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Das ekel­haft rei­ne Gewissen

Adri­an F. Lau­ber, 15.9.2017, di­rekt vom Autor

I. Ein prak­ti­scher to­ter Diktator

Zi­vil­cou­ra­ge zu üben, ist im­mer dann be­son­ders ein­fach, wenn man da­für nicht cou­ra­giert sein muss. Wenn es al­le tun – oder wenn es zu­min­dest ei­ne Mehr­heit tut.

Der tu­gend­haf­te Bil­dungs­bür­ger von heu­te könn­te da­von ein Lied sin­gen, wenn er nur ehr­lich zu sich selbst wä­re. Lei­der ist er das oft nicht. Da­her will ich ihm et­was auf die Sprün­ge helfen.

Der Bil­dungs­bür­ger von heu­te ist stolz auf sein Ge­schichts­be­wusst­sein. Kei­ne n-​tv- oder phoenix-​Doku über das Drit­te Reich, die er nicht min­des­tens ein­mal ge­se­hen hat! Kein Ge­denk­tag, den er ver­gisst! Kei­ne Hollywood-​Verfilmung, die ihn nicht zu Trä­nen ge­rührt hätte!

Der Bil­dungs­bür­ger weiß über die in deut­schem Na­men vor sie­ben Jahr­zehn­ten be­gan­ge­nen Ver­bre­chen gut be­scheid. Er lässt kei­ne Ge­le­gen­heit aus, mit wohl ge­setz­ten Wor­ten die sich dar­aus er­ge­ben­de Ver­ant­wor­tung zu be­to­nen. Er ist der Ty­pus Mensch, der sei­ne Sät­ze gern mit „Ge­ra­de wir als Deut­sche …“ beginnt.

Der Bil­dungs­bür­ger ist in sei­ner Selbst­wahr­neh­mung auf­ge­klärt und cou­ra­giert – und lei­der voll­kom­men benebelt.

Was er nicht rea­li­siert: sein tu­gend­haf­ter Ein­satz ge­gen das Drit­te Reich er­for­dert kei­ner­lei Mut, weil – und das scheint er hin und wie­der zu ver­ges­sen, wo er doch stän­dig ein neu­es 1933 ver­hin­dern will – das Drit­te Reich schon seit 1945 nicht mehr exis­tiert. Adolf Hit­ler und sei­ne Scher­gen sind tot. Von ih­nen geht kei­ne Ge­fahr für Leib und Le­ben mehr aus.

Man geht kei­ner­lei Ri­si­ko ein, in­dem man sich ge­gen die­se Herr­schaf­ten, ihr Ré­gime und ih­re Ver­bre­chen po­si­tio­niert. Nicht nur, weil uns von die­sen Män­nern nichts mehr droht, son­dern auch weil die weit, weit über­wie­gen­de Mehr­heit der heu­ti­gen Deut­schen so­wie­so und völ­lig zu Recht dar­in über­ein­stimmt, dass das Drit­te Reich ein ver­bre­che­ri­scher Staat war.

Nur Nar­ren wür­den das leug­nen. (Wo­bei es die­se Leug­ner na­tür­lich gibt! An Nar­ren hat es die­ser Welt noch nie gemangelt.)

So viel der Bil­dungs­bür­ger von den da­ma­li­gen Ver­bre­chen weiß, so un­wohl wird ihm, wenn er mit Din­gen kon­fron­tiert wird, die sich heu­te ab­spie­len und ge­gen die man ja viel­leicht et­was un­ter­neh­men könnte.

Jo­han­nes Gross

Das Drit­te Reich ist in­so­fern für ihn un­ge­heu­er prak­tisch, als er sich völ­lig fol­gen­los da­ge­gen po­si­tio­nie­ren und sei­nen Hei­li­gen­schein da­mit auf­po­lie­ren kann. Er muss nichts wei­ter tun, denn die Ver­gan­gen­heit lässt sich be­kannt­lich nicht rück­gän­gig ma­chen. Noch leich­ter (und noch bil­li­ger) kann man sich kaum mo­ra­li­sche Punk­te holen.

(Wie schrieb Jo­han­nes Gross? „Je län­ger das Drit­te Reich zu­rück­liegt, um­so stär­ker wird der Wi­der­stand ge­gen Hit­ler und die Seinen.“)

Die Ge­gen­wart ist da­ge­gen bis­wei­len äu­ßerst läs­tig, denn sie kann den Men­schen durch­aus zum Han­deln zwin­gen, sie kann ihm Cou­ra­ge ab­ver­lan­gen, sie kann für ihn manch­mal sehr un­an­ge­nehm sein, wenn man sich mit sei­ner Cou­ra­ge z. B. in ei­ne Min­der­hei­ten­po­si­ti­on be­ge­ben muss und sich plötz­lich ziem­lich un­be­liebt macht.

Wer­den wir nun konkret:

Ich spre­che ja nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken vom Drit­ten Reich. Wenn wir dar­an zu­rück­den­ken, fal­len uns aus na­he­lie­gen­den Grün­den die Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den zu­erst ein.

Das Ge­den­ken dar­an ist dem Bil­dungs­bür­ger, der was auf sich hält, sehr wich­tig – wo­ge­gen nichts zu sa­gen wä­re, wenn es nicht so wi­der­lich ver­lo­gen wäre.

Ich ha­be es selbst er­lebt, wie Men­schen, die eben noch gaaaaaaaaaa­anz cou­ra­giert ge­gen die Na­zis und ih­re Ver­bre­chen wet­ter­ten, plötz­lich nichts mehr hö­ren woll­ten, als ich sie auf den heu­ti­gen Ju­den­hass an­sprach, den sich Eu­ro­pa durch Ab­schaf­fung sei­ner Gren­zen in Mas­sen aus der is­la­mi­schen Welt im­por­tiert. Sie woll­ten nichts da­von wis­sen, wie tief die­ser Hass in der Kul­tur ver­an­kert ist, die wir in un­se­rer Flücht­lings­be­sof­fen­heit be­klat­schen. Sie woll­ten nichts da­von wis­sen, dass Ju­den aus Frank­reich, Schwe­den und an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern ab­hau­en, weil sie sich auf­grund von Het­ze und Ge­walt nicht mehr si­cher wäh­nen – die nicht nur, aber eben zu ei­nem gro­ßen Teil von zu­ge­wan­der­ten ra­di­ka­len Mus­li­men ausgeht.

