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Ei­ne hu­ma­ni­tä­re Far­ce in Gaza

Eve­lyn Gor­don, 14.6.2017, Com­men­ta­ry Magazine.com

Ga­zas sich ver­schlim­mern­de Strom­kri­se bie­tet ein Lehr­buch­bei­spiel da­für, war­um vie­le so ge­nann­te Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht mehr ver­dient ha­ben, ernst ge­nom­men zu wer­den. Die Kri­se stammt voll­stän­dig aus ei­nem in­ter­nen Streit zwi­schen den bei­den Kon­kur­renz­re­gie­run­gen der Pa­läs­ti­nen­ser, und da sie nicht auf Is­ra­el ab­ge­wälzt wer­den kann, ha­ben die meis­ten grö­ße­ren Rech­te­grup­pen sie igno­riert und kon­zen­trie­ren sich lie­ber auf sol­che wirk­lich drin­gen­den Fra­gen, wie et­wa – kein Witz – dem Fuß­ball­spiel in den Sied­lun­gen. Doch die Aus­nah­men von die­ser Re­gel sind noch schlim­mer: Es sind die, die durch Tat­sa­chen so un­be­rührt sind, dass sie tat­säch­lich ei­nen Weg ge­fun­den ha­ben, Is­ra­el an­zu­kla­gen für ein Pro­blem, das die Pa­läs­ti­nen­ser ab­so­lut selbst ver­schul­det haben.

Ein kur­zer Rück­blick: Im April ging Ga­za der Treib­stoff für sein ein­zi­ges Kraft­werk aus, denn we­der die von der Fa­tah ge­lei­te­te Pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de, noch die Hamas-​Regierung – die bei­de ge­nü­gend Geld ha­ben, um Anti-​Israel-​Terror zu schü­ren – konn­ten sich dar­auf ei­ni­gen, da­für zu zah­len. Der Streit kon­zen­triert sich spe­zi­fisch auf ei­ne Steu­er, die die PA über den Treib­stoff ver­hängt hat, die die Ha­mas nicht be­zah­len, die die PA aber nicht sen­ken will. Der Treib­stoff­man­gel re­du­ziert die Strom­ver­sor­gung von Ga­za auf et­wa vier Stun­den am Tag.

Im sel­ben Mo­nat kün­dig­te die PA an, dass sie die 40 Pro­zent der Elek­tri­zi­tät, die Is­ra­el über Hoch­span­nungs­lei­tun­gen lie­fert, nicht mehr be­zah­len wer­de, und die Ha­mas wei­ger­te sich na­tür­lich, die­se Zah­lun­gen zu über­neh­men. Is­ra­el lie­fer­te trotz­dem wei­ter­hin et­wa sechs Wo­chen lang Strom, aber die­se Wo­che hat es schließ­lich be­schlos­sen, auf­zu­hö­ren, der Ha­mas Gra­tis­strom zu lie­fern. Das re­du­ziert die Strom­ver­sor­gung von Ga­za auf drei Stun­den am Tag oder weniger.

Der Strom­aus­fall ver­ur­sacht ei­ne schlim­me­re hu­ma­ni­tä­re Kri­se in Ga­za als die Teil­blo­cka­de Is­ra­els, doch we­der Am­nes­ty noch Hu­man Rights Watch – die bei­de un­zäh­li­ge Pres­se­mit­tei­lun­gen über die Blo­cka­de her­aus­ge­ge­ben ha­ben – ha­ben ei­ne ein­zi­ge Pres­se­mit­tei­lung über die Strom­kri­se ver­öf­fent­licht. Er­staun­li­cher­wei­se hat HRW je­doch Zeit ge­fun­den, im Mai nicht we­ni­ger als drei Pres­se­er­klä­run­gen zu ver­öf­fent­li­chen, die sich dar­über auf­re­gen, dass die in­ter­na­tio­na­le Fuß­ball­ver­ei­ni­gung sich wei­gert, ge­gen Is­ra­el we­gen der sechs Fuß­ball­mann­schaf­ten in den Sied­lun­gen vor­zu­ge­hen. An­schei­nend ist das Fuß­ball­spiel  in ei­ner Sied­lung ein viel erns­te­res hu­ma­ni­tä­res Pro­blem als ein Strom­aus­fall, der 20 Stun­den am Tag dauert.

