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Fran­zö­si­sche Wah­len: Po­pu­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on oder Sta­tus Quo?

So­e­ren Kern, 21.3.2017, Gatestone In­sti­tu­te

  • „Wenn die Macron-​Blase nicht platzt, kann dies die Neu­aus­rich­tung nicht nur der fran­zö­si­schen Po­li­tik, son­dern der west­li­chen Po­li­tik im All­ge­mei­nen be­deu­ten, weg von der links-​rechts-​Spaltung, die die west­li­che Po­li­tik seit der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on de­fi­niert hat, hin zu ei­ner Tren­nung zwi­schen dem Volk und den Eli­ten.” – Pascal-​Emmanuel Go­bry, fran­zö­si­scher po­li­ti­scher Ana­lyst
  • „Die­se Kluft ist nicht mehr zwi­schen links und rechts, son­dern zwi­schen Pa­trio­ten und Glo­ba­lis­ten.” – Ma­ri­ne Le Pen, fran­zö­si­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin.

In der ak­tu­el­len fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahl­kam­pa­gne ist Ma­rin Le Pen (rechts) die Anti-​Establishment-​Kandidatin und Em­ma­nu­el Ma­cron (links) ist der Pro-​Establishment Status-​Quo-​Kandidat. (Bild­quel­le: LCI Vi­deo Screen­shot)

Die Prä­si­dent­schafts­wahl in Frank­reich wur­de am 18. März of­fi­zi­ell in Gang ge­setzt, als der Ver­fas­sungs­rat an­kün­dig­te, dass ins­ge­samt elf Kan­di­da­ten für den obers­ten po­li­ti­schen Job des Lan­des zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den.

Die Wahl wird in Frank­reich und an­ders­wo als In­di­ka­tor beo­trach­tet für po­pu­lä­re Un­zu­frie­den­heit mit tra­di­tio­nel­len Par­tei­en und der Eu­ro­päi­schen Uni­on so­wie mit Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und fort­ge­setz­ter Mas­sen­mi­gra­ti­on aus der mus­li­mi­schen Welt.

Die ers­te Ab­stim­mungs­run­de fin­det am 23. April statt. Wenn kein ein­zel­ner Kan­di­dat die ab­so­lu­te Mehr­heit ge­winnt, wer­den die ers­ten bei­den Sie­ger der ers­ten Run­de am 7. Mai in ei­ner Nach­wahl kon­kur­rie­ren.

Wenn die Wahl heu­te statt­fän­de, wür­de der un­ab­hän­gi­ge „pro­gres­si­ve” Kan­di­dat Em­ma­nu­el Ma­cron, der nie­mals ein ge­wähl­tes Amt aus­ge­übt hat, nach meh­re­ren Mei­nungs­um­fra­gen zum nächs­ten Prä­si­den­ten Frank­reichs wer­den.

Ei­ne BVA-​Marktforschungsumfrage für Oran­ge, die am 18. März ver­öf­fent­licht wur­de, zeig­te, dass Ma­ri­ne Le Pen, die Füh­re­rin der Anti-​Establishment-​Partei Front Na­tio­nal, die ers­te Run­de mit 26% der Stim­men ge­win­nen wür­de, ge­folgt von Ma­cron mit 25%. Der kon­ser­va­ti­ve François Fil­lon ist der drit­te (19,5%), ge­folgt vom ra­di­ka­len So­zia­lis­ten Be­noît Ha­mon (12,5%) und dem lin­ken Brand­stif­ter Jean-​Luc Mé­len­chon (12%).

Zum ers­ten Mal wür­den die bei­den eta­blier­ten Par­tei­en, die So­zia­lis­ti­sche Par­tei und die Mitterechts-​Republikaner in der ers­ten Run­de eli­mi­niert.

In der zwei­ten Run­de wür­de Ma­cron, ein 39-​jähriger Pro-​EU-​Pro-​Islam-​Globalist (Platt­form hier), Le Pen, ei­ne 48-​jährige Anti-​EU-​Anti-​Islam-​französische Na­tio­na­lis­tin (Platt­form hier) um ei­ne brei­te Mar­ge schla­gen (62% bis 38%), ge­mäss der Um­fra­ge.