Man­fred Gerstenfeld

Wie der Antisemitismus-​Forscher Dr. Man­fred Gers­ten­feld her­aus­ge­fun­den hat, wur­den al­le an­ti­se­mi­ti­schen Mor­de in Eu­ro­pa seit Be­ginn des Jahr­hun­derts von Mus­li­men be­gan­gen. Das gibt zu denken.

Ich wer­de so man­che Kon­ver­sa­ti­on nicht ver­ges­sen. Ich muss ge­ste­hen, dass es mir ei­ne ge­wis­se die­bi­sche Freu­de be­rei­tet hat, den ei­nen oder an­de­ren Schein­hei­li­gen ge­hö­rig zu ent­lar­ven. Wo es kei­ne Cou­ra­ge er­for­dert – in Be­zug auf ein un­ter­ge­gan­ge­nes Ré­gime – sind sie vol­ler En­ga­ge­ment bei der Sa­che. Aber we­he, man spricht sie auf die heu­ti­gen Ge­fah­ren an! Man­chen sieht man an, wie sie ge­ra­de­zu kör­per­lich dar­un­ter lei­den, wenn man sie mit den un­an­ge­neh­men Fak­ten konfrontiert.

Es war der Pu­bli­zist Ei­ke Gei­sel, der ein­mal ge­sagt hat, dass die Er­in­ne­rung in Deutsch­land die höchs­te Form des Ver­ges­sens sei. Das klingt auf den ers­ten Blick nach ei­nem Wi­der­spruch in sich, er­gibt aber durch­aus Sinn.

Ei­ke Gei­sel (1945−1997)

Vie­le glau­ben tat­säch­lich, das Ler­nen aus der Ge­schich­te er­schöp­fe sich dar­in, die Ver­gan­gen­heit zu ken­nen. Tat­säch­li­ches Ler­nen aus der Ge­schich­te müss­te aber hei­ßen, aus den Lek­tio­nen der Ver­gan­gen­heit Fol­ge­run­gen für heu­ti­ges Han­deln zu ziehen.

Wenn man aber nur das ers­te­re prak­ti­ziert, sich nur Wis­sen über die Ver­gan­gen­heit an­eig­net, oh­ne dar­aus ir­gend­wel­che Kon­se­quen­zen zu zie­hen, dann kann die Er­in­ne­rung in der Tat zu ei­ner Form des Ver­ges­sens wer­den. Dann be­nutzt man die Kennt­nis von der Ge­schich­te nur als Ali­bi. Man tut so, als hät­te man et­was ge­lernt, um sich heu­ti­ges Han­deln er­spa­ren zu können.

II. Haupt­sa­che, der Um­satz stimmt

Ein Pa­ra­de­bei­spiel: der Um­gang deut­scher und eu­ro­päi­scher Po­li­ti­ker mit der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran, ei­ner theo­kra­ti­schen Dik­ta­tur, de­ren Füh­rer seit Jahr­zehn­ten of­fen aus­spre­chen, dass sie die Ver­nich­tung des jü­di­schen Staa­tes Is­ra­el wol­len. Das war schon der Wunsch des Staats­grün­ders Aya­tol­lah Ru­hol­lah Kho­mei­ni und es bleibt bis heu­te ein zen­tra­les Ziel ira­ni­scher Politik.

Selbst so ge­nann­te „mo­de­ra­te“ ira­ni­sche Po­li­ti­ker wie der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent Ali Ak­bar Ha­sche­mi Raf­sand­scha­ni ha­ben öf­fent­lich mit dem Ge­dan­ken ge­spielt, Is­ra­el aus­zu­lö­schen. Auch der heu­ti­ge, auch an­geb­lich ge­mä­ßig­te Prä­si­dent Hassan Roha­ni hat Is­ra­el das Exis­tenz­recht ab­ge­spro­chen. Üb­ri­gens: un­ter dem an­geb­lich mo­de­ra­ten Roha­ni wur­den im Jahr 2015 so vie­le Men­schen hin­ge­rich­tet wie seit 26 Jah­ren nicht mehr. Nur 1989 wa­ren es mehr. Iran bleibt – von den Län­dern, zu de­nen Da­ten vor­lie­gen – das Land mit der höchs­ten Hin­rich­tungs­quo­te weltweit.

Die­je­ni­gen, die dar­an ge­glaubt ha­ben, dass sich mit Roha­ni in der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ir­gend­et­was Grund­sätz­li­ches än­dern wür­de, ha­ben sich selbst et­was vor­ge­macht. Ich fra­ge mich, was in deut­schen Zei­tungs­re­dak­tio­nen vor­geht. Ler­nen die Leu­te dort nicht, sau­ber zu re­cher­chie­ren? Ha­ben sie sich nicht über das po­li­ti­sche Sys­tem des Iran in­for­miert, ehe sie Roha­ni als ei­ne Art Hoff­nungs­trä­ger an­ge­prie­sen haben?

Hassan Roha­ni, seit 2013 Prä­si­dent des Iran, im Mai 2017 wie­der gewählt

Es mag sein, dass Roha­ni im Auf­tre­ten viel kon­zi­li­an­ter ist als sein Vor­gän­ger Mah­mud Ah­ma­di­ned­schad. Es mag so­gar sein, dass er in der ei­nen oder an­de­ren Fra­ge tat­säch­lich mo­de­ra­ter ist.

