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Das ekelhaft reine Gewissen

Adrian F. Lauber, 15.9.2017, direkt vom Autor

I. Ein praktischer toter Diktator

Zivilcourage zu üben, ist immer dann besonders einfach, wenn man dafür nicht couragiert sein muss. Wenn es alle tun – oder wenn es zumindest eine Mehrheit tut.

Der tugendhafte Bildungsbürger von heute könnte davon ein Lied singen, wenn er nur ehrlich zu sich selbst wäre. Leider ist er das oft nicht. Daher will ich ihm etwas auf die Sprünge helfen.

Der Bildungsbürger von heute ist stolz auf sein Geschichtsbewusstsein. Keine n-tv- oder phoenix-Doku über das Dritte Reich, die er nicht mindestens einmal gesehen hat! Kein Gedenktag, den er vergisst! Keine Hollywood-Verfilmung, die ihn nicht zu Tränen gerührt hätte!

Der Bildungsbürger weiß über die in deutschem Namen vor sieben Jahrzehnten begangenen Verbrechen gut bescheid. Er lässt keine Gelegenheit aus, mit wohl gesetzten Worten die sich daraus ergebende Verantwortung zu betonen. Er ist der Typus Mensch, der seine Sätze gern mit „Gerade wir als Deutsche …“ beginnt.

Der Bildungsbürger ist in seiner Selbstwahrnehmung aufgeklärt und couragiert – und leider vollkommen benebelt.

Was er nicht realisiert: sein tugendhafter Einsatz gegen das Dritte Reich erfordert keinerlei Mut, weil – und das scheint er hin und wieder zu vergessen, wo er doch ständig ein neues 1933 verhindern will – das Dritte Reich schon seit 1945 nicht mehr existiert. Adolf Hitler und seine Schergen sind tot. Von ihnen geht keine Gefahr für Leib und Leben mehr aus.

Man geht keinerlei Risiko ein, indem man sich gegen diese Herrschaften, ihr Regime und ihre Verbrechen positioniert. Nicht nur, weil uns von diesen Männern nichts mehr droht, sondern auch weil die weit, weit überwiegende Mehrheit der heutigen Deutschen sowieso und völlig zu Recht darin übereinstimmt, dass das Dritte Reich ein verbrecherischer Staat war.

Nur Narren würden das leugnen. (Wobei es diese Leugner natürlich gibt! An Narren hat es dieser Welt noch nie gemangelt.)

So viel der Bildungsbürger von den damaligen Verbrechen weiß, so unwohl wird ihm, wenn er mit Dingen konfrontiert wird, die sich heute abspielen und gegen die man ja vielleicht etwas unternehmen könnte.

Johannes Gross

Das Dritte Reich ist insofern für ihn ungeheuer praktisch, als er sich völlig folgenlos dagegen positionieren und seinen Heiligenschein damit aufpolieren kann. Er muss nichts weiter tun, denn die Vergangenheit lässt sich bekanntlich nicht rückgängig machen. Noch leichter (und noch billiger) kann man sich kaum moralische Punkte holen.

(Wie schrieb Johannes Gross? „Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“)

Die Gegenwart ist dagegen bisweilen äußerst lästig, denn sie kann den Menschen durchaus zum Handeln zwingen, sie kann ihm Courage abverlangen, sie kann für ihn manchmal sehr unangenehm sein, wenn man sich mit seiner Courage z. B. in eine Minderheitenposition begeben muss und sich plötzlich ziemlich unbeliebt macht.

Werden wir nun konkret:

Ich spreche ja nicht ohne Hintergedanken vom Dritten Reich. Wenn wir daran zurückdenken, fallen uns aus naheliegenden Gründen die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden zuerst ein.

Das Gedenken daran ist dem Bildungsbürger, der was auf sich hält, sehr wichtig – wogegen nichts zu sagen wäre, wenn es nicht so widerlich verlogen wäre.

