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Eu­ro­pas Mus­li­me has­sen den Wes­ten

Jun­ge Män­ner wie die Tä­ter der Brüs­se­ler An­grif­fe wei­gern sich, die so­zia­len Codes des bel­gi­schen Le­bens an­zu­neh­men.

Le­on de Win­ter, 29.3.2016, Po­li­ti­co Ma­ga­zi­ne

Die ers­te Re­ak­ti­on auf die Brüs­se­ler Mas­sa­ker un­ter post­mo­der­nen eu­ro­päi­schen In­tel­lek­tu­el­len war vor­her­seh­bar: Was ha­ben wir, die Eu­ro­pä­er, ih­nen ge­tan, un­se­ren Mus­li­men? Wie kön­nen An­hän­ger ei­ner Re­li­gi­on, die stolz „die Re­li­gi­on des Frie­dens” ge­nannt wird, die­se Art von Ver­bre­chen be­ge­hen?

Leu­te wie Pe­ter Van­der­meersch, der bel­gi­sche Chef­re­dak­tor der nie­der­län­di­schen Zei­tung NRC-​Handelsblad und der bel­gi­sche Au­tor Da­vid Van Reyb­rouck, bei­de ver­dien­te In­tel­lek­tu­el­le, ar­gu­men­tier­ten, dass Bel­gi­en et­was Schreck­li­ches ge­tan ha­ben muss, um das zu ver­die­nen. Ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on: Die Wut der Ter­ro­ris­ten müs­se ei­ne Re­ak­ti­on auf ih­re un­mensch­li­che Be­hand­lung in den Hän­den des Wes­tens sein.

Und so be­schul­di­gen wir uns selbst, um schuld­los zu blei­ben. Es ist si­che­rer, un­se­re ei­ge­nen Ge­sell­schaf­ten und sozio-​ökonomischen Be­din­gun­gen an­zu­schul­di­gen, als die re­li­giö­sen und kul­tu­rel­len Kon­zep­te ver­ant­wort­lich zu ma­chen, mit de­nen Ter­ro­ris­ten ih­re ei­ge­nen Ge­dan­ken ver­gif­ten.

Be­rich­ten zu­fol­ge liegt die Zahl der Ar­beits­lo­sen in Brüs­sels be­rüch­tig­tem Vier­tel Mo­len­beek – heu­te als die Dschihad-​Treibhaus Eu­ro­pas be­zeich­net – bei 30 Pro­zent. Dies ist ei­ne re­la­tiv ho­he Zahl in West­eu­ro­pa , aber nicht un­ge­wöhn­lich in den süd­li­chen Län­dern Eu­ro­pas oder der ara­bi­schen Welt. Es gibt Ar­mut in Mo­len­beek, doch die Ar­mut ist re­la­tiv. Es gibt kei­nen Hun­ger, kei­ne Ob­dach­lo­sig­keit, kei­nen Man­gel an me­di­zi­ni­scher In­fra­struk­tur, kei­nen Man­gel an Schu­len.

Im Ver­gleich zu durch­schnitt­li­chen Le­bens­stan­dards in Ma­rok­ko oder Ägyp­ten ist der durch­schnitt­li­che Le­bens­stan­dard in Mo­len­beek be­quem Mit­tel­klas­se. Wie in je­dem an­de­ren west­eu­ro­päi­schen Land bie­ten vie­le bel­gi­sche In­sti­tu­tio­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen Un­ter­stüt­zung, wenn die Fa­mi­li­en ei­ne Woh­nung brau­chen, Nah­rung, Bil­dung und Ge­sund­heits­ver­sor­gung. Chan­cen für Er­folg und zum Stu­di­um und zu ei­nem an­ge­se­he­nen Mit­glied der Ge­sell­schaft zu wer­den sind zahl­los im Ver­gleich zu de­nen, die in vie­len Ein­wan­derer­her­kunfts­län­dern exis­tie­ren. Den­noch gibt es ei­ne tie­fe Ver­stim­mung un­ter der jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen der ein­wan­dern­den ma­rok­ka­ni­schen Fa­mi­li­en.

