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Man­ches­ter: Eu­ro­pa im­mer noch ‚Scho­ckiert, Scho­ckiert’

Ju­dith Berg­mann, 24.5.2017, Gatestone In­sti­tu­te

  • Nach­dem sie vom Manchester-​Terroranschlag hör­ten, teil­ten die Po­li­ti­ker er­neut ih­re bis­he­ri­ge Rou­ti­ne von „Schock” und „Trau­er” zum vor­her­seh­ba­ren Re­sul­tat ih­rer ei­ge­nen Po­li­tik mit.
  • Am ver­blüf­fends­ten war, dass Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel sag­te, sie ha­be die Ent­wick­lun­gen in Man­ches­ter „mit Trau­er und Schre­cken” ver­folgt und sie ha­be den An­griff „un­ver­ständ­lich” ge­fun­den.
  • Je­des Mal, wenn ein eu­ro­päi­scher Füh­rer den Is­lam als ei­ne gro­ße Re­li­gi­on, ei­ne „Re­li­gi­on des Frie­dens” öf­fent­lich be­für­wor­tet oder be­haup­tet, dass Ge­walt im Is­lam ei­ne „Per­ver­si­on ei­ner gro­ßen Re­li­gi­on” sei, si­gna­li­sie­ren sie trotz mas­si­ver Be­wei­se des Ge­gen­teils auf stärks­te Wei­se, dass der Wes­ten bei je­dem ver­hee­ren­den An­griff reif ist, ge­pflückt zu wer­den.

Pho­to: freewallpaper.com

Als ISIS im No­vem­ber 2015 das Bataclan-​Theater in Pa­ris an­griff, tat er das, weil das laut sei­nen ei­ge­nen Wor­ten ein Ort ist, „wo sich Hun­der­te von Un­gläu­bi­gen zu ei­nem Kon­zert der Pro­sti­tu­ti­on und des Las­ters ver­sam­melt ha­ben”. Ein Jahr zu­vor hat­te ISIS al­le Mu­sik als ha­ram ver­bo­ten. Vie­le is­la­mi­sche Ge­lehr­te un­ter­stüt­zen die Idee, dass der Is­lam die „sün­di­ge” Mu­sik des Wes­tens ver­bie­tet.

Es soll­te al­so kei­ne Über­ra­schung sein für nie­mand, dass is­la­mi­sche Ter­ro­ris­ten ein Kon­zert der ame­ri­ka­ni­schen Pop-​Sängerin Aria­na Gran­de am 22. Mai in Man­ches­ter an­vi­sier­ten. Dar­über hin­aus warn­te das US De­part­ment of Home­land Se­cu­ri­ty im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber, dass Ter­ro­ris­ten auf Kon­zer­te, Sport­ver­an­stal­tun­gen und Outdoor-​Versammlungen zie­len, weil sol­che Ver­an­stal­tungs­or­te „oft ein­fa­che, aus­führ­ba­re An­grif­fe mit ei­nem Schwer­punkt auf wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen und Mas­sen­op­fer” er­lau­ben.

Der is­la­mi­sche Staat be­an­spruch­te die Ver­ant­wor­tung für das Selbst­mord­at­ten­tat in Man­ches­ter, in der ein mit Schrau­ben und Bol­zen ge­schnür­tes Ge­rät ge­zün­det wur­de. Zwei­und­zwan­zig Per­so­nen, Kin­der und Er­wach­se­ne, wur­den in der Ex­plo­si­on er­mor­det, die durch das Manchester-​Konzertgelände feg­te; Mehr als 50 Men­schen wur­den ver­wun­det. Wäh­rend die Me­di­en den Ein­satz von Na­gel­bom­ben im Kon­zert­saal als neue und über­ra­schen­de Tak­tik be­schrei­ben, ist sie in der Tat sehr alt und wird seit Jahr­zehn­ten von ara­bi­schen Ter­ro­ris­ten ge­gen Is­rae­lis prak­ti­ziert.

Trotz­dem ha­ben die Po­li­ti­ker, nach­dem sie vom Manchester-​Terroranschlag hör­ten, er­neut ih­re bis­he­ri­ge Rou­ti­ne von „Schock” und „Trau­er” zum vor­her­seh­ba­ren Re­sul­tat ih­rer ei­ge­nen Po­li­tik mit­ge­teilt. Die üb­li­chen Plat­ti­tü­den von „Ge­dan­ken und Her­zen”, die bei den Op­fern des An­griffs sei­en, be­glei­te­ten den an­geb­li­chen Schock.