Ich habe es selbst erlebt, wie Menschen, die eben noch gaaaaaaaaaaanz couragiert gegen die Nazis und ihre Verbrechen wetterten, plötzlich nichts mehr hören wollten, als ich sie auf den heutigen Judenhass ansprach, den sich Europa durch Abschaffung seiner Grenzen in Massen aus der islamischen Welt importiert. Sie wollten nichts davon wissen, wie tief dieser Hass in der Kultur verankert ist, die wir in unserer Flüchtlingsbesoffenheit beklatschen. Sie wollten nichts davon wissen, dass Juden aus Frankreich, Schweden und anderen europäischen Ländern abhauen, weil sie sich aufgrund von Hetze und Gewalt nicht mehr sicher wähnen – die nicht nur, aber eben zu einem großen Teil von zugewanderten radikalen Muslimen ausgeht.

Manfred Gerstenfeld

Wie der Antisemitismus-Forscher Dr. Manfred Gerstenfeld herausgefunden hat, wurden alle antisemitischen Morde in Europa seit Beginn des Jahrhunderts von Muslimen begangen. Das gibt zu denken.

Ich werde so manche Konversation nicht vergessen. Ich muss gestehen, dass es mir eine gewisse diebische Freude bereitet hat, den einen oder anderen Scheinheiligen gehörig zu entlarven. Wo es keine Courage erfordert – in Bezug auf ein untergegangenes Regime – sind sie voller Engagement bei der Sache. Aber wehe, man spricht sie auf die heutigen Gefahren an! Manchen sieht man an, wie sie geradezu körperlich darunter leiden, wenn man sie mit den unangenehmen Fakten konfrontiert.

Es war der Publizist Eike Geisel, der einmal gesagt hat, dass die Erinnerung in Deutschland die höchste Form des Vergessens sei. Das klingt auf den ersten Blick nach einem Widerspruch in sich, ergibt aber durchaus Sinn.

Eike Geisel (1945-1997)

Viele glauben tatsächlich, das Lernen aus der Geschichte erschöpfe sich darin, die Vergangenheit zu kennen. Tatsächliches Lernen aus der Geschichte müsste aber heißen, aus den Lektionen der Vergangenheit Folgerungen für heutiges Handeln zu ziehen.

Wenn man aber nur das erstere praktiziert, sich nur Wissen über die Vergangenheit aneignet, ohne daraus irgendwelche Konsequenzen zu ziehen, dann kann die Erinnerung in der Tat zu einer Form des Vergessens werden. Dann benutzt man die Kenntnis von der Geschichte nur als Alibi. Man tut so, als hätte man etwas gelernt, um sich heutiges Handeln ersparen zu können.

II. Hauptsache, der Umsatz stimmt

Ein Paradebeispiel: der Umgang deutscher und europäischer Politiker mit der Islamischen Republik Iran, einer theokratischen Diktatur, deren Führer seit Jahrzehnten offen aussprechen, dass sie die Vernichtung des jüdischen Staates Israel wollen. Das war schon der Wunsch des Staatsgründers Ayatollah Ruhollah Khomeini und es bleibt bis heute ein zentrales Ziel iranischer Politik.

Selbst so genannte „moderate“ iranische Politiker wie der ehemalige Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani haben öffentlich mit dem Gedanken gespielt, Israel auszulöschen. Auch der heutige, auch angeblich gemäßigte Präsident Hassan Rohani hat Israel das Existenzrecht abgesprochen. Übrigens: unter dem angeblich moderaten Rohani wurden im Jahr 2015 so viele Menschen hingerichtet wie seit 26 Jahren nicht mehr. Nur 1989 waren es mehr. Iran bleibt – von den Ländern, zu denen Daten vorliegen – das Land mit der höchsten Hinrichtungsquote weltweit.

Diejenigen, die daran geglaubt haben, dass sich mit Rohani in der Islamischen Republik irgendetwas Grundsätzliches ändern würde, haben sich selbst etwas vorgemacht. Ich frage mich, was in deutschen Zeitungsredaktionen vorgeht. Lernen die Leute dort nicht, sauber zu recherchieren? Haben sie sich nicht über das politische System des Iran informiert, ehe sie Rohani als eine Art Hoffnungsträger angepriesen haben?

Hassan Rohani, seit 2013 Präsident des Iran, im Mai 2017 wieder gewählt

Es mag sein, dass Rohani im Auftreten viel konzilianter ist als sein Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad. Es mag sogar sein, dass er in der einen oder anderen Frage tatsächlich moderater ist.

