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Baschar al-​Assad – ich muss mei­ne Mei­nung ändern

Adri­an F. Lau­ber, 14.9.2017, di­rekt vom Autor

Über den Syrien-​Krieg ha­be ich mehr­fach ge­schrie­ben. Da­von ha­be ich auch nichts zu­rück­zu­neh­men. Nach wie vor zie­he ich es in Zwei­fel, dass es mit die­sem Land so schlimm ge­kom­men wä­re, wenn nicht par­al­lel zum inner-​syrischen Kon­flikt ein Stell­ver­tre­ter­krieg ver­schie­de­ner Mäch­te in die­sem Land aus­ge­tra­gen wür­de, die al­le da­zu bei­ge­tra­gen ha­ben, den Kon­flikt im­mer wei­ter zu es­ka­lie­ren. Da ha­ben wir den Macht­kampf der Erz­ri­va­len Saudi-​Arabien (Un­ter­stüt­zer der sun­ni­ti­schen Re­bel­len, in­klu­si­ve Dschi­ha­dis­ten) und Iran (Un­ter­stüt­zer und Pro­tek­tor der Assad-​Regierung), wir ha­ben die tür­ki­schen Ein­mi­schun­gen in Sy­ri­en, die auch die För­de­rung von Dschi­ha­dis­ten be­inhal­te­te, wir ha­ben die Ri­va­li­tät zwi­schen Ame­ri­ka und Russ­land in der geo­stra­te­gisch und öko­no­misch höchst be­deut­sa­men Re­gi­on, wir ha­ben den Zu­strom aus­län­di­scher Dschi­ha­dis­ten nach Sy­ri­en und und und.

Die Mit­ver­ant­wor­tung aus­län­di­scher Mäch­te für die Ka­ta­stro­phe in Sy­ri­en ist nicht zu leugnen.

Rui­nen in Alep­po (CNN)

Ei­ni­ge Zeit glaub­te ich, trotz al­ler Schat­ten­sei­ten die­ses Sys­tems wä­re es für Sy­ri­en wahr­schein­lich doch das Bes­te, wenn Baschar al-​Assad an der Macht blie­be – mit der Be­grün­dung, dass die Al­ter­na­ti­ven schlim­mer wä­ren. Ent­we­der wür­de Sy­ri­en zer­fal­len und in end­lo­sem Cha­os ver­sin­ken (al­so auch die Flücht­lings­kri­se nicht ge­löst wer­den kön­nen) oder Dschi­ha­dis­ten vom Schla­ge der Al-​Nusra-​Front oder des ISIS wür­den die Macht übernehmen.

Nach wei­te­rer, aus­führ­li­cher Be­schäf­ti­gung mit Sy­ri­en und dem Krieg muss ich heu­te fest­stel­len: Ich muss mei­ne Mei­nung ändern.

In­zwi­schen den­ke ich, dass die­ser Mann, Baschar al-​Assad, – wenn es auf die­ser Welt ge­recht zu­gin­ge, was seit je­her nicht der Fall ist – vor Ge­richt ge­stellt wer­den müsste.

Grund­sätz­lich muss man mit den Me­di­en in Zei­ten des Krie­ges im­mer vor­sich­tig sein. Ei­ne der meist ge­brauch­ten Waf­fen im Krieg ist Pro­pa­gan­da. Es wer­den vie­le Ge­schich­ten in die Welt ge­setzt und re­gel­mä­ßig hat man er­lebt, dass es Lü­gen wa­ren, mit de­nen die Men­schen in ei­nen Krieg hin­ein ge­lenkt wer­den soll­ten. Man den­ke zum Bei­spiel an den Fall der USS Mai­ne im Jahr 1898, an den Zwi­schen­fall im Golf von Ton­kin 1964, an die Brutkasten-​Story von 1990 oder an Sad­dam Hus­seins er­lo­ge­ne Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen im Jahr 2003.

Trotz­dem: selbst wenn von dem, was As­sad zur Last ge­legt wird, nur die Hälf­te stim­men soll­te, wür­de auch das schon rei­chen, um ihn und sei­ne Hel­fer hin­ter Git­ter zu bringen.

I. Die Herr­schaft der Assads

Ein frei­heit­li­cher Staat war Sy­ri­en auch vor dem Krieg nicht, so viel ist klar. 1970 putsch­te sich der Luft­waf­fen­ge­ne­ral und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ha­fiz al-​Assad, der Va­ter von Baschar al-​Assad, an die Macht und re­gier­te das Land bis zu sei­nem Tod im Jahr 2000.

Er er­rich­te­te ei­nen Po­li­zei­staat, der sich vor al­lem auf das Mi­li­tär und sei­nen Ge­heim­dienst stütz­te. Zwar wur­den auch ge­fähr­li­che Fun­da­men­ta­lis­ten wie die Mus­lim­bru­der­schaft nie­der­ge­hal­ten, aber das­sel­be galt für al­le, die As­sads Herr­schaft in Fra­ge stell­ten. As­sad Se­ni­or re­gier­te mit ei­ser­ner Faust. Ein­schüch­te­rung und Un­ter­drü­ckung wa­ren an der Ta­ges­ord­nung – für die­se Re­gi­on lei­der ei­ne ganz all­täg­li­che Entwicklung.

Ha­fiz al-​Assad im No­vem­ber 1970, kur­ze Zeit nach sei­ner Macht­über­nah­me (Wi­ki­pe­dia)

Un­ter sei­nem Sohn Baschar schien sich zu­nächst ei­ni­ges zum Bes­se­ren zu ver­än­dern. Ur­sprüng­lich war er gar nicht da­zu aus­er­se­hen, ei­nes Ta­ges die Macht zu über­neh­men. As­sad Ju­ni­or ist stu­dier­ter Au­gen­arzt und hat­te als sol­cher auch in Eng­land gearbeitet.

Dann aber kam sein äl­te­rer Bru­der ums Le­ben, der ei­gent­lich als nächs­ter Prä­si­dent Sy­ri­ens aus­er­se­hen war, und Baschar wur­de nach Da­mas­kus zu­rück­ge­ru­fen. Jetzt muss­te er ran.

Nach dem Tod des Va­ters folg­te ihm der Sohn ins Amt.

Es gab zwar ei­ne ge­wis­se Li­be­ra­li­sie­rung, aber die be­schränk­te sich vor al­lem auf die Öko­no­mie. Das po­li­ti­sche Sys­tem blieb un­frei. Un­be­hel­ligt konn­te man im Prin­zip nur le­ben, wenn man die Herr­schaft des Assad-​Clans nicht in Fra­ge stellte.

Das Mi­li­tär und die Ge­heim­diens­te blie­ben so mäch­tig wie sie auch vor­her ge­we­sen wa­ren. Die­se Leu­te wa­ren ja auch kei­nes­wegs wil­lens, ih­re Macht und ih­re Pfrün­de preis­zu­ge­ben. So ar­ran­gier­te sich der jun­ge As­sad mit dem Sys­tem und wur­de selbst ein Teil da­von. Re­for­men, die ein­ge­lei­tet wur­den, als die Un­ru­hen im Lan­de be­reits be­gon­nen hat­ten, ka­men zu spät und fie­len halb­her­zig aus, denn letzt­end­lich ging der Er­halt der ei­ge­nen Macht vor.

Trotz­dem sa­hen vie­le in Baschar al-​Assad jah­re­lang ei­nen Hoff­nungs­trä­ger. Sein Auf­tre­ten war ru­hig und be­schei­den, manch­mal fast schüch­tern. Sei­ne in Eng­land auf­ge­wach­se­ne und aus­ge­bil­de­te Frau As­ma war jung, schön, ge­bil­det, char­mant und mo­dern, nie­mals hät­te man sie in is­la­mi­scher Ver­schleie­rung her­um­lau­fen se­hen. Die bei­den schie­nen fri­schen Wind ins Land zu brin­gen und für ei­ne bes­se­re sy­ri­sche Zu­kunft zu ste­hen, bes­ser als un­ter Ha­fiz al-​Assad allemal.

Die­se Hoff­nun­gen ha­ben sich nicht er­füllt. Im Krieg sind Din­ge ge­sche­hen, die Ha­fiz al-​Assad zur Eh­re (bzw. Schan­de) ge­reicht hätten.

II. Sy­ri­ens Foltergefängnisse

Hu­man Rights Watch zu­fol­ge be­trei­ben die Ge­heim­diens­te der Assad-​Regierung in Sy­ri­en 27 Ge­fäng­nis­se, in die seit Be­ginn des Krie­ges zehn­tau­sen­de Régime-​Gegner ein­ge­sperrt wurden.

Die Or­ga­ni­sa­ti­on hat In­ter­views mit über 200 ehe­ma­li­gen Häft­lin­gen ge­führt und so ei­ni­ges von dem re­kon­stru­ie­ren kön­nen, was in die­sen Haft­an­stal­ten vor sich geht.

Da­bei kam her­aus, dass in die­sen Ge­fäng­nis­sen sys­te­ma­tisch ge­fol­tert wird. Die ehe­ma­li­gen Ge­fan­ge­nen be­rich­ten von ver­schie­dens­ten Fol­ter­me­tho­den, z. B.:

  • „Du­lab“, d.h.: Der Ge­fan­ge­ne muss Bei­ne und Ober­kör­per in ei­nen Au­to­rei­fen zwän­gen und wird ei­ne hal­be Stun­de lang ver­prü­gelt, z. B. mit Elek­tro­ka­beln (Be­richt von ei­nem Men­schen, der im Ju­ni 2011 in der Pro­vinz La­ta­kia ein­ge­sperrt war. HRW in­ter­view­te ihn in Hatay (Tür­kei) im Ja­nu­ar 2012.)
  • Ge­fan­ge­ne wur­den in ei­ner Rei­he auf­ge­stellt und mit ei­ner Peit­sche ge­schla­gen, auch am Bo­den lie­gen­de Ge­fan­ge­ne wur­den mit ver­schie­de­nen Ge­gen­stän­den durch­ge­prü­gelt. (Be­richt ei­nes ehe­ma­li­gen Ge­fan­ge­nen aus der Pro­vinz Id­lib, eben­falls im Ja­nu­ar 2012 in Hatay interviewt.)
  • „Shabeh“: Der Häft­ling wird an den Hand­ge­len­ken auf­ge­hängt und im­mer wie­der auf­ge­for­dert, zu ge­ste­hen. (Be­zeugt von ei­nem im Sep­tem­ber 2011 in Da­mas­kus In­ter­nier­ten, von HRW per Te­le­fon interviewt)
  • Ein Ge­fan­ge­ner aus Id­lib be­rich­te­te, mit Elek­tro­schocks ge­fol­tert wor­den zu sein. Ähn­li­ches wird aus ei­nem Ge­fäng­nis des Ge­heim­diens­tes der sy­ri­schen Luft­waf­fe ge­mel­det. Ein ehe­ma­li­ger Ge­fan­ge­ner er­zähl­te, wie er an ei­nen Stuhl ge­fes­selt und mit sol­chen Schocks ge­fol­tert wurde.
  • Ein ehe­ma­li­ger Sol­dat, der dem Wach­per­so­nal in ei­nem sy­ri­schen Fol­ter­ge­fäng­nis an­ge­hör­te, sag­te dem ame­ri­ka­ni­schen Sen­der CNN: „Was auch im­mer wir woll­ten, das der Ge­fan­ge­ne sagt, er sag­te es. Wir ris­sen ih­nen mit Zan­gen die Fin­ger­nä­gel her­aus und zwan­gen sie, sie zu es­sen. Wir zwan­gen sie, ihr ei­ge­nes Blut vom Fuß­bo­den zu lecken.“
  • Am Bo­den lie­gen­de Ge­fan­ge­ne wur­den mit Knüp­peln und an­de­ren Ob­jek­ten blu­tig geschlagen.

Im Früh­jahr 2014 er­reich­ten die Welt­öf­fent­lich­keit wei­te­re In­for­ma­tio­nen. Ein ehe­ma­li­ger sy­ri­scher Mi­li­tär­po­li­zist, der bis­her nur un­ter sei­nem Deck­na­men „Cae­sar“ be­kannt ist und der sich aus dem Land ab­ge­setzt hat­te, leg­te über 27.000 Fo­to­gra­fi­en vor, die von Ex­per­ten als au­then­tisch ein­ge­schätzt wur­den und die die An­wen­dung von Fol­ter in den Ge­fäng­nis­sen der Assad-​Regierung do­ku­men­tie­ren. Die Bil­der zei­gen gräss­lich ge­schun­de­ne, durch­ge­prü­gel­te, aus­ge­hun­ger­te, mit Elek­tro­schocks be­ar­bei­te­te, zu To­de ge­fol­ter­te Men­schen. Man­chen hat­te man gar die Au­gen ausgestochen.

Die meis­ten Bil­der sol­len im Kran­ken­haus 601 in Da­mas­kus ent­stan­den sein, wo­hin man die Ge­fol­ter­ten nach ih­rem Ge­fäng­nis­auf­ent­halt ge­bracht hat­te. Al­ler­dings sol­len Men­schen auch in die­sem Hos­pi­tal ver­hört und mal­trä­tiert wor­den sein.

Es war „Cae­sars“ Auf­ga­be als fo­ren­si­scher Mi­li­tär­fo­to­graf, die To­ten mit der Ka­me­ra ab­zu­lich­ten. Die Fo­tos sol­len in der Bü­ro­kra­tie des Assad-​Regimes als Be­leg da­für gel­ten, dass Tö­tungs­be­feh­le tat­säch­lich aus­ge­führt wor­den sind. Oh­ne­hin scheint dem Ré­gime viel dar­an ge­le­gen, sei­ne Mor­de aus­führ­lich zu do­ku­men­tie­ren. Die Süd­deut­sche Zei­tung ver­weist auf tau­sen­de von Re­gie­rungs­do­ku­men­ten, die aus dem Land ge­schmug­gelt wer­den konn­ten und die Be­weis­last ge­gen As­sad noch wei­ter vergrößern.

Zu­rück zu „Cae­sar“: So­wohl dem ame­ri­ka­ni­schen Sen­der CNN als auch dem bri­ti­schen Guar­di­an wur­de ein Un­ter­su­chungs­be­richt von Ex­per­ten aus ver­schie­de­ner Her­ren Län­der vorgelegt.

Den Aus­sa­gen „Cae­sars“ zu­fol­ge wur­den in den sy­ri­schen Ge­fäng­nis­sen zwi­schen März 2011 und dem Früh­jahr 2014 et­wa 11.000 Men­schen ermordet.

Die Leich­na­me wur­den in Mas­sen­grä­bern ver­scharrt. Die An­ge­hö­ri­gen be­ka­men die To­ten nicht zu se­hen. Ih­nen wur­de le­dig­lich mit­ge­teilt, dass ih­re Lie­ben ei­nes na­tür­li­chen To­des ge­stor­ben und be­reits an ei­nem un­be­kann­ten Ort be­er­digt wor­den seien.

