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Die Sezession französischer Muslime

Yves Mamou, 1.9.2016, Gatestone Institute

Vier Polizisten in Nizza zwingen am 23. August eine Frau, einen Teil ihrer Kleidung zu entfernen, weil ihr Outfit das „Burkini-Verbot“ der Stadt verletzt. Ausserdem wurde sie für ihre Übertretung gebüsst. (Bildquelle: NBC News Video-Screenshot)


Für viele ist heute der französische Säkularismus eine Anti-Menschenrechts-Ideologie, eine Art moralische Deformierung in der Nähe des Rassismus.

Wie kann ein freies Land, so fragen sie, überhaupt daran dennken, so etwas wie ein Verbot von Schleier oder Burkini zu erlassen, die Ganzkörper-Abdeckung für Frauen, die sie am Strand tragen? Wie, so fragen sie, kann sich die französische Republik frei nennen und frei bleiben, wenn viele ihrer Bürger muslimische Frauen, die friedlich ihrer eigenen Religion gehorchen, der Freiheit berauben wollen, ihre eigene Kleidung zu wählen?

Die derzeitige Radikalisierung in Frankreich ist nicht wie die der jüngsten Migration von Muslimen in andere europäische Länder. Muslime sind in großer Zahl nach Frankreich gekommen, seit die Franzosen Algerien im Jahr 1962 verlassen haben. Die Franzosen haben nie einen Unterschied gemacht zwischen den Franzosen aus „Gallien“ und den Franzosen aus Nordafrika. Die derzeitige Radikalisierung kommt nicht von denen, die damals kamen, sondern von der jüngeren Generation – von französischen Muslimen. Sie wurden in Frankreich geboren, sprechen französisch, wurden in Frankreich geschult – doch sie fühlen sich nicht wohl mit den französischen Werten.

Der islamische Fundamentalismus in Frankreich wurde von außen importiert – über Kanäle wie Al Jazeera und muslimischen Kriegen im Nahen Osten. Nun also haben diese jungen französisch-muslimischen Bürger einen echten Wunsch nach Sezession vom Rest der Bevölkerung – wie der Wunsch der konföderierten Staaten nach einer Sezession von den Vereinigten Staaten vor und während des US-Bürgerkriegs. Diese jungen französischen Muslime wollen offenbar nicht mehr im selben Land leben. Sie scheinen ein eigenes Land, oder ein anderes Land, zu wollen.

Seit mehr als 25 Jahren hat die französische Republik, Rechte und Linke, versucht, das Land vom „muslimischen Textilproblem“ (Hijab, Niqab, Burka, Burkini und so weiter) zu entwirren. Als das Problem 1989 begann, schloss der Leiter des Creil-Gymnasiums drei muslimische Mädchen für das Tragen des muslimischen Schleiers, den Hijab, von der Schule aus. Eine starke Debatte folgte: Pro-Schleier gegen Anti-Schleier. Gleiche Argumente wie üblich: Toleranz, Freiheit der Wahl und Freiheit der Religion waren auf der einen Seite, Säkularismus und die Achtung der Regeln auf der anderen Seite.

Regeln? Was für Regeln?

Zentral für die Geschichte Frankreichs ist, dass in der Republik staatliche Schulen gegründet wurden, um den eisernen Griff der katholischen Kirche auf die ganze französische Gesellschaft zu bekämpfen. Am Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg arbeiteten republikanische Lehrer hart daran, Schulen zu errichten, die vom Papst und der Kirche unabhängig waren. Das Denken war, dass Darwin besser ist, den Ursprung der menschlichen Rasse zu erklären, als die Bibel, die Gott die Reverenz gibt mit der Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Um ein Land freier Bürger zu erschaffen: Wissen zuerst; Glaube nur, wenn Du darauf bestehst, und auch dann nur durch dich selbst.

Der islamische Schleier in der Schule oder der Burkini am Strand scheint ein Versuch, Frankreich „re-religiös“ zu machen und den französischen Konsens des Säkularismus zu brechen. Seit hundert Jahren ist der Konsens von allen akzeptiert worden – Katholiken, Juden, Protestanten – außer von den Muslimen.

Der Konsens kann wie folgt zusammengefasst werden: Religiöse Überzeugungen können nicht in die Öffentlichkeit gehören, ohne Tyrannei oder Bürgerkrieg zu riskieren. Wenn französische Bürger demokratisch in Frieden leben wollen, dann müssen alle störenden Themen – vor allem der Glaube in einem Land von mehreren Religionen – streng privat bleiben.