Aber um Rohani richtig beurteilen zu können, muss man über die Präsidentschaftswahlen im Iran erst einmal etwas Grundsätzliches wissen: sie sind eine Farce.

Theoretisch kann sich jeder iranische Staatsbürger, der das 21. Lebensjahr vollendet hat, zur Wahl stellen, sofern er ein treuer, praktizierender Muslim und männlichen Geschlechts ist. Wer antreten will, wird registriert. Wenn aber die Registrierungen abgeschlossen sind, werden sie vom Wächterrat begutachtet – einem der iranischen Staatsorgane, die tatsächlich Macht ausüben können. Die Ratsmitglieder selektieren nach eigenem Gutdünken, wer von den Bewerbern am Ende tatsächlich zur Wahl antreten darf.

Über den Wächterrat wiederum übt auch der eigentlich wichtigste Mann des Iran, der oberste Führer Ayatollah Seyyed Ali Khamenei, einen erheblichen Einfluss aus, denn die Mitglieder des Rates werden zur Hälfte vom Führer bestimmt. Der Rat besteht aus sechs Juristen und sechs Theologen und die Theologen ernennt der Ayatollah.

Mit anderen Worten: jemand, der in grundsätzlichen Fragen nicht auf Linie des obersten Führers und des Wächterrates ist, hat keine Chance, in der Islamischen Republik Iran überhaupt zum Präsidentschaftswahlkampf anzutreten. Solche Leute werden vorab raus selektiert.

Hier sind konkrete Beispiele: Zu den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2001 bewarben sich 814 Personen, antreten durften gerade mal 10. Zu den Wahlen im Jahr 2005 bewarben sich 1014 Personen, antreten durften 8. Zu den Wahlen im Jahr 2009 bewarben sich 475 Personen, antreten durften 4.

Daraus folgt: dass Hassan Rohani überhaupt zur Wahl antreten durfte, zeigt, dass es zumindest in den grundsätzlichen Fragen iranischer Politik zwischen ihm und dem herrschenden Establishment keinen Dissens gibt.

So verwundert es überhaupt nicht, dass sich an der iranischen Politik gegenüber Dissidenten im eigenen Land oder gegenüber dem Staat Israel unter Rohani nichts geändert hat – und nichts ändern wird.

Der oberste Führer Ali Khamenei lässt keinen Zweifel daran, was er will. Immer wieder spricht er vom bevorstehenden Ende Israels, so auch bei einer Konferenz in Teheran im Februar dieses Jahres, an der Delegierte aus rund 80 Ländern teilnahmen. Es war die sechste internationale Konferenz, die der Iran zwecks „Befreiung“ Palästinas ausrichtet.

Die iranische Führung belässt es nicht bei ihrer martialischen Rhetorik. In den aktuellen, im Juli veröffentlichten „Country Reports on Terrorism“ des US-Außenministeriums ist der Iran erneut als größter staatlicher Sponsor des Terrorismus eingestuft worden.

Es ist kein Geheimnis, dass die Terrororganisationen Hamas, Islamischer Dschihad und Hisbollah von Teheran mit Geld und Waffen versorgt werden. (Iranische Führer geben das hin und wieder auch ganz offen zu.) Alle drei haben sich die Zerstörung Israels zum Ziel gesetzt. Und parallel helfen sie dem Iran dabei, seine islamische Revolution zu exportieren und den Griff nach regionaler Hegemonie zu wagen.

Die Destabilisierung des Nahen Ostens, die Kriege im Irak und Syrien, haben es dem Mullah-Regime ermöglicht, seine Macht in der Region in bisher nicht gekannter Weise auszudehnen. Die mächtigen Revolutionsgarden helfen in Syrien dabei, Baschar al-Assad an der Macht zu halten.

Der Irak ist ebenfalls von Iran infiltriert und übernommen worden. Und nun wird für Israel ein Alptraum wahr: im Zuge des Syrien-Krieges könnte es Iran gelingen, einen Landkorridor von Teheran bis zum Mittelmeer und an Israels Grenzen aufzubauen. Iranisches Militär vor der eigenen Haustür, das ist wohl eines der schlimmsten Szenarien, das sich viele Israelis aktuell vorstellen können.

