«

»

Was die Anti-​Israel Boy­kot­tie­rer sa­gen, wenn sie glau­ben, dass wir nicht zu­hö­ren

Da­vid Col­lier, März 2016, The Tower Ma­ga­zi­ne

Fo­to: Da­vi­de Si­mo­net­ti /​ flickr

Anti-​Israel-​Aktivisten stüt­zen ih­re Be­mer­kun­gen oft auf die uni­ver­sel­len Wer­te, aber wenn das Pu­bli­kum sich än­dert, än­dert sich auch ih­re Spra­che und ih­re Wahr­heits­treue.

Wie ent­schei­det sich je­mand da­für, die Boy­kott, De­ves­ti­ti­on und Sank­tio­nen (BDS) Be­we­gung ge­gen Is­ra­el zu un­ter­stüt­zen? Als je­mand, der die Ge­schich­te des arabisch-​israelischen Kon­flikts ver­steht, scheint mir die Un­ter­stüt­zung Is­ra­els die na­tür­lich ein­zu­neh­men­de Po­si­ti­on zu sein. Ge­mein­sa­me Wer­te der De­mo­kra­tie, der Frei­heit und To­le­ranz ma­chen das sich-​hinter-​Israel-​stellen ei­ne ein­fa­che Ent­schei­dung. Und doch se­hen wir heu­te, wie an­geb­lich frei­heits­lie­ben­de Be­we­gun­gen im gan­zen Wes­ten dem ein­zi­gen Staat im Na­hen Os­ten, wo die Exis­tenz die­ser Be­we­gun­gen über­haupt to­le­riert wird, den Rü­cken keh­ren.

Es stimmt, dass es Fra­gen der De­mo­kra­tie und Frei­heit zwi­schen Is­ra­el und den Ara­bern gibt. Es ist mög­lich, zu ar­gu­men­tie­ren, dass Flücht­lin­ge im Elend le­ben, dass pa­läs­ti­nen­si­sche Kin­der ge­stor­ben sind, dass der Kon­flikt end­los scheint, und dass Is­ra­el die stär­ke­re Par­tei ist. Aber nichts da­von deu­tet dar­auf hin, dass Is­ra­el die Ur­sa­che des Kon­flikts ist, noch dass es in Is­ra­els Hand ist, ei­ne Lö­sung zu schaf­fen. In der Tat, als de­mo­kra­ti­scher Staat mit ei­ner Markt­wirt­schaft , die aus­län­di­sche In­ves­ti­tio­nen sucht, hat Is­ra­el ei­ne star­ke Mo­ti­va­ti­on, Kon­flikt und Krieg zu ver­mei­den. Die Ge­schich­te hat uns ge­lehrt, dass sol­che Na­tio­nen da­zu nei­gen, den Frie­den zu su­chen um fast je­den Preis.

Das be­deu­tet aber den An­hän­gern von BDS nichts, weil die Be­we­gung ganz auf Ma­ni­pu­la­ti­on und Ver­zer­rung der Wahr­heit be­ruht. Wenn man sich mit BDS-​Unterstützern en­ga­giert und sie di­rekt her­aus­for­dert, so ist ih­re Ant­wort in der Re­gel nicht mehr als ei­ne un­lo­gi­sche Pa­ckung Lü­gen. Wenn je­mand, den Sie ken­nen, BDS un­ter­stützt, war­um ist es so schwer, „ihm die Wahr­heit zu zei­gen”?

Die ein­fa­che Ant­wort ist, dass BDS ei­ne Be­we­gung ist, die ihr Ur­teil be­reits ge­fällt hat. Sie fragt nicht, ob Is­ra­el schul­dig ist. Statt­des­sen sucht sie die rich­ti­ge Stra­fe für ei­nen „Ver­bre­cher” zu be­stim­men, der be­reits ver­ur­teilt ist. Wenn Sie al­so ei­nem po­ten­zi­el­len BDS-​Fan mit Fak­ten kom­men, dann sind Sie ein­fach ir­rele­vant für ihn. Es ist wie wenn sie bei ei­ner An­hö­rung zum Straf­mass Be­wei­se vor­brin­gen, die wäh­rend des Pro­zes­ses selbst hät­ten vor­ge­stellt wer­den soll­ten. Sie sind ein­fach zu spät.

In der letz­ten Zeit ha­be ich mehr als mei­nen ge­rech­ten An­teil an Lü­gen über Ju­den und Lü­gen über Is­ra­el ge­hört. Doch was an den jüngs­ten Er­eig­nis­sen, die ich er­lebt ha­be, an­ders ist, ist, dass ich ge­se­hen ha­be, wie die­se Lü­gen kre­iert wer­den.