Ma­cron, ein ehe­ma­li­ger In­vest­ment­ban­ker, war ein Be­ra­ter des eta­blier­ten so­zia­lis­ti­schen Prä­si­den­ten François Hol­lan­de, ei­ner der un­be­lieb­tes­ten Prä­si­den­ten in der mo­der­nen fran­zö­si­schen Ge­schich­te. Als lang­jäh­ri­ges Mit­glied der So­zia­lis­ti­schen Par­tei dien­te Ma­cron zwei Jah­re in Hol­lan­des Ka­bi­nett als Wirt­schafts­mi­nis­ter bis Au­gust 2016, als er zu­rück­trat, um sei­nen ri­va­li­sie­ren­den Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf zu star­ten, um „Frank­reich zu trans­for­mie­ren”.

Ma­cron, des­sen Kern-​Unterstützungsbasis aus jun­gen, ur­ba­nen Pro­gres­si­ven be­steht, hat ver­sucht, sich im po­li­ti­schen Zen­trum, zwi­schen den So­zia­lis­ten und den Kon­ser­va­ti­ven, zu po­si­tio­nie­ren. Sein me­teor­haf­ter Auf­stieg wur­de durch ei­nen Skan­dal mit Fil­lon an­ge­trie­ben – der Ge­gen­stand ei­ner kri­mi­nel­len Un­ter­su­chung ist we­gen Vor­wür­fen, Re­gie­rungs­gel­der ver­wen­det zu ha­ben, um sei­ner Frau und sei­nen Kin­dern mehr als 1 Mil­li­on Eu­ro (1,1 Mil­lio­nen Dol­lar) für Jobs be­zahlt zu ha­ben, die sie nie aus­ge­übt ha­ben – und weil die So­zia­lis­ten Ha­mon ge­stützt ha­ben, ei­nen nicht wähl­ba­ren Kan­di­da­ten, der ver­spro­chen hat, je­dem fran­zö­si­schen Staats­bür­ger über 18, un­ab­hän­gig da­von, ob er ei­nen Job hat oder nicht, ein staat­lich ga­ran­tier­tes mo­nat­li­ches Ein­kom­men von 750 € (800 $) zu be­zah­len. Die jähr­li­chen Kos­ten für die Steu­er­zah­ler wür­den 400 Mrd. € (430 Mrd. $) be­tra­gen. Zum Ver­gleich: Frank­reichs Ver­tei­di­gungs­haus­halt 2017 be­trägt 32,7 Mil­li­ar­den Eu­ro (40 Mil­li­ar­den Dol­lar).

Ma­crons Auf­stieg kommt in­mit­ten er­höh­ter Sor­gen um die Si­cher­heit. Mehr als 230 Men­schen wur­den in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren in Frank­reich bei An­grif­fen von is­la­mi­schen Ra­di­ka­len ge­tö­tet. Der jüngs­te An­griff am 18. März be­stand in ei­nem 39-​jährigen französisch-​tunesischen Dschi­ha­dis­ten, der ver­kün­de­te, dass er „für Al­lah ster­ben” woll­te, und der er­schos­sen wur­de, nach­dem er ver­sucht hat­te, auf dem Flug­ha­fen Or­ly in Pa­ris die Waf­fe ei­nes Sol­da­ten zu er­grei­fen.

Kurz nach dem An­griff be­schul­dig­te Le Pen Ma­cron und den Rest des fran­zö­si­schen Es­ta­blish­ment der „Feig­heit vor dem is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus”.

In ei­ner of­fen­sicht­li­chen Be­mü­hung, sei­ne Glaub­wür­dig­keit in Sa­chen na­tio­na­le Si­cher­heit zu stär­ken, ver­kün­de­te Ma­cron am 18. März ei­nen Über­ra­schungs­vor­schlag zur Wie­der­her­stel­lung des Wehr­diens­tes. Er sag­te, er ver­lan­ge von Män­nern und Frau­en im Al­ter zwi­schen 18 und 21 Jah­ren, ei­nen Mo­nat in den Streit­kräf­ten zu die­nen.