Aber um Roha­ni rich­tig be­ur­tei­len zu kön­nen, muss man über die Prä­si­dent­schafts­wah­len im Iran erst ein­mal et­was Grund­sätz­li­ches wis­sen: sie sind ei­ne Farce.

Theo­re­tisch kann sich je­der ira­ni­sche Staats­bür­ger, der das 21. Le­bens­jahr voll­endet hat, zur Wahl stel­len, so­fern er ein treu­er, prak­ti­zie­ren­der Mus­lim und männ­li­chen Ge­schlechts ist. Wer an­tre­ten will, wird re­gis­triert. Wenn aber die Re­gis­trie­run­gen ab­ge­schlos­sen sind, wer­den sie vom Wäch­ter­rat be­gut­ach­tet – ei­nem der ira­ni­schen Staats­or­ga­ne, die tat­säch­lich Macht aus­üben kön­nen. Die Rats­mit­glie­der se­lek­tie­ren nach ei­ge­nem Gut­dün­ken, wer von den Be­wer­bern am En­de tat­säch­lich zur Wahl an­tre­ten darf.

Über den Wäch­ter­rat wie­der­um übt auch der ei­gent­lich wich­tigs­te Mann des Iran, der obers­te Füh­rer Aya­tol­lah Sey­y­ed Ali Kha­men­ei, ei­nen er­heb­li­chen Ein­fluss aus, denn die Mit­glie­der des Ra­tes wer­den zur Hälf­te vom Füh­rer be­stimmt. Der Rat be­steht aus sechs Ju­ris­ten und sechs Theo­lo­gen und die Theo­lo­gen er­nennt der Ayatollah.

Mit an­de­ren Wor­ten: je­mand, der in grund­sätz­li­chen Fra­gen nicht auf Li­nie des obers­ten Füh­rers und des Wäch­ter­ra­tes ist, hat kei­ne Chan­ce, in der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran über­haupt zum Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf an­zu­tre­ten. Sol­che Leu­te wer­den vor­ab raus selektiert.

Hier sind kon­kre­te Bei­spie­le: Zu den Prä­si­dent­schafts­wah­len im Jahr 2001 be­war­ben sich 814 Per­so­nen, an­tre­ten durf­ten ge­ra­de mal 10. Zu den Wah­len im Jahr 2005 be­war­ben sich 1014 Per­so­nen, an­tre­ten durf­ten 8. Zu den Wah­len im Jahr 2009 be­war­ben sich 475 Per­so­nen, an­tre­ten durf­ten 4.

Dar­aus folgt: dass Hassan Roha­ni über­haupt zur Wahl an­tre­ten durf­te, zeigt, dass es zu­min­dest in den grund­sätz­li­chen Fra­gen ira­ni­scher Po­li­tik zwi­schen ihm und dem herr­schen­den Es­ta­blish­ment kei­nen Dis­sens gibt.

So ver­wun­dert es über­haupt nicht, dass sich an der ira­ni­schen Po­li­tik ge­gen­über Dis­si­den­ten im ei­ge­nen Land oder ge­gen­über dem Staat Is­ra­el un­ter Roha­ni nichts ge­än­dert hat – und nichts än­dern wird.

Der obers­te Füh­rer Ali Kha­men­ei lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, was er will. Im­mer wie­der spricht er vom be­vor­ste­hen­den En­de Is­ra­els, so auch bei ei­ner Kon­fe­renz in Te­he­ran im Fe­bru­ar die­ses Jah­res, an der De­le­gier­te aus rund 80 Län­dern teil­nah­men. Es war die sechs­te in­ter­na­tio­na­le Kon­fe­renz, die der Iran zwecks „Be­frei­ung“ Pa­läs­ti­nas ausrichtet.

Die ira­ni­sche Füh­rung be­lässt es nicht bei ih­rer mar­tia­li­schen Rhe­to­rik. In den ak­tu­el­len, im Ju­li ver­öf­fent­lich­ten „Coun­try Re­ports on Ter­ro­rism“ des US-​Außenministeriums ist der Iran er­neut als größ­ter staat­li­cher Spon­sor des Ter­ro­ris­mus ein­ge­stuft worden.

Es ist kein Ge­heim­nis, dass die Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen Ha­mas, Is­la­mi­scher Dschi­had und His­bol­lah von Te­he­ran mit Geld und Waf­fen ver­sorgt wer­den. (Ira­ni­sche Füh­rer ge­ben das hin und wie­der auch ganz of­fen zu.) Al­le drei ha­ben sich die Zer­stö­rung Is­ra­els zum Ziel ge­setzt. Und par­al­lel hel­fen sie dem Iran da­bei, sei­ne is­la­mi­sche Re­vo­lu­ti­on zu ex­por­tie­ren und den Griff nach re­gio­na­ler He­ge­mo­nie zu wagen.

Die De­sta­bi­li­sie­rung des Na­hen Os­tens, die Krie­ge im Irak und Sy­ri­en, ha­ben es dem Mullah-​Régime er­mög­licht, sei­ne Macht in der Re­gi­on in bis­her nicht ge­kann­ter Wei­se aus­zu­deh­nen. Die mäch­ti­gen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den hel­fen in Sy­ri­en da­bei, Baschar al-​Assad an der Macht zu halten.

Der Irak ist eben­falls von Iran in­fil­triert und über­nom­men wor­den. Und nun wird für Is­ra­el ein Alp­traum wahr: im Zu­ge des Syrien-​Krieges könn­te es Iran ge­lin­gen, ei­nen Land­kor­ri­dor von Te­he­ran bis zum Mit­tel­meer und an Is­ra­els Gren­zen auf­zu­bau­en. Ira­ni­sches Mi­li­tär vor der ei­ge­nen Haus­tür, das ist wohl ei­nes der schlimms­ten Sze­na­ri­en, das sich vie­le Is­rae­lis ak­tu­ell vor­stel­len können.