Seit fast 30 Jahren haben muslimische Organisationen in Frankreich allen erzählt, dass sie diese alte privat-öffentlich-Regel nicht akzeptieren. Selbst an den öffentlichen Schulen gibt es immer wieder Versuche, den Lehrplan umzubauen, um ihn am religiösen Glauben auszurichten.

Im Jahr 2002 veröffentlichte eine Gruppe von Lehrern ein Buch, Die verlorenen Gebiete der Republik („Les territoires perdus de la République“), über das tägliche Leben in den Schulzimmern, wo Muslime numerisch die dominante Gruppe sind. Die allgemeinen Rahmenbedingungen waren, gemäss dem Buch, Gewalt, Sexismus, Antisemitismus und Islamismus. Das Buch war ein solcher Schock, dass jeder in den Medien es boykottierte.

Im Juni 2004 übergab Jean-Pierre Obin, nationaler Generalinspektor für Bildung, dem Bildungsminister einen schriftlichen Bericht mit dem Titel „Die Zeichen und Manifestationen des religiösen Glaubens in den Schulen der Republik“. Der Bericht beschäftigte sich vor allem mit dem Verhalten der muslimischen Gymnasiasten. In jeder Schule, in der Muslime die Mehrheit waren, weigerten sich gemäss dem Bericht die Jungen, sich mit Mädchen im Klassenzimmer und im Sport zu mischen. Die muslimischen Studenten weigerten sich verständlicherweise, nicht-halal-Essen in Schulkantinen zu essen, kamen an muslimischen Feiertagen, wie Eid el Kebir, Eid el Fitr, Ramadan nicht zur Schule – und praktisch alle Schüler zeigten einen virulenten Antisemitismus.

Problematischer war, dass in den Sekundarschulen viele der Muslime Einwände gegen den Lehrplan zu erheben begannen, bezüglich dessen, was halal ist (erlaubt) oder haram (verboten):

„Sehr häufig gibt es eine Ablehnung oder Einwände gegen bestimmte Arten von literarischen Werken. Die Philosophen des Zeitalters der Aufklärung, vor allem Voltaire und Rousseau, und alle philosophischen Werke, die Religion einer rationalen Prüfung unterwerfen. „Rousseau ist gegen meine Religion,“ erklärte ein Student, als er die Schulstunde vorzeitig verlässt. Molière und vor allem „Le Tartuffe“ – eine Satire auf religiöse Bigotterie – waren die beliebtesten Ziele: es gab Weigerung, ihn zu lernen, Weigerung, ihn zu spielen, Weigerung, der Aufführung beizuwohnen, oder auch Störungen, wenn Schauspieler auf der Bühne waren. Dieselbe Ablehnung betraf literarische Werke, die viele als ausschweifend betrachteten, (Beispiel: „Cyrano de Bergerac“), freidenkerisch oder zu Gunsten der Freiheit der Frauen (Madame Bovary von Gustave Flaubert). Sie weigern sich auch, Autoren wie Chretien de Troyes zu studieren, weil sie glauben, dass das Ziel dieser Lehre sei, den Katholizismus zu fördern … Es gibt alle Anzeichen dafür, dass die Schüler von außen gefördert werden, allem zu misstrauen, was der Lehrer ihnen beibringen kann, und allen Lebensmitteln zu misstrauen, die in der Schulcafeteria angeboten werden. Sie werden ermutigt, nach den religiösen Kategorien von halal und haram auszuwählen, was sie lernen wollen.“

Beim Versuch, Geschichte zu unterrichten, waren die Probleme – vielleicht nicht für alle, aber für viele – noch schlimmer:

„Auf einer allgemeinen Ebene ist alles, was mit der Geschichte des Christentums und des Judentums verbunden ist, eine Angelegenheit, die bestritten werden muss. Es gibt viele Beispiele, einige überraschend. Die Weigerung, etwas über den Bau von Kathedralen zu lernen, oder das Geschichtsbuch auf einer Seite zu öffnen, auf der eine byzantinische Kirche abgebildet ist. Sie weigern sich auch, etwas über vorislamische Religionen in Ägypten oder den sumerischen Ursprung des Schreibens zu lernen. Heilige Geschichte wird kontinuierlich faktischer Geschichte entgegengesetzt. Der Einspruch wird zur Norm und kann bis zur Radikalisierung eskalieren, wenn der Lehrplan sensible Themen wie die Kreuzzüge adressiert, den Völkermord an den Juden (sie negieren die Realität des Holocaust), israelisch-arabische Kriege und das palästinensische Problem. In der politischen Bildung wird Säkularismus als antireligiös betrachtet.“