Doch die is­rae­li­sche Or­ga­ni­sa­ti­on Gi­sha – das Ju­ris­ti­sche Zen­trum für Be­we­gungs­frei­heit – hat in der ver­gan­ge­nen Wo­che ei­nen noch un­ehr­li­che­ren Weg ein­ge­schla­gen in ei­nem Kom­men­tar in Ha’aretz (be­vor Is­ra­el be­schloss, Ga­za kei­nen Gra­tis­strom mehr zu lie­fern). Feld­ar­bei­ter Mo­ham­med Azai­zeh lie­fer­te herz­zer­rei­ßen­de Be­schrei­bun­gen der Pro­ble­me, de­nen sich das Rantisi-​Kinderkrankenhaus we­gen der Strom­kri­se ge­gen­über sieht, war je­doch selt­sam zu­rück­hal­tend be­züg­lich der Ur­sa­che: Er sag­te nur, dass das Kraft­werk we­gen ei­nes po­li­ti­schen Kon­flikts nicht mehr lau­fe, oh­ne je­mals die Kon­flikt­par­tei­en zu identifizieren.

Er stell­te fer­ner fest, dass die Kran­ken­häu­ser von Ga­za grös­se­ren Man­gel an Me­di­zin und me­di­zi­ni­scher Aus­rüs­tung ha­ben, gab aber er­neut kei­ne Grün­de an, nicht ein­mal die lah­me Aus­re­de ei­nes nicht nä­her be­zeich­ne­ten „po­li­ti­schen Kon­flikts”. Den­noch ist der glei­che po­li­ti­sche Kon­flikt schuld: Im Mai hat die PA auf­ge­hört, für die Me­di­zin von Ga­za zu zah­len, und die Ha­mas wei­gert sich, dies selbst zu tun, so dass die me­di­zi­ni­schen Be­stän­de von Ga­za rasch er­schöpft sind.

Nur ge­gen En­de hat Azai­zeh den Fin­ger auf ei­nen wah­ren Schur­ken gerichtet:

„Selbst der Trans­port von Aus­rüs­tung aus Is­ra­el, die im Vor­aus ex­tra für Ran­ti­si ge­kauft wur­de, ist ei­ne Her­aus­for­de­rung: Seit der Re­no­vie­rung der Onkologie-​Abteilung sind vier Mo­na­te ver­gan­gen, mit Hil­fe der mo­ne­tä­ren Hil­fe ei­ner ame­ri­ka­ni­schen Stif­tung, und sie war­ten im­mer noch auf we­sent­li­che Tei­le für die Kli­ma­an­la­ge. Die An­kunft der Tei­le und Aus­rüs­tung in Ga­za wird ver­zö­gert, weil Is­ra­el be­schlos­sen hat, sie als „Dual-Use”-Produkte zu klassifizieren.”

Las­sen Sie uns mal die Tat­sa­che igno­rie­ren, dass die­ser be­son­de­re Man­gel für Ran­ti­sis Lei­den ir­rele­vant ist, da ein Kran­ken­haus, das von Azai­zeh be­schrie­ben wird als un­ter der­ar­ti­gem Strom­man­gel lei­dend, dass es kaum ge­nug Strom ha­be, sei­ne Be­leuch­tung zu be­trei­ben, si­cher nicht ge­nug Strom hat, um sei­ne Kli­ma­an­la­gen mit oder oh­ne die­se Tei­le ein­zu­schal­ten. Der Schlüs­sel­satz ist der schlaue Bo­gen zwi­schen dem Ab­satz über den Man­gel an me­di­zi­ni­schen Ge­rä­ten und dem über den Man­gel an Tei­len für die Kli­ma­an­la­ge: Nicht nur me­di­zi­ni­sche Aus­rüs­tung fehlt, son­dern „Auch der Trans­port von Ge­rä­ten aus Is­ra­el, die im Vor­aus ex­tra für Ran­ti­si ge­kauft wur­de, ist ei­ne Herausforderung.”