Der Prä­si­dent des Eu­ro­pa­ra­tes Do­nald Tusk twit­ter­te: „Mein Herz ist in die­ser Nacht in Man­ches­ter. Un­se­re Ge­dan­ken sind bei den Op­fern.” Der Füh­rer der bri­ti­schen Li­be­ral­de­mo­kra­ten, Tim Far­ron, ver­ur­teil­te den „scho­ckie­ren­den und schreck­li­chen” An­griff. Der bri­ti­sche In­nen­mi­nis­ter Am­ber Rudd sag­te, es sei ein „tra­gi­scher Vor­fall”, wäh­rend der Labour-​Parteiführer Je­re­my Cor­byn es als „schreck­li­chen Vor­fall” be­zeich­ne­te. Ka­na­das Mi­nis­ter­prä­si­dent Jus­tin Tru­deau sag­te, sei­ne Bür­ger sei­en „scho­ckiert über die Nach­richt von dem schreck­li­chen An­griff in Man­ches­ter heu­te Abend”. Am ver­blüf­fends­ten von al­len war Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, die sag­te, sie ha­be die Ent­wick­lun­gen in Man­ches­ter „mit Trau­er und Schre­cken” ver­folgt und sie ha­be den An­griff „un­ver­ständ­lich” ge­fun­den.

Nach 911 in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten; den Bom­ben­an­schlä­gen von Ma­drid 2004, die fast 200 ge­tö­tet und 2000 ver­wun­det ha­ben; den An­grif­fen auf die Lon­do­ner U-​Bahn von 2005, wo 56 Men­schen ge­tö­tet und 700 ver­wun­det wur­den; den 2015er-​Angriffen in Pa­ris, wo ISIS 130 Men­schen ge­tö­tet und fast 400 ver­wun­det hat; den An­grif­fen vom März 2016 auf den Brüs­se­ler Flug­ha­fen und die Me­tro­sta­ti­on, wo 31 Men­schen ge­tö­tet und 300 ver­wun­det wur­den; dem Ju­li 2016 An­griff in Niz­za, wo 86 Men­schen, dar­un­ter zehn Kin­der, ge­tö­tet und mehr als 200 Men­schen ver­wun­det wur­den; dem An­griff im De­zem­ber 2016 in Ber­lin, wo 12 Men­schen ge­tö­tet und fast 50 ver­wun­det wur­den; dem März 2017 An­griff auf West­mins­ter, wo drei Men­schen ge­tö­tet und mehr als 20 ver­wun­det wur­den; dem April 2017 in Stock­holm, wo 5 Men­schen ge­tö­tet wur­den, dar­un­ter ein 11-​jähriges Mäd­chen; ge­schwei­ge denn un­zäh­li­gen An­grif­fen in Is­ra­el, sind den west­li­chen Füh­rern al­le denk­ba­ren Aus­re­den aus­ge­gan­gen, um scho­ckiert und über­rascht zu sein, dass der is­la­mi­sche Ter­ro­ris­mus in ih­ren Städ­ten mit im­mer grö­ße­rer Häu­fig­keit auf­tritt.

Al­le oben ge­nann­ten An­grif­fe sind nur die spek­ta­ku­lä­ren. Es gab un­zäh­li­ge an­de­re, manch­mal mit ei­ner Ra­te von meh­re­ren An­grif­fen pro Mo­nat, die kaum Schlag­zei­len mach­ten, wie der mus­li­mi­sche Mann, der vor et­was mehr als ei­nem Mo­nat ei­ne 66-​jährige jü­di­sche Frau in Pa­ris ge­quält und ge­sto­chen hat, und dann, wäh­rend er „Al­la­hu Ak­bar” brüll­te, sie aus dem Fens­ter warf; oder der Pa­ri­ser Flug­ha­fen­an­grei­fer im März, der kam, um „für Al­lah zu ster­ben” und sein Ziel er­reicht hat, oh­ne auf wun­der­sa­me Wei­se un­schul­di­ge Um­ste­hen­de mit sich zu neh­men.

Nach der letz­ten spek­ta­ku­lä­ren ter­ro­ris­ti­schen Gräu­el­tat in Gross­bri­tan­ni­en, die auf das Herz der eu­ro­päi­schen de­mo­kra­ti­schen Zi­vi­li­sa­ti­on ziel­te, in­dem sie sich auf das Hou­ses of Par­lia­ment und die West­mins­ter Bridge rich­te­te, sag­te die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May: „Es ist falsch, dies als is­la­mi­schen Ter­ro­ris­mus zu be­zeich­nen. Es ist Ter­ro­ris­mus und die Per­ver­si­on ei­nes gro­ßen Glau­bens.”