 

Ich ha­be den ers­ten Schritt bei ei­nem Tref­fen der Ara­bi­schen Or­ga­ni­sa­ti­on für Men­schen­rech­te in Gross­bri­tan­ni­en (AOHR-​UK) er­lebt. Die Grup­pe trat in Ak­ti­on, nach­dem die neu­es­te Wel­le des anti-​israelischen Ter­ro­ris­mus aus­ge­bro­chen war. Für pro-​palästinensische Grup­pen sind die An­grif­fe zu­tiefst be­un­ru­hi­gend, weil sie das Fun­da­ment ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on be­schä­di­gen. Die­se Ter­ror­ak­te, wie die Mes­ser­ste­che­rei­en auf un­schul­di­ge is­rae­li­sche Zi­vi­lis­ten, sind klas­si­sche Bei­spie­le für an­ti­se­mi­ti­sche Ge­walt, die auch auf­tre­ten wür­den, wenn kein na­tio­na­ler Kon­flikt zwi­schen Is­ra­el und den Ara­bern be­stün­de. Mo­ti­viert durch re­li­giö­se Het­ze, re­prä­sen­tie­ren sie die sel­ben Ar­ten von An­grif­fen, die re­gel­mäs­sig von Mus­li­men und Chris­ten in den letz­ten 2’000 Jah­ren ge­gen die Ju­den be­gan­gen wur­den.

Wenn man al­le vor­ge­schla­ge­nen Ur­sa­chen von Span­nun­gen – die „Be­sat­zung”, die Sied­lun­gen, die Check­points, die Si­tua­ti­on in Ga­za, die Flücht­lin­ge, und auch Is­ra­el selbst – ent­fernt, so wür­de man fest­stel­len, dass die­sel­be ras­sis­ti­sche Ge­walt ge­gen Ju­den schon in der Ge­schich­te statt­ge­fun­den hat. Auch die Kräf­te hin­ter die­ser spe­zi­el­len Wel­le des Ter­ro­ris­mus, näm­lich fal­sche Be­haup­tun­gen, dass die Ju­den die ara­bi­schen re­li­giö­sen Stät­ten in Je­ru­sa­lem stö­ren, wur­den be­nutzt, um in der Ver­gan­gen­heit an­ti­se­mi­ti­sche Ge­walt zu schü­ren.

Pro-​palästinensische Grup­pen müs­sen dann ir­gend­wie die Er­zäh­lung von Ge­walt ge­gen Ju­den er­set­zen durch ei­ne Er­zäh­lung von Ge­walt ge­gen Is­rae­lis, um nicht als An­ti­se­mi­ten zu er­schei­nen. Um dies zu tun, muss Is­ra­el na­tio­na­lis­ti­scher „Ver­bre­chen” be­schul­digt wer­den, das heisst, den re­li­giö­sen Sta­tus quo auf dem Tem­pel­berg zu ver­än­dern. Das ist ge­nau das, was der AOHR-​UK zu tun plant.

Die Ver­an­stal­tung fand am 1. De­zem­ber 2015 im Ho­li­day Inn in Lon­don Blooms­bu­ry statt. Ob­wohl die Ver­an­stal­tung die Teil­nah­me des be­kann­ten anti-​israelische Ab­ge­ord­ne­ten Ge­rald Kauf­man ver­sprach, war er nicht in der La­ge, den An­lass zu be­su­chen. Der pro-​palästinensische is­rae­li­sche His­to­ri­ker Ilan Pap­pe war da, ne­ben ara­bi­schen Re­fe­ren­ten wie Ade­eb Zi­a­dah und zwei Rechts­an­wäl­ten, Carl Buck­ley und To­by Cad­man, die bei­de für pro-​palästinensische Or­ga­ni­sa­tio­nen ar­bei­ten. Nach dem Ein­tritt wur­de mir ei­ne glän­zen­de In­for­ma­ti­ons­bro­schü­re ab­ge­ge­ben, die nicht den Vor­wurf dar­legt, dass Is­ra­el den Sta­tus quo ver­än­dert, son­dern die „un­be­streit­ba­re Tat­sa­che”, dass dies der Fall ist.

Der is­rae­li­sche His­to­ri­ker Ilan Pap­pe re­fe­riert in Lon­don. Fo­to: Hos­sam el-​Hamalawy /​ flickr

Die Bro­schü­re ist ei­ne Samm­lung von Lü­gen und Ver­dre­hun­gen. Die 1929er Un­ru­hen, die die jü­di­schen Ge­mein­den in Or­ten wie He­bron und Safed ab­schlach­te­te – und in de­nen die eth­ni­sche Rei­ni­gung der Ju­den ge­lang in He­bron – wur­den ein­fach als „Auf­stand” be­schrie­ben, bei dem ei­ni­ge „Men­schen” star­ben. Gleich­zei­tig wur­de die Lü­ge wie­der­holt von ei­ner ver­such­ten jü­di­schen Über­nah­me des Tem­pel­ber­ges, 85 Jah­re, nach­dem ei­ne bri­ti­sche Kom­mis­si­on fest­ge­stellt hat­te, dass dies falsch und vor­sätz­li­che An­stif­tung war.