Irans oberster Führer, Ayatollah Ali Khamenei, mit Angehörigen der mächtigen Revolutionsgarden, die als Elite des iranischen Militärs gelten und dem Führer persönlich unterstellt sind. Die für exterritoriale Operationen zuständige Quds-Einheit der Revolutionsgarden ist u. a. mit der Förderung von Dschihadisten im Ausland betraut.

Aber deutsche Politiker und Geschäftsleute haben erkennbar kein Problem damit, trotz all ihrer überlegenen Moral und ihres hoch entwickelten Geschichtsbewusstseins mit den Vernichtungsantisemiten von heute Geschäfte zu machen.

Wir erinnern uns: nur fünf Tage nach Unterzeichnung des Atom-Deals mit dem Iran im Juli 2015 reiste Sigmar Gabriel (SPD), zu der Zeit noch Bundeswirtschaftsminister, mit einer Delegation von Wirtschaftskapitänen in den Iran, um gute Geschäfte für die deutsche Industrie einzufädeln, die trotz Sanktionen auch schon vorher im Iran eine ganz ordentliche Präsenz aufrecht erhalten hatte, soweit dies eben möglich war.

Herrschaftszeiten, hätte Gabriel nicht wenigstens eine gewisse Schamfrist einhalten können?! Hätte er nicht wenigstens so tun können, als bereite es ihm Unbehagen, sich den Mullahs als Partner anzudienen?

Gut, er kritisierte den Iran zwar für seine Vernichtungsdrohungen gegen Israel und bildete sich ein, in diesem Konflikt eine Vermittlerrolle spielen zu können. Aber seine Kritik hielt ihn erkennbar nicht davon ab, dann doch den Gang nach Teheran anzutreten.

Hätte er sich über sein Reiseziel etwas schlauer gemacht, wäre ihm nicht entgangen, dass der oberste Führer Khamenei nur vier Tage nach Unterzeichnung des Atom-Deals mit dem Westen klar gemacht hatte, dass dieser Deal an der Außenpolitik des Iran nichts ändern werde, dass er den „großen Satan“ USA und Israel weiterhin als Feinde betrachtet, dass auch vom Ziel der Vernichtung Israels nicht abgerückt wird, die der Ayatollah seither diverse weitere Male angekündigt hat.

Teheran, 18. Juli 2015: Ayatollah Khamenei spricht zum Volk (The Times of Israel)

Eine Sprecherin des iranischen Außenministeriums ließ die Öffentlichkeit alsbald wissen, dass sich Teheran um die Kritik und die Belehrungen eines deutschen Ministers einen Teufel schert.

Ob Gabriel wirklich geglaubt hat, vermitteln zu können, oder ob er das nur so gesagt hat, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen, kann ich natürlich nicht wissen. Sollte er es wirklich geglaubt haben, zeigte das nur einmal mehr, wie ahnungslos dieser Mensch durch die Welt wandelt. (Was aber offenbar kein Hindernis darstellt, wenn man in der Bundesrepublik Deutschland Minister sein will.)

Iran ist ein Gottesstaat, dessen Regime mit rationalen Argumenten nicht von seinem Kurs abzubringen ist. Das Regime hasst Israel, weil es an die gute alte, einfach nicht tot zu kriegende Theorie von der jüdischen bzw. zionistischen Weltverschwörung glaubt und der Antisemitismus schafft sich – wie der Theologe Ekkehard Stegemann treffend formuliert hat – seine eigene Wirklichkeit, aus der man irgendwann nicht mehr raus kommt.

Zusätzlich genährt wird der Hass durch eine religiöse Komponente. Land, das einmal unter muslimischer Kontrolle war, das gibt man nicht wieder her – und schon gar nicht den Juden, die schon der Prophet Mohammed – nachdem er in früheren Zeiten friedlich mit ihnen koexistiert hatte – als seine Feinde ansah.