„Ich möch­te, dass je­der jun­ge Fran­zo­se das Mi­li­tär­le­ben er­le­ben kann, wenn auch nur kurz”, sag­te Ma­cron. „Das ist ein wich­ti­ges Pro­jekt der Ge­sell­schaft, ein ech­tes re­pu­bli­ka­ni­sches Pro­jekt, das es un­se­rer De­mo­kra­tie er­mög­li­chen soll­te, mehr ver­eint zu wer­den und die Wi­der­stands­fä­hig­keit un­se­rer Ge­sell­schaft zu er­hö­hen.” Ma­cron, wenn ge­wählt, wä­re der ers­te Prä­si­dent in der mo­der­nen fran­zö­si­schen Ge­schich­te, der kei­nen Mi­li­tär­dienst ge­leis­tet hat.

Die Be­ob­ach­ter sa­gen, dass der na­tio­na­le Wehr­dienst­vor­schlag von Ma­cron, der den Vor­schlag von Le Pen zur Wie­der­ein­füh­rung des Wehr­diens­tes für ei­nen Zeit­raum von min­des­tens drei Mo­na­ten ko­piert, ein Ver­such ist, Stim­men von Le Pen und Fil­lon zu ho­len, de­ren bei­der Kam­pa­gnen­platt­for­men ei­nen star­ken Na­tio­na­len Wehr­dienst for­dern.

Der Vor­schlag von Ma­cron, der vor­aus­sicht­lich schät­zungs­wei­se 15 Mil­li­ar­den Eu­ro (16 Mil­li­ar­den US-​Dollar) In­ves­ti­tio­nen er­for­dert, und wei­te­re 3 Mil­li­ar­den Eu­ro (3,2 Mil­li­ar­den US-​Dollar) jähr­lich, er­hielt viel Spott auf­grund der ex­or­bi­tan­ten Kos­ten und des zwei­fel­haf­ten Bei­trags zur na­tio­na­len Si­cher­heit. Le Mon­de er­in­ner­te sei­ne Le­ser dar­an, dass Frank­reich ei­nen ähn­li­chen Be­trag (3 Mrd. € jähr­lich) für die nu­klea­re Ab­schre­ckung aus­gibt.

Fil­lons Spre­cher Luc Chan­tel sag­te, der Vor­schlag sei „ab­surd und un­rea­lis­tisch” und füg­te hin­zu:

„Ent­we­der ist es ei­ne Maß­nah­me, die dar­auf ab­zielt, die Schü­ler da­von ab­zu­hal­ten, die Schu­le vor­zei­tig zu ver­las­sen, und das ist nicht die Auf­ga­be der Ar­mee, oder es ist die Aus­bil­dung zur Ver­tei­di­gung Frank­reichs, und dann ist ein Mo­nat ein Witz, es ist ein Pfad­fin­der­la­ger.”

Ei­ni­ge der an­de­ren po­li­ti­schen Po­si­tio­nen von Ma­cron sind:

