sche Volk in ei­nem Zu­stand der voll­stän­di­gen Knecht­schaft zu halten.

Die Ver­bre­chen, de­rer die Ju­den im Lau­fe der Ge­schich­te be­zich­tigt wur­den – Ver­bre­chen, die die Gräu­el­ta­ten ge­gen sie recht­fer­ti­gen soll­ten – wur­den in ra­scher Fol­ge ge­än­dert. Sie sol­len Brun­nen ver­gif­tet ha­ben. Man sag­te ih­nen nach, Kin­der zu ri­tu­el­len Zwe­cken er­mor­det ha­ben. Sie wur­den fälsch­li­cher­wei­se des sys­te­ma­ti­schen Ver­suchs der wirt­schaft­li­chen Do­mi­nie­rung und Aus­beu­tung der Mensch­heit be­schul­digt. Pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Bü­cher wur­den ge­schrie­ben, um sie als min­der­wer­ti­ge, ge­fähr­li­che Ras­se zu brand­mar­ken. Man gab ih­nen den Ruf, Krie­ge und Re­vo­lu­tio­nen aus ego­is­ti­schen Grün­den her­aus zu schü­ren. Sie wur­den gleich­zei­tig als ge­fähr­li­che In­no­va­to­ren und als Fein­de des wah­ren Fort­schritts dar­ge­stellt. Sie wur­den be­schul­digt, die Kul­tur der Völ­ker zu ver­fäl­schen durch Ein­drin­gen in das na­tio­na­le Le­ben un­ter dem Deck­man­tel der As­si­mi­lie­rung. Im glei­chen Atem­zug be­klag­te man, sie sei­en so stur und un­fle­xi­bel, dass es ih­nen un­mög­lich sei, über­haupt in ei­ne Ge­sell­schaft zu passen.

Fast un­vor­stell­bar wa­ren die An­kla­gen, die ge­gen sie er­ho­ben wur­den, Be­schul­di­gun­gen, die ih­ren An­klä­gern die längs­te Zeit als falsch wohl be­kannt wa­ren, die aber trotz­dem im­mer wie­der die Mas­sen be­ein­fluss­ten. In Zei­ten von Un­ru­he und Tur­bu­len­zen sind die Mas­sen Hass und Grau­sam­keit zu­ge­neigt, wäh­rend in Zei­ten des Frie­dens die­se Zü­ge nur heim­lich aus der mensch­li­chen Na­tur hervorgehen.

Bis zu die­sem Punkt ha­be ich nur von Ge­walt und Un­ter­drü­ckung ge­gen Ju­den ge­spro­chen – nicht von An­ti­se­mi­tis­mus als psy­cho­lo­gi­sches und so­zia­les Phä­no­men, das selbst zu Zei­ten und Um­stän­den exis­tiert, zu de­nen kei­ne spe­zi­el­len Mass­nah­men ge­gen Ju­den im Gan­ge sind. In die­sem Sin­ne kann man von la­ten­tem An­ti­se­mi­tis­mus spre­chen. Was ist sei­ne Grund­la­ge? Ich glau­be, dass man ihn in ei­nem ge­wis­sen Sin­ne tat­säch­lich als ei­ne nor­ma­le Er­schei­nung im Le­ben ei­nes Vol­kes an­se­hen kann.

Die Mit­glie­der jeg­li­cher Grup­pen in ei­nem Land sind ein­an­der stär­ker ver­bun­den, als zur üb­ri­gen Be­völ­ke­rung. Da­her wird ei­ne Na­ti­on nie­mals rei­bungs­frei sein, so­lan­ge sol­che Grup­pen wei­ter­hin un­ter­scheid­bar sind. Ich glau­be, dass Uni­for­mi­tät in ei­ner Po­pu­la­ti­on nicht wün­schens­wert ist, selbst wenn sie er­reich­bar wä­re. Ge­mein­sa­me Über­zeu­gun­gen und Zie­le, ähn­li­che In­ter­es­sen, wer­den in je­der Ge­sell­schaft Grup­pen pro­du­zie­ren, die, in ei­nem ge­wis­sen Sin­ne als Ein­hei­ten wir­ken. Es wird im­mer Rei­bungs­punk­te ge­ben zwi­schen sol­chen Grup­pen – die sel­be Art von Ab­nei­gung und Ri­va­li­tät, die auch zwi­schen den In­di­vi­du­en existiert.

