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Gross­bri­tan­ni­en? Mo­de­rat? Wie war das noch­mal?

Dou­glas Mur­ray, 30.4.2016, Gatestone In­sti­tu­te

  • Ei­ne neue Um­fra­ge un­ter bri­ti­schen Mus­li­men er­gab, dass ei­ne Mehr­heit An­sich­ten un­ter­hält, mit de­nen die meis­ten Bri­ten nicht ein­ver­stan­den wä­ren. Zum Bei­spiel den­ken 52% der bri­ti­schen Mus­li­me, dass Ho­mo­se­xua­li­tät als il­le­gal er­klärt wer­den soll­te. Ei­ne frü­he­re Um­fra­ge er­gab, dass 27% der bri­ti­schen Mus­li­me „ei­ne ge­wis­se Sym­pa­thie für die Mo­ti­ve hin­ter den An­schlä­gen” in den Bü­ros der fran­zö­si­schen Sa­ti­re­zeit­schrift Char­lie Heb­do letz­tes Jahr ha­ben.
  • Je­des Mal, wenn Er­geb­nis­se von Mei­nungs­um­fra­gen her­aus­kom­men, ver­sucht fast die ge­sam­te mus­li­mi­sche Ge­mein­schaft, dar­un­ter fast al­le Mus­li­me in den Me­di­en und al­le selbst­er­nann­ten Grup­pen von „Füh­rern mus­li­mi­scher Ge­mein­schaf­ten” zu be­wei­sen, dass die Um­fra­ge ein Be­trug ist.
  • Wenn mir be­kannt ge­we­sen wä­re, dass „mei­ne Leu­te” sol­che An­sich­ten ha­ben, und ei­ne Um­fra­ge kommt her­aus, die die­se Wahr­heit ent­hüllt, dann wä­re ich tief be­schämt dar­über. Doch wenn sol­che Um­fra­gen über die Mei­nun­gen der bri­ti­schen Mus­li­me her­aus­ge­ge­ben wer­den, dann gibt es nie ei­nen Hauch von Selbst­re­fle­xi­on. Es gibt kei­ne Scham und kei­ne Be­sorgt­heit, nur An­griff.
  • Wenn es tat­säch­lich ei­ne „mo­de­ra­te Mehr­heit” gä­be, wenn ei­ne Um­fra­ge her­aus­kommt und sagt, dass ein Vier­tel Ih­rer Leu­te grund­sätz­lich die Ge­set­ze des Lan­des ver­än­dern und un­ter der Scha­ria le­ben wol­len, dann wür­den die an­de­ren 75% ih­re Zeit da­mit ver­brin­gen, zu ver­su­chen, die Mei­nun­gen des ei­nen Vier­tels zu ver­än­dern. Statt­des­sen ver­brin­gen et­wa 74% der 75%, die nicht für die Scha­ria sind, ih­re Zeit da­mit, die 25% zu de­cken und das Be­fra­gungs­in­sti­tut an­zu­grei­fen, das die­ses her­aus­ge­fun­den hat.

Muslimische Demonstranten mit Transparenten, die beschriftet sind mit: "Erschlagt diejenigen, die den Islam beleidigen", "Europa, du wirst bezahlen. Zerstörung ist unterwegs!" "Enthauptet jene, die den Islam beleidigen" und "Sharia für Britannien"Man hört oft von der „ge­mäs­sig­ten mus­li­mi­schen Mehr­heit.” Nach je­dem Ter­ror­an­schlag sa­gen uns Po­li­ti­ker, dass „Die mo­de­ra­te Mehr­heit der Mus­li­me dies ent­schie­den ver­ur­teilt.” Nach je­der Em­pö­rung sprin­gen Kom­men­ta­to­ren und Ex­per­ten auf, um zu sa­gen: „Na­tür­lich ist die gros­se Mehr­heit der Mus­li­me mo­de­rat.” Aber ist es wahr? Ist die über­wie­gen­de Mehr­heit der Mus­li­me wirk­lich „mo­de­rat”?

Ei­ne Rei­he von Fak­to­ren deu­ten dar­auf hin, dass das viel­leicht nicht so ist – am of­fen­sicht­lichs­ten wird das Pro­blem im­mer wie­der von Mei­nungs­um­fra­gen auf­ge­zeigt. Im­mer wie­der zei­gen die Er­geb­nis­se der Mei­nungs­um­fra­gen in der west­li­chen Welt, ge­schwei­ge denn im Na­hen Os­ten oder Nord­afri­ka, ein ganz an­de­res Bild von der „ge­mäs­sig­ten Mehr­heit”.