Irans obers­ter Füh­rer, Aya­tol­lah Ali Kha­men­ei, mit An­ge­hö­ri­gen der mäch­ti­gen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den, die als Eli­te des ira­ni­schen Mi­li­tärs gel­ten und dem Füh­rer per­sön­lich un­ter­stellt sind. Die für ex­ter­ri­to­ria­le Ope­ra­tio­nen zu­stän­di­ge Quds-​Einheit der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den ist u. a. mit der För­de­rung von Dschi­ha­dis­ten im Aus­land betraut.

Aber deut­sche Po­li­ti­ker und Ge­schäfts­leu­te ha­ben er­kenn­bar kein Pro­blem da­mit, trotz all ih­rer über­le­ge­nen Mo­ral und ih­res hoch ent­wi­ckel­ten Ge­schichts­be­wusst­seins mit den Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­ten von heu­te Ge­schäf­te zu machen.

Wir er­in­nern uns: nur fünf Ta­ge nach Un­ter­zeich­nung des Atom-​Deals mit dem Iran im Ju­li 2015 reis­te Sig­mar Ga­bri­el (SPD), zu der Zeit noch Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter, mit ei­ner De­le­ga­ti­on von Wirt­schafts­ka­pi­tä­nen in den Iran, um gu­te Ge­schäf­te für die deut­sche In­dus­trie ein­zu­fä­deln, die trotz Sank­tio­nen auch schon vor­her im Iran ei­ne ganz or­dent­li­che Prä­senz auf­recht er­hal­ten hat­te, so­weit dies eben mög­lich war.

Herr­schafts­zei­ten, hät­te Ga­bri­el nicht we­nigs­tens ei­ne ge­wis­se Scham­frist ein­hal­ten kön­nen?! Hät­te er nicht we­nigs­tens so tun kön­nen, als be­rei­te es ihm Un­be­ha­gen, sich den Mul­lahs als Part­ner anzudienen?

Gut, er kri­ti­sier­te den Iran zwar für sei­ne Ver­nich­tungs­dro­hun­gen ge­gen Is­ra­el und bil­de­te sich ein, in die­sem Kon­flikt ei­ne Ver­mitt­ler­rol­le spie­len zu kön­nen. Aber sei­ne Kri­tik hielt ihn er­kenn­bar nicht da­von ab, dann doch den Gang nach Te­he­ran anzutreten.

Hät­te er sich über sein Rei­se­ziel et­was schlau­er ge­macht, wä­re ihm nicht ent­gan­gen, dass der obers­te Füh­rer Kha­men­ei nur vier Ta­ge nach Un­ter­zeich­nung des Atom-​Deals mit dem Wes­ten klar ge­macht hat­te, dass die­ser Deal an der Au­ßen­po­li­tik des Iran nichts än­dern wer­de, dass er den „gro­ßen Sa­tan“ USA und Is­ra­el wei­ter­hin als Fein­de be­trach­tet, dass auch vom Ziel der Ver­nich­tung Is­ra­els nicht ab­ge­rückt wird, die der Aya­tol­lah seit­her di­ver­se wei­te­re Ma­le an­ge­kün­digt hat.

Te­he­ran, 18. Ju­li 2015: Aya­tol­lah Kha­men­ei spricht zum Volk (The Times of Israel)

Ei­ne Spre­che­rin des ira­ni­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums ließ die Öf­fent­lich­keit als­bald wis­sen, dass sich Te­he­ran um die Kri­tik und die Be­leh­run­gen ei­nes deut­schen Mi­nis­ters ei­nen Teu­fel schert.

Ob Ga­bri­el wirk­lich ge­glaubt hat, ver­mit­teln zu kön­nen, oder ob er das nur so ge­sagt hat, um den Men­schen Sand in die Au­gen zu streu­en, kann ich na­tür­lich nicht wis­sen. Soll­te er es wirk­lich ge­glaubt ha­ben, zeig­te das nur ein­mal mehr, wie ah­nungs­los die­ser Mensch durch die Welt wan­delt. (Was aber of­fen­bar kein Hin­der­nis dar­stellt, wenn man in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Mi­nis­ter sein will.)

Iran ist ein Got­tes­staat, des­sen Ré­gime mit ra­tio­na­len Ar­gu­men­ten nicht von sei­nem Kurs ab­zu­brin­gen ist. Das Ré­gime hasst Is­ra­el, weil es an die gu­te al­te, ein­fach nicht tot zu krie­gen­de Theo­rie von der jü­di­schen bzw. zio­nis­ti­schen Welt­ver­schwö­rung glaubt und der An­ti­se­mi­tis­mus schafft sich – wie der Theo­lo­ge Ek­ke­hard Ste­ge­mann tref­fend for­mu­liert hat – sei­ne ei­ge­ne Wirk­lich­keit, aus der man ir­gend­wann nicht mehr raus kommt.

Zu­sätz­lich ge­nährt wird der Hass durch ei­ne re­li­giö­se Kom­po­nen­te. Land, das ein­mal un­ter mus­li­mi­scher Kon­trol­le war, das gibt man nicht wie­der her – und schon gar nicht den Ju­den, die schon der Pro­phet Mo­ham­med – nach­dem er in frü­he­ren Zei­ten fried­lich mit ih­nen ko­exis­tiert hat­te – als sei­ne Fein­de ansah.

Im Som­mer 2015 wur­de im Iran ein Buch des Aya­tol­lahs Kha­men­ei ver­öf­fent­licht, in dem der obers­te Füh­rer sei­ne Vi­si­on von der Be­sei­ti­gung Is­ra­els auf­zeigt. Der Dschi­had ge­gen den jü­di­schen Staat soll un­er­müd­lich wei­ter­ge­führt wer­den, bis er be­sei­tigt ist. Ei­nem Teil der Ju­den, die nach­wei­sen kön­nen, dass sie ih­re Wur­zeln tat­säch­lich dort ha­ben, soll es er­laubt sein, im zu­künf­ti­gen Staat Pa­läs­ti­na zu blei­ben, aber der Rest von ih­nen soll aus dem Land ge­trie­ben werden.