Die Ex­per­ten ur­teil­ten, dass Sy­ri­ens Re­gie­rung schon da­für we­gen Kriegs­ver­bre­chen be­langt wer­den kön­ne. Die UNO-​Menschenrechtskommission hat­te der Assad-​Regierung zu die­sem Zeit­punkt schon mehr­fach Kriegs­ver­bre­chen vor­ge­wor­fen. Doch Russ­land, ein Pro­tek­tor As­sads, hat ei­nem „Spiegel“-Bericht zu­fol­ge im UNO-​Sicherheitsrat ei­ne Wei­ter­lei­tung an den In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof verhindert.

Drei ehe­ma­li­ge An­klä­ger von den Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­na­len für Si­er­ra Leo­ne und das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en ha­ben mit „Cae­sar“ ge­spro­chen und die von ihm mit­ge­brach­ten Fo­to­gra­fi­en ge­sich­tet. Sie stuf­ten das Ma­te­ri­al als au­then­tisch und „Cae­sars“ Aus­sa­gen als glaub­haft ein.

„Das ist die Art von Be­wei­sen, nach de­nen je­der An­klä­ger sucht”, so Da­vid Cra­ne, der Chef­an­klä­ger im Ver­fah­ren ge­gen Li­be­ri­as Ex-​Präsidenten Charles Tay­lor. „Wir ha­ben Bil­der und Zah­len, die zu Re­gie­rungs­un­ter­la­gen pas­sen. Wir ha­ben die Per­son, die die­se Bil­der ge­macht hat. Das sind In­di­zi­en, die kei­nen Zwei­fel mehr zulassen.”

Kurz zu­vor hat­te Sy­ri­ens Prä­si­dent Baschar al-​Assad in ei­nem In­ter­view mit der fran­zö­si­schen Nach­rich­ten­agen­tur AFP noch al­le Vor­wür­fe von sich ge­wie­sen. Es gä­be kei­nen Be­leg da­für, dass die sy­ri­sche Re­gie­rung ir­gend­wann und ir­gend­wo Zi­vi­lis­ten mas­sa­kriert hät­te, be­haup­te­te er.

Po­li­ti­ker re­den viel, wenn der Tag lang ist.

Die Be­weis­last ist er­drü­ckend. Au­ßer­dem wä­re es nicht neu. Schon zu Zei­ten von As­sad Se­ni­or wur­den po­li­tisch miss­lie­bi­ge Per­so­nen von den Spit­zel­diens­ten der Re­gie­rung ver­folgt und ein­ge­sperrt. Auch Fol­ter war an der Ta­ges­ord­nung. Neu ist heu­te nur der Um­fang der Ver­fol­gung, denn die Re­gie­rung nutzt of­fen­bar die Si­tua­ti­on ei­nes Krie­ges, um nicht nur Dschi­ha­dis­ten, son­dern auch mög­lichst vie­le Dis­si­den­ten und Re­gie­rungs­kri­ti­ker ein­fach „ver­schwin­den“ zu las­sen. Über 200.000 Sy­rer sol­len seit Be­ginn des Krie­ges be­reits weg­ge­sperrt wor­den sein, dar­un­ter ganz jun­ge Leu­te, Stu­den­ten, de­ren Ver­ge­hen es ist, nicht für die Assad-​Regierung zu sein.

Men­schen ver­schwin­den. Man weiß nicht, wo sie fest­ge­hal­ten wer­den und viel­fach wer­den die An­ge­hö­ri­gen wahr­schein­lich nie wie­der von ih­nen hö­ren – bis viel­leicht ein­mal ei­ne To­des­nach­richt eintrifft.

„Cae­sars“ Aus­sa­gen zu­fol­ge hat sich noch et­was ver­än­dert, nicht nur die Zahl der In­haf­tier­ten. Er be­rich­tet: „Vor der Re­vo­lu­ti­on fol­ter­ten die Mit­glie­der des Re­gimes, um an In­for­ma­tio­nen zu kom­men. Heu­te fol­tern sie, um zu tö­ten. Ich ha­be Ker­zen­spu­ren ge­se­hen. Ein­mal war der Ab­druck ei­ner Heiz­plat­te zu er­ken­nen, wie man sie be­nutzt, um Tee zu er­hit­zen. Man hat­te ei­nem Ge­fan­ge­nen Ge­sicht und Haa­re da­mit ver­brannt. Man­che hat­ten tie­fe Schnit­te, her­aus­ge­ris­se­ne Au­gen, ein­ge­schla­ge­ne Zäh­ne, Spu­ren von Schlä­gen mit Star­ter­ka­beln. Es gab Wun­den, die vol­ler Ei­ter wa­ren, als hät­ten sie sich in­fi­ziert, weil man sie lan­ge nicht ver­sorgt hat­te. Manch­mal wa­ren die Lei­chen mit Blut be­deckt, das noch kaum ge­ron­nen war. Sie wa­ren of­fen­bar ge­ra­de erst gestorben.“

Be­rüch­tigt ist vor al­lem das Mi­li­tär­ge­fäng­nis von Sed­na­ja, nicht weit ent­fernt von der Haupt­stadt Damaskus.

An­hand der Er­zäh­lun­gen ehe­ma­li­ger Häft­lin­ge ha­ben Spe­zia­lis­ten für fo­ren­si­sche Ar­chi­tek­tur von der Uni­ver­si­ty of Lon­don ein drei­di­men­sio­na­les Mo­dell des Ge­fäng­nis­ses di­gi­tal nach­ge­baut. Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal hat Zeu­gen­aus­sa­gen do­ku­men­tiert, um zu re­kon­stru­ie­ren, was hin­ter den Mau­ern die­ses Bau­werks geschieht.

Luft­auf­nah­me des Mi­li­tär­ge­fäng­nis­ses von Sed­na­ja (Fund­stel­le: Am­nes­ty International)

Nun sit­zen in Sed­na­ja bei­lei­be nicht nur harm­lo­se Jungs ein, son­dern auch vor­ma­li­ge Dschi­ha­dis­ten. Trotz­dem. Das ist kei­ne Recht­fer­ti­gung für das, was dort vor sich geht. Stän­dig wer­den die In­sas­sen von den Wär­tern mit Ei­sen­stan­gen und an­de­ren Ge­gen­stän­den durch­ge­prü­gelt. Da­bei geht es den Aus­sa­gen ehe­ma­li­ger Ge­fan­ge­ner zu­fol­ge nicht so sehr dar­um, ir­gend­et­was Kon­kre­tes von ih­nen zu er­fah­ren. Es geht vor al­lem dar­um, die Men­schen zu bre­chen. Und wenn da­bei Men­schen von schwä­che­rer Kon­sti­tu­ti­on ster­ben, ist das auch recht.

Die Ge­fan­ge­nen wer­den nach ih­rer An­kunft – so be­rich­tet ein An­walt, der von Ja­nu­ar 2012 bis Ju­ni 2014 in Sed­na­ja ein­ge­sperrt war – in voll­kom­men ab­ge­dun­kel­te Zel­len ge­sperrt. Man­che müs­sen für ei­ni­ge Ta­ge in dunk­ler Iso­la­ti­on blei­ben, an­de­re über Monate.

Ob­gleich die Tem­pe­ra­tur im Win­ter un­ter den Ge­frier­punkt fällt, müs­sen die Ge­fan­ge­nen nackt blei­ben oder dür­fen höchs­tens Un­ter­wä­sche tra­gen. In ei­ner Zel­le hät­ten sich sie­ben Män­ner ei­ne De­cke tei­len müs­sen, be­rich­tet ein ehe­ma­li­ger Ar­mee­of­fi­zier, der in Sed­na­ja in­ter­niert war.

Der bri­ti­sche Guar­di­an mel­de­te im Fe­bru­ar, dass die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal mit 31 ehe­ma­li­gen Ge­fan­ge­nen und ehe­ma­li­gen Wär­tern ge­spro­chen und so in Er­fah­rung ge­bracht hat­te, dass tau­sen­de Zi­vi­lis­ten nach Sed­na­ja ge­bracht wor­den sei­en, ein­fach weil sie als Geg­ner der Re­gie­rung ein­ge­stuft wor­den wa­ren. Dort wür­den sie sys­te­ma­tisch aus­ge­hun­gert, ge­fol­tert und schließ­lich auf­ge­hängt, zwi­schen 20 und 50 Per­so­nen auf ein­mal. Me­di­zin für Kran­ke gibt es so­wie­so nicht.

Die Be­rich­te han­deln von ei­nem Zeit­raum bis zum De­zem­ber 2015, aber es ist al­les an­de­re als un­wahr­schein­lich, dass es auch heu­te in Sed­na­ja so oder so ähn­lich wei­ter­geht. Bis­her sol­len Am­nes­ty zu­fol­ge in Sed­na­ja min­des­tens 13.000 Men­schen ge­tö­tet wor­den sein. An­de­re nen­nen Zah­len in Hö­he von ca. 20.000, die zwi­schen 2011 und 2015 in Sed­na­ja ge­stor­ben sein sollen.

Mit­te Mai wur­den neue schwe­re Vor­wür­fe laut. Das US-​Außenministerium (Sta­te De­part­ment) leg­te Luft­auf­nah­men vor, um die Be­haup­tung zu un­ter­mau­ern, dass die Assad-​Regierung auf dem Ge­län­de des Sednaja-​Gefängnisses ein Kre­ma­to­ri­um be­treibt, in dem die Lei­chen der ge­tö­te­ten Ge­fan­ge­nen „ent­sorgt“ wer­den. So könn­te man die To­ten ef­fi­zi­ent be­sei­ti­gen und, um es ganz zy­nisch zu sa­gen, „Platz schaf­fen“. Dem Sta­te De­part­ment zu­fol­ge wer­den in Sed­na­ja täg­lich rund 50 Men­schen hingerichtet.

Al­ler­dings kann Wa­shing­ton das bis­lang nicht be­wei­sen. Die be­sag­ten Luft­auf­nah­men des Mi­li­tär­ge­fäng­nis­ses zei­gen al­le Ge­bäu­de mit Schnee be­deckt – bis auf ei­nes. Das deu­tet dar­auf­hin, dass sich dar­in ir­gend­ei­ne si­gni­fi­kan­te Wär­me­quel­le be­fin­den muss, hieß es in der New York Times. Das ist ein In­diz, ja, aber noch kein Beweis.

Die Assad-​Regierung strei­tet die Exis­tenz ei­nes sol­chen Kre­ma­to­ri­ums ab.

III. Gift­gas für das Volk

Ich muss ge­ste­hen, ich hat­te am 4. April gro­ße Zweifel.

Da er­reich­te uns die Mel­dung, dass As­sads Ar­mee in Khan Sheik­hun in der Pro­vinz Id­lib zum wie­der­hol­ten Mal Gift­gas ge­gen das ei­ge­ne Volk ein­ge­setzt ha­ben soll. Über 70 Men­schen wur­den da­bei ge­tö­tet, dar­un­ter zwan­zig Kin­der. Au­gen­zeu­gen zu­fol­ge soll die che­mi­sche Waf­fe von Kampf­flug­zeu­gen ab­ge­wor­fen wor­den sein.

Rund hun­dert Per­so­nen wur­den nach dem An­griff ins Kran­ken­haus ge­bracht. Weil man ei­ni­gen von ih­nen dort nicht hel­fen konn­te, wur­den sie wei­ter in die Tür­kei transportiert.

Ich zwei­fel­te des­halb an dem Gift­gas­an­griff, weil es für mich zu­nächst kei­nen Sinn er­gab. Kurz zu­vor hat­te die Trump-​Administration in Wa­shing­ton er­klärt, dass ein ré­gime chan­ge in Sy­ri­en für sie kei­ne Prio­ri­tät mehr hätte.

As­sad be­fand sich in der stärks­ten po­li­ti­schen Po­si­ti­on seit Jah­ren. Man­che Me­di­en hat­ten ihn sehr vor­ei­lig schon im Jahr 2012 für sie gut wie er­le­digt er­klärt. Doch durch In­ter­ven­tio­nen sei­ner Ver­bün­de­ten Iran und Russ­land sah die Sa­che in­zwi­schen völ­lig an­ders aus. Zwar wa­ren wei­te Tei­le des Lan­des im­mer noch un­ter der Kon­trol­le ver­schie­de­ner Mi­li­zen, des IS oder der Kur­den, aber zu­min­dest As­sads Ver­bleib an der Macht schien schon ein­mal ge­si­chert – und dies um­so mehr, wenn auch die USA einwilligten.

War­um al­so, so frag­te ich mich, soll­te As­sad aus­ge­rech­net in die­ser Si­tua­ti­on sei­ne in­ter­na­tio­na­le Re­pu­ta­ti­on noch ein­mal so gründ­lich rui­nie­ren und die Welt ge­gen sich aufbringen?

Der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin stritt ka­te­go­risch ab, dass sein Ver­bün­de­ter As­sad Gift­gas hat­te ein­set­zen lassen.

Die Mos­kau­er Er­klä­rung für die Er­eig­nis­se in Khan Sheik­hun sah so aus: bei ei­nem Luft­an­griff sei ein La­ger­haus von Ter­ro­ris­ten ge­trof­fen wor­den, in dem sich „to­xi­sche Sub­stan­zen“ be­fun­den hät­ten, die bei dem An­griff frei­ge­setzt wor­den sei­en, so ein Spre­cher des rus­si­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums. Auf dem Ge­län­de die­ses La­gers hät­ten sich Werk­stät­ten be­fun­den, in de­nen Pro­jek­ti­le her­ge­stellt wur­den, die wie­der­um mit che­mi­schen Gift­stof­fen ge­füllt wur­den, so hieß es weiter.

Doch die­se Er­klä­rung er­wies sich als falsch. Es fing schon da­mit an, dass der Spre­cher, Ge­ne­ral­ma­jor Igor Ko­na­schen­kow, be­haup­te­te, der An­griff ha­be zwi­schen 11:30 Uhr und 12:30 Uhr Orts­zeit statt­ge­fun­den. Dem wi­der­spre­chen Au­gen­zeu­gen, de­nen zu­fol­ge der An­griff ge­gen 6:30 Uhr Orts­zeit er­folg­te. Auch ein bald ver­öf­fent­lich­tes Vi­deo ei­nes lo­ka­len Re­por­ters spricht da­für, dass der An­griff nicht lang nach Son­nen­auf­gang er­folg­te. Die ers­ten Mel­dun­gen von Nach­rich­ten­agen­tu­ren lie­fen be­reits ge­gen 10 Uhr sy­ri­scher Orts­zeit über den Ticker.

Das von Mos­kau ge­nann­te Zeit­fens­ter wür­de eher zum zwei­ten Luft­an­griff auf Khan Sheik­hun pas­sen, bei dem u. a. ein Kran­ken­haus ge­trof­fen wurde.