Im Er­zäh­len der Ge­schich­te ei­nes Brand­an­schlag, der im Jah­re 1969 auf dem Tem­pel­berg statt­fand, un­ter­streicht die Bro­schü­re ge­nau, wie die BDS Lü­gen­ma­schi­ne­rie ar­bei­tet. Der aus­tra­li­sche Ex­tre­mist, der die Tat be­gan­gen hat, wird be­schrie­ben als „Zio­nist”, lässt al­so den Le­ser fälsch­li­cher­wei­se glau­ben, dass er Ju­de war, was er nicht war. Der Scha­den, der durch die Brand­stif­tung ver­ur­sacht wur­de, wird bis zur Un­kennt­lich­keit über­trie­ben. Und Is­ra­el wur­de be­schul­digt, die Ver­bre­chen des Tä­ters hin­ter ei­nem „Wahnsinn-​Plädoyer” zu ver­ste­cken und ihn „oh­ne Pro­zess” zu de­por­tie­ren. Das ist al­les Fik­ti­on. In Wirk­lich­keit, nach­dem Is­ra­el ihn sechs Jah­re lang in ei­ner psych­ia­tri­schen Ab­tei­lung fest­ge­hal­ten hat­te, wur­de der Brand­sti­fer an die aus­tra­li­schen Be­hör­den über­ge­ben und ver­brach­te den Rest sei­ner Ta­ge in ei­ner ähn­li­chen In­sti­tu­ti­on. Die Bro­schü­re schaff­te es so­gar, den Na­men des Brand­stif­ters falsch hin zu be­kom­men.

Was in­ter­es­sant war für mich, war, dass Ilan Pap­pe sich of­fen­sicht­lich schwer tat mit die­sen Be­haup­tun­gen. Ich ha­be ihn vie­le Ma­le re­den ge­se­hen. Trotz mei­ner kla­ren Op­po­si­ti­on ge­gen sei­ne po­li­ti­sche Po­si­ti­on gibt es we­nig Zwei­fel, dass er ein in­tel­li­gen­ter und in­for­mier­ter Red­ner ist. Die­se Ver­an­stal­tung, an der die ara­bi­schen Red­ner re­li­giö­sen Ho­kus­po­kus und ver­dreh­te Ge­schich­ten von Ver­schwö­run­gen ge­gen den Tem­pel­berg push­ten, war nicht sei­ne na­tür­li­che Um­ge­bung und man sah es. Er schlug höf­lich vor, dass vie­le von den Kom­men­ta­ren an die­sem Abend fehl am Platz wa­ren. Er be­trat dann sei­ne Komfort-​Zone, als er in der La­ge war, sich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, was ihm am bes­ten ge­fällt und be­schul­dig­te Is­ra­el ver­schie­de­ner Ver­bre­chen trotz der Tat­sa­chen.

Ei­ne pro-​palästinensischen Kund­ge­bung in Lon­don von der Pa­lesti­ne So­li­da­ri­ty Cam­pai­gn, Stop the War Co­ali­ti­on und an­de­rer Grup­pen, Ja­nu­ar 2009. Fo­to: Clau­dia Ga­brie­la Mar­ques Viei­ra /​ Wi­ki­pe­dia

Der Hö­he­punkt mei­nes Abends kam wäh­rend der Fra­ge­stun­de, als zwei Pro-​Israel-​Blogger, Jo­na­than Hoff­man und Ri­chard Mil­let, bei­de die Ge­le­gen­heit nutz­ten, den kla­ren Wi­der­spruch zwi­schen den An­schul­di­gun­gen ge­gen Is­ra­el und den tat­säch­li­chen Er­eig­nis­sen her­vor­zu­he­ben. Mil­let kon­zen­trier­te sich dar­auf, das Wort „Völ­ker­mord” für die is­rae­li­sche Po­li­tik ge­gen­über ei­ner pa­läs­ti­nen­si­schen Be­völ­ke­rung zu be­nut­zen, die kon­se­quent wächst. Hoff­man brach­te Pa­läs­ti­nen­ser­prä­si­dent Mahmoud Ab­bas’ Rhe­to­rik ins Spiel, der Ter­ro­ris­mus recht­fer­tigt und sei­ne Aus­sa­ge, dass is­rae­li­sche Ju­den nicht den Berg mit „ih­ren schmut­zi­gen Füs­sen” ver­un­rei­ni­gen dür­fen. Die Ein­füh­rung all die­ser Punk­te hat deut­lich das Pa­nel ver­un­si­chert, aber es gab nur we­ni­ge im Pu­bli­kum, die sich dar­um scher­ten.