  • Eu­ro­päi­scher Zen­tra­lils­mus: Ma­cron hat wie­der­holt ei­ne stär­ke­re Eu­ro­päi­sche Uni­on ge­for­dert. Bei ei­ner po­li­ti­schen Kund­ge­bung am 14. Ja­nu­ar in Lil­le sag­te er: „Wir sind Eu­ro­pa, wir sind Brüs­sel, wir woll­ten es und wir brau­chen es. Wir brau­chen Eu­ro­pa, weil Eu­ro­pa uns grö­ßer macht, weil Eu­ro­pa uns stär­ker macht.”
  • Eu­ro­päi­sche Ein­heits­wäh­rung: In ei­ner Re­de am 10. Ja­nu­ar an der Humboldt-​Universität in Ber­lin sag­te Ma­cron: „Die Wahr­heit ist, dass wir ge­mein­sam er­ken­nen müs­sen, dass der Eu­ro un­voll­stän­dig ist und nicht oh­ne grö­ße­re Re­for­men über­dau­ern kann. Er hat Eu­ro­pa nicht die vol­le in­ter­na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät ge­gen­über dem Dol­lar nach ei­ge­nen Re­geln ge­bracht. Er hat Eu­ro­pa nicht ei­ne na­tür­li­che Kon­ver­genz zwi­schen den ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten ge­bracht. Der Eu­ro ist ei­ne schwa­che Deut­sche Mark, der Sta­tus quo ist auch in 10 Jah­ren noch gleich mit dem Ab­bau des Eu­ro.”
  • Mi­gra­ti­ons­kri­se: Ma­cron hat wie­der­holt die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ge­lobt, die seit Ja­nu­ar 2015 mehr als zwei Mil­lio­nen meist mus­li­mi­sche Mi­gran­ten nach Deutsch­land ein­rei­sen liess. In ei­nem In­ter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung vom 1. Ja­nu­ar 2017 be­schul­dig­te Ma­cron die Kri­ti­ker der Mer­kel­schen offene-​Tür-​Migrationspolitik der „schänd­li­chen Über­sim­pli­fi­zie­rung”. Er sag­te: „Mer­kel und die deut­sche Ge­sell­schaft als Gan­zes ha­ben un­se­re ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Wer­te ver­an­schau­licht. Sie ha­ben un­se­re kol­lek­ti­ve Wür­de durch die An­nah­me, Un­ter­brin­gung und Schu­lung von not­lei­den­den Flücht­lin­gen ge­ret­tet.”
    In ei­ner Kund­ge­bung in Ly­on vom 4. Fe­bru­ar spot­te­te Ma­cron über US-​Präsident Do­nald Trump’s Ver­spre­chen, ei­ne Mau­er an der Gren­ze zu Me­xi­ko zu bau­en: „Ich möch­te kei­ne Mau­er bau­en, ich kann Ih­nen ver­si­chern, dass es kei­ne Mau­er in mei­nem Re­gie­rungs­pro­gramm gibt. Er­in­nern Sie sich an die Maginot-​Linie?” sag­te er und be­zog sich auf ei­ne ge­schei­ter­te Rei­he von Be­fes­ti­gun­gen, die Frank­reich in den 1930er Jah­ren ge­baut hat­te, um ei­ne In­va­si­on durch Deutsch­land zu ver­hin­dern.
  • Is­la­mi­scher Ter­ro­ris­mus: Ma­cron hat ge­sagt, er glau­be, dass die Lö­sung des ji­ha­dis­ti­schen Ter­ro­ris­mus mehr Eu­ro­päi­scher Zen­tra­lis­mus ist: „Ter­ro­ris­mus will Eu­ro­pa zer­stö­ren, wir müs­sen schnell ein sou­ve­rä­nes Eu­ro­pa schaf­fen, das uns ge­gen äu­ße­re Ge­fah­ren schüt­zen kann, um die in­ne­re Si­cher­heit bes­ser zu si­chern. Auch müs­sen wir die na­tio­na­le Un­wil­lig­keit über­win­den und ei­nen ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Ge­heim­dienst schaf­fen, der die ef­fek­ti­ve Jagd auf Kri­mi­nel­le und Ter­ro­ris­ten er­mög­licht.”
  • Is­lam: Ma­cron hat ge­sagt, er glau­be, dass die fran­zö­si­sche Si­cher­heits­po­li­tik un­fair auf Mus­li­me aus­ge­rich­tet ist und dass „der Sä­ku­la­ris­mus nicht als Waf­fe zum Kampf ge­gen den Is­lam ge­schwun­gen wer­den soll­te”. Bei ei­ner Kund­ge­bung im Ok­to­ber 2016 in Mont­pel­lier lehn­te er die Be­teue­rung von Prä­si­dent Hol­lan­de ab, dass „Frank­reich ein Pro­blem mit dem Is­lam ha­be”. Statt­des­sen sag­te Ma­cron: „Kei­ne Re­li­gi­on ist heu­te ein Pro­blem in Frank­reich. Wenn der Staat neu­tral sein soll­te, was im Mit­tel­punkt des Sä­ku­la­ris­mus steht, ha­ben wir die Pflicht, dass je­der sei­ne Re­li­gi­on mit Wür­de aus­üben kann.” Er be­stand auch dar­auf, dass der is­la­mi­sche Staat nicht is­la­misch ist: „Was ein Pro­blem dar­stellt, ist nicht der Is­lam, son­dern be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen, die als re­li­gi­ös be­zeich­net wer­den und dann Per­so­nen auf­er­legt wer­den, die die­se Re­li­gi­on prak­ti­zie­ren.”
  • Na­tio­na­le Ver­tei­di­gung: Ma­cron un­ter­stützt die NATO und hat sich ver­pflich­tet, die fran­zö­si­schen Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben bis 2025 um 2% des BIP zu er­hö­hen – ein Ni­veau, auf das sich al­le NATO-​Mitglieder im Jahr 2006 ge­ei­nigt hat­ten. Gleich­zei­tig glaubt Ma­cron an die Not­wen­dig­keit, ei­ne „au­to­no­me” eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit zu schaf­fen, auch be­kannt als ei­ne Eu­ro­päi­sche Ar­mee, die mi­li­tä­ri­sche Fä­hig­kei­ten, die be­reits in der NATO exis­tie­ren, du­pli­zie­ren wür­de.