Die Not­wen­dig­keit von sol­chen Grup­pie­run­gen ist viel­leicht am sicht­bars­ten auf dem Ge­biet der Po­li­tik, bei der Bil­dung von po­li­ti­schen Par­tei­en. Oh­ne Par­tei­en lei­den die po­li­ti­schen In­ter­es­sen der Bür­ger ei­nes Staa­tes. Es gä­be kein Fo­rum für den frei­en Aus­tausch von Mei­nun­gen. Das In­di­vi­du­um wür­de iso­liert und un­fä­hig, sei­ne Über­zeu­gun­gen gel­tend zu ma­chen. Po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen, dar­über hin­aus, rei­fen und wach­sen nur durch ge­gen­sei­ti­ge An­re­gung und Kri­tik von Per­so­nen mit ähn­li­cher Ge­sin­nung und Zweck; und Po­li­tik un­ter­schei­det sich nicht von je­dem an­de­ren Be­reich un­se­rer kul­tu­rel­len Exis­tenz. Da­mit wird an­er­kannt, zum Bei­spiel, dass in Zei­ten von in­ten­si­vem re­li­giö­sem Ei­fer wahr­schein­lich ver­schie­de­ne Sek­ten ent­ste­hen, de­ren Ri­va­li­tät das re­li­giö­se Le­ben im All­ge­mei­nen sti­mu­liert. Auf der an­de­ren Sei­te ist be­kannt, dass die Zen­tra­li­sie­rung – das heisst, die Ab­schaf­fung der un­ab­hän­gi­gen Grup­pen – zu Ein­sei­tig­keit und Un­frucht­bar­keit in Wis­sen­schaft und Kunst führt, da sol­che Zen­tra­li­sie­rung je­de Ri­va­li­tät der Mei­nun­gen und For­schungs­trends kon­trol­liert und so­gar unterdrückt.

Doch was ge­nau ist ein Jude?

Die Bil­dung von Grup­pen wirkt be­le­bend auf al­len Ge­bie­ten des mensch­li­chen Stre­bens, viel­leicht vor al­lem auf­grund des Kamp­fes zwi­schen den Über­zeu­gun­gen und Zie­len der ver­schie­de­nen Grup­pen. Die Ju­den bil­den ei­ne sol­che Grup­pe, mit ei­nem de­fi­ni­ti­ven Ei­gen­cha­rak­ter, und An­ti­se­mi­tis­mus ist nichts als die ant­ago­nis­ti­sche Hal­tung der Nicht-​Juden, die durch die jü­di­sche Grup­pe pro­du­ziert wird. Dies ist ei­ne nor­ma­le so­zia­le Re­ak­ti­on. Doch für den po­li­ti­schen Miss­brauch, der dar­aus re­sul­tiert, hät­te sie kei­nen be­son­de­ren Na­men gebraucht.