Die­ser Abend lie­fer­te ein Bei­spiel von den Ur­sprün­gen der BDS-​Behauptungen. Vor­wür­fe des Ras­sis­mus, von ver­schie­de­nen Mas­sa­kern, der eth­ni­schen Säu­be­rung, Völ­ker­mord, der Apart­heid, ei­ne eu­ro­päi­sche Ko­lo­nie zu sein, wer­den auf die­se Wei­se ge­schaf­fen, weit weg von je­der De­bat­te, weit weg von kri­ti­schen Au­gen. Zu der Zeit, zu der das The­ma Is­ra­el zu uns kommt, zum Bei­spiel an ei­ne Uni­ver­si­tät, ist Is­ra­el be­reits schul­dig be­fun­den wor­den, an­ge­klagt und ver­ur­teilt von den Men­schen in ei­nem Kän­gu­ru­ge­richt, die der Auf­fas­sung sind, un­schul­di­ge Men­schen zu er­mor­den sei ein „Mar­ty­ri­um, das mit ei­nem Platz bei Al­lah im Pa­ra­dies be­lohnt wer­den wird.”

 

Die nächs­te Ver­an­stal­tung, die ich er­leb­te, war ei­ne an­de­re Stu­fe des ge­sam­ten Pro­zes­ses. Nach­dem sie Is­rae­li be­reits schul­dig er­klärt hat­ten, war es nun an der Zeit, öf­fent­lich ei­ne ge­eig­ne­te Stra­fe zu de­bat­tie­ren.

Die Ver­an­stal­tung wur­de von Ar­tists for Pa­lesti­ne UK am 9. De­zem­ber in der Nä­he von Eus­ton, Lon­don in der P21 Ga­le­rie an­ge­setzt. Künst­ler für Pa­läs­ti­na greift öf­fent­lich an­de­re Künst­ler an, die in Is­ra­el auf­tre­ten, und ver­sucht, sie zu zwin­gen, aus ih­ren Zu­sa­gen aus­zu­stei­gen. Sie sind ein wich­ti­ger Ak­teur in der Kam­pa­gne für ei­nen „kul­tu­rel­len Boy­kott Is­ra­els”.

Im Ge­gen­satz zum ers­ten An­lass war je­doch das Pu­bli­kum nicht über­wie­gend mus­li­misch. Es war ei­ne Mi­schung aus Ak­ti­vis­ten, An­ti­se­mi­ten, und ein paar fehl­ge­lei­te­ten gut­mei­nen­den Men­schen, die in der An­zie­hungs­kraft der BDS-​Bewegung ge­fan­gen wa­ren. Un­ter ih­nen wa­ren ei­ne klei­ne Zahl de­rer, die an An­läs­sen wie de­nen der AOHR-​UK teil­neh­men. Fast im­mer Ara­ber, tra­gen sie das Ur­teil „schul­dig” vom Kän­gu­ru­ge­richt in die Ur­teils­pha­se.

An die­sem Punkt sind Nicht-​Muslime will­kom­men, denn die Rhe­to­rik der re­li­giö­sen Het­ze und die Lü­gen hat be­reits ih­re Ar­beit ge­tan. The­men wie ara­bi­sche Ge­walt, ara­bi­sche Ab­leh­nungs­po­li­tik und Ji­had sind jetzt ir­rele­vant und un­be­deu­tend. Es geht jetzt nicht mehr dar­um, was pas­siert ist, wer da­mit be­gon­nen hat, oder auch nur wo Schuld­zu­wei­sun­gen hin­ge­hö­ren. Es geht ein­fach dar­um, wie Is­ra­el zu be­stra­fen ist.

Nicht-​zionistische Ju­den sind in die­sem Sta­di­um im­mer vor­han­den. Sie sind in der Re­gel Teil der so­zia­lis­ti­schen Be­we­gun­gen von „hart links”. Jetzt, wo die is­la­mis­ti­sche Bot­schaft sei­ne Ar­beit ge­tan hat, kon­zen­trie­ren sich die lin­ken Ak­ti­vis­ten auf die hu­ma­nis­ti­sche Bot­schaf­ten der Gleich­heit und des Uni­ver­sa­lis­mus. Je­de Op­po­si­ti­on wird als ras­sis­tisch, ge­fühl­los und un­mensch­lich nie­der­ge­brüllt. Al­le Hin­wei­se auf is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus wer­den igno­riert und die Pa­läs­ti­nen­ser als un­ter­drück­te Grup­pe ra­di­ka­ler athe­is­ti­scher Links­so­zia­lis­ten mit ei­ner uni­ver­sel­len Vi­si­on von Frie­den und To­le­ranz dar­ge­stellt. Mit ei­ner Ein­heits­front der jü­di­schen An­ti­zio­nis­ten und Pa­läs­ti­nen­ser, die den is­rae­li­schen Staat an­grei­fen, wird pa­läs­ti­nen­si­scher ge­walt­sa­mer Wi­der­stand ge­gen ein „ras­sis­ti­sches Apart­heid­re­gime” un­ver­meid­lich und le­gi­tim.