Au­ßer­dem: wä­re in Khan Sheik­hun ein gro­ßes Waf­fen­la­ger ge­trof­fen wor­den, hät­te es Ex­plo­sio­nen und ei­nen Brand ge­ben müs­sen. Die bis­her be­kann­ten Bil­der aus der Stadt zei­gen aber nichts dergleichen.

Fer­ner be­haup­te­te Ko­na­schen­kow, in Khan Sheik­hun her­ge­stell­te che­mi­sche Kampf­stof­fe wür­den in den Irak ge­lie­fert und kä­men dort zum Ein­satz. Es ist un­klar, wo­von ge­nau der Ge­ne­ral­ma­jor da sprach. Be­kannt ist zu­min­dest, dass die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (ISIS) im Lau­fe ih­res Krie­ges Senf­gas ein­ge­setzt hat, das die Or­ga­ni­sa­ti­on selbst her­stel­len soll.

Aber die Re­bel­len von Khan Sheik­hun und ISIS gel­ten als ver­fein­det. Zu Ver­bin­dun­gen der Re­bel­len von Khan Sheik­hun zu an­de­ren Mi­li­zen ist nichts be­kannt. Es ist al­so nicht er­sicht­lich, an wen Lie­fe­run­gen von che­mi­schen Kampf­stof­fen aus Khan Sheik­hun ge­gan­gen sein sollen.

Kurz nach dem mut­maß­li­chen Gas­an­griff war der Re­por­ter Ka­re­em Shahe­en vom bri­ti­schen Guar­di­an als ers­ter west­li­cher Jour­na­list in Khan Sheik­hun vor Ort.

Dort fand er ei­nen klei­nen Kra­ter – die Stel­le, wo die mit dem Gift­gas ver­setz­te Ra­ke­te ein­ge­schla­gen sein soll. Rund her­um stan­den Häu­ser leer. „Khan Sheik­hun ist ei­ne Geis­ter­stadt.“, schrieb Shaheem.

Was Shahe­em dort nicht fand, war ein Waf­fen­de­pot, des­sen Exis­tenz die Rus­sen be­haup­tet hat­ten. Der Jour­na­list be­rich­tet, La­ger­häu­ser und Si­los und der nä­he­ren Um­ge­bung der be­sag­ten Ein­schlag­stel­le un­ter­sucht zu ha­ben. Er ha­be nichts ge­fun­den als leer ste­hen­de, mit Staub über­zo­ge­ne Räum­lich­kei­ten oder halb zer­stör­te Si­los, aus de­nen es nach Ge­trei­de und nach Dün­ger roch. An­woh­ner er­zähl­ten, dass die Si­los bei ei­nem Luft­an­griff sechs Mo­na­te zu­vor zer­stört und seit­her nicht mehr ge­nutzt wor­den seien.

Kei­ne Spur von ir­gend­ei­nem De­pot mit che­mi­schen Kampfstoffen …

Zeu­gen wur­den be­fragt. Sie ga­ben an, dass der An­griff ge­gen 6:30 Uhr Orts­zeit be­gon­nen ha­be. Man hat­te erst mit ei­nem wei­te­ren ge­wöhn­li­chen Luft­an­griff ge­rech­net, doch plötz­lich fie­len Men­schen auf der Stra­ße um, wan­den sich vor Schmer­zen, wa­ren von Krämp­fen ge­schüt­telt, Schaum rann ih­nen aus dem Mund, die Lip­pen ver­färb­ten sich blau.

Ein Team von der Or­ga­ni­sa­ti­on „Ärz­te oh­ne Gren­zen“ war rasch vor Ort im Bab Al-​Hawa-​Hospital, in dem über­le­ben­de Op­fer des An­griffs von Khan Sheik­hun be­han­delt wur­den, un­ge­fähr 100 Ki­lo­me­ter vom Ort des An­griffs ent­fernt. Die Me­di­zi­ner be­stä­tig­ten, dass die Pa­ti­en­ten Sym­pto­me auf­wie­sen, die zeig­ten, dass sie ei­nem Ner­ven­gift, bei­spiels­wei­se Sa­rin oder ei­ner ähn­li­chen Sub­stanz, aus­ge­setzt wor­den wa­ren: Kei­ne äu­ße­ren Ver­let­zun­gen, aber vereeng­te Pu­pil­len, Mus­kel­krämp­fe, In­kon­ti­nenz etc.

Das Team von „Ärz­te oh­ne Gren­zen“ hat­te die Ge­le­gen­heit, noch an­de­re Kran­ken­häu­ser auf­zu­su­chen, in de­nen Op­fer aus Khan Sheik­hun be­han­delt wur­den. Die Pa­ti­en­ten hät­ten nach Blei­che ge­ro­chen, so die Fach­leu­te. Das spre­che da­für, dass sie mit Chlor­gas kon­ta­mi­niert wor­den wa­ren. Dem­nach wä­re in Khan Sheik­hun al­so nicht nur Ner­ven­gift zum Ein­satz gekommen.

Ei­gent­lich dürf­te es in Sy­ri­en gar kei­ne Chemie-​Waffen mehr ge­ben. Schließ­lich sol­len die ver­blie­be­nen Be­stän­de des Assad-​Militärs im Jahr 2014 ver­nich­tet wor­den sein. Bei ei­nem Luft­an­griff auf den Da­mas­ze­ner Vor­ort Ghu­ta im Au­gust 2013 war of­fen­bar das Ner­ven­gift Sa­rin zum Ein­satz ge­kom­men und die Assad-​Regierung dar­auf­hin un­ter gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Druck ge­ra­ten. Die Obama-​Administration hat­te ein mi­li­tä­ri­sches Ein­grei­fen in Sy­ri­en an­ge­droht. So hat­te As­sad schließ­lich zu­ge­stimmt, al­le de­kla­rier­ten Giftgas-​Bestände ein­schließ­lich der che­mi­schen Aus­gangs­stof­fe ver­nich­ten zu las­sen. In der Fol­ge wur­den meh­re­re hun­dert Ton­nen un­ter Auf­sicht der Or­ga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot von Che­mie­waf­fen aus dem Land ge­schafft und auf ei­nem US-​Spezialschiff zer­stört. Gif­ti­ge Res­te wur­den wei­ter nach Deutsch­land trans­por­tiert, wo sie im nie­der­säch­si­schen Muns­ter ver­nich­tet wurden.

Aber was, wenn As­sad das Aus­land ge­täuscht hat? Es gibt Hin­weis dar­auf, dass die sy­ri­sche Re­gie­rung ei­nen Teil ih­rer Chemie-​Waffen bei­zei­ten dem Zu­griff der aus­län­di­schen Er­mitt­ler ent­zo­gen hat.

Das Wall Street Jour­nal be­rich­te­te im Ju­li 2015, dass das Assad-​Régime im Jahr 2013 selbst be­stimmt hat­te, zu wel­chen Chemie-​Produktionsanlagen es den in­ter­na­tio­na­len In­spek­teu­ren Zu­gang ge­währ­te. Au­ßer­dem muss­te der Be­such ei­ner An­la­ge 48 Stun­den vor­her an­ge­mel­det wer­den. Die In­spek­teu­re hät­ten nicht um Zu­gang zu wei­te­ren ver­däch­ti­gen An­la­gen er­sucht, weil sie ge­fürch­tet hät­ten, dass As­sad dann die Ko­ope­ra­ti­on mit ih­nen voll­stän­dig ein­ge­stellt hät­te. Au­ßer­dem ga­ran­tier­te die sy­ri­sche Re­gie­rung die per­sön­li­che Si­cher­heit der In­spek­teu­re, hat­te sie al­so in ge­wis­ser Wei­se in der Hand. Das Team ent­schied, dass es bes­ser sei, es sich mit sei­nen Gast­ge­bern nicht zu ver­scher­zen. Es ist al­so zwei­fel­haft, dass die Assad-​Regierung wirk­lich al­le Chemie-​Waffen preis­ge­ge­ben hat.

Da­für spricht noch mehr. Die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters mel­de­te am 17. Au­gust 2017, dass die Assad-​Regierung den UNO-​Inspekteuren ge­gen­über fal­sche An­ga­ben ge­macht hat. Die Da­ten, die Da­mas­kus über Ty­pen und Quan­ti­tä­ten von Che­mi­ka­li­en in sei­nem Be­sitz her­aus­ge­ge­ben hat­te, deck­ten sich nicht dem, was die In­spek­teu­re vor Ort fest­stell­ten. Au­ßer­dem er­wähn­te die sy­ri­sche Re­gie­rung nicht das Ner­ven­gift Sa­rin, wäh­rend be­reits mehr­fach vom Ein­satz eben die­ses Ga­ses be­rich­tet wor­den war. Die In­spek­teu­re fan­den auch wei­te­re Che­mi­ka­li­en, die die sy­ri­sche Re­gie­rung ver­schwie­gen hat­te, et­wa Spu­ren des Ner­ven­gifts XV oder auch ei­nen Stoff na­mens He­xamin, der zur Sta­bi­li­sie­rung von Sa­rin ge­nutzt wer­den kann.

Da­mas­kus gab an, es hät­te in den Jah­ren 2014 – 15 15 Ton­nen Ner­ven­gas und 70 Ton­nen Senf­gas aus­schließ­lich für For­schungs­zwe­cke ver­wen­det. Den In­spek­teu­ren kam das al­ler­dings Spa­nisch vor. Aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht sei das nicht glaub­haft, so ihr Ur­teil. Nur ein Bruch­teil die­ser Men­gen hät­te für For­schungs­zwe­cke be­reits genügt.

Fer­ner sieht es so aus, als wä­ren Zeu­gen, die über das Chemiewaffen-​Programm be­scheid wuss­ten, von sy­ri­schen Mi­li­tärs an­ge­wie­sen wor­den, ge­gen­über den aus­län­di­schen In­spek­teu­ren nicht die vol­le Wahr­heit zu sa­gen. Das be­rich­tet Reu­ters un­ter Be­ru­fung auf Quel­len, die von die­sen Vor­gän­gen ge­wusst ha­ben wollen.

Auch der Di­rek­tor der Or­ga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot von Che­mie­waf­fen muss­te ein­räu­men, dass im Fall Sy­ri­en er­heb­li­che Lü­cken, Un­si­cher­hei­ten und Dis­kre­pan­zen ver­blie­ben, dass man sich al­so nicht si­cher sein konn­te, dass das Assad-​Régime sich wirk­lich an die in­ter­na­tio­na­le Ver­ein­ba­rung ge­hal­ten hatte …

Au­ßer­dem ist es nach der Aus­sa­ge von Fach­leu­ten wie John Gil­bert vom Cen­ter for Arms Con­trol and Non-​Proliferation in Wa­shing­ton für kom­pe­ten­te Che­mi­ker nicht all­zu schwer, ein Ner­ven­gift wie Sa­rin ein­fach neu her­zu­stel­len. Selbst wenn 201314 die da­ma­li­gen Be­stän­de voll­stän­dig be­sei­tigt wor­den wä­ren – was un­wahr­schein­lich ge­nug ist -, hät­te das Ré­gime in­zwi­schen ge­nug Zeit ge­habt, neue pro­du­zie­ren zu lassen.

Noch mehr spricht für die Tä­ter­schaft As­sads und sei­ner ver­ant­wort­li­chen Militärs:

Nach dem An­griff von Khan Sheik­hun wur­den vor Ort Bo­den­pro­ben ge­nom­men und an west­li­che Nach­rich­ten­diens­te wei­ter­ge­ge­ben. Es soll­te fest­ge­stellt wer­den, wel­ches Ner­ven­gift dort zum Ein­satz ge­kom­men war.

Noch im April mel­de­ten fran­zö­si­sche Nach­rich­ten­dienst­ler das Er­geb­nis ih­rer Un­ter­su­chung: die Pro­ben aus Khan Sheik­hun wei­sen dem­nach das Mar­ken­zei­chen von Sa­rin auf, wie es be­reits zu­vor von der Assad-​Regierung her­ge­stellt und ein­ge­setzt wor­den sei. Pro­ben des An­griffs von Khan Sheik­hun und ei­nes vor­he­ri­gen An­griffs wur­den mit­ein­an­der ab­ge­gli­chen. Sie tru­gen die glei­che che­mi­sche Handschrift.

Zu ei­nem ähn­li­chen Er­geb­nis ka­men ame­ri­ka­ni­sche Nach­rich­ten­dienst­ler: es wur­den Blut- und Urin­pro­ben von Op­fern des An­griffs von Khan Sheik­hun un­ter­sucht, die zur Be­hand­lung in die Tür­kei ge­bracht wor­den wa­ren. Dar­in wur­de Isopropyl-​Methylphosphonsäure ge­fun­den – ein Stoff, der bei der Zer­set­zung von Sa­rin entsteht.

Der fran­zö­si­sche Ge­heim­dienst­be­richt führt wei­ter aus, dass die Un­ter­su­chung dar­auf hin­deu­te, dass das Sa­rin mit Mu­ni­ti­on aus der Luft auf Khan Sheik­hun ab­ge­feu­ert wor­den ist.

Wenn das stimmt, spricht das er­st­recht für As­sads und sei­ner Hel­fer Tä­ter­schaft. Denn wenn der Kampf­stoff aus der Luft ab­ge­feu­ert wur­de, müs­sen es ein oder meh­re­re Kampf­flug­zeu­ge ge­we­sen sein – was sich mit den Aus­sa­gen von Au­gen­zeu­gen deckt.

Aber die Re­bel­len in Khan Sheik­hun ha­ben kei­ne Luft­waf­fe. Kei­ne Rebellen-​Miliz in Sy­ri­en hat ei­ne Luft­waf­fe. Auch der IS hat kei­ne Luft­waf­fe. Aber das Assad-​Militär hat eine.

Auch die Or­ga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot von Che­mie­waf­fen (OPCW) un­ter­such­te den An­griff von Khan Sheik­hun und leg­te An­fang Ju­li ei­nen 78seitigen Be­richt da­zu vor. An­hand von Bo­den­pro­ben aus der Ein­schlag­stel­le sei man zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, dass in Khan Sheik­hun ei­ne Sarin-​ähnliche Sub­stanz ein­ge­setzt wor­den war, hieß es darin.

Die Er­mitt­ler konn­ten nicht nur Pro­ben über­prü­fen, die von den in Khan Sheik­hun re­gie­ren­den Re­bel­len über­ge­ben wur­den, son­dern be­mer­kens­wer­ter Wei­se auch Pro­ben, die von der sy­ri­schen Re­gie­rung selbst über­ge­ben wur­den. Der „Spie­gel“ ver­mu­tet, dass ein Kol­la­bo­ra­teur des Assad-​Regimes die­se Pro­ben aus dem Ort zur Re­gie­rung ge­schafft ha­ben könn­te. Die Assad-​Regierung je­den­falls hat­te laut OPCW die­se Pro­ben vor der Über­ga­be auch in ei­ge­nen La­bors un­ter­su­chen las­sen und eben­falls Sarin-​Rückstände fest­ge­stellt. Da­mas­kus lie­fer­te al­so selbst ei­nen Be­weis da­für, dass tat­säch­lich Sa­rin ein­ge­setzt wor­den war.