Ei­ne Ifop-​Umfrage für das Jour­nal du Di­man­che, die am 18. März ver­öf­fent­licht wur­de, stell­te fest, dass fran­zö­si­sche Wäh­ler in „zwei quasi-​gleiche Blö­cke” ge­spal­ten sind über Ma­crons Ehr­lich­keit und sei­ne Fä­hig­keit zu re­gie­ren. Nach der Um­fra­ge glau­ben nur 46% der Fran­zo­sen, dass er „die Si­cher­heit des fran­zö­si­schen Vol­kes ga­ran­tie­ren kann”. Mehr als die Hälf­te (52%) der Be­frag­ten sag­ten, sie sei­en „be­sorgt” über Ma­cron, wäh­rend 52% sag­ten, sie be­zwei­fel­ten sei­ne Ehr­lich­keit.

In ei­nem In­ter­view mit dem BMFTV be­schrieb Lau­rence Haïm, ei­ne Ca­nal+ Re­por­te­rin, die am Wei­ßen Haus ak­kre­di­tiert war und vor kur­zem dem Team von Ma­cron bei­ge­tre­ten ist, Ma­cron als „fran­zö­si­schen Oba­ma”. Sie füg­te hin­zu: „Ich den­ke, dass wir in der heu­ti­gen Welt Er­neue­rung brau­chen, von je­mand Jun­gem, der kein Po­li­ti­ker ist. Er will die de­mo­kra­ti­sche Re­vo­lu­ti­on voll­brin­gen.”

Was al­so treibt Ma­crons po­li­ti­schen Auf­stieg an? Der fran­zö­si­sche Ana­ly­ti­ker Pascal-​Emmanuel Go­bry er­klärt:

„Der bes­te Weg, Ma­cron zu be­trach­ten, ist wie ei­ne Art Anti-​Le Pen, oder um die Gren­zen der Lo­gik noch wei­ter zu deh­nen, ein Po­pu­list von oben. Wenn Le Pen Anti-​Establishment ist, ist Ma­cron die In­kar­na­ti­on des fran­zö­si­schen Es­ta­blish­ments, ein Ab­sol­vent der ENA, die obers­te Be­am­ten­schu­le, die die Eli­ten des Lan­des aus­bil­det, und ein Mit­glied der In­spec­tion des Fi­nan­ces, der Eli­te des öf­fent­li­chen Diens­tes. Sei­ne ein­zi­ge Er­fah­rung im pri­va­ten Sek­tor ist durch die Dreh­tür als In­vest­ment­ban­ker ge­we­sen, und doch lässt Ma­cron die po­pu­lis­ti­sche Rhe­to­rik an­klin­gen: Sei­ne Kan­di­da­tur, sagt er, geht da­von aus, ein kor­rup­tes Sys­tem zu ver­trei­ben (auch wenn er von der über­wie­gen­den Mehr­heit des fran­zö­si­schen Es­ta­blish­ments un­ter­stützt wird).

„Es wä­re nur leicht klein­lich, zu sa­gen, dass die Tei­le des Sys­tems, die Ma­cron los­wer­den will, die de­mo­kra­ti­schen sind, er­le­ben Sie bloss sei­ne voll­kon­ser­va­ti­ve Un­ter­stüt­zung für die EU in ei­nem Land, das die­se bei Um­fra­gen ab­ge­lehnt hat. Ma­cron un­ter­stützt ver­schie­de­ne lin­ke Re­for­men und An­ge­la Mer­kels Be­grü­ßungs­po­li­tik ge­gen­über Mi­gran­ten. Er ist na­tür­lich ein sozial-​liberaler. In ei­nem Land, das Kul­tur sehr ernst nimmt, hat er ar­gu­men­tiert, dass es ‚so et­was wie fran­zö­si­sche Kul­tur nicht gibt’, viel­mehr gibt es vie­le Kul­tu­ren, mit de­nen die Fran­zo­sen ei­ne Art Syn­the­se durch­füh­ren. Sei­ne größ­ten Spen­der schei­nen fran­zö­si­sche Steu­er­flücht­lin­ge zu sein, die in Lon­don und Brüs­sel le­ben.