Ei­ne pro-​palästinensischen Kund­ge­bung in Lon­don von der Pa­lesti­ne So­li­da­ri­ty Cam­pai­gn, Stop the War Co­ali­ti­on und an­de­ren Grup­pen, Ja­nu­ar 2009. Fo­to: Cla­ra /​ flickr

Die Ver­an­stal­tung war ei­ne Übung in es­ka­lie­ren­den Be­schimp­fun­gen, mit de­nen Re­fe­ren­ten ver­such­ten, ein­an­der in ih­ren An­grif­fen auf Is­ra­el zu über­trump­fen. Wenn der ei­ne sag­te: „Is­ra­el, der ras­sis­ti­sche Staat”, wird er vom nächs­ten über­trof­fen, der sagt: „Is­ra­el, der ras­sis­ti­sche apartheid-​Staat”. Sie wer­den dann von de­nen über­flü­gelt, die den Zu­satz „Völ­ker­mord” zur Be­schrei­bung hin­zu­fü­gen, und schliess­lich den­je­ni­gen, die sich nicht über­win­den kön­nen, das Wort „Is­ra­el” über­haupt in den Mund zu neh­men.

Vor­bei ist je­des In­ter­es­se an Frie­den oder ei­ner ge­rech­ten Lö­sung des Kon­flikts. Da Is­ra­el jetzt schul­dig ist der eth­ni­schen Säu­be­rung und des Völ­ker­mor­des, war­um soll man es über­haupt exis­tie­ren las­sen? Bald gibt es aus­drück­li­che For­de­run­gen nach der Zer­stö­rung des jü­di­schen Staa­tes. Die Über­flu­tung Is­ra­els mit Mil­lio­nen von pa­läs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­gen, zum Bei­spiel, die ein En­de für Is­ra­el als jü­di­schen Staat brin­gen wür­de, wird ein­fach als „Ge­rech­tig­keit” be­zeich­net.

Der ers­te Red­ner auf der Ver­an­stal­tung war Ha­zem Jam­jo­um. Er be­gann mit der Er­klä­rung, dass schon seit so lan­ger Zeit wie 1920, Boy­kot­te „un­se­re Art und Wei­se [wa­ren] je­de Art von Nor­ma­li­sie­rung mit dem is­rae­li­schen Ré­gime zu stop­pen.” Für die­je­ni­gen, die wis­sen, was 1920 ge­schah – ein bru­ta­les Po­grom ge­gen die Ju­den in Je­ru­sa­lem – ist die Bot­schaft klar: Jam­jo­um ist da­ge­gen, das Vor­han­den­sein von Ju­den in Is­ra­el über­haupt zu ak­zep­tie­ren. Aber vie­le von de­nen im Pu­bli­kum wis­sen es nicht, und nie­mand wird es ih­nen er­klä­ren. In die­sem Sta­di­um sind die dunk­len Ab­sich­ten der BDS-​Bewegung den­je­ni­gen klar, die mit der Ge­schich­te des Kon­flikts ver­traut sind, doch für un­schul­di­ge Oh­ren sind sie Bot­schaf­ten des Frie­dens.

Die Tak­tik der Re­fe­ren­ten ist zum gröss­ten Teil, nicht die Ge­schich­te zu dis­ku­tie­ren, son­dern Fall­stu­di­en. Je­der hat ei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len, die je­weils schreck­li­cher als die letz­te. Sie sind na­men­lo­se, ge­sichts­lo­se An­schul­di­gun­gen, die klin­gen, als ha­be man sie mit ei­ner Storytelling-​Version von Pho­to­shop er­stellt. Hier zum Bei­spiel ist ei­ne von Ge­rald Kauf­man, ei­ner Bro­schü­re ent­nom­men, die ich bei ei­ner Ver­an­stal­tung in West­mins­ter am 27. Ok­to­ber be­kom­men ha­be: „Ich sprach mit ei­nem Mäd­chen, das mir sag­te, dass es zwi­schen ih­ren El­tern stand, als ein is­rae­li­scher Sol­dat vor­bei kam und ih­ren Va­ter in den Kopf schoss, und dann in den Kopf ih­rer Mut­ter.”