Ein­wan­de­rung in die Nie­der­lan­de aus Ma­rok­ko und der Tür­kei ist ein teu­res Phä­no­men für den Steu­er­zah­ler: Im mo­der­nen So­zi­al­staat sind Ein­wan­de­rer mehr ab­hän­gig vom Wohl­fahrts­staat als der Durch­schnitts­bür­ger. We­gen ei­nes Man­gels an Hoch­schul­bil­dung und dem Feh­len von nicht-​qualifizierten Ar­beits­plät­zen ab­sor­bie­ren Ein­wan­de­rer ei­nen hö­he­ren Teil der Ar­beits­lo­sig­keit und der Wohl­fahrts­zah­lun­gen als der Durch­schnitts­bür­ger. Als Grup­pe er­hal­ten sie mehr Geld als sie an Steu­ern zah­len. Sie tau­chen auch in viel hö­he­rer Zahl in der Kri­mi­nal­sta­tis­tik auf, als es ih­re An­zahl recht­fer­ti­gen wür­de. Es gibt vie­le Er­folgs­ge­schich­ten, aber es gibt auch ent­täu­schen­de Trends. Wie Ra­di­ka­li­sie­rung. Und die Si­tua­ti­on in Bel­gi­en ist so­gar noch schlim­mer.

* * *

Es ist kei­ne Fra­ge, dass die Ar­beits­lo­sig­keit viel hö­her ist un­ter den mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rern als in der brei­ten Öf­fent­lich­keit. Es gibt zwei mög­li­che Er­klä­run­gen.

Die ers­te geht in et­wa so: Die Bel­gi­er sind schreck­lich frem­den­feind­lich und anti-​marokkanisch und ver­wei­gern ih­ren ma­rok­ka­ni­schen Nach­barn Chan­cen, im Le­ben er­folg­reich zu sein. Aber wenn dies der Fall wä­re, dann könn­te die­se Theo­rie auf je­des west­eu­ro­päi­sche Land an­ge­wen­det wer­den, weil die Ar­beits­lo­sen­zah­len für die ma­rok­ka­ni­schen und an­de­ren mus­li­mi­schen Mi­gran­ten in Eu­ro­pa deut­lich hö­her sind als der Durch­schnitt. Dies wür­de dar­auf hin­deu­ten, dass die eu­ro­päi­sche Frem­den­feind­lich­keit un­er­träg­li­che Aus­mas­se er­reicht hat. War­um wür­den Mus­li­me frei­wil­lig in Ge­sell­schaf­ten blei­ben, die ei­ne so tie­fe Re­spekt­lo­sig­keit für ih­re Mi­gra­ti­ons­be­völ­ke­rung zeig­te? Weil sie wis­sen, dass ein ar­beits­lo­ser Bür­ger in ei­nem eu­ro­päi­schen Wohl­fahrts­staat, der von Un­gläu­bi­gen ge­lei­tet wird, ein bes­se­res ma­te­ri­el­les Le­ben er­mög­licht als ein ar­bei­ten­der Bür­ger im from­men Ma­rok­ko?

Das Le­ben in Bel­gi­en ist aus­ser­ge­wöhn­lich gut und si­cher für Ein­wan­de­rer – wenn sie be­reit sind, sich in ih­re neue kul­tu­rel­le Um­ge­bung zu in­te­grie­ren.

Die Vor­stel­lung, dass ma­rok­ka­ni­sche Bel­gi­er un­ter weit ver­brei­te­ter Aus­gren­zung, Dis­kri­mi­nie­rung und Un­ter­drü­ckung lei­den, ist lä­cher­lich – und doch völ­lig ak­zep­ta­bel in der po­li­tisch kor­rek­ten Men­ge. Das Le­ben in Bel­gi­en ist aus­ser­ge­wöhn­lich gut und si­cher für Mi­gran­ten – wenn sie be­reit sind, sich in ih­re neue kul­tu­rel­le Um­ge­bung zu in­te­grie­ren, wenn sie be­reit sind, als In­di­vi­du­en zu han­deln, mit Lei­den­schaft und Of­fen­heit zu stu­die­ren, und das sä­ku­la­re Sys­tem des Wes­tens zu ak­zep­tie­ren.

