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1967 | Die Glo­ba­le Lin­ke und der Sechs­ta­ge­krieg

Jef­frey Herf, An­fangs April 2017, Fa­thom

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Erich Hone­cker, Ge­ne­ral­se­kre­tär der So­zia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei in Ost­deutsch­land vom 3. Mai 1971 bis 18. Ok­to­ber 1989 und Jas­sir Ara­fat, 10. März 1982. Fo­to von Rai­ner Mit­tel­städt. Wi­ki­pe­dia.


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Jef­frey Herf

Jef­frey Herf ist dis­tin­gu­ier­ter Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor in der Ab­tei­lung für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät von Ma­ry­land, Col­le­ge Park, USA. Er ver­öf­fent­lich­te im Jahr 2016 Un­de­cla­red Wars with Is­ra­el: East Ger­ma­ny and the West Ger­man Far Left, 1967 – 1989 (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press). In die­ser Son­der­aus­ga­be für 1967 un­ter­sucht er die Re­ak­tio­nen der West­deut­schen Lin­ken und des kom­mu­nis­ti­schen Re­gimes in Ost­deutsch­land auf den Sieg Is­ra­els im Jah­re 1967. Bei­de zeig­ten ‚ei­ne Art von Ver­gess­lich­keit ge­gen­über den Ähn­lich­kei­ten zwi­schen äl­te­ren an­ti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen bö­ser und mäch­ti­ger Ju­den und den An­grif­fen auf den Zio­nis­mus und Is­ra­el als in­hä­rent ag­gres­siv, ras­sis­tisch und so­gar ge­no­zi­dal’.


DEFINITION DER ‘INTERNATIONALEN LINKEN’

Beim Re­flek­tie­ren über die Art und Wei­se, wie der Sechs­ta­ge­krieg auf die Sicht der in­ter­na­tio­na­len Lin­ken auf Is­ra­el ein­ge­wirkt hat, ist es not­wen­dig, Be­grif­fe zu de­fi­nie­ren. Im Jah­re 1967 be­zog sich der Aus­druck „in­ter­na­tio­na­le Lin­ke” auf vier Phä­no­me­ne: die So­wjet­uni­on, ih­re War­schau­er Pakt-​Verbündeten und die kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en auf der gan­zen Welt, die in Mos­kau nach Füh­rung such­ten; das mao­is­ti­sche Chi­na und die mao­is­ti­schen Grup­pen, die es in­spi­riert hat; Lin­ke Re­gie­run­gen und Be­we­gun­gen in dem, was da­mals „die drit­te Welt” ge­nannt wur­de; Und die glo­ba­le „Neue Lin­ke” am stärks­ten in West­eu­ro­pa, Ja­pan und den USA. Mit­te der 1950er Jah­re hat­ten die ers­ten drei brei­ten Strö­mun­gen der in­ter­na­tio­na­len Lin­ken ih­re Feind­se­lig­keit ge­gen­über Is­ra­el voll­kom­men klar ge­macht. Die So­wjet­uni­on und ih­re Ver­bün­de­ten hat­ten be­gon­nen, die ara­bi­schen Staa­ten in den 1950er Jah­ren zu be­waff­nen. Ma­os Chi­na er­öff­ne­te 1965 in Pe­king ein Bü­ro der Pa­läs­ti­nen­si­schen Be­frei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on (PLO). Die „block­frei­en” Na­tio­nen in der UNO hat­ten Is­ra­el schon lan­ge vor dem Krieg auf der fal­schen Sei­te der glo­ba­len Kluft zwi­schen Im­pe­ria­lis­mus und An­ti­im­pe­ria­lis­mus plat­ziert. Für die­se drei Strö­mun­gen, die die Mehr­heit der Men­schen und Or­ga­ni­sa­tio­nen der in­ter­na­tio­na­len Lin­ken dar­stell­ten, än­der­te der Krieg ih­re An­sich­ten über Is­ra­el nicht. Viel­mehr gab er die Ge­le­gen­heit, kräf­tig schon lan­ge ge­heg­te An­sich­ten und Po­li­tik aus­zu­spe­chen. Es war nur in der Neu­en Lin­ken in Eu­ro­pa und den USA, wo der Krieg ei­nen Bruch ver­ur­sach­te von der ver­gan­ge­nen lin­ken Em­pa­thie und Un­ter­stüt­zung für Is­ra­el zu ei­ner Ära des Ant­ago­nis­mus, die bis zur Ge­gen­wart be­steht. Die Re­ak­tio­nen des ost­deut­schen kom­mu­nis­ti­schen Re­gimes und die der West­deut­schen Neu­en Lin­ken auf den Sechs­ta­ge­krieg ver­deut­li­chen die­se glo­ba­le Ent­wick­lung.