Ei­ne pro-​palästinensische Kund­ge­bung 2012 in Lon­don. Fo­to: Cuddly Stein­kauz /​ flickr

Im Buch des vi­ru­lent anti-​israelischen Schrift­stel­lers Max Blu­men­thal über den Gaza-​Krieg gibt es ähn­li­che Ge­schich­ten. Tau­sen­de sol­cher Ge­schich­ten sind im Um­lauf. Ich ha­be kei­nen Grund, zu glau­ben, dass die Bo­ten selbst lü­gen, aber wer war die­ses Mäd­chen und wer be­schloss, dass sie ge­ra­de Ge­rald Kauf­man tref­fen soll­te? Ge­schich­ten wie die­se kön­nen nicht be­stä­tigt oder zu­rück­ge­wie­sen wer­den. Sie sind rein an­ek­do­tisch, und ge­ben zu, dass es kei­nen Ver­such gibt, sie zu be­le­gen, oder zu wi­der­le­gen. So un­wahr sie sein mö­gen, so schäd­lich wie ver­leum­de­risch und gif­tig, in ei­ner Are­na wie die­se Ver­an­stal­tung tun sie ih­re Ar­beit so rasch wie ein Bild auf Twit­ter von ei­nem ge­bro­che­nen Kör­per ei­nes Kin­des.

Es war mir klar, dass in dem Raum vie­le wa­ren, die ein­fach nur ein Pro­blem mit Ju­den hat­ten. Und oh­ne sol­che Leu­te in ih­ren Rei­hen wür­de BDS wahr­schein­lich zer­fal­len. An die­sem be­son­de­ren An­lass sass ich hin­ter dem Se­kre­tär der pro-​palästinensischen Grup­pe Is­ling­ton Fri­ends of Yib­na. Ge­gen En­de sprach ich mit ihm und er sag­te mir, dass er ne­ben ei­ner pro-​israelischen Ak­ti­vis­tin ge­ses­sen hat­te, „ei­ne Jü­din”, und fuhr fort: „Ich dreh­te ihr den Rü­cken zu, gab ihr et­was jü­di­sches, Sie wis­sen schon, denn das ist die Art, eh, jü­di­sche Art, je­man­dem den Rü­cken zu­zu­wen­den oder je­man­den an­zu­spu­cken, wis­sen Sie. Des­halb den­ke ich, dass sie die Nach­richt ver­stan­den hat.” Nur ein paar Se­kun­den vor­her hat­te er er­klärt, dass die Is­rae­lis ei­ne Per­son an ih­rem Aus­se­hen als „hoch­ste­hend, wis­sen Sie, ein deut­scher Ju­de” er­ken­nen wür­den. Dies war der Se­kre­tär ei­ner Be­we­gung, die den ak­tu­el­len Füh­rer der La­bour Par­ty Je­re­my Cor­byn als ei­nen ih­rer Gön­ner auf­führt.

Das ist nichts Neu­es. Nur we­ni­ge Wo­chen zu­vor war ich an ei­nem an­de­ren An­lass, in dem Kauf­man er­klär­te, dass „jü­di­sches Geld”, die bri­ti­sche Aus­sen­po­li­tik ge­kauft ha­be. Ob­wohl es der­je­ni­ge ist, der meis­ten zi­tiert wur­de, war es nicht der übels­te Kom­men­tar von die­sem Abend. Es war, als ob Kauf­mans Gal­le an­de­ren Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern Selbst­ver­trau­en ge­ge­ben hat­te. Ei­ner von ih­nen be­gann öf­fent­lich Ge­schich­ten von jü­di­scher Welt­herr­schaft mit der Si­tua­ti­on in Is­ra­el zu ver­bin­den. Bei die­sen Ver­an­stal­tun­gen ist der An­ti­se­mi­tis­mus nie aus­ser Hör­wei­te.

Aber mit sei­ner Bot­schaft ge­tarnt als ei­ne von Frie­den und Ge­rech­tig­keit, brei­tet sie sich un­ter den Stu­den­ten auf dem Cam­pus aus. Es ist Gift, das als Me­di­zin ge­tarnt wor­den ist.