Was sind die Merk­ma­le der jü­di­schen Grup­pe? Was macht ei­nen Ju­den aus? Es gibt kei­ne schnel­len Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge. Die na­he­lie­gends­te Ant­wort wä­re die fol­gen­de: Ein Ju­de ist ei­ne Per­son be­ken­nen­den jü­di­schen Glau­bens. Der ober­fläch­li­che Cha­rak­ter die­ser Ant­wort wird leicht mit­tels ei­ner ein­fa­chen Par­al­lel auf­ge­deckt. Las­sen Sie uns die Fra­ge stel­len: Was ist ei­ne Schne­cke? Ei­ne Ant­wort ähn­lich in der Art, die der oben an­ge­ge­be­nen könn­te sein: Ei­ne Schne­cke ist ein Tier, das in ei­nem Schne­cken­haus wohnt. Die­se Ant­wort ist nicht ganz falsch; noch ist sie si­cher­lich Voll­stän­dig; weil das Schne­cken­haus ei­nes der ma­te­ri­el­len Pro­duk­te der Schne­cke ist. In ähn­li­cher Wei­se ist der jü­di­sche Glau­be ei­nes der cha­rak­te­ris­ti­schen Pro­duk­te der jü­di­schen Ge­mein­de. Es ist dar­über hin­aus be­kannt, dass ei­ne Schne­cke die Scha­le ab­wer­fen kann, oh­ne da­bei auf­zu­hö­ren, ei­ne Schne­cke sein. Der Ju­de, der sei­nen Glau­ben auf­gibt (im for­ma­len Sin­ne des Wor­tes) ist in ei­ner ähn­li­chen Po­si­ti­on. Er bleibt ein Jude.

Schwie­rig­kei­ten die­ser Art tau­chen auf, wann im­mer man den we­sent­li­chen Cha­rak­ter ei­ner Grup­pe zu er­klä­ren versucht.

Das Band, das die Ju­den seit Tau­sen­den von Jah­ren ver­bun­den hat, und das sie heu­te eint, ist vor al­lem das de­mo­kra­ti­sche Ide­al der so­zia­len Ge­rech­tig­keit, ver­bun­den mit dem Ide­al der ge­gen­sei­ti­gen Hil­fe und der To­le­ranz un­ter al­len Men­schen. Selbst die äl­tes­ten re­li­giö­sen Schrif­ten der Ju­den sind von die­sen so­zia­len Idea­len durch­drun­gen, die sich kraft­voll aus­ge­wirkt ha­ben auf das Chris­ten­tum und den Is­lam und ei­nen gut­ar­ti­gen Ein­fluss auf die so­zia­le Struk­tur ei­nes gro­ßen Teils der Mensch­heit hat­ten. Ich er­in­ne­re hier an die Ein­füh­rung ei­nes wö­chent­li­chen Ru­he­tags – ein tief­grei­fen­der Se­gen für die gan­ze Mensch­heit. Per­sön­lich­kei­ten wie Mo­ses, Spi­no­za und Karl Marx, un­ähn­lich, wie sie auch sein mö­gen, leb­ten und op­fer­ten sich al­le für das Ide­al der so­zia­len Ge­rech­tig­keit; und es war die Tra­di­ti­on ih­rer Vor­fah­ren, die sie auf die­se dor­ni­gen Weg ge­führt hat­te. Die be­son­de­ren Leis­tun­gen der Ju­den auf dem Ge­biet der Men­schen­freund­lich­keit ent­sprin­gen aus der glei­chen Quelle.

Der zwei­te We­sens­zug der jü­di­schen Tra­di­ti­on ist die ho­he Wert­schät­zung, den sie für je­de Form von geis­ti­gem Stre­ben und geis­ti­ger An­stren­gung auf­bringt. Ich bin da­von über­zeugt, dass die­ser gros­se Re­spekt vor geis­ti­gem Stre­ben im wei­tes­ten Sin­ne des Be­griffs ver­ant­wort­lich ist für die Bei­trä­ge, die die Ju­den zum Fort­schritt des Wis­sens ge­macht ha­ben. An­ge­sichts ih­rer re­la­tiv ge­rin­gen An­zahl und der er­heb­li­chen ex­ter­nen Hin­der­nis­sen die ih­nen auf al­len Sei­ten im­mer wie­der in den Weg ge­legt wer­den, ver­dient das Aus­mass die­ser Bei­trä­ge die Be­wun­de­rung von al­len auf­rich­ti­gen Men­schen. Ich bin da­von über­zeugt, dass dies nicht auf Grund ei­ner be­son­ders rei­chen Aus­stat­tung ge­schieht, son­dern dass die Wert­schät­zung, die für in­tel­lek­tu­el­le Leis­tung bei den Ju­den auf­ge­bracht wird, ei­ne At­mo­sphä­re schafft, die be­son­ders güns­tig ist für die Ent­wick­lung al­ler Ta­len­te, die even­tu­ell vor­han­den sind. Gleich­zei­tig ver­hin­dert ein star­ker kri­ti­scher Geist blin­den Ge­hor­sam zu je­der sterb­li­chen Autorität.

