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An­ti­se­mi­tis­mus: Star­ren in die Dun­kel­heit

Fred Ma­roun, 1.3.2017, Times of Is­ra­el Blogs

Fred Maroun

Fred Ma­roun ist Ka­na­di­er ara­bi­scher Ab­stam­mung, der bis 1984 im Li­ba­non leb­te, auch wäh­rend 10 Jah­ren Bür­ger­krieg. Fred un­ter­stützt Is­ra­els Exis­tenz­recht als jü­di­scher Staat und un­ter­stützt ei­nen li­be­ra­len und de­mo­kra­ti­schen Na­hen Os­ten, in dem al­le Re­li­gio­nen und Na­tio­na­li­tä­ten, ein­schließ­lich der Pa­läs­ti­nen­ser, im Frie­den un­ter­ein­an­der und mit Is­ra­el ko­exis­tie­ren kön­nen und die Men­schen­rech­te re­spek­tiert wer­den. Fred ist ein Athe­ist, ein so­zia­ler Li­be­ra­ler und ein Be­für­wor­ter glei­cher Rech­te für LGBT-​Menschen über­all. Fred Ma­roun schreibt für Gatestone In­sti­tu­te.

Je­der von uns, be­son­ders nicht­jü­di­sche Eu­ro­pä­er oder Ara­ber, ist für den An­ti­se­mi­tis­mus ver­ant­wort­lich. Wenn wir den An­ti­se­mi­tis­mus be­trach­ten, schau­en wir uns den dun­kels­ten Teil der mensch­li­chen See­le an, un­se­ren mör­de­ri­schen Hass auf ein Volk aus kei­nem an­de­ren Grund als des­we­gen, weil sie sind, wer sie sind. In der Ge­schich­te der Mensch­heit hat kein Ver­bre­chen län­ger ge­dau­ert und kein Ver­bre­chen hat ei­ne klei­ne­re Min­der­heit in den Hän­den ei­ner grö­ße­ren Mehr­heit er­lebt.

Viel­leicht ist der An­ti­se­mi­tis­mus Teil ei­nes Pla­nes ei­nes all­mäch­ti­gen Got­tes, um uns Men­schen auf un­se­re Fä­hig­keit zu prü­fen, Men­schen zu sein. Wenn ja, sind wir kläg­lich ge­schei­tert.

Ei­ni­ge von uns ver­su­chen es manch­mal, aber es ge­lingt uns nie.

Am 7. Ju­li 2011 ver­öf­fent­lich­te ein Aus­schuss, der al­le ka­na­di­schen Par­tei­en ver­tritt, ei­nen 92-​seitigen Be­richt über den Stand des An­ti­se­mi­tis­mus in Ka­na­da. Es war ein aus­ge­zeich­ne­ter Be­richt, der die Ge­schich­te des An­ti­se­mi­tis­mus be­schreibt und wie der An­ti­zio­nis­mus zu ei­nem zen­tra­len Be­stand­teil ge­wor­den ist. Lei­der ist fast sechs Jah­re spä­ter der An­ti­se­mi­tis­mus in Ka­na­da stär­ker denn je. Uni­ver­si­tä­ten hal­ten im­mer noch jähr­lich „Is­rae­li­sche Apartheidwoche”-Veranstaltungen ab, die der Be­richt kor­rekt als Ve­hi­kel des An­ti­se­mi­tis­mus iden­ti­fi­ziert. Es gab kei­ne Ver­bes­se­rung.

Es ist an­ders­wo so ziem­lich die glei­che Ge­schich­te oder noch schlech­ter. Be­red­te Wor­te wer­den ge­spro­chen, gro­ße Stu­di­en wer­den ge­schrie­ben, doch der An­ti­se­mi­tis­mus bleibt. In Eu­ro­pa ist der An­ti­se­mi­tis­mus seit Jah­ren auf dem Vor­marsch. Ju­den, die die Kip­pah in ei­ner nicht­jü­di­schen Nach­bar­schaft tra­gen, set­zen ihr Le­ben aufs Spiel. Auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo die Un­ter­stüt­zung für Is­ra­el stär­ker ist als ir­gend­wo sonst, gibt es ei­ne neue Wel­le des An­ti­se­mi­tis­mus.