Wei­ter­hin stell­te die OPCW in den Pro­ben Spu­ren von Di­iso­pro­pyl­me­thyl­p­hos­pho­nat so­wie von He­xamin fest. Laut Ake Sel­ström, dem schwe­di­schen Lei­ter des UNO-​Untersuchungsteams, das im Jahr 2013 den Ein­satz che­mi­scher Waf­fen in Sy­ri­en über­prüf­te, wird He­xamin vom sy­ri­schen Ré­gime als Kor­ro­si­ons­schutz ver­wen­det, es gilt so­zu­sa­gen als „che­mi­sche Si­gna­tur sy­ri­schen Sa­rins.“ (Spie­gel On­line, 5.7.2017)

Al­ler­dings war es nur die Auf­ga­be der OPCW, fest­zu­stel­len, ob in Khan Sheik­hun Gift­gas ein­ge­setzt wur­de – und es sieht ganz da­nach aus –, nicht aber, von wem es ein­ge­setzt wur­de. Das soll ein so ge­nann­ter ge­mein­sa­mer Un­ter­su­chungs­me­cha­nis­mus (Joint In­ves­ti­ga­ti­ve Me­cha­nism) er­le­di­gen, der sich aus Ex­per­ten von der UNO und der OPCW zu­sam­men­setzt und u. a. die Mi­li­tär­ba­sis in Schai­rat be­su­chen soll, von der aus der An­griff auf Khan Sheik­hun ge­flo­gen wur­de. Mit ei­nem Be­richt ist je­doch nicht vor No­vem­ber zu rech­nen, so der „Spie­gel.“

Es geht mir in die­sem Bei­trag al­ler­dings nicht nur um Khan Sheikhun:

Die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters be­rich­te­te am 6. Sep­tem­ber, dass die für Sy­ri­en zu­stän­di­ge Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Na­tio­nen zu dem Er­geb­nis ge­kom­men sei, dass das Assad-​Régime im Lau­fe des Krie­ges nach­weis­bar sie­ben­und­zwan­zig Mal Gift­gas ein­ge­setzt hat. Das kon­sta­tie­ren die UN-​Ermittler in ih­rem vier­zehn­ten Be­richt zu Sy­ri­en seit 2011.

Bei sechs wei­te­ren, von der UNO do­ku­men­tier­ten Gas­an­grif­fen konn­te die Tä­ter­schaft bis­lang nicht ge­klärt werden.

In der Tat ha­ben die Me­di­en im Lau­fe des Krie­ges mehr­fach von Gift­gas­an­grif­fen be­rich­tet und es sieht tat­säch­lich so aus, dass das Assad-​Régime da­für ver­ant­wort­lich ist. Was den IS an­be­langt, so ist sei­ner­seits bis­her nur der Ein­satz von Senf­gas be­kannt, aber nicht von Sa­rin oder Chlor­gas. Sa­rin ist al­ler­dings im Lau­fe des Krie­ges mög­li­cher Wei­se auch von Re­bel­len ein­ge­setzt wor­den, wie die UNO-​Ermittler laut ei­nem Be­richt der In­ter­na­tio­nal Busi­ness Times vom Mai 2013 her­aus­ge­fun­den haben.

Die ver­füg­ba­ren Fo­tos und Film­auf­nah­men so­wie die Aus­sa­gen von Fach­leu­ten bei an­de­ren An­grif­fen ha­ben mehr­fach den Ein­satz von Ner­ven­gift be­stä­tigt. Die Op­fer wei­sen im­mer wie­der ähn­li­che Sym­pto­me auf. Kei­ne äu­ße­ren Ver­let­zun­gen, aber da­für un­kon­trol­lier­tes Zu­cken der Mus­keln, wei­ßer Schaum vor dem Mund, ver­eng­te Pu­pil­len, Atem­not – und re­gel­mä­ßig am En­de der Tod, auch der Tod vie­ler Kin­der, ne­ben­bei bemerkt.

https://www.cbsnews.com/videos/a-crime-against-humanity/

Al­ler­dings lie­gen auch Bil­der von Men­schen vor, bei de­nen klas­si­sche Sym­pto­me für den Kon­takt mit Sa­rin feh­len, et­wa schwar­ze Ver­fär­bun­gen um Mund und Na­se oder dunk­le Stel­len an Fin­gern und Nä­geln. Da kön­nen noch an­de­re Waf­fen im Spiel ge­we­sen sein, zu­mal dem Assad-​Militär ja nicht nur der Ein­satz von Sa­rin zur Last ge­legt wird.

Sa­rin ist ein farb- und ge­ruch­lo­ses Gas. Nach der Schil­de­rung von Au­gen­zeu­gen und von Über­le­ben­den sol­cher An­grif­fe wis­sen die Be­trof­fe­nen gar nicht, wie ih­nen ge­schieht. Oh­ne äu­ßer­lich er­kenn­ba­ren Grund bre­chen die Men­schen zu­sam­men, von Krämp­fen ge­schüt­telt. Sie krie­gen kei­ne Luft mehr. Ein Über­le­ben­der sag­te dem ame­ri­ka­ni­schen Sen­der CBS, es ha­be sich an­ge­fühlt, als wür­de sei­ne Brust in Flam­men ste­hen. Er ha­be kei­ne Luft mehr be­kom­men, er ha­be kei­nen Ton mehr her­aus­be­kom­men und sich nur im­mer wie­der auf die Brust ge­schla­gen – ein ver­zwei­fel­ter Ver­such, ir­gend­wie wie­der ei­nen Atem­zug tun zu können.

Die­je­ni­gen, die es nicht über­le­ben, ster­ben ei­nen qual­vol­len Tod. Das Gift stört die Si­gnal­über­tra­gung zwi­schen den Ner­ven­zel­len im gan­zen Kör­per. Sa­rin sorgt da­für, dass die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Zel­len stän­dig er­regt sind. Schließ­lich ver­sa­gen al­le Kör­per­funk­tio­nen, der Mensch fällt ins Ko­ma und mög­li­cher Wei­se stirbt er dann.

Nicht von un­ge­fähr ist Sa­rin in­ter­na­tio­nal geächtet.

Er­fun­den wur­de die­se Waf­fe üb­ri­gens im Drit­ten Reich, sie kam da­mals al­ler­dings nicht mehr zum Ein­satz. Der Na­me „Sa­rin“ ist ein Akro­nym aus den Fa­mi­li­en­na­men der ver­ant­wort­li­chen Wis­sen­schaft­ler: Ger­hard Schra­der (Bay­er), Ot­to Ambros (I.G. Far­ben), Ger­hard Rit­ter (Reichs­amt für Wirt­schafts­auf­bau) und Hans Jür­gen von der Linde (Hee­res­waf­fen­amt).

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de Sa­rin in gro­ßen Men­gen von den USA und der So­wjet­uni­on her­ge­stellt, spä­ter auch von an­de­ren Län­dern. Der chi­le­ni­sche Ge­heim­dienst hat die Waf­fe wäh­rend der Pinochet-​Diktatur (1973−1990) ein­ge­setzt, eben­so der ira­ki­sche Dik­ta­tor Sad­dam Hus­sein im Krieg ge­gen den Iran (1980−1988), auch ge­gen sein ei­ge­nes Volk. Auch die ja­pa­ni­sche Aum-​Sekte setz­te bei ih­ren Ter­ror­an­schlä­gen in Mats­um­o­to (1994) und To­kyo (1995) Sa­rin ein.

Che­mi­sche Waf­fen be­rei­ten den Men­schen ei­nen grau­sa­men Tod und ge­fähr­den, da sich der Stoff un­kon­trol­liert in der Luft aus­brei­ten kann, auch Per­so­nen, die an Kämp­fen über­haupt nicht be­tei­ligt sind, Zi­vi­lis­ten eben. Nicht von un­ge­fähr ist man sich über Län­der­gren­zen hin­weg ei­nig, dass sol­che Waf­fen im Krieg nicht ein­ge­setzt wer­den dür­fen. Ihr Ein­satz gilt als Kriegsverbrechen.

Die­sen Ein­sät­zen könn­te ei­ne bös­ar­ti­ge Lo­gik zu­grun­de lie­gen. Wenn wir nicht nur den Ein­satz von Gift­gas, son­dern auch die Ein­sät­ze von Streu- und Fass­bom­ben be­rück­sich­ti­gen, so scheint es, als hät­te es das Assad-​Régime im­mer wie­der ge­ra­de­zu dar­auf an­ge­legt, mög­lichst gro­ßen Scha­den auch un­ter Zi­vi­lis­ten anzurichten.

Das könn­te da­zu die­nen, je­den Wi­der­stand ge­gen Da­mas­kus und je­de Un­ter­stüt­zung für feind­li­che Trup­pen bru­tal zu bre­chen. Au­ßer­dem könn­ten sol­che An­grif­fe auch dar­auf ab­zie­len, dis­si­den­te Be­völ­ke­rungs­grup­pen zu ver­nich­ten oder zu­min­dest zu ver­trei­ben. Auf die­sen Vor­wurf kom­men wir noch an an­de­rer Stelle.

Gift­gas je­den­falls kann durch­aus ein pro­ba­tes Mit­tel sein, wenn man den Men­schen zei­gen will, dass je­der Wi­der­stand sinn­los und dass man nicht ein­mal mehr in ei­nem Luft­schutz­kel­ler wirk­lich si­cher ist. So ge­se­hen, ist der Ein­satz von Gas gar nicht so ir­ra­tio­nal, wie er auf den ers­ten Blick scheint, wenn man nur im Blick hat, wie sich der Ein­satz sol­cher Waf­fen auf As­sads An­se­hen in der Welt auswirkt.

Was nun die in­ter­na­tio­na­le Re­pu­ta­ti­on an­geht, die hat As­sad zu­min­dest im Wes­ten de­fi­ni­tiv ver­spielt. Aber es kann gut sein, dass ihm das ein­fach gleich­gül­tig ist, so­lan­ge er in Da­mas­kus an der Macht blei­ben kann.

Hat­ten ihn vie­le schon im Jahr 2012 für so gut wie er­le­digt ge­hal­ten, so ist der Mann heu­te wie­der oben auf – vor al­lem dank sei­ner Ver­bün­de­ten Iran und Russ­land. Es kann sein, dass sich As­sad und sei­ne Mi­li­tärs dank der schüt­zen­den Hän­de, die Te­he­ran und Mos­kau über sie hal­ten, in­zwi­schen so si­cher füh­len, dass sie auch vor solch bru­ta­ler Kriegs­füh­rung nicht mehr zu­rück­schre­cken, um das gan­ze Land wie­der un­ter ih­re Kon­trol­le zu be­kom­men. Dass das As­sads Ziel ist, hat der Mann deut­lich gesagt.

Es ist nicht klar, ob As­sad per­sön­lich je­den Ein­satz von Gift­gas be­foh­len hat und wie viel ei­ge­nen Ent­schei­dungs­spiel­raum die ver­ant­wort­li­chen Mi­li­tärs je­weils hat­ten. Trotz­dem: als Staats­chef trägt er die höchs­te Ver­ant­wor­tung im Lan­de, aber na­tür­lich müss­ten auch die be­tei­lig­ten Sol­da­ten für das, was sie ge­tan ha­ben, zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen werden.

IV. Ver­trei­bun­gen und eth­ni­sche Säuberungen?

Kom­men wir zu­rück zu ei­nem Vor­wurf, den ich eben nur an­ge­deu­tet ha­be: Ver­trei­bung oder so­gar Ver­nich­tung von Bevölkerungsgruppen.

Ver­schie­de­ne Me­di­en­be­rich­te le­gen Baschar al-​Assad ge­nau das zur Last.

Amotz Asa-​El, lei­ten­der Be­richt­erstat­ter und ehe­ma­li­ger Chef­re­dak­teur der Je­ru­sa­lem Post, schreibt, dass das Ziel As­sads heu­te of­fen­bar ei­ne Neu­ord­nung der Ver­tei­lung der sy­ri­schen Min­der­hei­ten sei, weil der Macht­ha­ber er­kannt ha­be, dass das Sy­ri­en nach dem Krieg nicht mehr das­sel­be sein wer­de wie zuvor.

Rui­nen in Da­mas­kus (Dai­ly Mail)

Um das zu ver­ste­hen, muss man wis­sen, wie der Assad-​Clan sei­ne Herr­schaft über das Land auf­ge­baut hat. Die As­sads ge­hö­ren zur Min­der­heit der Ala­wi­ten, die sich schon bald nach dem Tod des Pro­phe­ten Mo­ham­med von den sun­ni­ti­schen Mus­li­men ab­ge­spal­ten haben.

Ge­nau wie die Schii­ten, die sich eben­falls von den Sun­ni­ten trenn­ten, wa­ren die Ala­wi­ten der Mei­nung, dass Ali, der Schwie­ger­sohn (und gleich­zei­tig Cou­sin) Mo­ham­meds, der recht­mä­ßi­ge Nach­fol­ger des Pro­phe­ten sei.

Al­ler­dings un­ter­schei­den sich Schii­ten und Ala­wi­ten an­sons­ten ganz er­heb­lich. So fei­ern die Ala­wi­ten Weih­nach­ten, schen­ken dem Ra­ma­dan eher ge­rin­ge Be­ach­tung, pfle­gen auch al­te, vom Zarathustra-​Kult über­nom­me­ne Bräu­che und vie­len gel­ten sie gar nicht als rich­ti­ge Mus­li­me. Lan­ge Zeit wur­den die Ala­wi­ten ver­folgt und unterdrückt.

Als Ha­fiz al-​Assad sich 1970 in Sy­ri­en an die Macht putsch­te, sah er sich ei­ner sun­ni­ti­schen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit ge­gen­über und such­te nach We­gen, wie er als An­ge­hö­ri­ger ei­ner lan­ge ver­folg­ten Min­der­heit die­se Mehr­heit un­ter Kon­trol­le be­kom­men konnte.

Zu­nächst be­setz­te As­sad die wich­tigs­ten Po­si­tio­nen in der Re­gie­rung, im Mi­li­tär, in den Ge­heim­diens­ten mit Ala­wi­ten, au­ßer­dem wur­den Ala­wi­ten ge­zielt in den Me­tro­po­len wie Da­mas­kus und Alep­po an­ge­sie­delt, um ih­re Zahl in Re­la­ti­on zur sun­ni­ti­schen Mehr­heit zu vergrößern.