 

Es gibt kei­nen ein­fa­chen Weg, die BDS-​Bewegung zu be­sie­gen. Aber ei­ne der Mög­lich­kei­ten, dies zu tun, ist, den oben skiz­zier­ten Pro­zess zu un­ter­su­chen, die ver­schie­de­nen Schrit­te, um zu se­hen, wie er fort­schrei­tet von ei­nem Ter­ror­an­schlag in Is­ra­el auf die For­de­rung da­nach, Is­ra­el zu boy­kot­tie­ren, bis zur Be­haup­tung, dass es ein ras­sis­ti­scher, völ­ker­mor­den­der Apart­heid­staat sei. Wenn BDS kon­fron­tiert wer­den soll, müs­sen wir ver­ste­hen, dass ver­schie­de­ne Ele­men­te der Be­we­gung un­ter­schied­li­che Stra­te­gi­en er­for­dern. Es hilft nicht, erst bei der Ver­ur­tei­lung auf­zu­tau­chen, als ob der Pro­zess selbst noch im Gan­ge wä­re.

Es ist je­doch zwin­gend not­wen­dig für uns, dies zu tun, weil BDS nichts we­ni­ger ist, als ei­ne ter­ro­ris­ti­sche Be­we­gung, ein Arm des Ter­rors, der kon­zi­piert wur­de, in ei­ner At­mo­sphä­re von lin­kem Ak­ti­vis­mus im gan­zen Wes­ten zu ope­rie­ren. Aus­ser­dem schiebt er je­de Chan­ce auf ei­ne ech­te Bei­le­gung des Kon­flik­tes wei­ter und wei­ter weg. Wie Ilan Pap­pe an der Uni­ver­si­tät von Exe­ter im Rah­men ei­ner Ver­an­stal­tung im Ok­to­ber sag­te, „das ein­zi­ge, was na­tür­lich für uns ar­bei­tet, ist die in­ter­na­tio­na­le Be­we­gung, BDS, die nicht auf die pa­läs­ti­nen­si­sche Ein­heit oder die is­rae­li­sche Lin­ke war­tet, sich auf­zu­rap­peln.”

Und es gibt ei­nen wei­te­ren, eben­so wich­ti­gen Grund, den Kampf auf­zu­neh­men: Im Mo­ment gibt es nur ein Nar­ra­tiv un­ter den ak­ti­ven Grup­pen, lin­ken Ideo­lo­gen und Stu­den­ten, und das ist BDS. Pro-​israelische Be­we­gun­gen sind rein re­ak­tiv und kämp­fen dar­um, ei­ne Re­ak­ti­on zu fin­den. In der Fol­ge ist die BDS-​Bewegung ei­ne Be­dro­hung für die Wahr­heit selbst ge­wor­den. Wie so vie­le to­ta­li­tä­ren Be­we­gun­gen ver­an­kert sie ei­ne ein­zi­ge, pri­vi­le­gier­te Er­zäh­lung oh­ne Rück­sicht auf Fak­ten. Da­bei wird die Wahr­heit selbst ir­rele­vant. Die­je­ni­gen, es als Un­ter­drück­te be­zeich­net wer­den, sind im­mer im Recht, die­je­ni­gen, die als Un­ter­drü­cker be­zeich­net wer­den, sind im­mer im Un­recht. Dies zer­stört je­de Mög­lich­keit der ge­gen­sei­ti­gen Em­pa­thie zwi­schen Is­rae­lis und Pa­läs­ti­nen­sern, so dass Frie­den un­mög­lich wird. Zu­neh­mend macht es auch ei­ne ge­gen­sei­ti­ge Em­pa­thie zwi­schen Hei­den und Ju­den un­mög­lich, was ei­ne Ge­fahr her­auf­be­schwört, de­ren Aus­wir­kun­gen kaum er­wähnt wer­den müs­sen.

Der Kampf ge­gen BDS ist ein Kampf für die Wahr­heit selbst, und es ist Zeit, uns ihm an­zu­schlies­sen.