Vor ein paar Mo­na­ten traf ich ei­ne Ju­gend­freun­din in Pa­ris. Die Kon­ver­sa­ti­on wech­sel­te auf den israelisch-​arabischen Kon­flikt, und mei­ne Freun­din sag­te, dass sie aus ei­nem ein­fa­chen Grund ge­gen Is­ra­el sei, und zwar, dass die Pa­läs­ti­nen­ser schwä­cher sei­en als die Is­rae­lis. Sie nann­te Is­rae­lis „gro­ße bö­se Ty­ran­nen”. Das Trau­ri­ge dar­an ist, dass sie nicht scherz­te. Noch schlim­mer ist, dass die­se Hal­tung weit ver­brei­tet ist, aber nicht je­der ist so ehr­lich über die Nai­vi­tät ih­res Den­kens wie mei­ne Freun­din.

Es gibt im­mer ei­ne Ent­schul­di­gung für An­ti­se­mi­tis­mus.

Für Ara­ber ist die Ent­schul­di­gung, Pa­läs­ti­nen­ser zu ver­tei­di­gen. Egal, dass die Si­tua­ti­on der in ara­bi­schen Län­dern le­ben­den Pa­läs­ti­nen­ser weit schlech­ter ist als die Si­tua­ti­on der in Is­ra­el le­ben­den Pa­läs­ti­nen­ser. Egal, dass die Pa­läs­ti­nen­ser schon vor lan­ger Zeit ei­nen Staat ge­habt hät­ten, wenn die Ara­ber nicht ge­gen die Exis­tenz ei­nes jü­di­schen Staa­tes auf jü­di­schen Land ge­kämpft hät­ten und wei­ter­hin an­kämp­fen.

Für nicht-​arabische Anti-​Zionisten ist die Ent­schul­di­gung, die Schwa­chen zu ver­tei­di­gen. Es ist egal, dass Is­ra­el ei­ne win­zi­ge Na­ti­on ist, die von weit grö­ße­ren feind­li­chen Na­tio­nen um­ge­ben ist. Egal, dass Is­ra­el bis­her nur durch Wun­der über­lebt hat und dass ei­ne ein­zi­ge mi­li­tä­ri­sche Nie­der­la­ge das En­de des jü­di­schen Staa­tes sein wür­de.

In Nazi-​Deutschland war nie­mand an­ti­se­mi­tisch; Sie wa­ren „deut­sche Na­tio­na­lis­ten”. Heu­te ist nie­mand an­ti­se­mi­tisch; Wir sind „pro-​palästinensische Ak­ti­vis­ten”.

Was macht je­mand zum An­ti­se­mi­ten? Ist es Dumm­heit? Ist es ei­ne dunk­le See­le all­um­fas­sen­den Has­ses? Wahr­schein­lich ist es ei­ne Kom­bi­na­ti­on von bei­dem, aber das spielt kei­ne Rol­le, weil An­ti­se­mi­ten im­mer exis­tiert ha­ben und wahr­schein­lich im­mer exis­tie­ren wer­den.

Die re­le­van­te­re Fra­ge ist, war­um der Rest von uns so schlecht dar­in war, den An­ti­se­mi­tis­mus zu kon­fron­tie­ren. Wäh­rend anti-​schwarzer Ras­sis­mus nach wie vor exis­tiert und wahr­schein­lich im­mer exis­tie­ren wird, ha­ben die meis­ten Na­tio­nen ihn auf die ver­bor­ge­nen Rän­der der Ge­sell­schaft be­schränkt, doch der An­ti­se­mi­tis­mus wird im­mer noch of­fen mit der Selbst­ge­rech­tig­keit und der Ar­ro­ganz der Ge­rech­ten prak­ti­ziert.

Die­je­ni­gen von uns, die we­der jü­disch noch an­ti­se­mi­tisch sind, sind kläg­lich ge­schei­tert. Wir sind die Pas­san­ten, die in die an­de­re Rich­tung schau­en, wäh­rend ei­ne Ban­de von Ver­bre­chern ein Kind zu­sam­men­schlägt. Und schlim­mer als das, als das Kind end­lich in der La­ge ist, sich selbst zu ver­tei­di­gen, wie es Is­ra­el heu­te ist, dann be­schul­di­gen wir das Kind.