Es gibt gar kei­nen Un­ter­schied im sozio-​ökonomischen Sta­tus zwi­schen Ju­gend­li­chen aus ei­nem bel­gi­schen bil­dung­fer­nen Arbeiter-​Hintergrund und Ju­gend­li­chen aus ei­nem mus­li­mi­schen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Bei­de müs­sen kämp­fen, bei­de müs­sen ei­ne schwa­che sozio-​ökonomische Fa­mi­li­en­si­tua­tio­nen über­win­den. In Spa­ni­en hat die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit 50 Pro­zent er­reicht und der Wohl­fahrts­staat ist we­ni­ger ent­wi­ckelt als in Bel­gi­en, und doch spren­gen die spa­ni­schen Bür­ger sich nicht in U-​Bahn-​Stationen in die Luft.

Die an­de­re Er­klä­rung für die ho­hen Ar­beits­lo­sen­zah­len un­ter den Mus­li­men in Eu­ro­pa hat nichts mit Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung zu tun. Ein gros­ser Teil der Mi­gra­ti­ons­be­völ­ke­rung lebt ganz gut, aber ei­ne be­trächt­li­che An­zahl – man­che sa­gen, so vie­le wie 50 Pro­zent – ha­ben sich nicht von den geis­ti­gen und kul­tu­rel­len Be­din­gun­gen be­freit, die ihr Hei­mat­land in sei­nem „Entwicklungsland”-Status ge­hal­ten ha­ben. Die Ver­wei­ge­rung glei­cher Rech­te für Frau­en, die feh­len­de Tren­nung von Staat und Kir­che, schlech­te Er­zie­hung, über­mäs­si­ge Re­li­gio­si­tät, pa­tri­ar­cha­li­scher Ma­chis­mo – die­se sind al­le deut­lich sicht­bar in Ge­bie­ten mit ei­nem ho­hen An­teil an Mi­gran­ten, ein­schliess­lich Mo­len­beek.

Fast 60 Pro­zent der eu­ro­päi­schen Mus­li­me leh­nen Ho­mo­se­xu­el­le als Freun­de ab und 45 Pro­zent glau­ben, dass man Ju­den nicht trau­en kann. Mehr als die Hälf­te glau­ben, dass der Wes­ten dar­auf aus ist, den Is­lam zu zer­stö­ren.

Im De­zem­ber 2013 ver­öf­fent­lich­te Pro­fes­sor Ru­ud Ko­op­mans vom Wis­sen­schafts­zen­trum Ber­lin für So­zi­al­for­schung ei­ne Stu­die über „Fun­da­men­ta­lis­mus und Frem­den­feind­lich­keit”, in der er Feind­se­lig­keit ge­gen­über den mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rern mit mit Feind­schaft un­ter den christ­li­chen Ein­ge­bo­re­nen in West­eu­ro­pa ver­glich. Er schreibt: „Fast 60 Pro­zent stim­men zu, dass die Mus­li­me zu den Wur­zeln des Is­lam zu­rück­keh­ren soll­ten, 75 Pro­zent den­ken, es gibt nur ei­ne mög­li­che In­ter­pre­ta­ti­on des Ko­rans, an die sich je­der Mus­lim hal­ten soll­te und 65 Pro­zent sa­gen, dass re­li­giö­se Re­geln für sie wich­ti­ger sind als die Ge­set­ze des Lan­des, in dem sie le­ben, „in Be­zug auf die christ­li­chen Bür­ger er kommt zu dem Schluss: „We­ni­ger als 4 Pro­zent kön­nen als kon­se­quen­te Fun­da­men­ta­lis­ten cha­rak­te­ri­siert wer­den.”