Im Sommer 2015 wurde im Iran ein Buch des Ayatollahs Khamenei veröffentlicht, in dem der oberste Führer seine Vision von der Beseitigung Israels aufzeigt. Der Dschihad gegen den jüdischen Staat soll unermüdlich weitergeführt werden, bis er beseitigt ist. Einem Teil der Juden, die nachweisen können, dass sie ihre Wurzeln tatsächlich dort haben, soll es erlaubt sein, im zukünftigen Staat Palästina zu bleiben, aber der Rest von ihnen soll aus dem Land getrieben werden.

Wenig später, am 9. September 2015, kündigte Khamenei an, dass Israel in 25 Jahren – so Gott will – nicht mehr existieren werde. Bis heute war das nicht die letzte Drohung dieser Art.

Irans Präsident Hassan Rohani und der oberste Führer Khamenei

Zwar betonen iranische Führer hin und wieder, nicht die Juden vernichten zu wollen, sondern „nur“ den Staat Israel, aber das ist für mich – mit Verlaub – vollkommener Mumpitz. Und zwar aus folgendem Grund: wer sich ernsthaft und tiefgründig damit beschäftigt, wie weit verbreitet ein mörderischer Hass auf Juden in dieser Region ist, wie alltäglich er in Schulen und in den Medien gelehrt wird, wie dieser Hass auch von angeblich gemäßigten Politikern wie Mahmud Abbas geschürt wird, wie so genannte Märtyrer verherrlicht werden, die Juden getötet haben, dann realisiert man auch: würde der Staat Israel tatsächlich morgen früh aufgelöst werden, würde es mit größter Sicherheit zu einem Massenmord an den dort lebenden Juden kommen. Hamas, Fatah, Hisbollah und Konsorten hätten freie Bahn.

Die Zerstörung Israels würde nicht ohne ein Blutbad an den Juden ablaufen – und meiner Meinung nach wissen iranische Führer das auch, ihr Imam Khomeini hat es seiner Ablehnung der Juden ja auch keinen Hehl gemacht.

Al-Quds-Tag in Teheran, Juli 2015: Ayatollah Khomeini führte diesen Tag wenige Monate nach seiner Machtübernahme im Jahr 1979 ein. Seither wird jedes Jahr bei diesen Demos die Zerstörung Israels gefordert. Seit den Neunziger Jahren finden sie auch jedes Jahr in Berlin statt. (Al-Quds ist der arabische, aber auch ins Persische übernommene Name Jerusalems, das von den Juden „befreit“ werden soll.)

Doch die von Iran ausgehende Gefahr wird von deutschen Politikern nach Kräften heruntergespielt. Solange man gute Geschäfte machen kann, solange der Umsatz stimmt, ist eliminatorischer Antisemitismus schon okay.

Aber bleiben wir fair: Es waren ja nicht nur die Deutschen. Auch Politiker aus unseren europäischen Nachbarländern hatten es nach Abschluss des Atom-Deals bemerkenswert eilig, mit Teheran ins Geschäft zu kommen.

Wenige Wochen vor dem Atom-Deal hatte ein französischer Beamter der Nachrichtenagentur Reuters erklärt: „Alle schauen gierig auf den Iran.“

Anfang August dieses Jahres war die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini ebenfalls in Teheran, um der zweiten Amtseinführung des wiedergewählten Präsidenten Rohani beizuwohnen.

Ebenfalls zugegen waren u. a. der Diktator von Zimbabwe, Vertreter der stalinistischen Despotie Nordkorea und Abgesandte der von Iran unterstützten Terrormiliz Hisbollah. Man sieht: richtig nette Jungs, in deren Gesellschaft sich Signora Mogherini da begeben hat. Natürlich brav mit islamischer Verschleierung.

Was sollte das?, frage ich mich. Warum hält diese Frau es für nötig, der Amtseinführung des Präsidenten eines Staates beizuwohnen, der Terrorismus und Judenhass fördert und der sich die Vernichtung eines anderen UNO-Mitgliedsstaates zum Ziel gesetzt hat?

Federica Mogherini Anfang August zu Gast im iranischen Parlament in Teheran: die Abgeordneten waren von ihrem italienischen Besuch so angetan, dass sie herbei eilten und Selfies machten, wofür sie hinterher in iranischen Medien kritisiert und verspottet wurden.