„Mit an­de­ren Wor­ten, er ist das Spie­gel­bild der po­li­ti­schen Neu­aus­rich­tung, die die west­li­che Po­li­tik um­wan­delt. Wenn die ver­trau­te bun­te Mann­schaft der Po­pu­lis­ten – Trump, Le Pen – die Kan­di­da­ten für die­je­ni­gen sind, die bei der Glo­ba­li­sie­rung ver­lo­ren ha­ben, dann ist Ma­cron der Kan­di­dat der Sie­ger. In bei­den Fäl­len schei­nen sie al­te links-​rechte Spal­tun­gen ob­so­let ge­macht zu ha­ben. Wenn die Macron-​Blase nicht platzt, kann dies die Neu­aus­rich­tung nicht nur der fran­zö­si­schen Po­li­tik be­deu­ten, son­dern auch der west­li­chen Po­li­tik im All­ge­mei­nen, weg von der links-​rechts-​Spaltung, die die west­li­che Po­li­tik seit der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on de­fi­niert hat, zu ei­ner Tren­nung zwi­schen dem Volk und den Eli­ten.

Le Pen stimmt zu. Bei ei­ner Kund­ge­bung in Ly­on am 5. Fe­bru­ar sag­te sie:

„Die al­ten links-​rechts-​Debatten ha­ben ih­re Nütz­lich­keit über­lebt, und die Pri­mär­wah­len ha­ben ge­zeigt, dass De­bat­ten über Sä­ku­la­ris­mus oder Ein­wan­de­rung, so­wie Glo­ba­li­sie­rung oder ge­ne­ra­li­sier­te De­re­gu­lie­rung ei­ne fun­da­men­ta­le und trans­ver­sa­le Kluft dar­stel­len, die nicht mehr zwi­schen links und rechts liegt, son­dern zwi­schen Pa­trio­ten und Glo­ba­lis­ten.

„Der Zu­sam­men­bruch der tra­di­tio­nel­len Par­tei­en und das sys­te­ma­ti­sche Ver­schwin­den von fast al­len ih­rer Füh­rer zeigt, dass ei­ne gro­ße po­li­ti­sche Neu­ge­stal­tung be­gon­nen hat.”

Auf der­sel­ben Kund­ge­bung star­te­te Le Pen ei­nen zwei­glei­si­gen An­griff auf die Glo­ba­li­sie­rung und den ra­di­ka­len Is­lam. Sie ver­sprach auch den fran­zö­si­schen Wäh­lern ein Re­fe­ren­dum über den Ver­bleib in der Eu­ro­päi­schen Uni­on, um „uns zu er­lau­ben, un­se­re vier Sou­ve­rä­ni­tä­ten wie­der­her­zu­stel­len: mo­ne­tär, wirt­schaft­lich, le­gis­la­tiv und ter­ri­to­ri­al”.

Sie fuhr fort, ge­nau zu for­mu­lie­ren, was für Frank­reich bei die­ser Wahl auf dem Spiel steht:

In je­der Hin­sicht ist die­se Prä­si­dent­schafts­wahl an­ders als frü­he­re. Ihr Er­geb­nis wird die Zu­kunft von Frank­reich als freie Na­ti­on und un­se­re Exis­tenz als Volk be­stim­men.

Nach Jahr­zehn­ten der Feh­ler und Feig­heit ste­hen wir an ei­ner Kreu­zung. Ich sa­ge es mit Schwe­re: Die Ent­schei­dung, die wir bei die­ser Wahl tref­fen müs­sen, ist ei­ne Wahl der Zi­vi­li­sa­ti­on.

Die Fra­ge ist ein­fach und grau­sam: Wer­den un­se­re Kin­der in ei­nem frei­en, un­ab­hän­gi­gen, de­mo­kra­ti­schen Land le­ben? Wer­den sie sich noch auf un­ser Wer­te­sys­tem be­zie­hen kön­nen? Wer­den sie die glei­che Le­bens­wei­se ha­ben wie wir und un­se­re El­tern vor uns?