Ich ha­be mich hier auf die­se bei­den tra­di­tio­nel­len Merk­ma­le be­schränkt, die mir am grund­le­gends­ten schei­nen. Die­se Nor­men und Idea­le fin­den ih­ren Aus­druck im Klei­nen wie im Gros­sen. Sie wer­den von den El­tern auf die Kin­der über­tra­gen; sie fär­ben Ge­sprä­che und Ur­tei­le un­ter Freun­den; Sie fül­len die re­li­giö­sen Schrif­ten; und sie ge­ben dem Ge­mein­schafts­le­ben der Grup­pe sei­nen cha­rak­te­ris­ti­schen Stem­pel. Es sind die­se un­ver­wech­sel­ba­ren Idea­le, in de­nen ich das We­sen der jü­di­schen Na­tur se­he. Dass die­se Idea­le nur un­voll­kom­men rea­li­siert sind im tat­säch­li­chen all­täg­li­chen Le­ben der Grup­pe ist nur na­tür­lich. Al­ler­dings, wenn man ver­sucht, ei­nen kurz zu­sam­men­ge­fass­ten Aus­druck des we­sent­li­chen Cha­rak­ters ei­ner Grup­pe zu fin­den, dann muss der An­satz im­mer vom ide­al ausgehen.

Wo Un­ter­drü­ckung ein Sti­mu­lus ist

Im Vor­an­ge­hen­den ha­be ich das Ju­den­tum als ei­ne Ge­mein­schaft von Tra­di­tio­nen kon­zi­piert. Freund und Feind, auf der an­de­ren Sei­te, ha­ben oft be­haup­tet, dass die Ju­den ei­ne Ras­se sind; dass ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Ver­hal­ten das Er­geb­nis ist von an­ge­bo­re­nen Ei­gen­schaf­ten, die von ei­ner Ge­ne­ra­ti­on auf die nächs­te ver­erbt wer­den. Die­se Mei­nung ge­winnt Ge­wicht aus der Tat­sa­che, dass die Ju­den seit Tau­sen­den von Jah­ren vor al­lem in­ner­halb ih­rer ei­ge­nen Grup­pe ge­hei­ra­tet ha­ben. Ein sol­cher Brauch kann in der Tat ei­ne ho­mo­ge­ne Ras­se be­wah­ren – wenn sie ur­sprüng­lich exis­tier­te; er kann nicht Gleich­för­mig­keit der Ras­se pro­du­zie­ren – wenn sie ur­sprüng­lich ei­ne Ras­sen­mi­schung war. Die Ju­den sind je­doch oh­ne Zwei­fel ei­ne ge­misch­te Ras­se, so wie al­le an­de­ren Grup­pen un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on. Ernst­haf­te An­thro­po­lo­gen sind sich in die­sem Punkt ei­nig; ge­gen­tei­li­ge Be­haup­tun­gen ge­hö­ren al­le in den Be­reich der po­li­ti­schen Pro­pa­gan­da und müs­sen ent­spre­chend be­wer­tet werden.

Viel­leicht so­gar noch mehr als auf ih­re ei­ge­ne Tra­di­ti­on hat sich die jü­di­sche Grup­pe vor­an­trei­ben las­sen auf­grund der Un­ter­drü­ckung und der Ge­gen­sät­ze, die sie schon im­mer in der Welt an­ge­trof­fen hat. Hier liegt zwei­fel­los ei­ner der Haupt­grün­de für ih­ren Fort­be­stand durch so vie­le Tau­sen­de von Jahren.

