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Of­fe­ne Fra­ge an Ilan Pap­pe: War­um ver­tei­di­gen Sie Antisemiten?

Da­vid Col­lier, 8.3.2017, DavidCollier.com

Aus ge­ge­be­nem An­lass sei­nes Vor­trags bei der UCL von ges­tern Abend (7.3.2017), ha­be ich mei­ne Ant­wort in zwei Tei­le auf­ge­split­tet. Der ei­ne ist ei­ne di­rek­te An­kla­ge an die Uni­ver­si­tät, der an­de­re (die­ser) ist ein of­fe­ner Brief an Ilan Pap­pe. Ich woll­te die Fra­ge vor Ort stel­len, bin aber bei der Frage-​Antwort-​Session nicht be­rück­sich­tigt worden.

Wer­ter Ilan

Ich ha­be Sie vie­le Ma­le re­den ge­se­hen. Ob­wohl ich mit fast al­lem, was Sie sa­gen, nicht ein­ver­stan­den bin, er­ken­ne ich an, dass Sie ein voll­ende­ter und ge­schlif­fe­ner Red­ner sind.

Ich leh­ne je­ne ab, die Anti-​Israel-​Aktivitäten rasch in die an­ti­se­mi­ti­sche Ecke stel­len, und ich un­ter­schei­de zwi­schen Ih­nen und ei­ni­gen äus­serst aus­ge­spro­che­nen An­ti­se­mi­ten. Gi­lad Atz­mon zum Bei­spiel oder Oren Ben Dor. Wenn sie spre­chen, spre­chen sie von Pro­ble­men mit dem „jü­disch sein” oder von „jü­di­scher Pa­tho­lo­gie”. Ich ha­be Sie nie sol­ches sa­gen ge­hört. Ih­re Ar­gu­men­te kon­zen­trie­ren sich auf his­to­ri­sche Ver­zer­run­gen und ex­tre­me lin­ke po­li­ti­sche Ideologie.

Es ist ei­ne Fra­ge der his­to­ri­schen Auf­zeich­nun­gen, dass Sie in Is­ra­el ge­bo­ren wur­den. Wenn ich mich auf die Ge­schich­te be­zie­he, tue ich dies in dem Ver­ständ­nis, dass ein Er­eig­nis so ge­sche­hen ist, wie ich es vor­schla­ge. Vie­le Ih­rer An­klä­ger ha­ben an­ge­deu­tet, dass Sie Tat­sa­chen ma­ni­pu­lie­ren, um sie zu Ih­rer Ideo­lo­gie pas­send zu ma­chen. Oder be­wusst Ge­schich­te ver­dre­hen, um Ih­re po­li­ti­sche Agen­da zu för­dern. An­schei­nend ha­ben Sie das so­gar zugegeben

Be­vor Sie be­haup­ten, dass das al­les Ver­zer­rung, fal­sche Zi­ta­te oder Hö­ren­sa­gen sei, will ich Ih­nen ein Bei­spiel nen­nen, das ich sel­ber er­lebt ha­be bei ei­ner Ver­an­stal­tung am 25. Mai 2016 bei ei­nem Aus­tausch mit der pa­läs­ti­nen­si­schen Ak­ti­vis­tin und Ge­lehr­ten Ru­ba Sa­lih. Sie hat­ten die pa­läs­ti­nen­si­sche Fä­hig­keit, füh­ren zu kön­nen, in Fra­ge ge­stellt. Ru­ba hat­te BDS als Bei­spiel für ei­ne Be­we­gung ge­bracht, die pa­läs­ti­nen­sisch ge­führt wer­de. Der fol­gen­de Aus­tausch ist atemberaubend:

Ru­ba Sa­lih: “Nun, die Pa­läst­in­ser ha­ben BDS initiiert.”

Ilan Pap­pe: “Ja, aber nicht wirk­lich ja. (zieht ein Ge­sicht) Für die His­to­ri­ker, Ja”

Ru­ba Sa­lih: “Das ist wichtig”

Ilan Pap­pe: “Es stimmt nicht, aber es ist wichtig”

Man kann die­sen Aus­tausch mit Ilan Pap­pe auf die­sem Vi­deo hier sehen:

Die­ses Ein­ge­ständ­nis, dass „Wahr­heit” aus ideo­lo­gi­schen Grün­den ver­steckt wer­den kann, soll­te Sie als His­to­ri­ker dis­qua­li­fi­zie­ren. Nur in der ver­dreh­ten Um­ge­bung der ge­gen­wär­ti­gen Aka­de­mie kann ein His­to­ri­ker es wa­gen, vor­zu­schla­gen, dass nicht die Wahr­heit über ein his­to­ri­sches Er­eig­nis er­zählt wer­den soll­te, und je­der wei­ter­macht, als wä­re ge­ra­de nichts geschehen.

