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Nein, es ist nicht dei­ne Mei­nung. Du hast schlicht un­recht.

Jef Rou­ner, 23. Ju­li 2015, Hous­ton Press

Nein, es ist nicht deine Meinung. Du hast schlicht unrecht.

Tho­mas Northcut/​Thinkstock

Ich ha­be so vie­le Ge­sprä­che oder E-​Mail-​Austausche mit Stu­den­ten ge­führt in den letz­ten Jah­ren, wo­bei ich sie er­zürn­te mit der Aus­sa­ge, dass ein­fach zu sa­gen: „Das ist mei­ne Mei­nung” nicht ver­hin­dert, dass ei­ne ver­bun­de­ne Aus­sa­ge to­tal falsch sein kann. Es ver­blüfft mich im­mer noch, dass ei­ni­ge das Ge­fühl ha­ben, die­se vier Wor­te gä­ben ih­nen ir­gend­wie ei­nen Frei­brief, schlich­ten Mist von sich ge­ben zu dür­fen. Und es macht mir wirk­lich Angst, dass ei­ni­ge die­ser Schü­ler den­ken, Bil­dung, die ih­re Ide­en her­aus­for­dert sei gleich­be­deu­tend mit ei­nem An­griff auf ih­ren Glau­ben. – Mick Cul­len

Ich ver­brin­ge viel mehr Zeit da­mit, im In­ter­net zu dis­ku­tie­ren, als höchst­wahr­schein­lich ge­sund ist, und das Wort, das ich in­zwi­schen we­ni­ger aus­ste­hen kann als je­des an­de­re ist „Mei­nung”. Mei­nung, oder noch schlim­mer „Glau­ben”, ist zum Schutz­schild je­der schlecht durch­dach­ten Vor­stel­lung ge­wor­den, die ih­ren Weg durch so­zia­le Me­di­en frisst.

Es gibt ei­ne ver­brei­te­te Vor­stel­lung, dass ei­ne Mei­nung nicht falsch sein kann. Him­mel noch­mal, jedermann’s Va­ter sag­te es wahr­schein­lich, und im strengs­ten Sin­ne stimmt es auch. Doch be­vor Du dich hin­ter dem Schild Dei­ner Mei­nung ver­schanzt, musst Du dich zwei Fra­gen stel­len.

1. Ist das tat­säch­lich ei­ne Mei­nung?

2. Wenn es ei­ne Mei­nung ist, wie fun­diert ist sie und war­um ha­be ich sie?

Ich hel­fe Dir mit dem ers­ten Teil. Ei­ne Mei­nung ist ei­ne Prä­fe­renz für oder ei­ne Be­ur­tei­lung von et­was. Mei­ne Lieb­lings­far­be ist schwarz. Ich den­ke, Min­ze schmeckt schreck­lich. Doc­tor Who ist die bes­te TV-​Show. Dies sind al­les Mei­nun­gen. Sie kön­nen ein­zig­ar­tig sein für mich, oder in der all­ge­mei­nen Be­völ­ke­rung mas­siv ver­brei­tet sein, aber sie al­le ha­ben ei­nes ge­mein­sam: Sie kön­nen nicht über­prüft wer­den, ab­ge­se­hen von der Tat­sa­che, dass ich sie glau­be.

An Mei­nun­gen über sol­che Din­ge ist nichts falsch. Das Pro­blem kommt von Men­schen, de­ren Mei­nun­gen ei­gent­lich Miss­ver­ständ­nis­se sind. Wenn Du denkst, Impf­stof­fe ver­ur­sa­chen Au­tis­mus, dann drückst Du et­was sach­lich fal­sches aus, nicht ei­ne Mei­nung. Die Tat­sa­che, dass Du im­mer noch glaubst, dass Impf­stof­fe Au­tis­mus ver­ur­sa­chen, ver­schiebt Dein Miss­ver­ständ­nis nicht in das Reich der gül­ti­gen Mei­nun­gen. Auch die Tat­sa­che, dass vie­le an­de­re die­se Mei­nung tei­len, ver­leiht ihr kei­ne grös­se­re Gül­tig­keit.