Fer­ner such­te der al­te As­sad Bünd­nis­se mit an­de­ren Min­der­hei­ten, meh­re­ren christ­li­chen Grup­pen so­wie Dru­sen, um sei­ne Herr­schaft über das Land zu si­chern. Auch ei­ni­ge Fa­mi­li­en der sun­ni­ti­schen Aris­to­kra­tie ge­wann Ha­fiz al-​Assad als Ver­bün­de­te, dar­un­ter auch die Fa­mi­lie von Baschar al-​Assads spä­te­rer Ehe­frau As­ma. Die­se Grup­pen, die Par­tei­gän­ger As­sads, mach­ten zu­sam­men mit den Ala­wi­ten et­wa 30 Pro­zent der sy­ri­schen Be­völ­ke­rung aus.

Doch die al­te Angst der Ala­wi­ten, wie­der in den Sta­tus von Un­ter­drück­ten zu­rück­zu­fal­len, blieb. Eben­so schwel­ten die al­ten ethnisch-​religiösen Kon­flik­te un­ter­schwel­lig wei­ter, wo­bei es – wie et­wa der ge­bür­ti­ge Sy­rer Bassam Ti­bi be­zeugt – durch­aus auch sehr gu­te Ko­exis­tenz et­wa zwi­schen Mus­li­men und Chris­ten in Da­mas­kus gab.

Ha­fiz al-​Assad und sei­ne ala­wi­ti­schen An­hän­ger re­gier­ten mit har­ter Hand, um das Land zu­sam­men zu hal­ten, ge­stützt auf das Mi­li­tär und die zahl­rei­chen Spit­zel der Ge­heim­diens­te, die das Volk über­wach­ten und Dis­si­den­ten ver­folg­ten. Vie­le Sun­ni­ten fühl­ten sich ent­frem­det und be­nach­tei­ligt, aber am schlech­tes­ten wur­den wohl die Kur­den im Nord­os­ten des Lan­des be­han­delt. Ih­nen wur­de nicht ein­mal die sy­ri­sche Staats­bür­ger­schaft ge­währt, sie wa­ren al­so in As­sads Staat nur Men­schen zwei­ter Klasse.

Die­se Kon­flik­te sind im Jahr 2011 auf­ge­bro­chen und wur­den durch die Ein­mi­schun­gen frem­der Mäch­te so­wie durch den Zu­strom von Dschi­ha­dis­ten noch verschärft.

Laut Amotz Asa-​El wei­sen ver­schie­de­ne Ge­heim­dienst­be­rich­te dar­auf hin, dass As­sad Ju­ni­or heu­te im Krieg ei­ne Stra­te­gie ver­folgt, die an die Po­li­tik sei­nes Va­ters an­knüpft. Es soll ihm dar­um ge­hen, zum Zwe­cke des ei­ge­nen Macht­er­halts die Struk­tur der Be­völ­ke­rung zu verändern.

Das wür­de auch die bru­ta­le Kriegs­füh­rung er­klä­ren, die den Ein­satz von Gift­gas, Fass­bom­ben und das Feu­ern auf Zi­vi­lis­ten be­inhal­tet. Wenn es dar­um geht, Men­schen zu ver­trei­ben, so er­gibt das plötz­lich ei­nen fins­te­ren Sinn. Asa-​El und an­de­re wer­fen As­sad vor, Sun­ni­ten aus dem Wes­ten des Lan­des gen Os­ten oder so­gar ganz aus dem Land ver­trei­ben zu wol­len, um die Zu­sam­men­set­zung der Po­pu­la­ti­on zu Guns­ten sei­ner An­hän­ger zu verändern.

De­mo­gra­phic en­gi­nee­ring“ lau­tet das Fach­wort dafür.

Das zah­len­mä­ßi­ge Über­ge­wicht der Sun­ni­ten ist im Os­ten Sy­ri­ens so stark, dass As­sad dar­an wohl kaum et­was än­dern kann. Im Wes­ten, wo die Ala­wi­ten ih­re wich­tigs­ten Sied­lungs­ge­bie­te ha­ben, sieht es schon an­ders aus. Dort wür­de der Ver­such, un­lieb­sa­me Be­völ­ke­rungs­grup­pen zu ent­fer­nen oder zu­min­dest zu de­zi­mie­ren, deut­lich plau­si­bler erscheinen.

Da­für wür­den z. B. auch die Ver­trei­bun­gen spre­chen, die nach der Rück­erobe­rung von Alep­po durch As­sads Trup­pen statt­ge­fun­den ha­ben. Of­fi­zi­ell wur­de es von Da­mas­kus und sei­nem Ver­bün­de­ten Mos­kau als hu­ma­ni­tä­re Ges­te de­kla­riert, dass man Re­bel­len und Zi­vi­lis­ten zu tau­sen­den in grü­nen Bus­sen der chi­ne­si­schen Mar­ke King Long aus der Stadt brin­gen ließ. Aber in Wirk­lich­keit soll es sich laut „Spie­gel“ um ei­ne ge­ziel­te Um­sied­lung im In­ter­es­se des Re­gimes han­deln, wie sie auch an an­de­ren Or­ten be­reits statt­ge­fun­den hat.

Auch Vor­or­te von Da­mas­kus sind be­la­gert und bom­bar­diert wor­den, bis sie auf­ga­ben, wo­nach zahl­rei­che sun­ni­ti­sche Re­bel­len mit Bus­sen in die Pro­vinz Id­lib ge­bracht wur­den. Die­se Leu­te sol­len of­fen­bar aus stra­te­gisch wich­ti­gen Or­ten weg­ge­schafft und in Id­lib kon­zen­triert wer­den. An ei­nem Ort wä­ren sie au­ßer­dem für die Re­gie­rungs­trup­pen spä­ter leich­ter zu be­kämp­fen, als wenn sie an vie­len ver­schie­de­nen Or­ten ver­streut wären.

Soll­te es tat­säch­lich zu­tref­fen, dass das Assad-​Régime im ei­ge­nen Land eth­ni­sche Säu­be­run­gen und Ver­trei­bun­gen durch­füh­ren lässt, ist das ers­tens kri­mi­nell und zwei­tens be­deu­tet das, dass die sy­ri­sche Flücht­lings­kri­se nicht ge­löst wer­den kann, so­lan­ge As­sad an der Macht bleibt.

Rui­nen in Alep­po (BBC News)

An­ders als Ein­wan­de­rer sind Kriegs­flücht­lin­ge nor­ma­ler Wei­se Gäs­te auf Zeit, auch wenn un­se­re Po­li­ti­ker heu­te den Un­ter­schied zwi­schen Im­mi­gra­ti­on und Asyl of­fen­bar be­wusst ver­wi­schen wol­len. Es geht dar­um, die­se hilfs­be­dürf­ti­gen Men­schen zu be­schüt­zen, weil sie zur Zeit in ih­rer Hei­mat in Le­bens­ge­fahr wä­ren. Das mittel- bis lang­fris­ti­ge Ziel muss es aber sein, die­sen Men­schen ih­re Hei­mat zu­rück­zu­ge­ben und ih­nen beim Wie­der­auf­bau zu hel­fen. (Zu­mal wir selbst, ei­ne al­tern­de, un­wei­ger­lich schrump­fen­de Ge­sell­schaft die Ein­wan­de­rung von Mil­lio­nen Flücht­lin­gen de­mo­gra­phisch /​ kul­tu­rell gar nicht über­ste­hen kön­nen. Wenn wir uns die be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen und die de­mo­gra­phi­schen Ent­wick­lun­gen in der is­la­mi­schen Welt an­se­hen, so be­kommt man ei­ne Ah­nung, dass die Kri­se ab Herbst 2015 nur ein läp­pi­scher Vor­ge­schmack war.)

Wenn es aber so ist, dass As­sad die­se Men­schen gar nicht mehr in ih­rer Hei­mat ha­ben will, dann ist der Dik­ta­tor ein Hin­der­nis bei der Lö­sung der Krise.

Das ist er um­so mehr, als er von sei­nem Pro­tek­tor Iran ab­hän­gig ist, der Sy­ri­en Schritt für Schritt in sei­ne ei­ge­ne Ein­fluss­sphä­re ein­glie­dert. War­um soll­te Te­he­ran ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, die größ­ten­teils sun­ni­ti­schen Flücht­lin­ge wie­der nach Sy­ri­en hin­ein zu las­sen? Iran hat viel mehr ein In­ter­es­se dar­an, Sy­ri­en sei­nem „schii­ti­schen Halb­mond“ hin­zu­zu­fü­gen und aus ihm auf Dau­er ei­nen ver­läss­li­chen Sa­tel­li­ten­staat zu ma­chen. Wenn hun­dert­tau­sen­de oder so­gar Mil­lio­nen Sun­ni­ten ver­schwin­den, um­so besser.

Da­zu passt, dass in die­sen Ta­gen Is­sam Zahred­di­ne, ein Top-​General des Assad-​Regimes, den sy­ri­schen Flücht­lin­gen im Aus­land droh­te: „Kehrt nicht zu­rück! Wir wer­den euch nie­mals ver­zei­hen.“ (Spie­gel On­line, 11.9.2017)

V. Iran greift nach der Hegemonie

Die Nah­ost­po­li­tik der USA und ih­rer Ver­bün­de­ten war in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit ein Desaster.

Das Un­glück be­gann mit dem her­bei ge­lo­ge­nen Krieg ge­gen den Irak im Jahr 2003. Um Sad­dam Hus­sein, der zwei­fel­los ein wi­der­li­cher Des­pot und ein Ver­bre­cher war, tut es mir zwar nicht leid, aber es ist un­be­streit­bar, dass der An­griff der „Ko­ali­ti­on der Wil­li­gen“ das Zwei­strom­land ins Cha­os ge­stürzt hat. So vie­le Men­schen muss­ten für geo­stra­te­gi­sche und wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen ihr Le­ben lassen.

Die De­sta­bi­li­sie­rung des Na­hen Os­tens begann.

An­griff auf Bag­dad, März 2003

Aber blei­ben wir fair. Nicht nur Ge­or­ge W. Bush und sei­ne Re­gie­rung tra­gen Schuld an der heu­ti­gen Si­tua­ti­on. Mög­li­cher Wei­se hät­te es ge­lin­gen kön­nen, die Re­gi­on trotz des Krie­ges wie­der zu sta­bi­li­sie­ren, wenn Bushs Nach­fol­ger Ba­rack Oba­ma län­ger­fris­tig ge­dacht und ver­nünf­ti­ger ge­han­delt hätte.

Es war Oba­ma, der ge­gen den Rat zahl­rei­cher Ex­per­ten und Re­gie­rungs­mit­glie­der völ­lig über­eilt den Ab­zug der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen aus dem Irak anordnete.

Ge­wiss, der Krieg von 2003 war ein Feh­ler. Aber als man nun schon mal im Irak war, hät­te man sich auch die für ei­nen ge­ord­ne­ten Über­gang not­wen­di­ge Zeit neh­men müs­sen. Man hät­te da­für Sor­ge tra­gen müs­sen, das po­li­ti­sche Sys­tem im Land so lan­ge wei­ter zu sta­bi­li­sie­ren und zu stüt­zen, bis es auf ei­ge­nen Bei­nen hät­te ste­hen können.

Vor al­lem wä­re es, wenn die Ame­ri­ka­ner län­ger ge­blie­ben wä­ren, viel­leicht mög­lich ge­we­sen, den spä­te­ren IS be­reits im Keim zu er­sti­cken. Was wä­re der Re­gi­on nicht al­les er­spart geblieben!

Der vor­zei­ti­ge Ab­zug der Ame­ri­ka­ner hin­ter­ließ ein Macht­va­ku­um. In die­ses Va­ku­um konn­te ein an­de­rer, ein höchst ge­fähr­li­cher Ak­teur vor­sto­ßen: die Is­la­mi­sche Re­pu­blik Iran.

Die Krie­ge und Kri­sen, der in­ne­re Zer­fall des Irak und Sy­ri­ens ha­ben es dem Mullah-​Régime in Te­he­ran er­mög­licht, sei­ne Macht in der Re­gi­on in bis­her nicht ge­kann­ter Wei­se aus­zu­deh­nen. Mit Hil­fe der von ihm fi­nan­zier­ten und be­waff­ne­ten Ter­ror­mi­li­zen greift der Iran nach der Vor­herr­schaft im Na­hen Osten.

Der Irak wur­de nach und nach vom Iran in­fil­triert und über­nom­men. Schii­ti­sche Dschi­ha­dis­ten, die Te­he­ran die Treue ge­schwo­ren ha­ben, hel­fen den Mul­lahs da­bei, ih­re Kon­trol­le über das Land zu sichern.

Bald nach Aus­bruch des Krie­ges in Sy­ri­en griff der Iran ein, um sei­nem al­ten Ver­bün­de­ten As­sad mit Män­nern und Waf­fen zu versorgen.

Es sind die mäch­ti­gen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den, die da­bei hel­fen, das sy­ri­sche Ré­gime an der Macht zu hal­ten. Sie gel­ten als Eli­te des ira­ni­schen Mi­li­tärs und sind nur dem obers­ten Füh­rer des Iran, dem Aya­tol­lah Ali Kha­men­ei, per­sön­lich un­ter­stellt. Zu­stän­dig für Aus­lands­ope­ra­tio­nen – und für die För­de­rung aus­län­di­scher Dschihad-​Milizen – ist die Quds-​Einheit der Revolutionsgarden.

Der „Schat­ten“, Ge­ne­ral­ma­jor Qas­sem Sol­ei­ma­ni, Kom­man­dant der Quds-Einheit

Ihr Kom­man­dant ist Ge­ne­ral­ma­jor Qas­sem Sol­ei­ma­ni, den man­che nur den „Schat­ten“ oder auch den „schwar­zen Rit­ter“ nen­nen. Ein Mann, der mit lei­ser Stim­me spricht und sich gern im Hin­ter­grund hält, der aber heu­te ei­ner der wich­tigs­ten Män­ner des Mullah-​Regimes ist. Er spielt ei­ne ent­schei­den­de Rol­le bei der In­fil­trie­rung des Irak so­wie bei der Be­kämp­fung der sy­ri­schen Re­bel­li­on. Er ist ei­ner der Draht­zie­her des ira­ni­schen Griffs nach re­gio­na­ler Hegemonie.

John Ma­gui­re, ein ehe­ma­li­ger CIA-​Agent im Irak, sag­te dem ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Dex­ter Fil­kins: „Sol­ei­ma­ni ist heu­te der mäch­tigs­te Mann, der im Na­hen Os­ten ope­riert, und kei­ner hat je von ihm gehört.“

Of­fi­zi­ell fun­giert Sol­ei­ma­ni im Irak nur als ein Be­ra­ter der dor­ti­gen Re­gie­rung, aber er ist viel mäch­ti­ger, als es die Be­zeich­nung „Be­ra­ter“ ver­mu­ten las­sen wür­de. Er rüs­tet und ko­or­di­niert die Teheran-​treuen Schiiten-​Milizen und die re­gu­lä­ren ira­ki­schen Streit­kräf­te und ver­eint sie un­ter ira­ni­scher Ober­ho­heit. Er führ­te Trup­pen bei An­grif­fen auf den IS bei Ti­krit, auch an der ira­ki­schen Groß­of­fen­si­ve ge­gen die vom IS ge­hal­te­ne Groß­stadt Mos­sul soll Sol­ei­ma­ni be­tei­ligt ge­we­sen sein.