Die jü­di­sche Grup­pe, die wir vor­an­ge­hen­den kurz cha­rak­te­ri­siert ha­ben, um­fasst et­wa sech­zehn Mil­lio­nen Men­schen – we­ni­ger als ein Pro­zent der Mensch­heit, oder et­wa halb so vie­le wie die Be­völ­ke­rung des heu­ti­gen Po­len. Ih­re Be­deu­tung als po­li­ti­scher Fak­tor ist ver­nach­läs­sig­bar. Sie sind na­he­zu über die gan­ze Er­de ver­streut und sind in kei­ner Wei­se als Gan­zes or­ga­ni­siert – was be­deu­tet, dass sie nicht in der La­ge sind zu kon­zer­tier­ten Ak­tio­nen jeg­li­cher Art.

Wenn je­mand ein Bild der Ju­den zeich­nen soll­te al­lein aus den Äus­se­run­gen ih­rer Fein­de, dann wür­de er zu dem Schluss kom­men, dass sie ei­ne Welt­macht dar­stel­len. Auf den ers­ten Blick er­scheint das ge­ra­de­zu ab­surd: und doch gibt es mei­ner An­sicht nach ei­nen ge­wis­sen Sinn da­hin­ter. Die Ju­den als Grup­pe sind vielle­licht macht­los, doch die Sum­me der Leis­tun­gen ih­rer ein­zel­nen Mit­glie­der ist über­all be­trächt­lich und be­zeich­nend, auch wenn die­se Leis­tun­gen an­ge­sichts gros­ser Hin­der­nis­se ge­macht wur­den. Die Kräf­te, die schla­fend in den ein­zel­nen vor­han­den sind, wer­den mo­bi­li­siert, und das In­di­vi­du­um selbst wird durch den Geist, der in der Grup­pe lebt, sti­mu­liert bis zur Selbst-Aufopferung.

Da­her der Hass ge­gen die Ju­den von de­nen, die Grund ha­ben, die Volks­auf­klä­rung zu mei­den. Mehr als al­les an­de­re in der Welt, fürch­ten sie den Ein­fluss von Men­schen mit geis­ti­ger Un­ab­hän­gig­keit. Ich se­he dar­in die we­sent­li­che Ur­sa­che für den wil­den Ju­den­hass, der im heu­ti­gen Deutsch­land tobt. Für die Grup­pe der Na­zis sind die Ju­den nicht nur ein Mit­tel, den Un­mut der Men­schen von sich selbst, den Un­ter­drü­ckern, weg­zu­dre­hen; sie se­hen die Ju­den als nicht-​assimilierbares Ele­ment, das nicht in die un­kri­ti­sche Ak­zep­tanz des Dog­mas ge­trie­ben wer­den kann, und das da­her – so lan­ge es exis­tiert – ih­re Au­to­ri­tät be­droht durch sei­ne dau­er­haf­te For­de­rung nach Volks­auf­klä­rung der Massen.

Der Be­weis, dass die­ses Kon­zept den Kern der Sa­che trifft, wird über­zeu­gend dar­ge­legt durch die fei­er­li­che Ze­re­mo­nie der Bü­cher­ver­bren­nung, in­sze­niert durch das NS-​Régime kurz nach ih­rer Macht­über­nah­me. Die­ser Akt, aus po­li­ti­scher Sicht sinn­los, kann nur als spon­ta­ner Ge­fühls­aus­bruch ver­stan­den wer­den. Aus die­sem Grund scheint er mir viel aus­sa­ge­kräf­ti­ger als vie­le Ta­ten mit hö­he­rem Zweck und prak­ti­scher Bedeutung.