Es stimmt, sol­che Um­fra­gen kön­nen oft zei­gen, dass bei­spiels­wei­se nur 27% der bri­ti­schen Mus­li­me „ei­ne ge­wis­se Sym­pa­thie für die Mo­ti­ve hin­ter den An­schlä­gen” in den Bü­ros des fran­zö­si­schen Sa­ti­ri­sche­ma­ga­zins Char­lie Heb­do letz­tes Jahr ha­ben. Es stimmt, das ist nur zwi­schen ei­nem Vier­tel und ei­nem Drit­tel der bri­ti­schen Mus­li­me, die mit der Gotteslästerungs-​Durchsetzungs-​Truppe sym­pa­thi­sie­ren. Bei an­de­ren Ge­le­gen­hei­ten, wie kürz­lich in Gross­bri­tan­ni­en mit ei­ner neu­en ICM-​Umfrage im Auf­trag von Chan­nel 4, fin­den sie, dass ei­ne Mehr­heit der Mus­li­me An­sich­ten ver­tritt, mit de­nen die meis­ten Bri­ten nicht ein­ver­stan­den wä­re. So zum Bei­spiel, fand die jüngs­te ICM-​Umfrage, dass 52% der bri­ti­schen Mus­li­me den­ken, dass Ho­mo­se­xua­li­tät il­le­gal ge­macht wer­den soll­te. Das ist ei­ne be­un­ru­hi­gen­de Zahl. Nicht, dass 52% der bri­ti­schen Mus­li­me zu Ho­mo­se­xua­li­tät sa­gen, es sei „nicht ih­re Tas­se Tee,” oder dass sie „nicht ganz mit der ho­mo­se­xu­el­len Ehe ein­ver­stan­den sind”, son­dern 52% der bri­ti­schen Mus­li­me den­ken, dass Ho­mo­se­xua­li­tät ein Ver­bre­chen nach dem Ge­setz sein soll­te.

Aber durch das, was pas­siert, nach­dem sol­che Um­fra­gen pu­bli­ziert wer­den, kommt die Idee der „ge­mäs­sig­ten Mehr­heit” erst rich­tig un­ter Druck. Ers­tens na­tür­lich gibt es im­mer ei­nen Ver­such, den Er­geb­nis­sen ei­nen po­si­ti­ven Spin zu ver­lei­hen. So zum Bei­spiel als­die Post–Char­lie Heb­do Um­fra­ge im ver­gan­ge­nen Jahr her­aus­kam, gab ihr die BBC (die die Um­fra­ge in Auf­trag ge­ge­ben hat­te) die Über­schrift: „Die meis­ten bri­ti­schen Mus­li­me stel­len sich ge­gen Mohammed-​Karikatur-​Repressalien.” Ob­wohl wahr, ist das nicht der auf­fäl­ligs­te As­pekt ih­rer Er­geb­nis­se. Doch es ist das, was als nächs­tes pas­sier­te, was am auf­schluss­reichs­ten ist und was noch deut­li­cher die Fra­ge auf­wirft, ob wir es wirk­lich mit ei­ner „ge­mäs­sig­ten Mehr­heit” zu tun ha­ben oder, rea­lis­ti­scher, mit ei­ner „mo­de­ra­ten Min­der­heit.” Denn wenn sol­che Er­geb­nis­se her­aus­kom­men, ver­sucht fast die ge­sam­te mus­li­mi­sche Ge­mein­schaft, dar­un­ter fast al­le Mus­li­me in den Me­di­en und al­le selbst­er­nann­ten Grup­pen von „Füh­rern mus­li­mi­scher Ge­mein­schaf­ten,” zu be­wei­sen, dass die Um­fra­ge ein Be­trug ist. Es ge­schah mit der Ver­öf­fent­li­chung der ICM-​Umfrage in Gross­bri­tan­ni­en, wie es mit je­der vor­he­ri­gen Um­fra­ge pas­siert ist. Mit Aus­nah­me von ein oder zwei pro­mi­nen­ten dis­si­den­ten Mus­li­men be­schloss je­de mus­li­mi­sche Stim­me in den Me­di­en und je­de mus­li­mi­sche Grup­pe, sich nicht mit den ICM Er­kennt­nis­sen zu be­schäf­ti­gen, son­dern da­mit, die Gül­tig­keit, Me­tho­dik und auch die Mo­ti­ve der Um­fra­ge aus­ein­an­der zu neh­men. Das ist äus­serst auf­schluss­reich.