In Sy­ri­en ope­rie­ren nicht nur Sol­ei­ma­ni und an­de­re Re­vo­lu­ti­ons­gar­dis­ten, son­dern auch Iran-​treue Mi­li­zen aus dem Irak so­wie die eben­falls schii­ti­sche His­bol­lah aus dem Li­ba­non, die vom Mullah-​Régime mit auf­ge­baut wor­den ist, von ihm mit­fi­nan­ziert und be­waff­net wird. Das wich­tigs­te Ziel der His­bol­lah ist – im Ein­klang mit der Po­li­tik ih­rer ira­ni­schen Her­ren und För­de­rer – die Ver­nich­tung des jü­di­schen Staa­tes Israel.

Nun hat­te die His­bol­lah aber jah­re­lang an ei­ner an­de­ren Front er­heb­lich mehr zu tun. Schon früh­zei­tig hat sie auf Sei­ten des Assad-​Regimes in den Syrien-​Krieg ein­ge­grif­fen. Die His­bol­lah kämpft nicht nur für As­sad, son­dern hilft na­tür­lich auch dem Iran da­bei, sei­ne Macht über Sy­ri­en und den Li­ba­non auszudehnen.

Sy­ri­ens Prä­si­dent Baschar al-​Assad (links) und Hisbollah-​Führer Hassan Nas­ral­lah auf ei­nem Propagandaplakat

Of­fen­bar ha­ben die Mul­lahs vor, ei­nen gro­ßen, von Te­he­ran be­herrsch­ten Land­kor­ri­dor auf­zu­bau­en, der vom Iran über den Irak, Sy­ri­en und den Li­ba­non bis ans Mit­tel­meer reicht – und bis vor die Haus­tür Is­ra­els, je­nes klei­nen jü­di­schen Staa­tes, dem das Mullah-​Régime seit Be­ginn sei­nes Be­stehens die Ver­nich­tung an­droht. Irans obers­ter Füh­rer Kha­men­ei lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, was er will. Kürz­lich schrieb ich be­reits aus­führ­li­cher dar­über, dass der Aya­tol­lah im­mer wie­der ganz of­fen aus­spricht, dass es ihm um die Zer­stö­rung Is­ra­els geht. Wei­te­re füh­ren­de Po­li­ti­ker, Mi­li­tärs und Geist­li­che des Iran ma­chen eben­falls kei­nen Hehl daraus.

Die Füh­rung in Te­he­ran be­lässt es auch nicht bei Dro­hun­gen. In den ak­tu­el­len, im Ju­li ver­öf­fent­lich­ten „Coun­try Re­ports on Ter­ro­rism“ des US-​Außenministeriums ist die Is­la­mi­sche Re­pu­blik Iran er­neut als größ­ter staat­li­cher Spon­sor des Ter­ro­ris­mus ein­ge­stuft wor­den. Zu­dem ist es ja kein Ge­heim­nis, dass nicht nur die His­bol­lah, son­dern auch die Ter­ror­mi­li­zen Ha­mas und Is­la­mi­scher Dschi­had von Te­he­ran mit Geld und Waf­fen ver­sorgt wer­den, de­ren Ziel eben­falls die Ver­nich­tung des jü­di­schen Staa­tes ist. Ha­mas und Is­la­mi­scher Dschi­had sind zwar sun­ni­tisch, aber wenn es ge­gen ge­mein­sa­me Fein­de und um die Ver­grö­ße­rung der ei­ge­nen Macht geht, ist der schii­ti­sche Got­tes­staat Iran durch­aus be­reit, über sol­che Dif­fe­ren­zen hinwegzusehen.

Die Mul­lahs wei­ten ihr Ein­fluss nicht nur im Irak, Sy­ri­en und dem Li­ba­non aus. Auch die Houthi-​Rebellen im Je­men, eben­falls schii­tisch Glau­bens­brü­der des ira­ni­schen Re­gimes, wer­den von Te­he­ran un­ter­stützt. Un­ter Be­ru­fung auf west­li­che, je­me­ni­ti­sche und ira­ni­sche Quel­len be­rich­te­te die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters im De­zem­ber 2014, dass der Iran die Hout­his mit Geld und Waf­fen ver­sorgt und sie für den Kampf trai­niert. Der tat­säch­li­che Um­fang ira­ni­scher Hil­fe und der rea­le Ein­fluss Te­he­rans auf die Hand­lun­gen der Hout­his sind al­ler­dings umstritten.

Aber es war mög­li­cher Wei­se mehr als nur Prah­le­rei, als ein en­ger Ver­trau­ter des obers­ten Füh­rers Kha­men­ei, der Ab­ge­ord­ne­te Ali Re­za Za­ka­ni, im Sep­tem­ber 2014 nach der Ein­nah­me der je­me­ni­ti­schen Haupt­stadt Sanaa durch die Hout­his froh­lock­te: „Drei ara­bi­sche Haupt­städ­te [ge­meint sind Bag­dad, Da­mas­kus und Bei­rut, Anm. A.F.L.] be­fin­den sich heu­te in der Hand des Iran und ge­hö­ren zur is­la­mi­schen ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­on.“ Sanaa sei nun die vier­te ara­bi­sche Haupt­stadt, die im Be­griff sei, sich der Re­vo­lu­ti­on an­zu­schlie­ßen. Der ira­ni­schen Nach­rich­ten­agen­tur Ra­sa zu­fol­ge sag­te Za­ka­ni vor dem Par­la­ment, dass der Iran in ei­ne Pha­se des „gro­ßen Dschi­had“ ein­ge­tre­ten sei.

Mög­li­cher Wei­se woll­te sich der Houthi-​Anführer Ab­dul Ma­lik Badred­din al-​Houthi dem Iran ge­gen­über für sei­ne Hil­fe er­kennt­lich zei­gen, als er im Ju­li 2017 ver­sprach, dass die Hout­his in ei­nem zu­künf­ti­gen Krieg ge­gen Is­ra­el an der Sei­te der His­bol­lah ste­hen würden.

Auf je­me­ni­ti­schem Bo­den wird ein wei­te­rer Stell­ver­tre­ter­krieg zwi­schen den Erz­ri­va­len Saudi-​Arabien und Iran aus­ge­tra­gen. Die Sau­dis ver­such­ten, durch ei­ne mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on die Houthi-​Rebellion nie­der­zu­schla­gen und den Prä­si­den­ten Abd-​Rabbu Man­sour Ha­di an der Macht zu hal­ten. Ri­ad fürch­tet sich da­vor, dass Iran auch auf der ara­bi­schen Halb­in­sel Fuß fas­sen und das Mäch­te­gleich­ge­wicht in der Re­gi­on über den Hau­fen wer­fen könnte.

(Ei­nen Vor­teil hat das Em­por­kom­men Irans für die Sau­dis al­ler­dings: nun kön­nen sie auf Te­he­ran zei­gen und von ih­ren ei­ge­nen Un­ta­ten ab­len­ken. Was man dem Iran völ­lig zu Recht vor­wirft – Ver­fol­gung und Hin­rich­tung von Dis­si­den­ten, To­des­stra­fe auf Ab­kehr vom Is­lam, To­des­stra­fe auf Ho­mo­se­xua­li­tät, För­de­rung von is­la­mi­schem Ter­ro­ris­mus etc. -, das al­les trifft auf Saudi-​Arabien eben­falls zu. In mei­nen Au­gen mö­gen die Re­gimes von Saudi-​Arabien und Iran zwar ver­fein­det sein, aber sie sind aus Holz vom glei­chen Stamm geschnitzt.)

Last but not least hat der Iran sei­ne Füh­ler auch nach Af­gha­ni­stan aus­ge­streckt. Re­por­ter des bri­ti­schen Guar­di­an be­rich­te­ten im Ju­ni 2016 aus Ka­bul, dass Iran in Af­gha­ni­stan hun­der­te von Schii­ten für den Krieg in Sy­ri­en re­kru­tiert. Zwi­schen 10.000 und 20.000 Af­gha­nen sol­len sich auf den Schlacht­fel­dern Sy­ri­ens be­fin­den, die tat­säch­li­che An­zahl ist umstritten.

Ei­nem Mit­tels­mann zu­fol­ge ha­ben die ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den im Jahr 2014 da­mit be­gon­nen, ei­ne af­gha­ni­sche schii­ti­sche Mi­liz für den Syrien-​Krieg auf­zu­stel­len. Laut die­ser Quel­le schlie­ßen sich die meis­ten Af­gha­nen we­gen des ver­spro­che­nen Lohns an. Oft­mals sind es ver­arm­te, aus­ge­sto­ße­ne Men­schen. Ei­ni­ge aber fol­gen dem ira­ni­schen Ruf aus re­li­giö­sen Grün­den, weil man ih­nen sagt, dass die schii­ti­schen Hei­lig­tü­mer in Sy­ri­en in Ge­fahr seien.

Der Mit­tels­mann be­rich­tet wei­ter, dass die af­gha­ni­schen Kämp­fer als mensch­li­che Schutz­schil­de be­nutzt wer­den. Sie sind das sprich­wört­li­che Kanonenfutter.

Da­von ab­ge­se­hen, hat der Iran wohl auch bei den Auf­stän­den der Ta­li­ban die Fin­ger im Spiel. Ein Taliban-​Kommandant, der un­ter dem Na­men Mul­lah Mus­ta­fa be­kannt ist und dem et­wa 100 Mann un­ter­ste­hen, soll nach An­ga­ben des US-​Militärs über Ver­bin­dun­gen zur Quds-​Einheit der ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den ver­fü­gen und von ihr Un­ter­stüt­zung erhalten.

Be­reits Jah­re zu­vor – im Au­gust 2010 – hat­te das US-​Finanzministerium er­mit­telt, dass Ge­ne­ral Hos­sein Musa­vi und Oberst Ha­san Mor­te­za­vi – bei­de Of­fi­zie­re der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den – die Ta­li­ban mit Geld und Ma­te­ri­al un­ter­stüt­zen. Musa­vi war der Kom­man­dant des Ansar-​Korps, das spe­zi­ell für Ope­ra­tio­nen in Af­gha­ni­stan zu­stän­dig ist.

Der vor­ma­li­ge US-​Präsident Ba­rack Oba­ma die ira­ni­sche Ex­pan­si­on weit­ge­hend ta­ten­los hin­ge­nom­men, ja, er hat sie so­gar ge­för­dert. Die Bi­lanz sei­ner Au­ßen­po­li­tik im Na­hen Os­ten ist düs­ter. Oba­ma scheint ein Mensch zu sein, der zwar auf der ei­nen Sei­te ein Idea­list, aber auf der an­de­ren Sei­te auch be­denk­lich na­iv ist – und in man­chen Din­gen so­gar re­gel­recht blind, sie­he sei­ne Aus­füh­run­gen zum The­ma Islam.

Er hat of­fen­bar wirk­lich ge­glaubt, das ira­ni­sche Mullah-​Régime durch ei­ne Appeasement-​Politik be­frie­den und mit den USA ver­söh­nen zu kön­nen. Er woll­te, dass der Iran – wie er im Jahr 2009 sag­te – sei­nen recht­mä­ßi­gen Platz in der Ge­mein­schaft der Na­tio­nen ein­neh­men mö­ge. Er glaub­te, mit dem Iran bei der Sta­bi­li­sie­rung des Na­hen Os­tens zu­sam­men­ar­bei­ten zu können.

Er glaub­te (oder hoff­te?) es, ob­wohl auch sei­ner Ad­mi­nis­tra­ti­on Irans Ver­nich­tungs­wil­le ge­gen­über Is­ra­el und sei­ne För­de­rung von Ter­ro­ris­ten selbst­ver­ständ­lich be­kannt wa­ren. Auch wäh­rend Oba­mas Prä­si­dent­schaft stuf­te das Au­ßen­mi­nis­te­ri­um (Sta­te De­part­ment) den Iran als Terror-​Sponsor Nr. 1 ein.

Den­noch: Oba­ma sprach auch noch in den ho­hen Tö­nen von der Mög­lich­keit, dass der Iran ei­ne ganz neue Macht­po­si­ti­on im Na­hen Os­ten ein­neh­men könn­te. Er sag­te im De­zem­ber 2014 wört­lich, Iran könn­te „ei­ne sehr er­folg­rei­che Re­gio­nal­macht“ sein. „Das wä­re gut für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, gut für die Re­gi­on und vor al­len Din­gen gut für das ira­ni­sche Volk.“ Vor­aus­ge­setzt, Iran wür­de sich künf­tig an in­ter­na­tio­na­le Nor­men und Re­geln hal­ten, ei­nen Deal mit Ame­ri­ka schlie­ßen und auf den Bau ei­ner Atom­bom­be ver­zich­ten. Be­kannt­lich wur­de die­ser Atom-​Deal am 14. Ju­li 2015 wirk­lich ge­schlos­sen und bis­her sieht es so aus, als wür­de sich das Mullah-​Régime tat­säch­lich dar­an hal­ten. Den­noch gibt es Grün­de zur Skep­sis. Da­zu ein an­de­res Mal mehr.

Wie sehr Oba­ma sich selbst und die Öf­fent­lich­keit täusch­te, hät­te man bei­zei­ten mer­ken kön­nen. Nur vier Ta­ge nach der Un­ter­zeich­nung des Atom-​Deals stell­te der obers­te Füh­rer des Iran, Aya­tol­lah Kha­men­ei, in ei­ner An­spra­che an das Volk klar, dass die­ses Ab­kom­men an der Au­ßen­po­li­tik des Iran nichts än­dern wird, dass er Ame­ri­ka und Is­ra­el wei­ter­hin als Fein­de be­trach­tet und dass auch vom Ziel der Zer­stö­rung Is­ra­els nicht ab­ge­rückt wird.

Te­he­ran, 18. Ju­li 2015: der Aya­tol­lah Sey­y­ed Ali Kha­men­ei spricht zum Volk (Press TV)

In je­nem Ju­li 2015 hat­te we­ni­ge Ta­ge vor Un­ter­zeich­nung des Atom-​Deals im Iran und an­de­ren Län­dern wie­der der all­jähr­li­che Al-​Quds-​Tag statt­ge­fun­den, den der Staats­grün­der, Aya­tol­lah Ru­hol­lah Kho­mei­ni, we­ni­ge Mo­na­te nach sei­ner Macht­über­nah­me (1979) ein­ge­führt hat­te und an dem je­des Jahr die Zer­stö­rung Is­ra­els und die „Be­frei­ung“ Je­ru­sa­lems ge­for­dert wer­den. So auch 2015, als die west­li­che Appeasement-​Politik ge­gen­über der Is­la­mi­schen Re­pu­blik in vol­lem Gan­ge war.