DIE KONTINUITÄT DER ANTI-​ISRAEL-​POLITIK IN OSTDEUTSCHLAND

Im Ju­ni 1967 stell­te die ost­deut­sche Re­gie­rung, be­kannt als die Deut­sche De­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik (im fol­gen­den Ost­deutsch­land ge­nannt) klar, dass sie ein lei­den­schaft­li­cher An­hän­ger der ara­bi­schen Staa­ten und ein bit­te­rer Feind des Staa­tes Is­ra­el war. Da­mit setz­te sie, zu­sam­men mit ih­ren Ver­bün­de­ten des War­schau­er Pak­tes, ei­ne Po­li­tik fort, die 1949 be­gon­nen hat­te. Im Zu­ge der „an­ti­kos­mo­po­li­ti­schen Säu­be­run­gen” von 1949 bis 1956 im Sowjet-​Block ver­ur­teil­te die ost­deut­sche Füh­rung Is­ra­el als Zweig Des west­li­chen und be­son­ders des ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ria­lis­mus. Je­ne Kom­mu­nis­ten, die dach­ten, en­ge Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el sei­en das lo­gi­sche Er­geb­nis des kom­mu­nis­ti­schen An­ti­fa­schis­mus, wur­den ge­säu­bert und als Werk­zeug ei­ner in­ter­na­tio­na­len zio­nis­ti­schen und ame­ri­ka­ni­schen Ver­schwö­rung de­nun­ziert. Die Säu­be­run­gen de­fi­nier­ten den Sinn des An­ti­fa­schis­mus im so­wje­ti­schen Block neu. Wie die Un­ter­stüt­zung des so­wje­ti­schen Au­ßen­mi­nis­ters An­d­rej Gro­my­ko für den UNO-​Partitionsplan im Jah­re 1947 be­weist, führ­te der so­wje­ti­sche An­ti­fa­schis­mus wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges und in den un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­jah­ren zu ei­ner kur­zen Zeit des so­wje­ti­schen Zio­nis­mus und zur Un­ter­stüt­zung ei­nes jü­di­schen Staa­tes in Pa­läs­ti­na. Wäh­rend des Slansky-​Prozesses in Prag und dann in den Säu­be­run­gen in Ost-​Berlin im Win­ter 1952 – 1953 stell­ten Sta­lin und Sta­li­nis­ten die Spra­che des An­ti­fa­schis­mus und des An­ti­im­pe­ria­lis­mus in den Dienst der An­grif­fe auf den Zio­nis­mus und Is­ra­el. Der Bruch von der Kriegs-​Solidarität mit den Ju­den Eu­ro­pas zum Nachkriegs-​Antagonismus zum Zio­nis­mus und Is­ra­el war ei­ne voll­kom­me­ne Tat­sa­che, wie die Hin­rich­tun­gen in Prag von Slansky und 10 an­de­ren und die Ver­haf­tun­gen von pro-​israelischen Kom­mu­nis­ten in Ost-​Berlin En­de 1952 ge­zeigt ha­ben.