Auf dem Ge­biet der Po­li­tik und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten ist ein be­grün­de­tes Miss­trau­en ge­gen­über zu weit ge­trie­be­nen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ge­wach­sen. Wenn das Den­ken zu stark von sol­chen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen do­mi­niert wird, kom­men Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen von spe­zi­fi­schen Ab­fol­gen von Ur­sa­che und Wir­kung oh­ne wei­te­res vor, was der tat­säch­li­chen Viel­zahl von Ver­an­stal­tun­gen un­recht tut. Ei­ne Auf­ga­be der Ver­all­ge­mei­ne­rung, auf der an­de­ren Sei­te, be­deu­tet das Ver­ständ­nis ganz auf­zu­ge­ben. Aus die­sem Grund, glau­be ich, darf und muss man Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ris­kie­ren, so lan­ge man sich sei­ner Un­si­cher­heit be­wusst bleibt. In die­sem Sin­ne möch­te ich in al­ler Be­schei­den­heit mein Ver­ständ­nis des An­ti­se­mi­tis­mus prä­sen­tie­ren, von ei­nem all­ge­mei­nen Stand­punkt aus betrachtet.

Im po­li­ti­schen Le­ben se­he ich zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Ten­den­zen, die im stän­di­gen Rin­gen ge­gen­ein­an­der ste­hen. Der ers­te, op­ti­mis­ti­sche Trend geht von der Über­zeu­gung aus, dass die freie Ent­fal­tung der Pro­duk­tiv­kräf­te von In­di­vi­du­en und Grup­pen im we­sent­li­chen zu ei­nem zu­frie­den­stel­len­den Zu­stand der Ge­sell­schaft füh­ren. Er er­kennt die Not­wen­dig­keit ei­ner zen­tra­len Macht, Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen über­ge­ord­net, räumt aber sol­cher Macht nur or­ga­ni­sa­to­ri­sche und re­gu­la­to­ri­sche Funk­ti­on ein. Der zwei­te, pes­si­mis­ti­sche Trend nimmt an, dass frei­es Spiel der In­di­vi­du­en und Grup­pen zur Zer­stö­rung der Ge­sell­schaft führt: er will da­her die Ge­sell­schaft aus­schliess­lich auf Au­to­ri­tät, blin­dem Ge­hor­sam und Zwang grün­den. Tat­säch­lich ist die­ser Trend nur in ei­nem be­grenz­ten Aus­mass pes­si­mis­tisch; denn er ist op­ti­mis­tisch in Be­zug auf die­je­ni­gen, die In­ha­ber von Macht und Au­to­ri­tät sind, oder die den Wunsch da­nach ha­ben. Die An­hän­ger die­ses zwei­ten Trends sind die Fein­de der frei­en Grup­pen und der Bil­dung zu frei­er Mei­nungs­bil­dung. Sie sind dar­über hin­aus die Trä­ger des po­li­ti­schen Antisemitismus.

Hier in Ame­ri­ka äus­sern al­le Lip­pen­be­kennt­nis­se zur ers­ten, op­ti­mis­ti­schen, Ten­denz. Nichts­des­to­trotz ist die zwei­te Grup­pe stark ver­tre­ten. Sie er­scheint über­all, aber zum gröss­ten Teil ver­birgt sie ih­re wah­re Na­tur. Ihr Ziel ist die po­li­ti­sche und geis­ti­ge Herr­schaft über die Men­schen durch ei­ne Min­der­heit, über den Um­weg der Kon­trol­le über die Pro­duk­ti­ons­mit­tel. Ih­re Be­für­wor­ter ha­ben be­reits ver­sucht, die Waf­fe des An­ti­se­mi­tis­mus so­wie der Feind­se­lig­keit ge­gen­über ver­schie­de­nen an­de­ren Grup­pen zu nut­zen. Sie wer­den den Ver­such in kom­men­den Zei­ten wie­der­ho­len. Bis­her sind aber al­le der­ar­ti­gen Ten­den­zen we­gen des si­che­ren po­li­ti­schen In­stink­tes des Vol­kes gescheitert.

Und so wird es auch in Zu­kunft blei­ben, wenn wir uns an die Re­gel hal­ten: Hü­tet euch vor Schmeich­lern, vor al­lem, wenn sie kom­men, um Hass zu predigen.


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