Es gibt kei­ne gül­ti­ge Ent­schul­di­gung da­für, dass es nicht ge­lun­gen ist, Is­ra­el zu hel­fen, der si­che­re Staat des jü­di­schen Vol­kes zu wer­den. Wir re­flek­tie­ren über den An­ti­se­mi­tis­mus, wir stren­gen uns an und den­ken nach, und dann leh­nen wir uns zu­rück und las­sen die An­ti­se­mi­ten auf ih­rem fröh­li­chen Weg wei­ter­zie­hen.

Wenn ein jü­di­sches Zen­trum be­droht wird, ist es nicht nur ein ver­lo­re­ner Nach­mit­tag. Wenn ein jü­di­scher Fried­hof ent­weiht ist, muss nicht nur ein Grab­stein er­setzt wer­den. Es sind 3000 Jah­re Hass, die zu­rück­keh­ren. Es sind die schmerz­li­chen Er­in­ne­run­gen an die Fa­mi­li­en­mit­glie­der, die in Nazi-​Krematorien ge­stor­ben sind, die wie­der auf­tau­chen. Es ist ei­ne sehr ak­tu­el­le Er­in­ne­rung, dass ei­ne Na­ti­on, die das 79-​fache der Grö­ße des jü­di­schen Staa­tes hat, droh­te, ihn von der Kar­te zu wi­schen und wei­ter­macht auf der Su­che nach Atom­waf­fen.

Nach 3000 Jah­ren An­ti­se­mi­tis­mus, mit un­zäh­li­gen Po­gro­men, De­por­ta­tio­nen von Ju­den von ih­ren ei­ge­nen Grund­stü­cken und dem kalt­blü­ti­gen Mord an der Hälf­te sei­ner Be­völ­ke­rung im In­ter­vall von fünf Jah­ren, wie kön­nen wir ak­zep­tie­ren, dass die Ju­den noch heu­te kei­nen si­che­ren Platz ha­ben auf der Er­de, um nach Hau­se zu kom­men? Wie kön­nen wir mor­gens auf­ste­hen, in den Spie­gel schau­en und nicht die Angst zu ver­spü­ren, in der ele­men­tars­ten Auf­ga­be, die wir „in­tel­li­gen­ten” Tie­re je­mals er­hal­ten ha­ben, so mi­se­ra­bel ge­schei­tert zu sein?

War­um hat kei­ne Re­gie­rung ir­gend­wo in der Welt, au­ßer Is­ra­el, den Kampf ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus in sei­ne obers­ten Prio­ri­tä­ten ein­ge­reiht? War­um wie­der­ho­len die Po­li­ti­ker die im­mer­glei­chen tö­rich­ten Zei­len über Ver­hand­lun­gen zum Frie­den, wenn es kei­ne glaub­wür­di­ge En­ti­tät gibt, mit der ver­han­delt wer­den könn­te? War­um ver­ur­tei­len sie An­ti­se­mi­tis­mus, tun dann aber nichts, um ihn zu stop­pen? Die Si­cher­heit ei­nes Vol­kes, das seit 3000 Jah­ren ge­zwun­gen ist, um sei­ne Si­cher­heit zu kämp­fen, ist kein Spiel. Es ist kei­ne po­li­ti­sche Ver­hand­lungs­mas­se.

Ich schä­me mich für mei­ne Füh­rer. Ich schä­me mich für mei­ne Ge­sell­schaft. Ich schä­me mich der Mensch­heit.

Wenn Gott exis­tiert, wird er über uns rich­ten, und das Ur­teil wird nicht nett sein. Wenn es kei­nen Gott gibt, wird es nie­mand ge­ben, um uns zu er­lö­sen, und wir wer­den im­mer des dun­kels­ten Ver­bre­chens in der ent­schul­di­gen­den Ge­schich­te der Mensch­heit schul­dig sein.

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