We­nig spä­ter, am 9. Sep­tem­ber 2015, kün­dig­te Kha­men­ei an, dass Is­ra­el in 25 Jah­ren – so Gott will – nicht mehr exis­tie­ren wer­de. Bis heu­te war das nicht die letz­te Dro­hung die­ser Art.

Irans Prä­si­dent Hassan Roha­ni und der obers­te Füh­rer Khamenei

Zwar be­to­nen ira­ni­sche Füh­rer hin und wie­der, nicht die Ju­den ver­nich­ten zu wol­len, son­dern „nur“ den Staat Is­ra­el, aber das ist für mich – mit Ver­laub – voll­kom­me­ner Mum­pitz. Und zwar aus fol­gen­dem Grund: wer sich ernst­haft und tief­grün­dig da­mit be­schäf­tigt, wie weit ver­brei­tet ein mör­de­ri­scher Hass auf Ju­den in die­ser Re­gi­on ist, wie all­täg­lich er in Schu­len und in den Me­di­en ge­lehrt wird, wie die­ser Hass auch von an­geb­lich ge­mä­ßig­ten Po­li­ti­kern wie Mah­mud Ab­bas ge­schürt wird, wie so ge­nann­te Mär­ty­rer ver­herr­licht wer­den, die Ju­den ge­tö­tet ha­ben, dann rea­li­siert man auch: wür­de der Staat Is­ra­el tat­säch­lich mor­gen früh auf­ge­löst wer­den, wür­de es mit größ­ter Si­cher­heit zu ei­nem Mas­sen­mord an den dort le­ben­den Ju­den kom­men. Ha­mas, Fa­tah, His­bol­lah und Kon­sor­ten hät­ten freie Bahn.

Die Zer­stö­rung Is­ra­els wür­de nicht oh­ne ein Blut­bad an den Ju­den ab­lau­fen – und mei­ner Mei­nung nach wis­sen ira­ni­sche Füh­rer das auch, ihr Imam Kho­mei­ni hat es sei­ner Ab­leh­nung der Ju­den ja auch kei­nen Hehl gemacht.

Al-​Quds-​Tag in Te­he­ran, Ju­li 2015: Aya­tol­lah Kho­mei­ni führ­te die­sen Tag we­ni­ge Mo­na­te nach sei­ner Macht­über­nah­me im Jahr 1979 ein. Seit­her wird je­des Jahr bei die­sen De­mos die Zer­stö­rung Is­ra­els ge­for­dert. Seit den Neun­zi­ger Jah­ren fin­den sie auch je­des Jahr in Ber­lin statt. (Al-​Quds ist der ara­bi­sche, aber auch ins Per­si­sche über­nom­me­ne Na­me Je­ru­sa­lems, das von den Ju­den „be­freit“ wer­den soll.)

Doch die von Iran aus­ge­hen­de Ge­fahr wird von deut­schen Po­li­ti­kern nach Kräf­ten her­un­ter­ge­spielt. So­lan­ge man gu­te Ge­schäf­te ma­chen kann, so­lan­ge der Um­satz stimmt, ist eli­mi­na­to­ri­scher An­ti­se­mi­tis­mus schon okay.

Aber blei­ben wir fair: Es wa­ren ja nicht nur die Deut­schen. Auch Po­li­ti­ker aus un­se­ren eu­ro­päi­schen Nach­bar­län­dern hat­ten es nach Ab­schluss des Atom-​Deals be­mer­kens­wert ei­lig, mit Te­he­ran ins Ge­schäft zu kommen.

We­ni­ge Wo­chen vor dem Atom-​Deal hat­te ein fran­zö­si­scher Be­am­ter der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters er­klärt: „Al­le schau­en gie­rig auf den Iran.“

An­fang Au­gust die­ses Jah­res war die EU-​Außenbeauftragte Fe­de­ri­ca Mo­g­her­i­ni eben­falls in Te­he­ran, um der zwei­ten Amts­ein­füh­rung des wie­der­ge­wähl­ten Prä­si­den­ten Roha­ni beizuwohnen.

Eben­falls zu­ge­gen wa­ren u. a. der Dik­ta­tor von Zim­bab­we, Ver­tre­ter der sta­li­nis­ti­schen Des­po­tie Nord­ko­rea und Ab­ge­sand­te der von Iran un­ter­stütz­ten Ter­ror­mi­liz His­bol­lah. Man sieht: rich­tig net­te Jungs, in de­ren Ge­sell­schaft sich Si­gno­ra Mo­g­her­i­ni da be­ge­ben hat. Na­tür­lich brav mit is­la­mi­scher Verschleierung.

Was soll­te das?, fra­ge ich mich. War­um hält die­se Frau es für nö­tig, der Amts­ein­füh­rung des Prä­si­den­ten ei­nes Staa­tes bei­zu­woh­nen, der Ter­ro­ris­mus und Ju­den­hass för­dert und der sich die Ver­nich­tung ei­nes an­de­ren UNO-​Mitgliedsstaates zum Ziel ge­setzt hat?

Fe­de­ri­ca Mo­g­her­i­ni An­fang Au­gust zu Gast im ira­ni­schen Par­la­ment in Te­he­ran: die Ab­ge­ord­ne­ten wa­ren von ih­rem ita­lie­ni­schen Be­such so an­ge­tan, dass sie her­bei eil­ten und Sel­fies mach­ten, wo­für sie hin­ter­her in ira­ni­schen Me­di­en kri­ti­siert und ver­spot­tet wurden.

Wie ver­lo­gen ist das?

Ei­ner­seits an den Ho­lo­caust zu­rück­den­ken und das „Nie wie­der!“ pre­di­gen, an­de­rer­seits Ge­schäf­te mit den Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­ten von heu­te zu ma­chen – wer das tut, trägt auch da­zu bei, dass wei­ter­hin Geld in die Kas­sen der von Iran ge­för­der­ten Ter­ro­ris­ten flie­ßen kann, die er­klär­ter­ma­ßen jü­di­sches Blut se­hen wollen.