Der Obin Bericht war für die Politiker so erschreckend, dass er für viele Monate schubladisiert und so diskret wie möglich auf der Website des Ministeriums für Bildung online gestellt wurde. In einem Interview, das er dem französischen Magazin l’Express im Jahr 2015 gab, sagte Jean-Pierre Obin:

„Viele der jungen Menschen machen eine Abspaltung von der französischen Nation durch. Diese Abspaltung wird selbst in der Kleidung zum Ausdruck gebracht (den Schleier, oder voll islamische Kleidung), dem Erfordernis von Halal-Lebensmitteln und Absentismus aus religiösen Gründen. In bestimmten Schulen führten einige Schüler Gebetsteppiche ein oder verlangten lautstark eine Moschee in der Schule. (…) Mehr als zehn Jahre später können wir sagen, dass die Situation noch schlimmer ist. Unser Bildungssystem ist nicht in der Lage, Menschen unterschiedlicher Herkunft zu integrieren und diese Schwierigkeit ist noch größer für Familien mit geringem Einkommen.“

Was ist die Verbindung zwischen dem Burkini am Strand und Islamismus in der Schule?

Was hervorzustechen scheint, ist, dass, obwohl viele der Burkini-Frauen vielleicht, natürlich, einfach den Strand genießen in Einklang mit den Geboten ihrer Religion, scheinen viele andere militante Islamisten zu sein, die islamische Markierungen auf allen Ebenen der Gesellschaft pflanzen wollen. Das Problem, wie die Philosophin Catherine Kintzler in Marianne schreibt, ist:

„Die Toleranzschwelle innerhalb des Landes nimmt ab. Die kollektive Verurteilung der Burkini ist so schnell und so einig, dass es ein Problem der öffentlichen Ordnung wird … Die öffentliche Meinung akzeptiert immer weniger eine geschlossene religiöse Zugehörigkeit, die Kennzeichnung von Körpern und Territorien, die Kontrolle der Werte, Kampagnen, um bevorzugte Praktiken einheitlich zu machen im Namen einer Religion, die in Wirklichkeit eine Politik ist.“

Hala Arafa beschreibt in The Hill die Kleidung muslimischer Frauen mehr oder weniger als ein Instrument des Krieges:

„… Niemand verbietet ihnen das Recht, ihre Religion privat zu praktizieren. Sie haben aber nicht das Recht, in den öffentlichen Raum einzudringen und ihre Ideologie und ihr Glaubenssystem, die durch ihre Kleidung repräsentiert wird, allen aufzudrängen. … Wenn der Hijab oder Burkini irgendetwas mit Bescheidenheit oder Frömmigkeit zu tun hätte, dann hätten die islamischen Fundamentalisten private Strände gesucht, und nicht darauf bestanden, sich der Öffentlichkeit aufzudrängen. Doch wie sie es schon früher taten, wollen sie Teil der akzeptierten sozialen Szene und ein Teil der neuen Norm der Gesellschaft werden. … Wenn der Hijab ein akzeptiertes öffentliches Phänomen wird, kann eine moderne Gesellschaft nicht ihre künftigen Generationen lehren, dass die Kleidung einer Frau kein Vorwand für Vergewaltigung ist.“

Im Prozess einer muslimischen Sezession ist der Burkini nur eine weitere Möglichkeit, Körper und Territorien zu markieren. Eine französisch-muslimische Gesellschaft, die sich zu fühlen scheint, als ob sie immer noch zu ihrem Ursprungsland gehört, scheint sich entschieden zu haben, dass das Spiel des Säkularismus und des „Zusammenlebens“ vorbei sein sollte. Mit Schleiern, Burkinis und Waffen scheinen verschiedene Islamistengruppen zu versuchen, dieselbe Nachricht auszusenden: Wir bleiben primär Muslime und haben uns entschieden, der Kultur der Länder, in denen wir leben, keine Beachtung zu schenken.

Das Problem ist, dass die Politiker in Frankreich – und in anderen Ländern – diese Fragen nicht richtig analysieren wollen. Sie bleiben überzeugt, dass ein „französischer Islam“, angeblich mit der französischen Gesellschaft vereinbar, eine Option bleibt. Die Politiker werden nicht gegen diesen Versuch protestieren, in das Land Frankreich wieder eine Religion einzuschnitzen: die Menschen, die das tun, sind auch Wähler.

Yves Mamou, aus Frankreich, arbeitete 20 Jahre lang als Journalist für Le Monde.


Erstveröffentlichung hier. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Gatestone Instituts.

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