In Te­he­ran und an­der­orts wur­den wie­der ein­mal ame­ri­ka­ni­sche und is­rae­li­sche Fah­nen ver­brannt und De­mons­tran­ten skan­dier­ten die Pa­ro­len „Tod Ame­ri­ka!“ und „Tod Israel!“

Ver­stän­di­gungs­be­reit­schaft sieht an­ders aus …

Al-​Quds-​Tag in Te­he­ran, 10. Ju­li 2015 (AFP)

VI. Is­ra­el in Angst

Is­ra­el hat sich aus dem Syrien-​Krieg weit­ge­hend her­aus­ge­hal­ten, aber es wur­de bald für Je­ru­sa­lem schlicht un­mög­lich, un­tä­tig zu bleiben.

Das Vor­drin­gen der ira­ni­schen Macht im Irak und Sy­ri­en wird für Is­ra­els Le­bens­in­ter­es­sen seit Jah­ren zu ei­ner ste­tig grö­ße­ren Be­dro­hung. Wenn es Te­he­ran ge­lingt, ei­nen Land­kor­ri­dor bis ans Mit­tel­meer un­ter sei­ne Kon­trol­le zu be­kom­men, wird es für den Got­tes­staat künf­tig deut­lich ein­fa­cher, sei­ne Terror-​Schützlinge in den Nach­bar­län­dern mit Waf­fen zu ver­sor­gen und auf die kom­men­den Kämp­fe ge­gen Is­ra­el vorzubereiten

Iran baut sich mit sei­nen ei­ge­nen Trup­pen, vor al­lem aber in Ge­stalt der von ihm fi­nan­zier­ten und be­waff­ne­ten His­bol­lah und an­de­rer Mi­li­zen ei­ne Prä­senz di­rekt vor Is­ra­els Haus­tü­re auf.

Für Je­ru­sa­lem wird da­mit ein Alp­traum wahr. Der Iran, des­sen Füh­rer seit der Is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on im­mer wie­der deut­lich ge­sagt ha­ben, dass sie die Ver­nich­tung Is­ra­els wol­len, rückt bis an Is­ra­els Gren­ze vor.

Kämp­fer der schii­ti­schen Ter­ror­mi­liz His­bol­lah, Irans Fußsoldaten

Is­ra­el hat di­ver­se Ma­le ver­sucht, durch be­grenz­te In­ter­ven­tio­nen in Sy­ri­en die Be­dro­hung von den ei­ge­nen Gren­zen fern­zu­hal­ten. Seit Be­ginn des Krie­ges (2011) hat Is­ra­el un­ge­fähr 100 Mi­li­tär­schlä­ge auf sy­ri­schem Staats­ge­biet durch­ge­führt und da­bei z. B. meh­re­re Waf­fen­lie­fe­run­gen an die His­bol­lah bom­bar­diert, so et­wa im Ja­nu­ar und im Mai 2013 oder im Fe­bru­ar 2014.

Auch hat Is­ra­el mit Warn­schüs­sen re­agiert, nach­dem Ge­schos­se aus dem Nach­bar­land sein Ter­ri­to­ri­um ge­trof­fen hatten.

Im Ja­nu­ar 2015 zeig­te sich schon so et­was wie ein Vor­schat­ten des Alp­traums, der für Is­ra­el in­zwi­schen Wirk­lich­keit wird. Die is­rae­li­sche Luft­waf­fe flog ei­nen An­griff auf die His­bol­lah auf den Go­lan­hö­hen, bei dem min­des­tens sechs Kämp­fer der schii­ti­schen Mi­liz ge­tö­tet wur­den, aber auch – und das wur­de we­nig spä­ter von Te­he­ran be­stä­tigt – drei Of­fi­zie­re der Quds-​Einheit der ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den: Ge­ne­ral Mo­ham­med Al­lah­da­di, Ali Ta­ba­ta­bai und ein wei­te­rer Mann na­mens As­sa­di. Ali Ta­ba­ta­bai, der auch un­ter dem Na­men Abu Ali Ri­da be­kannt war, war im Auf­trag der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den für die Golan-​Front ver­ant­wort­lich ge­we­sen. Ge­ne­ral Al­lah­da­di fun­gier­te bis da­hin als Te­he­rans Ver­bin­dungs­mann so­wohl zu Sy­ri­ens Ge­heim­diens­ten als auch zur His­bol­lah und or­ga­ni­sier­te die Waf­fen­lie­fe­run­gen aus dem Iran an die Miliz.

Dr. Shi­mon Shapi­ra, ein is­rae­li­scher Bri­ga­de­ge­ne­ral im Ru­he­stand, warn­te be­reits kurz nach dem An­griff vor der er­star­ken­den ira­ni­schen Prä­senz an Is­ra­els Gren­ze. Dass sich auf den Go­lan­hö­hen gleich drei so hoch­ran­gi­ge Of­fi­zie­re der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den auf­ge­hal­ten hatten,

deu­te dar­auf hin, so Shapi­ra, dass der Iran den Li­ba­non und Sy­ri­en als vor­ders­te „Ver­tei­di­gungs­li­nie“ ge­gen Is­ra­el ansieht.

Je län­ger der Krieg in Sy­ri­en dau­er­te, des­to mehr wur­de das Assad-​Régime ge­schwächt – und des­to ab­hän­gi­ger wur­de der Dik­ta­tor von sei­nen aus­län­di­schen Be­schüt­zern. Hät­ten der Iran und spä­ter Russ­land nicht ak­tiv in den Krieg ein­ge­grif­fen, wä­re As­sad wohl schon vor ei­ner gan­zen Wei­le am En­de ge­we­sen. Dass As­sad – so wie es im Mo­ment aus­sieht – wahr­schein­lich an der Macht blei­ben wird, ob­wohl Sy­ri­en wei­ter­hin um­kämpft und in­ner­lich zer­ris­sen ist, ver­dankt er Mos­kau und Teheran.

Baschar al-​Assad zu Gast in Te­he­ran bei Irans obers­tem Füh­rer, Aya­tol­lah Ali Khamenei

Aus Irans Vor­drin­gen in Sy­ri­en er­ge­ben sich wich­ti­ge Fol­ge­run­gen für Israel:

Sy­ri­en ist mit Is­ra­el seit Jahr­zehn­ten ver­fein­det. Frie­den ha­ben die bei­den Län­der seit dem Jom-​Kippur-​Krieg (1973) nicht ge­schlos­sen, son­dern nur ei­nen Waf­fen­still­stand. Ju­den­hass ist in Sy­ri­en, wie auch sonst in der is­la­mi­schen Welt, vi­ru­lent, wie u. a. ge­bür­ti­ge Sy­rer wie Bassam Ti­bi aus ei­ge­ner Er­fah­rung bezeugen.

Aber im­mer­hin war As­sads Sy­ri­en für Is­ra­el ein ei­ni­ger­ma­ßen be­re­chen­ba­rer Geg­ner. Der sy­ri­sche Prä­si­dent war ers­tens kein re­li­giö­ser Fa­na­ti­ker, zwei­tens nicht an neu­en mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Is­ra­el interessiert.

In­zwi­schen hat sich die La­ge ver­än­dert. As­sad ist so stark ge­schwächt, dass er den Schutz und mi­li­tä­ri­schen Bei­stand des Iran dan­kend an­nimmt und so kann sich der Got­tes­staat im­mer wei­ter in der Re­gi­on breit ma­chen. Ein Sy­ri­en, das zu ei­nem Groß­teil vom Iran und sei­nen Schütz­lin­gen kon­trol­liert wird, wird für Is­ra­el wie­der zu ei­ner Gefahr.

Im März 2017 mel­de­te die bri­ti­sche Zei­tung The In­de­pen­dent, dass der Iran und die von ihm fi­nan­zier­ten und be­waff­ne­ten Mi­li­zen ih­re Prä­senz an der israelisch-​syrischen Waf­fen­still­stands­li­nie auf den Go­lan­hö­hen ver­stär­ken. So­wohl An­ge­hö­ri­ge der ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den als auch An­ge­hö­ri­ge der His­bol­lah als auch Män­ner der ira­nisch Basij-​Einheit sind vor Ort. Schii­ti­sche Mi­li­zio­nä­re aus dem Irak, die in Te­he­rans Diens­ten ste­hen, ha­ben laut In­de­pen­dent ei­ne „Golan-​Befreiungsbrigade“ gebildet.

Eben­falls im März traf Is­ra­els Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin, den an­de­ren gro­ßen Pro­tek­tor As­sads. Ne­tan­ja­hu leg­te die is­rae­li­sche Sicht der Din­ge dar: wenn es in Sy­ri­en ein Frie­dens­ab­kom­men gibt, dür­fen ira­ni­sche Streit­kräf­te auf kei­nen Fall im Land und da­mit vor Is­ra­els Haus­tür verbleiben.

Is­ra­el und Russ­land ver­bin­det seit Jah­ren ei­ne en­ge wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Zu­sam­men­ar­beit und wäh­rend des Syrien-​Krieges ha­ben Mos­kau und Je­ru­sa­lem seit 2015 mi­li­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen in Sy­ri­en koordiniert.

Aber na­tür­lich ist es den Is­rae­lis nicht ent­gan­gen, dass Russ­land zwei­glei­sig fährt. Ei­ner­seits sucht es gu­te Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el, an­de­rer­seits macht es ge­mein­sa­me Sa­che mit dem Tod­feind Is­ra­els. Zwar hat Pu­tin vor ei­ni­ger Zeit die Ver­nich­tungs­rhe­to­rik der ira­ni­schen Füh­rung (halb­her­zig) kri­ti­siert, aber das hält ihn er­kenn­bar nicht da­von ab, trotz­dem mit den Mul­lahs zusammenzuarbeiten.

Mos­kau sucht die An­bin­dung an Te­he­ran, um sei­nen Ein­fluss im geo­stra­te­gisch und öko­no­misch so be­deut­sa­men Na­hen Os­ten wei­ter zu vergrößern.

Au­ßer­dem will die rus­si­sche Re­gie­rung den sy­ri­schen Prä­si­den­ten As­sad an der Macht hal­ten. Erst hat Mos­kau Da­mas­kus nur mit Waf­fen­lie­fe­run­gen un­ter­stützt und schließ­lich im Herbst 2015 mit ei­ge­nen Streit­kräf­ten in den Krieg eingegriffen.

Sy­ri­en ist für Russ­land von gro­ßer stra­te­gi­scher Be­deu­tung. Schon seit der Za­ren­zeit ha­ben die Rus­sen im­mer wie­der da­nach ge­strebt, ei­ne Prä­senz im Mit­tel­meer­raum auf­zu­bau­en – da­zu die­nen der rus­si­schen Flot­te heu­te vor al­lem zwei Stütz­punk­te: Se­was­to­pol auf der Krim und das sy­ri­sche Tar­tus. Ein Macht­wech­sel in Da­mas­kus, der wo­mög­lich Russ­lands Prä­senz in Sy­ri­en in Ge­fahr brin­gen könn­te, liegt da­her nicht in Mos­kaus Interesse.

Und die Putin-​Regierung hat of­fen­bar kei­ne Skru­pel, ih­re schüt­zen­de Hand über As­sad zu hal­ten, egal welch schlim­me Ent­hül­lun­gen über das Ge­sche­hen in Sy­ri­en die Öf­fent­lich­keit wie­der erreichen.

Das Vor­drin­gen des Iran und sei­ner Schütz­lin­ge geht in­des­sen wei­ter. Auch das scheint der rus­si­sche Prä­si­dent hin­zu­neh­men. Der IS wird zu­rück­ge­drängt, aber wo er ver­schwin­det, er­scheint jetzt der Iran, so hieß es tref­fend in der Neu­en Zür­cher Zei­tung.

Im Au­gust traf Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu in Sot­schi mit Pu­tin zu­sam­men, um er­neut über die Si­tua­ti­on in Sy­ri­en zu spre­chen. Pu­tin sind Is­ra­els Sor­gen wahr­schein­lich nicht gleich­gül­tig – schon aus Ei­gen­in­ter­es­se nicht, wenn er Is­ra­el als gu­ten Part­ner Russ­lands er­hal­ten will.

Zu­letzt hat Mos­kau im Sep­tem­ber der Times of Is­ra­el zu­fol­ge ver­si­chert, da­für Sor­ge zu tra­gen, dass Is­ra­el aus Sy­ri­en nicht be­droht wer­den wird. Aber was sind die­se Zu­sa­gen wirk­lich wert? Ich se­he es so wie Tho­mas von der Osten-​Sacken: Pu­tin über­schätzt sei­nen Ein­fluss auf den Iran und des­sen Schütz­lin­ge. Er glaubt of­fen­bar, die­se Leu­te un­ter Kon­trol­le hal­ten zu kön­nen. Er un­ter­schätzt zu­gleich die ganz ei­ge­nen he­ge­mo­nia­len Am­bi­tio­nen des Mullah-​Regimes, wäh­rend Is­ra­el im­mer wie­der zu­tref­fend vor der vom Iran aus­ge­hen­den Ge­fahr ge­warnt hat – doch der Rest der Welt woll­te da­von nichts wis­sen oder spiel­te die Sa­che herunter.

Jo­na­than Spy­er hat es in der Je­ru­sa­lem Post tref­fend be­ob­ach­tet: die­je­ni­gen Mäch­te, die Irans Ex­pan­si­on im Ori­ent im We­ge ste­hen könn­ten – Is­ra­el, Saudi-​Arabien, die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te, die Kur­den, die nicht-​dschihadistischen Re­bel­len in Sy­ri­en –, sind zu­sam­men mi­li­tä­risch wie auch wirt­schaft­lich stär­ker als der Mullah-​Staat, aber sie bil­den kei­ne ge­schlos­se­ne Front ge­gen Te­he­rans Am­bi­tio­nen. Sie sind un­ter­ein­an­der zum Teil heil­los zerstritten.

Der Iran da­ge­gen hat es ge­schafft, mit sei­nen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den ein gut ko­or­di­nier­tes Netz von Streit­kräf­ten auf­zu­bau­en, die zu­dem in ih­rer Mehr­heit durch die ge­mein­sa­me schii­ti­sche Ideo­lo­gie ge­eint sind. Die von Te­he­ran ge­führ­te Sei­te in die­sem Kon­flikt ver­fügt über ei­ne Ge­schlos­sen­heit, die ih­re Geg­ner nicht haben.