So konn­te Azai­zeh al­so an­deu­ten, oh­ne es tat­säch­lich aus­zu­spre­chen, dass der Man­gel an me­di­zi­ni­schen Ge­rä­ten auch von is­rae­li­schen Be­schrän­kun­gen stammt. Und von dort aus ist es ein ein­fa­cher Schritt zu dem Schluss, dass der nicht nä­her be­zeich­ne­te „po­li­ti­sche Kon­flikt” hin­ter der Strom­kri­se auch mit Is­ra­el zu tun hat. In Tat und Wahr­heit hat Is­ra­el frei­lich nie­mals Lie­fe­run­gen von Treib­stoff oder Me­di­zin nach Ga­za be­hin­dert, ob­wohl es Dual-​Use-​Güter ver­bo­ten hat, die kei­ne hu­ma­ni­tä­ren Not­wen­dig­kei­ten sind.

Ei­ne Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on, die sich tat­säch­lich um die hu­ma­ni­tä­re Kri­se von Ga­za küm­mer­te, wür­de die ver­ant­wort­li­chen Par­tei­en – die Fa­tah und die Ha­mas – nen­nen, um sie zu kom­pro­mit­tie­ren oder zu­min­dest deut­lich zu ma­chen, dass die Kri­se aus der Nicht­be­zah­lung stammt und in­ter­na­tio­na­le Geld­ge­ber da­zu drän­gen, den Fehl­be­trag zu über­neh­men. Doch Azai­zeh be­müht sich nicht dar­um, die Ur­sa­chen der Kri­se an­zu­ge­hen; Sein ein­zi­ges Ziel ist es, Is­ra­el in den Dreck zu ziehen.

Gi­sha ist auch kei­ne ver­nach­läs­sig­ba­re Or­ga­ni­sa­ti­on. Zu­ge­ge­ben, sie hat kei­nen Na­men in Ame­ri­ka, aber ih­re Be­rich­te wer­den re­gel­mä­ßig vom US-​Außenministerium, der Eu­ro­päi­schen Uni­on, den Ver­ein­ten Na­tio­nen und in­ter­na­tio­na­len Rech­te­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Am­nes­ty und HRW zi­tiert. In der Tat hält Eu­ro­pa sie für so wert­voll, dass die eu­ro­päi­schen Re­gie­run­gen mehr als die Hälf­te ih­res Bud­gets über­neh­men; Die UNO und der New Is­ra­el Fund steu­ern auch et­was bei.

Kei­ner die­ser selbst er­nann­ten Hü­ter der Men­schen­rech­te ist be­un­ru­higt dar­über, dass das Haupt­in­ter­es­se von Gi­sha ist, Is­ra­el zu scha­den und nicht den Pa­läs­ti­nen­sern zu hel­fen, da ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen die­sel­ben sind. Des­halb küm­mert sich HRW mehr dar­um, die is­rae­li­schen Fuß­ball­mann­schaf­ten in den Sied­lun­gen aus­zu­schal­ten, als dar­um, Ga­za mit zu­ver­läs­si­gem Strom zu ver­sor­gen, wes­halb Eu­ro­pa die Fi­nan­zie­rung von Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Gi­sha si­cher­stellt und wes­halb auch das Men­schen­rechts­bü­ro des Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums (nicht zu ver­wech­seln mit dem Rest der US-​Regierung) in sei­nem Jah­res­be­richt is­rae­li­schen „Ver­let­zun­gen” mehr Platz wid­me­te (die meis­ten von ih­nen ent­we­der tri­via­le An­ge­le­gen­hei­ten oder un­be­grün­de­te Ver­leum­dun­gen) als den an­hal­ten­den Schlach­ten an Or­ten wie Sy­ri­en, Irak, Je­men und Li­by­en. Das ist auch der Grund, war­um sol­che Or­ga­ni­sa­tio­nen in Is­ra­el zu­neh­mend „iso­liert” wer­den, wie der NIF-​Präsident die­se Wo­che be­klag­te.

Dass so vie­le „Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen” sich nun der Pro­pa­gan­da wid­men, an­statt wirk­li­che Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zu ent­hül­len, ist ei­ne Tra­gö­die für die vie­len Op­fer welt­weit, die folg­lich stimm­los ge­las­sen wer­den. Aber so­lan­ge das so bleibt, gibt es ab­so­lut kei­ne Recht­fer­ti­gung, sie wei­ter­hin mit Geld, Auf­merk­sam­keit und vor al­lem Glaub­wür­dig­keit zu versehen.

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