Wer­den un­se­re Kin­der und die Kin­der un­se­rer Kin­der im­mer noch ei­nen Job, ei­nen or­dent­li­chen Lohn, die Mög­lich­keit, ein Er­be auf­zu­bau­en, ein Be­sit­zer zu wer­den, ei­ne Fa­mi­lie in ei­ner si­che­ren Um­ge­bung zu be­gin­nen, rich­tig um­sorgt zu wer­den, um mit Wür­de alt zu wer­den ?

Wer­den un­se­re Kin­der die glei­chen Rech­te ha­ben wie wir?

Wer­den sie nach un­se­ren kul­tu­rel­len Be­zü­gen, un­se­ren zi­vi­li­sa­to­ri­schen Wer­ten, un­se­rem Le­bens­stil le­ben und wer­den sie so­gar un­se­re fran­zö­si­sche Spra­che spre­chen, die un­ter den Schlä­gen der po­li­ti­schen Füh­rer zer­fällt, die die­sen na­tio­na­len Schatz ver­schwen­den – zum Bei­spiel durch die Wahl ei­nes Slo­gans in eng­li­scher Spra­che, um die Kan­di­da­tur von Pa­ris als Ver­an­stal­tungs­ort der Olym­pi­schen Spie­le 2024 zu för­dern?

Wer­den sie das Recht ha­ben, die fran­zö­si­sche Kul­tur zu be­haup­ten, wenn ge­wis­se Kan­di­da­ten für die Prä­si­dent­schafts­wahl, auf­ge­bla­sen von ih­rer ei­ge­nen Lee­re, er­klä­ren, dass sie nicht exis­tiert?

Ich stel­le die­se wich­ti­ge Fra­ge, weil ich im Ge­gen­satz zu un­se­ren Geg­nern nicht nur am ma­te­ri­el­len Er­be der Fran­zo­sen in­ter­es­siert bin, son­dern auch un­ser im­ma­te­ri­el­les Ka­pi­tal ver­tei­di­gen will. Die­ses im­ma­te­ri­el­le Ka­pi­tal ist un­be­zahl­bar, weil die­ses Er­be un­er­setz­lich ist. Tat­säch­lich ver­tei­di­ge ich die tra­gen­den Wän­de un­se­rer Ge­sell­schaft.

Die Wahl für die fran­zö­si­schen Wäh­ler ist klar: Le Pen ist der Anti-​Establishment-​Kandidat und Ma­cron ist der Pro-​Establishment Status-​Quo-​Kandidat.

Le Pen bie­tet den Wäh­lern ei­ne his­to­ri­sche Ge­le­gen­heit, die Be­zie­hun­gen zur Eu­ro­päi­schen Uni­on neu zu be­ur­tei­len, die na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät zu be­kräf­ti­gen und den Fluss der Mas­sen­mi­gra­ti­on aus der mus­li­mi­schen Welt zu un­ter­bin­den. Im Ge­gen­satz da­zu bie­tet Ma­cron den Wäh­lern den eu­ro­päi­schen Zen­tra­lis­mus, die Über­tra­gung von noch mehr na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät auf die Eu­ro­päi­sche Uni­on und die wei­te­re Mul­ti­kul­tu­ra­li­sie­rung der fran­zö­si­schen Ge­sell­schaft.

Wenn Um­fra­gen ir­gend­wel­che An­zei­chen sind, schei­nen sich die fran­zö­si­schen Wäh­ler mit dem Sta­tus quo woh­ler zu füh­len. Die po­pu­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on, die im Ju­ni 2016 be­gann, als die bri­ti­schen Wäh­ler be­schlos­sen, die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu ver­las­sen und den At­lan­tik im No­vem­ber zu über­quer­te, als die Ame­ri­ka­ner den US-​Präsidenten Do­nald J. Trump ge­wählt ha­ben, wird sich 2017 nicht nach Frank­reich aus­brei­ten.

So­e­ren Kern ist ein Se­ni­or Fel­low des New Yor­ker Gatestone In­sti­tu­te. Fol­gen Sie ihm auf Face­book und Twit­ter.


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone In­sti­tuts.

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