Zum Hass auf Ju­den und Ho­mo­se­xu­el­le un­ter der eu­ro­päi­schen mus­li­mi­schen Be­völ­ke­rung fin­det Ko­op­mans: „Fast 60 Pro­zent leh­nen Ho­mo­se­xu­el­le als Freun­de ab und 45 Pro­zent glau­ben, dass man Ju­den nicht trau­en kann. Wäh­rend et­wa ei­ner von fünf der Ein­ge­bo­re­nen als is­la­mo­pho­bisch be­trach­tet wer­den kön­nen, so ist die Hö­he der Pho­bie ge­gen den Wes­ten un­ter den Mus­li­men – für die es, selt­sam ge­nug, kein Wort gibt; man könn­te es ‚Ok­zi­den­to­pho­bie’ nen­nen – ist noch viel hö­her, 54 Pro­zent glau­ben, dass der Wes­ten den Is­lam zer­stö­ren wol­le” Auf­ge­zeich­ne­te Ra­ten von christ­li­chem Hass ge­gen­über den Mus­li­men schwe­ben bei rund 10 Pro­zent.

Was ha­ben „wir” „ih­nen” ge­tan? Wir öff­ne­ten un­se­re Städ­te, un­se­re Häu­ser, un­se­re Porte­mon­naies.

„Ok­zi­den­to­pho­bie” ist ein in­ter­es­san­ter Be­griff. Er drückt ei­ne Wei­ge­rung aus, die we­sent­li­chen Kon­zep­te des Le­bens im Wes­ten zu über­neh­men. Jun­ge Män­ner, wie die Tä­ter der Brüs­se­ler An­grif­fe, ha­ben sich ge­wei­gert, die so­zia­len Codes des bel­gi­schen Le­bens an­zu­neh­men. Sie wur­den er­zo­gen mit der Idee, dass ih­re re­li­giö­se Ethik die Ethik der Un­gläu­bi­gen über­trumpft (die in ih­ren Au­gen so­wie­so kaum vor­han­den ist). Ihr zweit­klas­si­ger so­zio­öko­no­mi­scher Sta­tus war da­her ein er­nied­ri­gen­der Af­front, ei­ne Ent­wür­di­gung, die ver­nich­tet wer­den muss­te.

Die In­te­gra­ti­on von Mus­li­men in eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten ist er­folg­reich, wenn die Mus­li­me be­reit sind, auf die geis­ti­ge Ein­bin­dung in ih­re Hei­mat­län­der zu ver­zich­ten – Län­der, las­sen Sie uns das nicht ver­ges­sen, die sie auf der Su­che nach ei­nem bes­se­ren Le­ben ver­las­sen ha­ben. Denn so­lan­ge sie sich wei­gern, sich ei­nem eu­ro­päi­schen Geis­tes­zu­stand an­zu­pas­sen, wer­den sie Res­sen­ti­ments und ei­ne Kul­tur der Ge­walt per­p­etu­ie­ren.

Was ha­ben „wir” „ih­nen” ge­tan? Wir öff­ne­ten un­se­re Städ­te, un­se­re Häu­ser, un­se­re Porte­mon­naies. Und in un­se­ren sä­ku­la­ren Tem­peln des Fort­schritts – un­se­re U-​Bahn-​Stationen und Flug­hä­fen und Thea­ter – tö­ten ih­re Söh­ne sich selbst, und un­se­re Söh­ne und Töch­ter mit ih­nen. Es gibt nichts, für das wir uns ent­schul­di­gen müs­sen. „Ok­zi­den­to­pho­bie” ent­stand in der mus­li­mi­schen Ge­mein­schaft. Wir müs­sen sie auf­for­dern sie auf­zu­ge­ben.

Le­on de Win­ter ist Nie­der­län­di­scher  Ro­man­au­tor und po­li­ti­scher Kom­men­ta­tor.

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