Das ist schon be­mer­kens­wert, dass ak­tu­ell im Na­hen Os­ten kein ge­schlos­se­ner Block sun­ni­ti­scher Staa­ten mehr exis­tiert. Saudi-​Arabien und sei­ne Nach­barn lie­gen im Streit mit Ka­tar und die Tür­kei geht auf Schmu­se­kurs mit dem Iran. (Was ein­mal mehr zeigt, dass die­ses vom Au­to­kra­ten Er­do­gan ge­führ­te Land im west­li­chen Bünd­nis kei­nen Platz mehr ha­ben soll­te. Gut, die Tür­kei ist sun­ni­tisch und nicht schii­tisch, aber all­zu schlecht wür­den sich An­ka­ra und Te­he­ran be­stimmt nicht ver­ste­hen. Mit sei­ner vor zwei Jah­ren aus­ge­spro­che­nen An­kün­di­gung, dass die Mus­li­me der­einst Je­ru­sa­lem er­obern wür­den, wird Er­do­gan bei den ira­ni­schen Mul­lahs of­fe­ne Tü­ren einrennen.)

Der ehe­ma­li­ge US-​Botschafter in Sy­ri­en, Ro­bert Ford, äu­ßer­te sich pes­si­mis­tisch über die heu­ti­ge Si­tua­ti­on. In ei­nem In­ter­view mit der Zei­tung The Na­tio­nal ur­teil­te er En­de Au­gust, dass Baschar al-​Assad den Krieg ge­won­nen ha­be und dass der Iran wahr­schein­lich in Sy­ri­en blei­ben wer­de Das sei die neue Rea­li­tät, an der man nicht viel än­dern könne.

Hisbollah-​Kämpfer (Ja, es ist das, wo­nach aus aus­sieht. Bei der Or­ga­ni­sa­ti­on ist bis heu­te der Hit­ler­gruß gang und gä­be.); Fund­stel­le: MENA Watch

Ford sprach auch über die Be­dro­hung Is­ra­els. Der Iran ha­be tau­sen­de von Kämp­fern aus Af­gha­ni­stan, Pa­ki­stan, Irak und dem Li­ba­non un­ter sei­nem Kom­man­do und die­se wür­den nach dem En­de des Syrien-​Krieges nicht ein­fach nach Hau­se ge­hen. Die­se Män­ner sei­en kampf­erprobt und wür­den die His­bol­lah in ei­nem neu­en Krieg ge­gen Is­ra­el unterstützen.

Is­ra­els Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Avigdor Li­ber­man hat be­reits – kurz nach der Rück­kehr von Pre­mier Ne­tan­ja­hu aus Sot­schi – deut­lich ge­sagt, dass Is­ra­el im An­ge­sicht der Be­dro­hung nicht un­tä­tig blei­ben wird. „Iran ver­sucht – mit­tels der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den – ei­ne neue Rea­li­tät um uns her­um zu er­schaf­fen, mit ira­ni­schen Luftwaffen- und Ma­ri­ne­ba­sen in Sy­ri­en, mit schii­ti­schen Mi­li­zen und tau­sen­den von Söld­nern und Prä­zi­si­ons­waf­fen, die im Li­ba­non pro­du­ziert wer­den.“, warn­te der Minister.

Er hat nicht über­trie­ben. Im Sü­den des Li­ba­non steht ei­ne gro­ße Zahl von Hisbollah-​Kämpfern schon zur nächs­ten Kon­fron­ta­ti­on be­reit. Au­ßer­dem hat der Iran im Li­ba­non be­reits zwei Fa­bri­ken für die Pro­duk­ti­on von Ra­ke­ten auf­ge­baut, ei­ne drit­te soll ge­ra­de in Sy­ri­en ent­ste­hen. Noch hat die Waf­fen­her­stel­lung in die­sen Be­trie­ben nicht be­gon­nen, aber das dürf­te nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit sein. Dann wird wohl auch die His­bol­lah Ra­ke­ten er­hal­ten, die die Prä­zi­si­on ih­rer ak­tu­el­len Waf­fen deut­lich übersteigen.

Par­al­lel er­höht sei­ne Prä­senz in Sy­ri­en. Laut ei­nem Be­richt in der Times of Is­ra­el strebt Te­he­ran nach ei­nem ei­ge­nen Ha­fen an der sy­ri­schen Mit­tel­meer­küs­te, den es auf die­sel­be Art er­wer­ben will wie Russ­land sei­nen Stütz­punkt in Tar­tus – al­so durch ei­nen Ver­trag, der noch par­la­men­ta­risch zu ra­ti­fi­zie­ren ist. Das wür­de ein wei­te­rer Bau­stein in Irans neu­em Imperium.

Nicht zu ver­ges­sen ist die Prä­senz der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den und Iran-​treuer Mi­li­zen in Sy­ri­en, die be­reits an­ge­spro­chen wurde.

Kurz und gut: die Ge­fahr für Is­ra­el ist ab­so­lut real.

In die­sen Ta­gen hal­ten die Is­ra­el De­fen­se Forces (IDF) un­ter der Lei­tung von Ge­ne­ral­ma­jor Ta­mir Hy­man ih­re größ­te Übung seit 19 Jah­ren ab. Nach dem frü­he­ren Mossad-​Chef Meir Da­gan wur­de die­ses Ma­nö­ver „Or Ha­Da­gan“ ge­tauft. Meh­re­re zehn­tau­send Sol­da­ten be­rei­ten sich auf die kom­men­de Kon­fron­ta­ti­on mit der His­bol­lah – und an­de­ren Schütz­lin­gen des Iran – vor. Sie üben die Ab­wehr von Ra­ke­ten­be­schuss und An­grif­fen auf is­rae­li­sche Ort­schaf­ten in Grenz­nä­he. Die Trup­pen üben nicht nur zu Land, son­dern auch mit Schif­fen, He­li­ko­ptern und Flugzeugen.

Schon seit ei­ner gan­zen Wei­le war­nen is­rae­li­sche Quel­len im­mer wie­der da­vor, dass im Nor­den im Grenz­ge­biet zum Li­ba­non und Sy­ri­en ein neu­er Krieg droht. Jetzt, wo der Iran und sei­ne Terror-​Brigaden ste­tig stär­ker wer­den, scheint das Sze­na­rio Wirk­lich­keit zu wer­den – und Is­ra­el muss sei­ne Bür­ger schüt­zen, das ist klar.

Flug­zeu­ge der IDF (israeli-weapons.com)

Trotz Ver­lus­ten im Syrien-​Krieg ist die His­bol­lah im Zu­ge die­ses Kon­flikts stär­ker ge­wor­den, sie hat ihr Waf­fen­ar­se­nal aus­ge­baut und ih­re Kon­trol­le über wei­te Tei­le des Li­ba­non ge­si­chert. Der ehe­ma­li­ge Bot­schaf­ter Is­ra­els bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen gab in ei­nem Bei­trag für das Wall Street Jour­nal an, dass His­bol­lah heu­te zehn Mal so stark sei wie im letz­ten Krieg mit Is­ra­el. (2006)

Die Terror-​Miliz hat un­ter Ver­let­zung der Re­so­lu­ti­on 1701 des UNO-​Sicherheitsrates in­zwi­schen über 130.000 Ra­ke­ten in ih­ren Be­sitz ge­bracht, warn­te Wil­ly Stern be­reits im Ju­ni 2016 im Wee­kly Stan­dard. Da­mit hat die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ein grö­ße­res Ra­ke­ten­ar­se­nal als al­le NATO-​Mitglieder zu­sam­men – aus­ge­nom­men die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Sie ist nicht so stark wie die IDF, aber mit die­sen Waf­fen – dar­un­ter bal­lis­ti­sche Ra­ke­ten vom Ty­pus M-​600 und Lang­stre­cken­ra­ke­ten – kön­nen die Dschi­ha­dis­ten Is­ra­el gleich­wohl ver­hee­ren­den Scha­den zufügen.

Is­ra­el wird sich weh­ren – wenn es sein muss, auch im Al­lein­gang. Die Is­rae­lis re­spek­ti­ve die Ju­den ha­ben im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts zwei­er­lei Din­ge auf bit­te­re Wei­se ler­nen müssen:

  1. Wenn je­mand ih­nen die Ver­nich­tung an­ge­droht hat, dann war es auch ganz ge­nau so gemeint.
  2. Wenn es hart auf hart kommt, braucht man nicht lan­ge zu war­ten, bis die an­geb­li­chen Freun­de und Ver­bün­de­ten über al­le Ber­ge sind.

Im Sechs­ta­ge­krieg (1967) muss­te Is­ra­el al­lein um sein Über­le­ben kämp­fen, im Jom-​Kippur-​Krieg (1973) hat­te es zwar den Bei­stand der Ame­ri­ka­ner, nicht aber den der Eu­ro­pä­er. Den Eu­ro­pä­ern war es wich­ti­ger, ih­re gu­ten Öl­ge­schäf­te mit den Ara­bern nicht zu ge­fähr­den, als die Exis­tenz des klei­nen jü­di­schen Staa­tes zu sichern.

Die ame­ri­ka­ni­schen Flug­zeu­ge durf­ten nicht ein­mal auf west- und mit­tel­eu­ro­päi­schen Flug­hä­fen lan­den, um für den Ein­satz in Is­ra­el auf­zu­tan­ken. Nur Por­tu­gal ließ sich letzt­end­lich da­zu breit schla­gen, die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht. Auch deut­sche Hä­fen durf­ten die Ame­ri­ka­ner nicht nut­zen, um von dort Nach­schub für Is­ra­el zu verschiffen.

Im­mer­hin ver­kün­de­te Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brandt (SPD), ei­ne „Neu­tra­li­tät der Her­zen“ kön­ne es nicht ge­ben. Das wird die Is­rae­lis mit Si­cher­heit wahn­sin­nig ge­trös­tet ha­ben, als die Exis­tenz ih­res Lan­des am sei­de­nen Fa­den hing …

Ich bin ge­spannt, was in Eu­ro­pa los sein wird, wenn Is­ra­el sich das nächs­te Mal zur Wehr set­zen muss. Ich ver­mu­te, es wird er­neut – wie im Som­mer 2014 – ei­ne Men­ge Hass­de­mos und Äu­ße­run­gen der Be­stür­zung ge­ben – Be­stür­zung nicht et­wa über die vom Iran aus­ge­hen­de Be­dro­hung, son­dern Be­stür­zung über das Ver­hal­ten der Is­rae­lis, die – was fällt de­nen ei­gent­lich ein?! – doch tat­säch­lich dar­auf be­stehen, ih­re Exis­tenz not­falls mit der Waf­fe in der Hand zu verteidigen.

VII. Fa­zit

Ich bin sol­chen Din­gen im­mer skep­tisch ge­we­sen, weil die Mäch­ti­gen das Volk über die Grün­de von Krie­gen all­zu oft be­lo­gen ha­ben, aber ich fürch­te, wenn der Iran auf­ge­hal­ten und wenn die sy­ri­sche Flücht­lings­kri­se ge­löst wer­den soll, kommt man um ei­ne hu­ma­ni­tä­re In­ter­ven­ti­on in Sy­ri­en nicht her­um – ei­ne In­ter­ven­ti­on mit mi­li­tä­ri­schen Mitteln.

Die Fra­ge ist al­ler­dings, ob ei­ne sol­che In­ter­ven­ti­on zu ei­ner gro­ßen Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land füh­ren könn­te, wenn es sei­ne Macht­in­ter­es­sen im Land be­droht sieht.

Lei­der gibt es kei­ne ein­fa­che, schö­ne Ant­wort auf die Kri­se und wohl kei­ne Op­ti­on oh­ne Ri­si­ko. Si­cher ist aber eins: mit As­sad wird es kei­nen wün­schens­wer­ten Neu­an­fang für das Land ge­ben, die Flücht­lin­ge wer­den ih­re Hei­mat nicht zu­rück­be­kom­men und der Iran wird wei­ter­hin un­ge­stört sein neu­es Im­pe­ri­um auf­bau­en, die Sta­bi­li­tät in der Re­gi­on und Is­ra­el be­dro­hen – letz­ten En­des aber auch uns, denn wenn der Ori­ent wei­ter in Cha­os und Krie­gen ver­sinkt, wer­den sich mehr Mi­gra­ti­ons­strö­me zu uns er­gie­ßen, die wir als al­tern­de, schrump­fen­de Ge­sell­schaft letz­ten En­des nicht ver­kraf­ten kön­nen. Und un­se­re Po­li­ti­ker sind ja of­fen­bar nicht wil­lens, ad­äquat für den Schutz un­se­rer Gren­zen zu sorgen.

As­sad muss ge­hen – nicht nur we­gen geo­stra­te­gi­scher und si­cher­heits­po­li­ti­scher Er­wä­gun­gen, son­dern auch, weil die Be­weis­last ge­gen ihn und sein Ré­gime so er­drü­ckend ist, dass der Mann sich da­für vor Ge­richt ver­ant­wor­ten muss. Al­le Vor­wür­fe soll­ten noch ein­mal ge­wis­sen­haft von pro­fes­sio­nel­len Ju­ris­ten am In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof ge­prüft wer­den und selbst wenn sich her­aus­stellt, dass nur die Hälf­te da­von stimmt, wür­de das schon rei­chen, um ihn ein­zu­buch­ten – selbst­ver­ständ­lich nicht nur ihn. Auch die Mi­li­tärs, die für Gas- und Fass­bom­ben­an­grif­fe auf das ei­ge­ne Volk ver­ant­wort­lich sind, auch die Fol­ter­knech­te in den di­ver­sen Ge­fäng­nis­sen des Re­gimes müss­ten per­sön­lich für das ge­ra­de ste­hen, was sie an­de­ren Men­schen an­ge­tan haben.

Der Wes­ten ist jetzt in der Pflicht, et­was zu un­ter­neh­men. Für die Sy­rer, für Is­ra­el, aber auch für sein ei­ge­nes zi­vi­li­sa­to­ri­sches Überleben.

Quel­len:

Ab­schnitt I

Ab­schnitt II

Ab­schnitt III

Ab­schnitt IV

Ab­schnitt V

Ab­schnitt VI:

Ab­schnitt VII

3 Kommentare

  1. Helmut Maria Schmidt

    Adri­an, ich den­ke mal das du hier ver­mut­lich in den gan­zen De­tails rich­tig liegst. Ich ha­be es nur über­flo­gen. Die Fra­ge ist doch, was ist schlim­mer? Ira­n­is­lam oder Sau­di­is­lam oder Er­do­wah­n­is­lam? Oder Ko­ope­ra­ti­on von Ir­ren wie Mer­kel, US Prä­si­den­ten , EU Ver­tre­tern, Chi­ne­sen oder wem auch im­mer mit Islamvertretern?
    Ich den­ke, wir müs­sen in Deutsch­land erst mal für Ord­nung sor­gen und für ei­ne Re­gie­rung sor­gen, die nicht aus Voll­idio­ten und Ma­rio­net­ten be­steht. Mehr kön­nen wir nicht tun. Gruß, Rainer.

  2. Silke Weber

    der Text soll­te nicht ” über­flo­gen” wer­den.. Das ist das Pro­blem Vieler.
    Man soll­te sich in­for­mie­ren be­vor man urteilt.

  3. Gert Rethage

    „über­flie­gen” er­scheint mir et­was bes­ser als gar nicht beachten. 😉

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