III. Mein Na­me ist ARTE, ich weiß von nichts …

Kürz­lich spiel­te sich ei­ne wei­te­re ent­lar­ven­de Epi­so­de ab, die in der Öf­fent­lich­keit wei­te­re Krei­se zog, als es den Ver­ant­wort­li­chen lieb war.

Der Sen­der ARTE hat­te im April 2015 ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über den An­ti­se­mi­tis­mus von heu­te in Auf­trag ge­ge­ben. ARTE hat­te ein Pro­jekt an­ge­nom­men, das von Joa­chim Schrö­der von der Mün­che­ner Film- und Fern­seh­pro­duk­ti­ons­fir­ma Pre­view Pro­duc­tions ein­ge­reicht wor­den war. Ge­mein­sam mit So­phie Haf­ner pro­du­zier­te be­sag­ter Herr Schrö­der die Do­ku „Aus­er­wählt und aus­ge­grenzt: der Hass auf Ju­den in Eu­ro­pa.“ Be­treut wur­de das Pro­jekt von der ARTE-​Redaktion im West­deut­schen Rund­funk (WDR).

Der Pu­bli­zist Alex Feuer­herdt schreibt da­zu: „Sie zei­gen aber nicht nur an aus­ge­wähl­ten Bei­spie­len und Prot­ago­nis­ten ein­dring­lich, wie vi­ru­lent und wir­kungs­mäch­tig der An­ti­se­mi­tis­mus in bei­na­he al­len po­li­ti­schen La­gern und Strö­mun­gen ist und wel­che un­ter­schied­li­chen For­men er an­neh­men kann, son­dern sie ord­nen ihn auch ein und zu, ge­schicht­lich wie ak­tu­ell. Da­zu die­nen ih­nen his­to­ri­sche Auf­nah­men ge­nau­so wie zahl­rei­che In­ter­views, die sie mit re­nom­mier­ten Ex­per­ten ge­führt ha­ben, bei­spiels­wei­se mit dem ame­ri­ka­ni­schen His­to­ri­ker Mois­he Postone, dem is­rae­li­schen Po­li­ti­ker Ra­pha­el Eit­an – der die Mossad-​Operation zur Ver­haf­tung von Adolf Eich­mann lei­te­te – und der Lin­gu­is­tin Mo­ni­ka Schwarz-​Friesel.

Dar­über hin­aus ge­hen Schro­eder und Haf­ner in Ga­za der Fra­ge nach, was ge­nau ei­gent­lich mit dem vie­len Geld ge­schieht, über das die UNRWA, das Pa­läs­ti­nen­ser­hilfs­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen, ver­fügt – ei­ne Ein­rich­tung, die die ra­di­kals­ten Pa­läs­ti­nen­ser in ih­rer Ab­sicht, Is­ra­el den Gar­aus zu ma­chen, aus­drück­lich be­stärkt. Sie zei­gen, dass es et­li­chen NGOs im Na­hen Os­ten we­ni­ger um hu­ma­ni­tä­re Hil­fe geht als viel­mehr um die Dä­mo­ni­sie­rung und De­le­gi­ti­mie­rung des ein­zi­gen jü­di­schen Staa­tes. Sie las­sen aber auch pa­läs­ti­nen­si­sche Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten aus dem Ga­za­strei­fen zu Wort kom­men, die sich über­ra­schend klar ge­gen die Ha­mas und de­ren An­ti­se­mi­tis­mus po­si­tio­nie­ren. Und sie ma­chen deut­lich, dass es Pa­läs­ti­nen­ser gibt, die in is­rae­li­schen Sied­lun­gen im West­jor­dan­land ar­bei­ten und dort in je­der Hin­sicht ein gu­tes Aus­kom­men ha­ben. All das wi­der­spricht fun­da­men­tal den land­läu­fi­gen Ge­wiss­hei­ten, die „is­rael­kri­ti­sche“ Eu­ro­pä­er in Be­zug auf die Tä­tig­keit hu­ma­ni­tä­rer Or­ga­ni­sa­tio­nen ei­ner­seits und hin­sicht­lich der Pa­läs­ti­nen­ser an­de­rer­seits zu ha­ben glauben.

Joa­chim Schro­eder und So­phie Haf­ner ist ei­ne her­aus­ra­gen­de Do­ku­men­ta­ti­on ge­lun­gen, die dem Hass ge­gen Ju­den buch­stäb­lich auf den Grund geht. Da­bei ar­bei­ten sie in ih­rem Film über­zeu­gend her­aus, dass der mo­der­ne An­ti­se­mi­tis­mus längst nicht nur in um­ge­kipp­ten Grab­stei­nen auf jü­di­schen Fried­hö­fen und in kör­per­li­chen An­grif­fen auf Ju­den zum Aus­druck kommt. Son­dern dass er im Hass auf den jü­di­schen Staat, im An­ti­zio­nis­mus al­so, ei­ne mitt­ler­wei­le noch po­pu­lä­re­re und ge­sell­schafts­fä­hi­ge­re Va­ri­an­te ge­fun­den hat, die so­wohl bei Links­ra­di­ka­len als auch bei Rechts­ex­tre­mis­ten so­wie bei Is­la­mis­ten und in der bür­ger­li­chen Mit­te be­hei­ma­tet ist. Die vie­len Per­spek­tiv­wech­sel, die in­tel­li­gen­ten In­ter­views, die in­ten­si­ve Re­cher­che, die ein­drucks­vol­len Bil­der, der meist nüch­ter­ne, manch­mal aber auch an­ge­mes­sen sar­kas­ti­sche und im­mer prä­zi­se Kom­men­tar aus dem Off – all das macht „Aus­er­wählt und aus­ge­grenzt“ höchst se­hens­wert und lässt den Be­trach­ter er­heb­lich klü­ger werden.“

Nun wur­de die­se von di­ver­sen Fach­leu­ten, u. a. dem His­to­ri­ker Mi­cha­el Wolff­s­ohn (ei­nem ehe­ma­li­gen Do­zen­ten der Bun­des­wehr­uni­ver­si­tät Mün­chen) oder dem arabisch-​israelischen Psy­cho­lo­gen Ah­mad Man­sour, ge­lob­te Do­ku­men­ta­ti­on aber von ARTE nicht ausgestrahlt.

