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Grossbritannien? Moderat? Wie war das nochmal?

Douglas Murray, 30.4.2016, Gatestone Institute

Man hört oft von der „gemässigten muslimischen Mehrheit.“ Nach jedem Terroranschlag sagen uns Politiker, dass „Die moderate Mehrheit der Muslime dies entschieden verurteilt.“ Nach jeder Empörung springen Kommentatoren und Experten auf, um zu sagen: „Natürlich ist die grosse Mehrheit der Muslime moderat.“ Aber ist es wahr? Ist die überwiegende Mehrheit der Muslime wirklich „moderat“?

Eine Reihe von Faktoren deuten darauf hin, dass das vielleicht nicht so ist – am offensichtlichsten wird das Problem immer wieder von Meinungsumfragen aufgezeigt. Immer wieder zeigen die Ergebnisse der Meinungsumfragen in der westlichen Welt, geschweige denn im Nahen Osten oder Nordafrika, ein ganz anderes Bild von der „gemässigten Mehrheit“.

Es stimmt, solche Umfragen können oft zeigen, dass beispielsweise nur 27% der britischen Muslime „eine gewisse Sympathie für die Motive hinter den Anschlägen“ in den Büros des französischen Satirischemagazins Charlie Hebdo letztes Jahr haben. Es stimmt, das ist nur zwischen einem Viertel und einem Drittel der britischen Muslime, die mit der Gotteslästerungs-Durchsetzungs-Truppe sympathisieren. Bei anderen Gelegenheiten, wie kürzlich in Grossbritannien mit einer neuen ICM-Umfrage im Auftrag von Channel 4, finden sie, dass eine Mehrheit der Muslime Ansichten vertritt, mit denen die meisten Briten nicht einverstanden wäre. So zum Beispiel, fand die jüngste ICM-Umfrage, dass 52% der britischen Muslime denken, dass Homosexualität illegal gemacht werden sollte. Das ist eine beunruhigende Zahl. Nicht, dass 52% der britischen Muslime zu Homosexualität sagen, es sei „nicht ihre Tasse Tee,“ oder dass sie „nicht ganz mit der homosexuellen Ehe einverstanden sind“, sondern 52% der britischen Muslime denken, dass Homosexualität ein Verbrechen nach dem Gesetz sein sollte.

Aber durch das, was passiert, nachdem solche Umfragen publiziert werden, kommt die Idee der „gemässigten Mehrheit“ erst richtig unter Druck. Erstens natürlich gibt es immer einen Versuch, den Ergebnissen einen positiven Spin zu verleihen. So zum Beispiel alsdie Post-Charlie Hebdo Umfrage im vergangenen Jahr herauskam, gab ihr die BBC (die die Umfrage in Auftrag gegeben hatte) die Überschrift: „Die meisten britischen Muslime stellen sich gegen Mohammed-Karikatur-Repressalien.“ Obwohl wahr, ist das nicht der auffälligste Aspekt ihrer Ergebnisse. Doch es ist das, was als nächstes passierte, was am aufschlussreichsten ist und was noch deutlicher die Frage aufwirft, ob wir es wirklich mit einer „gemässigten Mehrheit“ zu tun haben oder, realistischer, mit einer „moderaten Minderheit.“ Denn wenn solche Ergebnisse herauskommen, versucht fast die gesamte muslimische Gemeinschaft, darunter fast alle Muslime in den Medien und alle selbsternannten Gruppen von „Führern muslimischer Gemeinschaften,“ zu beweisen, dass die Umfrage ein Betrug ist. Es geschah mit der Veröffentlichung der ICM-Umfrage in Grossbritannien, wie es mit jeder vorherigen Umfrage passiert ist. Mit Ausnahme von ein oder zwei prominenten dissidenten Muslimen beschloss jede muslimische Stimme in den Medien und jede muslimische Gruppe, sich nicht mit den ICM Erkenntnissen zu beschäftigen, sondern damit, die Gültigkeit, Methodik und auch die Motive der Umfrage auseinander zu nehmen. Das ist äusserst aufschlussreich.