Um John Oli­ver zu zi­tie­ren, der in sei­ner Show Letz­te Wo­che heu­te Abend… ei­ne Gallup-​Umfrage re­fe­ren­zier­te, die zeigt, dass ei­ner von vier Ame­ri­ka­nern glau­ben, der Kli­ma­wan­del sei nicht re­al,

Wen küm­mert das? Man braucht die Mei­nung der Leu­te zu Tat­sa­chen nicht. Ge­nau­so gut könn­te man ei­ne Um­fra­ge star­ten zu der Fra­ge: „Wel­che Zahl ist grös­ser, 15 oder 5” oder „Gibt es Eu­len?” oder „Gibt es Hü­te?”

Man sah das­sel­be Phä­no­men kürz­lich, als Fra­gen über die Flag­ge der Kon­fö­de­rier­ten die Run­de zu ma­chen be­gan­nen. Es mag Ih­re Mei­nung sein, dass die Skla­ve­rei nicht die trei­ben­de Ur­sa­che des Se­zes­si­ons­krie­ges war, aber die Ar­ti­kel zur Se­zes­si­on von Te­xas er­wäh­nen Skla­ve­rei 21 Mal (Rech­te wer­den nur sechs­mal er­wähnt, und nur ein­mal in ei­nem Satz, der we­der die Skla­ve­rei, noch wie­viel ver­dammt Bes­ser weis­se Men­schen sei­en ge­gen­über schwar­zen Men­schen, er­wähnt). Brau­che ich noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ei­ni­ge Leu­te auch der Mei­nung sind, der Ho­lo­caust sei ei­ne Fäl­schung, und dass ih­re Mei­nung ab­so­lut gar nichts be­deu­tet in der Rea­li­tät?

Bild: Ein Haufen Leute wurde ermordet unabhängig von irgend jemandes Meinung zum Thema.

Bild: Ein Hau­fen Leu­te wur­de er­mor­det un­ab­hän­gig von ir­gend je­man­des Mei­nung zum The­ma.

Und ja, manch­mal sind wis­sen­schaft­li­che oder his­to­ri­sche Da­ten falsch oder un­klar oder be­dür­fen ei­ner wei­te­ren Prü­fung. Je­der weiss, Was­ser dehnt sich aus beim Ge­frie­ren. Weisst Du, war­um es das tut, wo buch­stäb­lich nichts sonst auf der Welt das­sel­be tut? Nö, und auch nicht die Wis­sen­schaft. Oder hey, hier ist ei­ne Fra­ge: Was war das ras­si­sche Er­be der al­ten Ägyp­ter, weil His­to­ri­ker nicht zu ei­nem Kon­sens kom­men und ih­re Kunst zu sti­li­siert ist, um das ge­nau zu be­ur­tei­len.

The­men wie die­se sind die Art von Din­gen, die reif für ei­ne Mei­nung sind. Was­ser dehnt sich aus, wenn es ge­friert, we­gen der Form des Mo­le­küls. Die Ägyp­ter wa­ren ei­ne aus ih­rer Hei­mat ver­trie­be­ne schwar­ze afri­ka­ni­sche Ras­se, die sich am Nil nie­der­liess. Hier kön­nen Mei­nun­gen ein Platz­hal­ter sein für ein bes­se­res Ver­ständ­nis, un­ter der An­nah­me, dass ein grös­se­res Ver­ständ­nis über­haupt exis­tiert. Es gibt kei­ne Über­prü­fung; man kann es nur er­ah­nen. Hof­fent­lich in ei­ner ge­bil­de­ten Art und Wei­se.

Da kommt die zwei­te Fra­ge ins Spiel: Ist Ih­re Mei­nung in­for­miert und war­um glaubst Du das? Ob­wohl sich tech­nisch die­se Mei­nun­gen nicht ir­ren kön­nen, fehlt ih­nen viel­leicht der Wert, ganz ein­fach weil ih­nen an Struk­tur fehlt.