Man warf den Pro­du­zen­ten man­geln­de Aus­ge­wo­gen­heit bei der Be­ar­bei­tung des Stoffs vor. Seit De­zem­ber 2016 ver­hin­der­te Alain le Di­ber­der, Pro­gramm­di­rek­tor bei ARTE, die Aus­strah­lung des Films.

Die Sa­che stank zum Him­mel, wie der His­to­ri­ker Götz Aly mit Recht an­merk­te. Es dräng­te sich der Ver­dacht auf, dass die­ser Film nicht ge­zeigt wer­den soll­te, weil er ge­wis­sen Ver­ant­wort­li­chen bei ARTE aus po­li­ti­schen Grün­den nicht in den Kram passte.

Denn die­ser Film the­ma­ti­siert sehr deut­lich – für Mon­sieur le Di­ber­der und sei­ne Kol­le­gen viel­leicht zu deut­lich – das Pro­blem des gras­sie­ren­den Ju­den­has­ses un­ter Mus­li­men in Eu­ro­pa, aber eben auch un­ter Links- und Rechts­ex­tre­mis­ten so­wie in Tei­len der Mit­te. Die­ses Pro­blem ist nicht auf ein be­stimm­tes po­li­ti­sches La­ger beschränkt.

Der Ver­dacht ei­ner po­li­tisch mo­ti­vier­ten Ab­leh­nung wur­de da­durch er­här­tet, dass ARTE we­nig spä­ter of­fen­kun­dig kein Pro­blem da­mit hat­te, ei­ne äu­ßerst ein­sei­ti­ge, die Rea­li­tät zu Un­guns­ten Is­ra­els ver­zer­ren­de Re­por­ta­ge über das Le­ben der Men­schen im Ga­za­strei­fen auszustrahlen.

Mit jour­na­lis­ti­schen Stan­dards und der Be­ach­tung der Aus­ge­wo­gen­heit war es plötz­lich nicht mehr weit her. In die­sem Film wur­de – ver­kürzt ge­sagt – die Schuld am Elend in Ga­za im We­sent­li­chen Is­ra­el zu­ge­schrie­ben, al­so wie­der ein­mal der jü­di­sche Staat dämonisiert.

Was aber ist ei­gent­lich mit der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Ha­mas, die seit 2007 den Ga­za­strei­fen be­herrscht? Die Mil­li­ar­den von Dol­lars in Waf­fen, Trai­nings­camps und Ter­ror­tun­nel steckt, die ih­re ei­ge­ne Zi­vil­be­völ­ke­rung im Krieg ge­gen Is­ra­el als mensch­li­che Schutz­schil­de miss­braucht, die of­fen­bar kei­ner­lei In­ter­es­se dar­an hat, für das Wohl­erge­hen Ga­zas zu sor­gen? Für den Kampf ge­gen die Ju­den und zur nicht ge­ra­de kar­gen Ali­men­tie­rung ih­res Füh­rungs­per­so­nals hat die Or­ga­ni­sa­ti­on aber in­ter­es­san­ter Wei­se ge­nug Geld …

Die ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung des Films „Ga­za: Ist das ein Le­ben?“ kommt nicht von ungefähr.

Die Au­to­rin die­ses Films, An­ne Paq, ist kei­ne un­be­kann­te. Sie schreibt u. a. re­gel­mä­ßig für das In­ter­net­por­tal „The Elec­tro­nic In­ti­fa­da“ – des­sen Na­me ist Pro­gramm: es geht ihm vor­nehm­lich um die Dä­mo­ni­sie­rung und De­le­gi­ti­mie­rung Is­ra­els, nicht um sach­li­che Auf­klä­rung über den Nahostkonflikt.

Ab und zu kann man dort zwar auch Ar­ti­kel mit sach­lich kor­rek­ten In­fos fin­den, aber die Ten­denz des Por­tals fällt dann doch rasch auf. Ideo­lo­gisch steht „Elec­tro­nic In­ti­fa­da“ der links­ra­di­ka­len Volks­front zur Be­frei­ung Pa­läs­ti­nas na­he. Für die Sei­te schrei­ben Leu­te wie Ali Ab­u­ni­mah, der in ei­nem Bei­trag den be­waff­ne­ten Kampf ge­gen Is­ra­el ganz of­fen für ge­recht­fer­tigt erklärte.

An­ne Paq selbst macht kei­nen Hehl aus ih­rer Sicht der Din­ge. Für sie ist Is­ra­el ein grau­sa­mer Be­sat­zer, die Pa­läs­ti­nen­ser sind sei­ne Op­fer. Über die Ge­walt­herr­schaft der Ha­mas und der Pa­läs­ti­nen­si­schen Au­to­no­mie­be­hör­de, die ih­re ei­ge­nen Leu­te wirk­lich mas­siv un­ter­drü­cken, ver­liert sie kein Wort, auch nicht über den in der is­la­mi­schen Welt gras­sie­ren­den Ju­den­hass, der mit den ter­ri­to­ria­len Strei­tig­kei­ten in Is­ra­el /​ Pa­läs­ti­na nur mar­gi­nal zu tun, in Wirk­lich­keit aber ei­ne viel grö­ße­re Di­men­si­on hat.

An­ne Paq

Paq kommt aus der links­ex­tre­men Sze­ne Frank­reichs, bei der ih­re Ar­bei­ten im­mer noch hoch im Kurs ste­hen. Re­de­auf­trit­te wer­den von kom­mu­nis­ti­schen Grup­pen, An­ar­cho­syn­di­ka­lis­ten oder der Israel-​Boykott-​Bewegung ausgerichtet.