Wie verlogen ist das?

Einerseits an den Holocaust zurückdenken und das „Nie wieder!“ predigen, andererseits Geschäfte mit den Vernichtungsantisemiten von heute zu machen – wer das tut, trägt auch dazu bei, dass weiterhin Geld in die Kassen der von Iran geförderten Terroristen fließen kann, die erklärtermaßen jüdisches Blut sehen wollen.

III. Mein Name ist ARTE, ich weiß von nichts …

Kürzlich spielte sich eine weitere entlarvende Episode ab, die in der Öffentlichkeit weitere Kreise zog, als es den Verantwortlichen lieb war.

Der Sender ARTE hatte im April 2015 eine Dokumentation über den Antisemitismus von heute in Auftrag gegeben. ARTE hatte ein Projekt angenommen, das von Joachim Schröder von der Münchener Film- und Fernsehproduktionsfirma Preview Productions eingereicht worden war. Gemeinsam mit Sophie Hafner produzierte besagter Herr Schröder die Doku „Auserwählt und ausgegrenzt: der Hass auf Juden in Europa.“ Betreut wurde das Projekt von der ARTE-Redaktion im Westdeutschen Rundfunk (WDR).

Der Publizist Alex Feuerherdt schreibt dazu: „Sie zeigen aber nicht nur an ausgewählten Beispielen und Protagonisten eindringlich, wie virulent und wirkungsmächtig der Antisemitismus in beinahe allen politischen Lagern und Strömungen ist und welche unterschiedlichen Formen er annehmen kann, sondern sie ordnen ihn auch ein und zu, geschichtlich wie aktuell. Dazu dienen ihnen historische Aufnahmen genauso wie zahlreiche Interviews, die sie mit renommierten Experten geführt haben, beispielsweise mit dem amerikanischen Historiker Moishe Postone, dem israelischen Politiker Raphael Eitan – der die Mossad-Operation zur Verhaftung von Adolf Eichmann leitete – und der Linguistin Monika Schwarz-Friesel.

Darüber hinaus gehen Schroeder und Hafner in Gaza der Frage nach, was genau eigentlich mit dem vielen Geld geschieht, über das die UNRWA, das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen, verfügt – eine Einrichtung, die die radikalsten Palästinenser in ihrer Absicht, Israel den Garaus zu machen, ausdrücklich bestärkt. Sie zeigen, dass es etlichen NGOs im Nahen Osten weniger um humanitäre Hilfe geht als vielmehr um die Dämonisierung und Delegitimierung des einzigen jüdischen Staates. Sie lassen aber auch palästinensische Studentinnen und Studenten aus dem Gazastreifen zu Wort kommen, die sich überraschend klar gegen die Hamas und deren Antisemitismus positionieren. Und sie machen deutlich, dass es Palästinenser gibt, die in israelischen Siedlungen im Westjordanland arbeiten und dort in jeder Hinsicht ein gutes Auskommen haben. All das widerspricht fundamental den landläufigen Gewissheiten, die „israelkritische“ Europäer in Bezug auf die Tätigkeit humanitärer Organisationen einerseits und hinsichtlich der Palästinenser andererseits zu haben glauben.

Joachim Schroeder und Sophie Hafner ist eine herausragende Dokumentation gelungen, die dem Hass gegen Juden buchstäblich auf den Grund geht. Dabei arbeiten sie in ihrem Film überzeugend heraus, dass der moderne Antisemitismus längst nicht nur in umgekippten Grabsteinen auf jüdischen Friedhöfen und in körperlichen Angriffen auf Juden zum Ausdruck kommt. Sondern dass er im Hass auf den jüdischen Staat, im Antizionismus also, eine mittlerweile noch populärere und gesellschaftsfähigere Variante gefunden hat, die sowohl bei Linksradikalen als auch bei Rechtsextremisten sowie bei Islamisten und in der bürgerlichen Mitte beheimatet ist. Die vielen Perspektivwechsel, die intelligenten Interviews, die intensive Recherche, die eindrucksvollen Bilder, der meist nüchterne, manchmal aber auch angemessen sarkastische und immer präzise Kommentar aus dem Off – all das macht „Auserwählt und ausgegrenzt“ höchst sehenswert und lässt den Betrachter erheblich klüger werden.“

Nun wurde diese von diversen Fachleuten, u. a. dem Historiker Michael Wolffsohn (einem ehemaligen Dozenten der Bundeswehruniversität München) oder dem arabisch-israelischen Psychologen Ahmad Mansour, gelobte Dokumentation aber von ARTE nicht ausgestrahlt.