3 Kommentare

1 Ping

  1. sazzue

    Du hast mit vie­len Din­gen Recht, die du da an­bringst und ich ver­ur­tei­le die Be­we­gung auf­grund ih­rer tat­säch­lich an­ti­se­mi­ti­schen Aus­rich­tung sehr, al­ler­dings ar­bei­test du selbst manch­mal in dei­nem Ar­ti­kel sehr un­prä­zi­se. Zum ei­nen feh­len mir his­to­ri­sche Be­le­ge. Ich bin His­to­ri­ke­rin und ken­ne mich mit den Kon­flik­ten be­son­ders um 1929 recht gut aus. Und die Art, wie du das her­un­ter brichst, lässt lei­der die scha­le Fra­ge of­fen, in­wie­weit dei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on ei­ne bes­se­re ist, als die der selt­sa­men Bro­schü­re, wel­che du kri­ti­sierst. Das glei­che gilt üb­ri­gens für die un­end­lich kom­pli­zier­te his­to­ri­sche La­ge in He­bron. Zu­dem greifst du den Part der Bro­schü­re an, die den Aus­tra­li­er als Zio­nis­ten be­zeich­net, wo er doch kein Ju­de war. Es ist rich­tig, dass die Zu­schrei­bung der Bro­schü­re da mit per­fi­den Mit­teln ar­bei­tet, aber an­de­rer­seits machst die Gleich­set­zung Zio­nist = Ju­de du! Und das ist ein Feh­ler, denn es gibt an­ti­zio­nis­ti­sche Ju­den und nicht­jü­di­sche Zio­nis­ten und die gan­ze Sa­che ist we­sent­lich kom­ple­xer und dif­fe­ren­zier­ter. Dass bei Pu­bli­kum mit we­nig Back­ground­wis­sen zu Ju­den­tum und Is­ra­el ei­ne sol­che As­so­zia­ti­on ge­macht wird, ist na­tür­lich wie­der auf ei­nem an­de­ren Blatt ge­schrie­ben und rich­tig, aber ei­nen dif­fe­ren­zier­ten Kom­men­tar dei­ner­seits hät­te man er­war­ten dür­fen – wo du dich ja in­mit­ten die­ses blogs durch­aus als Ex­per­te in­sze­nierst.…. Ins­ge­samt find ich es gut, dass sich das blog mit die­sen The­men be­schäf­tigt, aber statt pro­jek­ti­ons­über­la­de­nen Zeit­schrif­ten oder Ar­ti­kel aus dem Netz zu le­sen, emp­feh­le ich dir zu den The­men auch mal die ein oder an­de­re his­to­ri­sche Dar­stel­lung, um den Blick zu er­wei­tern.…

    1. Admin

      Hal­lo saz­zue

      Vie­len Dank für dei­ne dif­fe­ren­zier­te Kri­tik die­ses Ar­ti­kels. Zu­nächst: Ich bin nicht der Au­tor, son­dern nur der Über­set­zer. Als Über­set­zer be­mü­he ich mich um mög­lichst prä­zi­se und sinn­ge­mäs­se Über­set­zung des Ori­gi­nal­tex­tes. Das ist im Üb­ri­gen bei al­len Ar­ti­keln auf die­sem Blog der Fall. Mein Ein­fluss als Be­trei­ber des Blogs er­schöpft sich al­so in der Aus­wahl der Quel­len und der Über­set­zungs­ar­beit. Re­dak­tio­nell ha­be ich an dem Text nichts ver­än­dert. Das meis­te dei­ner Kri­tik zielt auf den Ver­fas­ser des Tex­tes, des­sen Ori­gi­nal ich ganz zu­oberst im­mer ver­lin­ke, nicht auf den Über­set­zer.

      Nichts­des­to­trotz in­ter­es­siert mich aber sehr, wel­che his­to­ri­schen Dar­stel­lun­gen du mir auf den Nacht­tisch le­gen möch­test. Ob auf Deutsch oder Eng­lisch ist mir egal, ich ver­ste­he bei­de Spra­chen. Viel­leicht fällt da­bei ja auch noch die ei­ne oder an­de­re Über­set­zung ab. Idea­ler­wei­se könn­test du mir ein paar ent­spre­chen­de Links ge­ben?

  2. Dunja Jonas

    Ich bin pro-​palästinensisch und ge­gen Israel’s Po­li­tik, und da­mit ei­ne von de­nen, de­nen so­mit Anti-​Semitismus oder selbst Fa­schis­mus un­ter­stellt wird. Es ist ir­ra­tio­nal, Kri­tik an Is­ra­el grund­sätz­lich als Anti-​Semitismus zu be­zeich­nen (ge­nau­so wie es das wä­re, wenn man z.B.Kritik an der süd­afri­ka­ni­schen Re­gie­rung grund­sätz­lich als ras­sis­tisch ab­tut).
    Und wenn man z.B.gewisse Cha­rak­te­ris­ti­ka her­vor­hebt, von de­nen man glaubt, dass ein ge­wis­ses Volk die­se hät­te (z.B.„Deutsche nei­gen zum Ras­sis­mus oder Chauvinismus/​Faschismus), dann hat man wo­mög­lich ein un­zu­läs­si­ges Ur­teil ge­fällt (?), je­doch hasst man des­we­gen nicht je­den Deut­schen, und ist des­we­gen nicht ein Anti-Deutscher…oder?

  1. Stoff für’s Hirn | abseits vom mainstream - heplev

    […] (Da­ni­el): – Was die Anti-​Israel Boy­kot­tie­rer sa­gen, wenn sie glau­ben, dass wir nicht zu­hö­ren – Sau­di­ara­bi­en: Wis­sen­schaft­ler­pa­nel räumt ein, dass Frau­en Säu­ge­tie­re sind, aber noch […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

css.php