Des­halb be­zieht sich der ers­te Teil mei­ner Fra­ge dar­auf, wie weit Sie zu ge­hen be­reit sind, um Ih­re ideo­lo­gi­sche Po­si­ti­on zu verteidigen.

Ich ha­be vor kur­zem über den An­ti­se­mi­tis­mus der Lin­ken ge­forscht. Ich nahm an ei­ner Ver­an­stal­tung Teil, der Anti-​Netanyahu-​Demonstration am 6. Fe­bru­ar, und kon­zen­trier­te mich auf die Mo­ti­va­tio­nen der De­mons­tran­ten. In­ner­halb der­je­ni­gen, die ich iden­ti­fi­zie­ren konn­te, fand ich, dass über 40% meh­re­re an­ti­se­mi­ti­sche Bei­trä­ge in Be­zug auf glo­ba­le jü­di­sche Ver­schwö­rung ge­pos­tet hat­ten. Nichts, was mit Is­ra­el zu tun hät­te, son­dern klas­si­sches an­ti­se­mi­ti­sches Geschwurbel.

Holocaust-​Leugnung, glo­ba­le Ver­schwö­rung, Ju­den, die die Welt kon­trol­lie­ren. Al­le die­se Men­schen ste­hen zu­sam­men und schwen­ken die pa­läs­ti­nen­si­sche Flag­ge. Über 40%. Dies ist kei­ne Zahl, die leicht­fer­tig ver­wor­fen wer­den kann.

Fra­ge Num­mer eins: Wie recht­fer­ti­gen Sie die Ver­tei­di­gung oder die De­ckung ei­nes sol­chen ekla­tan­ten Ju­den­has­ses, sei­ne Exis­tenz leug­nend und die jü­di­sche Ver­tei­di­gung ge­gen sol­che an­ti­se­mi­ti­schen An­grif­fe schwä­chend, bloss um Ih­re Ideo­lo­gie zu stützen?

Der zwei­te Teil be­zieht sich di­rekt auf Ih­re ab­surd phan­ta­sie­vol­le po­li­ti­sche Ideo­lo­gie. Die uto­pi­sche Welt, die Sie be­schrei­ben, die­je­ni­ge, die die Säu­le für Ih­re ge­sam­te po­li­ti­sche Po­si­ti­on dar­stellt. Wir wis­sen bei­de, dass der­zeit ein sol­cher Ort nicht exis­tiert. Wir wis­sen auch (als Men­schen, die Ge­schich­te stu­die­ren), dass wir vie­le Bei­spie­le aus der Ver­gan­gen­heit an­ru­fen kön­nen, wo ei­ne sol­che Vi­si­on zum Blut­bad wur­de, da mensch­li­ches Ver­sa­gen ra­di­ka­les idea­lis­ti­sches Den­ken überholte.

Si­cher­lich soll­ten Sie sich dar­an ma­chen, es ir­gend­wo an­ders zu be­wei­sen und dann die Ju­den zur Par­ty ein­zu­la­den, so­bald es ge­lingt. Man kann kaum nach Nah­ost schau­en oder sonst ir­gend­wo­hin auf un­se­rem Pla­ne­ten und Ver­trau­en ge­win­nen. Wie kann je­mand die Idee un­ter­stüt­zen, dass im ge­gen­wär­ti­gen Blut­bad, sich aus­ge­rech­net die Ju­den auf Ih­re Ver­si­che­rung ver­las­sen soll­ten, dass die Men­schen in Frie­den und Gleich­heit le­ben können.

Den­ken Sie denn nicht, dass es Idea­lis­ten wie Ih­nen selbst und an­de­ren, die sich an Ih­nen aus­rich­ten, ob­liegt, die­se uto­pi­sche Vi­si­on zu­erst als Wirk­lich­keit zu er­schaf­fen? Oder bei ge­ge­be­ner jü­di­scher Ge­schich­te, den­ken Sie nicht, dass es ab­surd ist, dass Sie ver­su­chen, den jü­di­schen Staat als Ver­suchs­ka­nin­chen zu benutzen?

Ich freue mich auf Ih­re Antwort

Bes­te Grüsse

Da­vid

1 Ping

  1. Stoff für’s Hirn | abseits vom mainstream - heplev

    […] der Sou­ve­rä­ni­tät des jü­di­schen Vol­kes am Land Is­ra­el und Pa­läs­ti­na nach Völ­ker­recht – Of­fe­ne Fra­ge an Ilan Pap­pe: War­um ver­tei­di­gen Sie An­ti­se­mi­ten? – ’60 Mi­nu­tes’ woll­te zei­gen, dass mus­li­mi­sche Flücht­lin­ge ‚fried­lich’ sind – Der […]

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