Man warf den Produzenten mangelnde Ausgewogenheit bei der Bearbeitung des Stoffs vor. Seit Dezember 2016 verhinderte Alain le Diberder, Programmdirektor bei ARTE, die Ausstrahlung des Films.

Die Sache stank zum Himmel, wie der Historiker Götz Aly mit Recht anmerkte. Es drängte sich der Verdacht auf, dass dieser Film nicht gezeigt werden sollte, weil er gewissen Verantwortlichen bei ARTE aus politischen Gründen nicht in den Kram passte.

Denn dieser Film thematisiert sehr deutlich – für Monsieur le Diberder und seine Kollegen vielleicht zu deutlich – das Problem des grassierenden Judenhasses unter Muslimen in Europa, aber eben auch unter Links- und Rechtsextremisten sowie in Teilen der Mitte. Dieses Problem ist nicht auf ein bestimmtes politisches Lager beschränkt.

Der Verdacht einer politisch motivierten Ablehnung wurde dadurch erhärtet, dass ARTE wenig später offenkundig kein Problem damit hatte, eine äußerst einseitige, die Realität zu Ungunsten Israels verzerrende Reportage über das Leben der Menschen im Gazastreifen auszustrahlen.

Mit journalistischen Standards und der Beachtung der Ausgewogenheit war es plötzlich nicht mehr weit her. In diesem Film wurde – verkürzt gesagt – die Schuld am Elend in Gaza im Wesentlichen Israel zugeschrieben, also wieder einmal der jüdische Staat dämonisiert.

Was aber ist eigentlich mit der Terrororganisation Hamas, die seit 2007 den Gazastreifen beherrscht? Die Milliarden von Dollars in Waffen, Trainingscamps und Terrortunnel steckt, die ihre eigene Zivilbevölkerung im Krieg gegen Israel als menschliche Schutzschilde missbraucht, die offenbar keinerlei Interesse daran hat, für das Wohlergehen Gazas zu sorgen? Für den Kampf gegen die Juden und zur nicht gerade kargen Alimentierung ihres Führungspersonals hat die Organisation aber interessanter Weise genug Geld …

Die einseitige Ausrichtung des Films „Gaza: Ist das ein Leben?“ kommt nicht von ungefähr.

Die Autorin dieses Films, Anne Paq, ist keine unbekannte. Sie schreibt u. a. regelmäßig für das Internetportal „The Electronic Intifada“ – dessen Name ist Programm: es geht ihm vornehmlich um die Dämonisierung und Delegitimierung Israels, nicht um sachliche Aufklärung über den Nahostkonflikt.

Ab und zu kann man dort zwar auch Artikel mit sachlich korrekten Infos finden, aber die Tendenz des Portals fällt dann doch rasch auf. Ideologisch steht „Electronic Intifada“ der linksradikalen Volksfront zur Befreiung Palästinas nahe. Für die Seite schreiben Leute wie Ali Abunimah, der in einem Beitrag den bewaffneten Kampf gegen Israel ganz offen für gerechtfertigt erklärte.

Anne Paq selbst macht keinen Hehl aus ihrer Sicht der Dinge. Für sie ist Israel ein grausamer Besatzer, die Palästinenser sind seine Opfer. Über die Gewaltherrschaft der Hamas und der Palästinensischen Autonomiebehörde, die ihre eigenen Leute wirklich massiv unterdrücken, verliert sie kein Wort, auch nicht über den in der islamischen Welt grassierenden Judenhass, der mit den territorialen Streitigkeiten in Israel / Palästina nur marginal zu tun, in Wirklichkeit aber eine viel größere Dimension hat.