Es lohnt sich, hier ein Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment an­zu­stel­len. Aus wel­cher Ge­mein­schaft auch im­mer sie kom­men, stel­len Sie sich Ih­re Re­ak­ti­on vor, wenn ei­ne Um­fra­ge wie die ICM über die bri­ti­schen Mus­li­me über Ih­re Ge­mein­schaft her­aus­ge­kom­men wä­re, von der Sie sich als Teil füh­len. Stel­len Sie sich vor, Sie wä­ren ein Ju­de, und ei­ne Um­fra­ge hät­te er­ge­ben, dass die Mehr­heit der an­de­ren Ju­den sa­gen, in Ih­rem Land soll­te Ho­mo­se­xua­li­tät zu ei­nem Ver­bre­chen ge­macht wer­den. Was wä­re Ih­re ers­te Re­ak­ti­on? Mein Ein­druck ist, dass das den meis­ten Ju­den zu­tiefst pein­lich sein wür­de. Sehr kurz nach der ers­ten Re­ak­ti­on könn­ten Sie an­fan­gen, sich zu fra­gen, was ge­tan wer­den könn­te, um ei­ne solch schreck­li­che Sta­tis­tik zu ver­bes­sern. Es ist mög­lich, dass wenn Sie nie­man­den Ih­res Glau­bens ken­nen, der denkt, dass Ho­mo­se­xua­li­tät un­ter Stra­fe ge­stellt wer­den soll und Ih­nen die­ser Stand­punkt noch nie be­geg­net ist (auch nicht in ei­ner frü­he­ren Um­fra­ge, die die­sel­ben Re­sul­ta­te zeig­te), dass Sie die Glaub­wür­dig­keit und die Me­tho­dik der Um­fra­ge in Fra­ge stel­len könn­ten. Aber sonst wür­den Sie wahr­schein­lich seuf­zen und sich fra­gen, was ge­tan wer­den könn­te, die Din­ge zu ver­bes­sern. Wenn Sie die Er­geb­nis­se ziem­lich ge­nau ken­nen, war­um soll­ten Sie ver­su­chen, die Er­geb­nis­se zu zer­reis­sen?

Eben­so, wenn mor­gen ei­ne Um­fra­ge der Mei­nun­gen der christ­lich auf­ge­wach­se­nen weis­sen Bri­ten in Gross­bri­tan­ni­en ver­öf­fent­licht wür­de, dann wür­de ich ein ge­wis­ses In­ter­es­se dar­an zei­gen. Wenn sich zeigt, dass 39% der bri­ti­schen Chris­ten glaub­ten, dass Frau­en im­mer ih­ren Män­nern ge­hor­chen soll­ten (wie die ICM-​Umfrage über bri­ti­sche Mus­li­me er­gab), dann wür­de ich mir ei­ni­ge Sor­gen ma­chen. Wenn sie auch noch fest­stel­len soll­te, dass fast ein Vier­tel (23%) der bri­ti­schen Be­völ­ke­rung christ­li­chen Ur­sprungs woll­te, dass sich ge­wis­se Ge­bie­te Gross­bri­tan­ni­ens von den Ge­set­zen des Lan­des ver­ab­schie­den und statt­des­sen auf die „An­sicht” ei­ni­ger bi­bli­scher Li­te­ra­lis­ten ab­stüt­zen soll­te, dann wür­de ich mir et­was mehr Sor­gen ma­chen.

Na­tür­lich wird kei­ner die­ser Fäl­le auch nur im Ent­fern­tes­ten ein­tre­ten. Aber neh­men wir ein­mal an, es wä­re so. Wel­ches wä­re mei­ne Re­ak­ti­on? Die ers­te wä­re, mei­nen Kopf vor Scham hän­gen zu las­sen. Und ich wür­de ihn noch tie­fer hän­gen las­sen, wenn die Er­geb­nis­se ab­so­lut kei­ne Über­ra­schung für mich wä­ren. Wenn ich im­mer ge­wusst hät­te, dass mei­ne „Ge­mein­schaft” sol­che An­sich­ten schon im­mer hegt, und wenn ei­ne Um­fra­ge die­se Wahr­heit ent­hüllt, wür­de ich tief be­schämt sein, dass das, was ich schon im­mer wuss­te, jetzt auch al­len an­de­ren im Land be­kannt ist.

Be­son­ders in­ter­es­sant ist, dass dann, wenn sol­che Um­fra­gen über die Mei­nun­gen der bri­ti­schen Mus­li­me her­aus­kom­men, nie, nie­mals ir­gend­wel­che An­deu­tun­gen sol­cher Selbst­re­fle­xio­nen zu be­ob­ach­ten sind. Es gibt kei­ne Scham, und kei­ne Be­sorg­nis, nur An­griff. Gä­be es in der Tat ei­ne „mo­de­ra­te Mehr­heit”, und wenn dann ei­ne Um­fra­ge her­aus­kommt, die be­sagt, dass ein Vier­tel Ih­rer Ge­mein­schaft grund­sätz­lich das Recht des Lan­des än­dern und un­ter der Scha­ria le­ben will, dann wür­den die an­de­ren 75% ih­re Zeit da­mit ver­brin­gen, die Mei­nun­gen die­ses Vier­tels zu ver­än­dern zu­ver­su­chen. Statt­des­sen ver­brin­gen et­wa 74% der 75%, die nicht die Scha­ria fa­vo­ri­sie­ren, ih­re Zeit da­mit, den an­de­ren 25% den Rü­cken frei zu hal­ten und das Be­fra­gungs­in­sti­tut an­zu­grei­fen, das sie ent­deckt hat. Es ist ein klei­nes Sym­ptom für ein viel grös­se­res Pro­blem, mit des­sen Aus­wir­kun­gen sich un­se­re Ge­sell­schaf­ten noch kaum aus­ein­an­der zu set­zen be­gon­nen ha­ben.

Dou­glas Mur­ray ist ein Ana­lyst ak­tu­el­ler Er­eig­nis­se und lebt in Lon­don.

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Erst­pu­bli­ka­ti­on hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone In­sti­tuts.

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