Ich ge­be Dir ein Bei­spiel. Sa­gen wir, ich tref­fe ei­nen Doc­tor Who-Fan, und sein Lieb­lings­arzt ist Da­vid Ten­nant. Dar­an ist so weit nichts falsch. Bei wei­te­rer Dis­kus­si­on über das The­ma sagt die­ser Fan mir je­doch, dass er oder sie noch nie ei­ne der vor-​2005-​Episoden ge­se­hen oder ei­nes der Hör­spie­le ge­hört hat. Jetzt ist es mög­lich, dass selbst wenn er oder sie das hät­te, dass dann im­mer noch Da­vid Ten­nant sein Lieb­lings­arzt wä­re, aber es ist auch mög­lich, dass es Tom Baker oder Paul Mc­Gann oder je­mand an­de­res ist.

In ei­ner per­fek­ten Welt wür­de je­mand, der mit die­sen Tat­sa­chen kon­fron­tiert wür­de, ein­fach sa­gen: „Nun, Da­vid Ten­nant ist der Fa­vo­rit von de­nen, die ich ge­se­hen ha­be.” Es gibt vie­le Grün­de, nicht al­le äl­te­ren Doc­tor Who-Epi­so­den ge­se­hen zu ha­ben. Es ist nicht al­les auf Net­flix, es gibt ei­ne gan­ze Men­ge da­von, Hör­spie­le kön­nen ziem­lich teu­er sein, usw. Ei­ne en­ge Mei­nung von ei­nem en­gen Satz an In­for­ma­tio­nen ab­zu­lei­ten ist nur na­tür­lich.

Was aber al­les ka­putt macht, ist, wenn ei­ne en­ge Grup­pe von In­for­ma­tio­nen als brei­ter an­ge­nom­men wird, als sie ist. Es gibt ei­nen Un­ter­schied zwi­schen dem Glau­ben und Din­ge, die man ein­fach nicht kennt. Es ist leicht, zum Bei­spiel, zu glau­ben, dass die Weis­sen ge­nau­so­viel Dis­kri­mi­nie­rung er­le­ben wie Far­bi­ge, aber nur, wenn Du kei­ne Ah­nung hast von den Ar­beits­lo­sen­quo­ten von Schwar­zen ge­gen­über Weis­sen, der Tat­sa­che, dass von den For­tu­ne 500 CE­Os nur fünf schwarz sind, oder dass von den 43 Män­nern, die Prä­si­den­ten wa­ren, 42,5 weis­se ge­we­sen sind.

Mit an­de­ren Wor­ten, Du kannst ein Ur­teil in ei­ner Bla­se bil­den, und in den ers­ten Jahr­zehn­ten un­se­res Le­bens tun wir das al­le. Doch ir­gend­wann wirst du dich in die Welt hin­aus wa­gen und her­aus­fin­den, dass was du dach­test, es sei ei­ne fun­dier­te Mei­nung, ei­gent­lich nur ein klei­ner Ge­dan­ke war, ba­sie­rend auf we­ni­gen Da­ten und Dei­nen Ge­füh­len. Vie­le, vie­le, vie­le Ih­rer Mei­nun­gen wer­den sich als un­in­for­miert oder schlicht falsch her­aus­stel­len. Nein, die Tat­sa­che, dass Du es ge­glaubt hast, macht es nicht gül­ti­ger oder loh­nen­der, und nie­mand schul­det Dei­ner Sicht­wei­se Re­spekt, nur weil es Dei­ne ist.

Du darfst falsch lie­gen oder un­wis­send sein. Das pas­siert. Rea­li­tät küm­mert sich nicht um Dei­ne Ge­füh­le. Bil­dung ist nicht da­zu da, Dir hin­ter­her­zu­ren­nen. Die falsch In­for­mier­ten sind kei­ne un­ter­drück­te eth­ni­sche Min­der­heit. Was soll das auch sein? Ge­plan­te El­tern­schaft be­deu­tet, to­te Ba­bies zu zer­stü­ckeln und sie für di­ckes Geld zu ver­kau­fen? Nein, das ist nicht das, was wirk­lich pas­siert ist. Nein, es ist nicht Dei­ne Mei­nung. Du hast schlicht un­recht.

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