Es ist un­mög­lich, ge­gen das zu kämp­fen, das man sich zu ver­ste­hen oder zu er­ken­nen wei­gert, aber dann wie­der­um scheint es, als ob die eu­ro­päi­schen Füh­rer gar nicht die Ab­sicht hät­ten, da­ge­gen an­zu­kämp­fen, da sie of­fen­bar ei­ne ganz an­de­re Tak­tik ge­wählt ha­ben, näm­lich die der Be­schwich­ti­gung.

Je­des Mal, wenn ein eu­ro­päi­scher Füh­rer den Is­lam als ei­nen gro­ßen Glau­ben, ei­ne „Re­li­gi­on des Frie­dens” öf­fent­lich be­für­wor­tet, oder be­haup­tet, dass Ge­walt im Is­lam ei­ne „Per­ver­si­on ei­nes gro­ßen Glau­bens” sei, trotz mas­si­ver Be­wei­se des Ge­gen­teils – den tat­säch­li­chen ge­walt­tä­ti­gen In­hal­ten von Quran und Ha­di­then, die wie­der­hol­te Er­mah­nun­gen zur Be­kämp­fung der „Un­gläu­bi­gen” ent­hal­ten – si­gna­li­siert das auf stärks­te Wei­se Or­ga­ni­sa­tio­nen wie ISIS, Al Qai­da, Bo­ko Ha­ram, His­bol­lah und Ha­mas, dass der Wes­ten bei je­dem ver­hee­ren­den An­griff reif ist, ge­pflückt zu wer­den. Die Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen und ih­re Un­ter­stüt­zer se­hen die un­ge­heu­re Angst der eu­ro­päi­schen Füh­rer, selbst die ge­rings­te Be­lei­di­gung zu ver­ur­sa­chen, trotz ge­gen­tei­li­gen Pro­tes­ten von Füh­rern wie The­re­sa May.

Die Angst wird von ei­ner an­hal­ten­den Ent­schlos­sen­heit be­glei­tet, auf je­den Preis – auch dem des Le­bens ih­rer Bür­ger -, zu be­haup­ten, dass Eu­ro­pa nicht im Krieg ist, ob­wohl es son­nen­klar ist, dass an­de­re ge­gen Eu­ro­pa Krieg füh­ren.

Die­se Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen se­hen, dass, wenn Mi­nis­ter in Län­dern wie Schwe­den, wo­hin laut Nach­rich­ten­be­rich­ten 150 ISIS-​Kämpfer zu­rück­ge­kehrt sind und an­schei­nend frei her­um­lau­fen, die In­te­gra­ti­on der Dschi­ha­dis­ten des is­la­mi­schen Staa­tes in die schwe­di­sche Ge­sell­schaft vor­schla­gen – als Lö­sung für den Ter­ro­ris­mus! – es kei­ne gros­sen An­stren­gun­gen mehr braucht, bis sich die­se Füh­rer voll­stän­dig un­ter­wer­fen, wie es Schwe­den fast si­cher ge­tan hat. Die­se „Lö­sung” kann Ter­ro­ris­ten nur als Er­mu­ti­gung die­nen, noch mehr Ter­ro­ris­mus durch­zu­füh­ren – wie aus der zu­neh­men­den Häu­fig­keit ter­ro­ris­ti­scher An­grif­fe auf eu­ro­päi­schem Bo­den über­wäl­ti­gend her­vor­geht.

Wäh­rend die eu­ro­päi­schen Po­li­ti­ker un­glaub­li­cher­wei­se glau­ben, dass ih­re Tak­tik den Ter­ro­ris­mus ver­hin­dert, las­sen sie ihn viel­mehr so weit wie mög­lich zu: Ter­ro­ris­ten re­agie­ren nicht auf herz­li­che Sym­pa­thie, Ted­dy­bä­ren und Lichterketten-​Mahnwachen. Wenn über­haupt, sind sie wohl noch mehr an­ge­wi­dert von der west­li­chen Ge­sell­schaft, die sie in ein Ka­li­fat un­ter is­la­mi­schem Scharia-​Gesetz ver­wan­deln wol­len.

Po­li­ti­ker schei­nen die gan­ze Zeit das is­la­mis­ti­sche Ziel des Ka­li­fats aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Der is­la­mi­sche Ter­ro­ris­mus ist nicht „geist­lo­se Ge­walt”, son­dern klar kal­ku­lier­ter Ter­ror, um die even­tu­el­le Un­ter­wer­fung der an­vi­sier­ten Ge­sell­schaft zu er­zwin­gen. Bis jetzt, beim in­er­ten Wes­ten und in sei­ner Leug­nung des Pro­blems, schei­nen die Ter­ro­ris­ten zu ge­win­nen.

Ju­dith Berg­man ist Au­to­rin, Ko­lum­nis­tin, An­wäl­tin und po­li­ti­sche Ak­ti­vis­tin.


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone In­sti­tuts.

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