Anne Paq

Paq kommt aus der linksextremen Szene Frankreichs, bei der ihre Arbeiten immer noch hoch im Kurs stehen. Redeauftritte werden von kommunistischen Gruppen, Anarchosyndikalisten oder der Israel-Boykott-Bewegung ausgerichtet.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass dieser Film vor allem der Dämonisierung Israels diente. Dass ein erheblicher Teil der Linken, vor allem der extremen Linken, mit Israels Existenz ein Problem hat, ist ja nichts Neues.

Das aber war für ARTE offenbar kein Problem – die schonungslose Konfrontation mit dem heutigen, in Europa wieder stark werdenden Antisemitismus dagegen schon.

Dank des Protests diverser Publizisten erregte die Ablehnung der Antisemitismus-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa“ dann doch die Aufmerksamkeit deutscher Mainstream-Medien. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete darüber. Die Bild-Zeitung stellte den Film 24 Stunden lang online und schließlich ließ sich der WDR breit schlagen, den Streifen auch dem Fernsehpublikum da draußen zu zeigen.

Allerdings tat er das in einer bisher nicht gekannten Weise. Der Film wurde kommentiert ausgestrahlt – soll heißen: am unteren Bildschirmrand liefen regelmäßig Hinweise mit, die dem Streifen unterm Strich die Seriosität absprachen. „Betreutes Fernsehen am späten Abend“, kommentierte Gideon Böss.

Anschließend wurde der Film bei Sandra Maischberger diskutiert. Diese Veranstaltung geriet in mancherlei Hinsicht zu einem Trauerspiel. Dankenswerter Weise versuchte Ahmad Mansour, sachlich zu bleiben und vor dem drohenden Antisemitismus zu warnen, aber letztendlich wurde das Thema doch wieder heruntergespielt.

Die Verlogenheit der deutschen Erinnerungskultur könnte kaum besser auf den Punkt gebracht werden. Es widert mich an, zuzuschauen, wie man versucht, sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren, das Problem der Wiederkehr des Judenhasses bzw. des Imports des Judenhasses zur Kenntnis zu nehmen.

Es könnte ja bei dem einen oder anderen Zweifel daran wecken, ob Angela Merkel wirklich so ein gutes Werk getan hat, als sie die Grenzen unseres Landes abschaffte und es der schrittweisen Auflösung preisgab.

Es könnte ja Fragen nach danach aufwerfen, was eigentlich in Moscheen in Deutschland so gepredigt wird.

Es könnte Probleme geben, wenn man gezwungen wäre, in der Gegenwart Courage zu zeigen.

Erinnern wir uns zum Beispiel auch an den Fall eines Schülers in Berlin-Friedenau, der im Frühling von seinen Eltern von der Schule genommen worden, weil er dort von seinen muslimische Mitschülern bedroht und geschlagen worden war, nachdem sie herausbekommen hatten, dass er Jude ist.

Bezeichnender Weise war es eine britische Zeitung, der Jewish Chronicle, der zuerst von dem Fall Kenntnis nahm. (Wohl kein Zufall, da die jüdische Familie aus Großbritannien kommt.) Erst danach nahmen sich auch deutsche Mainstream-Medien des Themas an.

All das ist nichts Neues.

Al-Quds-Tag in Berlin, Juli 2014, wieder einmal verbunden mit reichlich Agitation

Wir erinnern uns auch an die Welle von Hass und Gewalt, die durch Europa und Nordamerika schwappte, als sich Israel im Sommer 2014 mit militärischen Mitteln gegen die Terrororganisation Hamas im Gazastreifen zur Wehr setzte. Auf deutschen Straßen erklangen Rufe wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ und „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf‘ allein!“

Siebzig Jahre nach dem Tod Hitlers – wer hätte das für möglich gehalten?

Es wäre eigentlich schön, wenn dieses Thema nach Auschwitz endlich „durch“ wäre. Aber das ist es nicht. Der Antisemitismus ist quicklebendig, aber noch immer wollen viel zu viele nichts hören und nichts sehen.

Lieber weiter „refugees welcome“ rufen, Konservative beschimpfen, Dokus übers Dritte Reich schauen, dann ist alles im Butter. Unrecht und Gewalt geschehen lassen, ist halb so schlimm, wenn nur die Gesinnung stimmt!

Quellen:

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