Es lohnt sich, hier ein Gedankenexperiment anzustellen. Aus welcher Gemeinschaft auch immer sie kommen, stellen Sie sich Ihre Reaktion vor, wenn eine Umfrage wie die ICM über die britischen Muslime über Ihre Gemeinschaft herausgekommen wäre, von der Sie sich als Teil fühlen. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Jude, und eine Umfrage hätte ergeben, dass die Mehrheit der anderen Juden sagen, in Ihrem Land sollte Homosexualität zu einem Verbrechen gemacht werden. Was wäre Ihre erste Reaktion? Mein Eindruck ist, dass das den meisten Juden zutiefst peinlich sein würde. Sehr kurz nach der ersten Reaktion könnten Sie anfangen, sich zu fragen, was getan werden könnte, um eine solch schreckliche Statistik zu verbessern. Es ist möglich, dass wenn Sie niemanden Ihres Glaubens kennen, der denkt, dass Homosexualität unter Strafe gestellt werden soll und Ihnen dieser Standpunkt noch nie begegnet ist (auch nicht in einer früheren Umfrage, die dieselben Resultate zeigte), dass Sie die Glaubwürdigkeit und die Methodik der Umfrage in Frage stellen könnten. Aber sonst würden Sie wahrscheinlich seufzen und sich fragen, was getan werden könnte, die Dinge zu verbessern. Wenn Sie die Ergebnisse ziemlich genau kennen, warum sollten Sie versuchen, die Ergebnisse zu zerreissen?

Ebenso, wenn morgen eine Umfrage der Meinungen der christlich aufgewachsenen weissen Briten in Grossbritannien veröffentlicht würde, dann würde ich ein gewisses Interesse daran zeigen. Wenn sich zeigt, dass 39% der britischen Christen glaubten, dass Frauen immer ihren Männern gehorchen sollten (wie die ICM-Umfrage über britische Muslime ergab), dann würde ich mir einige Sorgen machen. Wenn sie auch noch feststellen sollte, dass fast ein Viertel (23%) der britischen Bevölkerung christlichen Ursprungs wollte, dass sich gewisse Gebiete Grossbritanniens von den Gesetzen des Landes verabschieden und stattdessen auf die „Ansicht“ einiger biblischer Literalisten abstützen sollte, dann würde ich mir etwas mehr Sorgen machen.

Natürlich wird keiner dieser Fälle auch nur im Entferntesten eintreten. Aber nehmen wir einmal an, es wäre so. Welches wäre meine Reaktion? Die erste wäre, meinen Kopf vor Scham hängen zu lassen. Und ich würde ihn noch tiefer hängen lassen, wenn die Ergebnisse absolut keine Überraschung für mich wären. Wenn ich immer gewusst hätte, dass meine „Gemeinschaft“ solche Ansichten schon immer hegt, und wenn eine Umfrage diese Wahrheit enthüllt, würde ich tief beschämt sein, dass das, was ich schon immer wusste, jetzt auch allen anderen im Land bekannt ist.

Besonders interessant ist, dass dann, wenn solche Umfragen über die Meinungen der britischen Muslime herauskommen, nie, niemals irgendwelche Andeutungen solcher Selbstreflexionen zu beobachten sind. Es gibt keine Scham, und keine Besorgnis, nur Angriff. Gäbe es in der Tat eine „moderate Mehrheit“, und wenn dann eine Umfrage herauskommt, die besagt, dass ein Viertel Ihrer Gemeinschaft grundsätzlich das Recht des Landes ändern und unter der Scharia leben will, dann würden die anderen 75% ihre Zeit damit verbringen, die Meinungen dieses Viertels zu verändern zuversuchen. Stattdessen verbringen etwa 74% der 75%, die nicht die Scharia favorisieren, ihre Zeit damit, den anderen 25% den Rücken frei zu halten und das Befragungsinstitut anzugreifen, das sie entdeckt hat. Es ist ein kleines Symptom für ein viel grösseres Problem, mit dessen Auswirkungen sich unsere Gesellschaften noch kaum auseinander zu setzen begonnen haben.

Douglas Murray ist ein Analyst aktueller Ereignisse und lebt in London.


Erstpublikation hier. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Gatestone Instituts.

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