Vor die­sem Hin­ter­grund über­rascht es nicht, dass die­ser Film vor al­lem der Dä­mo­ni­sie­rung Is­ra­els dien­te. Dass ein er­heb­li­cher Teil der Lin­ken, vor al­lem der ex­tre­men Lin­ken, mit Is­ra­els Exis­tenz ein Pro­blem hat, ist ja nichts Neues.

Das aber war für ARTE of­fen­bar kein Pro­blem – die scho­nungs­lo­se Kon­fron­ta­ti­on mit dem heu­ti­gen, in Eu­ro­pa wie­der stark wer­den­den An­ti­se­mi­tis­mus da­ge­gen schon.

Dank des Pro­tests di­ver­ser Pu­bli­zis­ten er­reg­te die Ab­leh­nung der Antisemitismus-​Doku „Aus­er­wählt und aus­ge­grenzt: Der Hass auf Ju­den in Eu­ro­pa“ dann doch die Auf­merk­sam­keit deut­scher Mainstream-​Medien. Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung be­rich­te­te dar­über. Die Bild-Zei­tung stell­te den Film 24 Stun­den lang on­line und schließ­lich ließ sich der WDR breit schla­gen, den Strei­fen auch dem Fern­seh­pu­bli­kum da drau­ßen zu zeigen.

Al­ler­dings tat er das in ei­ner bis­her nicht ge­kann­ten Wei­se. Der Film wur­de kom­men­tiert aus­ge­strahlt – soll hei­ßen: am un­te­ren Bild­schirm­rand lie­fen re­gel­mä­ßig Hin­wei­se mit, die dem Strei­fen un­term Strich die Se­rio­si­tät ab­spra­chen. „Be­treu­tes Fern­se­hen am spä­ten Abend“, kom­men­tier­te Gi­deon Böss.

An­schlie­ßend wur­de der Film bei San­dra Maisch­ber­ger dis­ku­tiert. Die­se Ver­an­stal­tung ge­riet in man­cher­lei Hin­sicht zu ei­nem Trau­er­spiel. Dan­kens­wer­ter Wei­se ver­such­te Ah­mad Man­sour, sach­lich zu blei­ben und vor dem dro­hen­den An­ti­se­mi­tis­mus zu war­nen, aber letzt­end­lich wur­de das The­ma doch wie­der heruntergespielt.

Die Ver­lo­gen­heit der deut­schen Er­in­ne­rungs­kul­tur könn­te kaum bes­ser auf den Punkt ge­bracht wer­den. Es wi­dert mich an, zu­zu­schau­en, wie man ver­sucht, sich mit Hän­den und Fü­ßen da­ge­gen zu weh­ren, das Pro­blem der Wie­der­kehr des Ju­den­has­ses bzw. des Im­ports des Ju­den­has­ses zur Kennt­nis zu nehmen.

Es könn­te ja bei dem ei­nen oder an­de­ren Zwei­fel dar­an we­cken, ob An­ge­la Mer­kel wirk­lich so ein gu­tes Werk ge­tan hat, als sie die Gren­zen un­se­res Lan­des ab­schaff­te und es der schritt­wei­sen Auf­lö­sung preisgab.

Es könn­te ja Fra­gen nach da­nach auf­wer­fen, was ei­gent­lich in Mo­sche­en in Deutsch­land so ge­pre­digt wird.

Es könn­te Pro­ble­me ge­ben, wenn man ge­zwun­gen wä­re, in der Ge­gen­wart Cou­ra­ge zu zeigen.

Er­in­nern wir uns zum Bei­spiel auch an den Fall ei­nes Schü­lers in Berlin-​Friedenau, der im Früh­ling von sei­nen El­tern von der Schu­le ge­nom­men wor­den, weil er dort von sei­nen mus­li­mi­sche Mit­schü­lern be­droht und ge­schla­gen wor­den war, nach­dem sie her­aus­be­kom­men hat­ten, dass er Ju­de ist.

Be­zeich­nen­der Wei­se war es ei­ne bri­ti­sche Zei­tung, der Je­wish Chro­ni­cle, der zu­erst von dem Fall Kennt­nis nahm. (Wohl kein Zu­fall, da die jü­di­sche Fa­mi­lie aus Groß­bri­tan­ni­en kommt.) Erst da­nach nah­men sich auch deut­sche Mainstream-​Medien des The­mas an.

All das ist nichts Neues.

Al-​Quds-​Tag in Ber­lin, Ju­li 2014, wie­der ein­mal ver­bun­den mit reich­lich Agitation

Wir er­in­nern uns auch an die Wel­le von Hass und Ge­walt, die durch Eu­ro­pa und Nord­ame­ri­ka schwapp­te, als sich Is­ra­el im Som­mer 2014 mit mi­li­tä­ri­schen Mit­teln ge­gen die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Ha­mas im Ga­za­strei­fen zur Wehr setz­te. Auf deut­schen Stra­ßen er­klan­gen Ru­fe wie „Ha­mas, Ha­mas, Ju­den ins Gas!“ und „Ju­de, Ju­de, fei­ges Schwein, komm her­aus und kämpf‘ allein!“

Sieb­zig Jah­re nach dem Tod Hit­lers – wer hät­te das für mög­lich gehalten?

Es wä­re ei­gent­lich schön, wenn die­ses The­ma nach Ausch­witz end­lich „durch“ wä­re. Aber das ist es nicht. Der An­ti­se­mi­tis­mus ist quick­le­ben­dig, aber noch im­mer wol­len viel zu vie­le nichts hö­ren und nichts sehen.

Lie­ber wei­ter „re­fu­gees wel­co­me“ ru­fen, Kon­ser­va­ti­ve be­schimp­fen, Do­kus übers Drit­te Reich schau­en, dann ist al­les im But­ter. Un­recht und Ge­walt ge­sche­hen las­sen, ist halb so schlimm, wenn nur die Ge­sin­nung stimmt!

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