Ab Mit­te der 1950er Jah­re wur­den die So­wjet­uni­on und ih­re War­schau­er Pakt-​Verbündeten zum pri­mä­ren mi­li­tä­ri­schen Lie­fe­ran­ten der ara­bi­schen Staa­ten im Krieg mit Is­ra­el. Laut den Be­rich­ten der Cen­tral In­tel­li­gence Agen­cy lie­fer­te Ost­deutsch­land mit ei­ner Be­völ­ke­rung von nur 17 Mil­lio­nen Men­schen und ei­ner sehr klei­nen Rüs­tungs­in­dus­trie von den 1950er und 1970er Jah­ren nur 3 Pro­zent der so­wje­ti­schen Mi­li­tär­lie­fe­run­gen in den Na­hen Os­ten. Doch die Tat­sa­che, dass ei­ne deut­sche Re­gie­rung so bald nach dem Ho­lo­caust ei­ne ein­zi­ge Ku­gel an Staa­ten und Or­ga­ni­sa­tio­nen, die im Krieg mit Is­ra­el wa­ren, schick­te, war ei­ne be­mer­kens­wer­te und zu oft über­se­he­ne Ent­wick­lung. Dass die­se Hil­fe für je­ne, die den jü­di­schen Staat an­grei­fen, un­ter dem Ban­ner des An­ti­fa­schis­mus statt­fand, war ei­ne bit­te­re Iro­nie. Dar­über hin­aus hat­te die ost­deut­sche Re­gie­rung nie di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el. Sie ver­ur­teil­te die west­deut­schen Re­pa­ra­ti­ons­zah­lun­gen an die Über­le­ben­den des Ho­lo­caust als zy­ni­sche Be­mü­hung, bei der Wie­der­her­stel­lung des west­deut­schen Ka­pi­ta­lis­mus zu hel­fen. Im Ein­klang mit der Po­li­tik des lang­jäh­ri­gen Ant­ago­nis­mus ge­gen­über Is­ra­el und der Par­ti­sa­nen­schaft für die ara­bi­schen Staa­ten schick­te die DDR Waf­fen nach Ägyp­ten, ge­führt von Ga­mal Ab­dul Nas­ser und dem von Baathis­ten re­gier­ten Sy­ri­en, ge­führt von Ha­fez al-​Assad seit 1970. An­fangs April 1967 hat­te Ost­deutsch­land 20 MiG-​17F Kampf­jets nach Ägyp­ten ge­schickt. Im Ju­li schick­te es 30 wei­te­re. Al­lein im Ju­ni 1967 um­faß­ten die ost­deut­schen Lie­fe­run­gen nach Ägyp­ten: 35 so­wje­ti­sche T-​34/​85 Pan­zer; 5.000 Kalash­ni­kov 7,62 Mil­li­me­ter Ma­schi­nen­ge­weh­re mit 600.000 Ku­geln; 6.000 MPi 41 Kalash­ni­kov Ma­schi­nen­ge­weh­re; 3.500 Kalash­ni­kov Ma­schi­nen­ge­weh­re, so­wie wei­te­re 11 Mil­lio­nen 7,62 Mil­li­me­ter Ku­geln und fünf Mil­lio­nen 7,9 Mil­li­me­ter Pa­tro­nen.

Die Kon­ti­nui­tät und Lei­den­schaft des ost­deut­schen Anti-​Zionismus und des Ant­ago­nis­mus ge­gen­über Is­ra­el war in ei­ner Re­de von Wal­ter Ul­bricht, dem Ge­ne­ral­se­kre­tär der So­zia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei und dem Füh­rer des Re­gimes in Leip­zig am 15 Ju­ni 1967 klar er­sicht­lich. Ul­bricht ver­ur­teil­te Is­ra­el und un­ter­stütz­te die ara­bi­schen Staa­ten. Er be­haup­te­te, dass Is­ra­el vor dem Krieg von kei­nen mi­li­tä­ri­schen Be­dro­hun­gen kon­fron­tiert ge­we­sen sei – dies trotz des Auf­mar­sches der ara­bi­schen Ar­me­en an den Gren­zen Is­ra­els, der Ent­schei­dung Nas­sers, die Stra­ße von Ti­ran für die is­rae­li­sche Schiff­fahrt zu schlie­ßen, und der ver­ba­len Dro­hun­gen der ara­bi­schen Haupt­städ­te in den Wo­chen vor dem Krieg, die Ju­den ins Meer zu trei­ben. Viel­mehr be­stand Ul­bricht dar­auf, dass der Krieg ein Er­geb­nis der „glo­ba­len Stra­te­gie des US-​Imperialismus” und sei­nes wil­li­gen Werk­zeugs Is­ra­el war – dies trotz der Tat­sa­che, dass Is­ra­el den Krieg vor al­lem mit Waf­fen aus Frank­reich kämpf­te. Es war wäh­rend des Krie­ges, dass die So­wjet­uni­on sich zu­al­ler­erst in das ver­wi­ckel­te, was der ver­stor­be­ne is­rae­li­sche His­to­ri­ker Ro­bert Wistrich „Holocaust-​Inversion” nann­te, näm­lich den Vor­wurf zu ma­chen, dass Is­ra­el sich wie Nazi-​Deutschland ver­hielt. Bei der UNO in New York hat­te der so­wje­ti­sche Bot­schaf­ter Ja­kow Ma­lik Is­ra­els Über­ra­schungs­an­griff, der den Sechs­ta­ge­krieg be­gon­nen hat­te, mit dem Krieg der Na­zis an der Ost­front im Zwei­ten Welt­krieg ver­gli­chen.

Ul­bricht bot sei­nen ei­ge­nen Ver­gleich zwi­schen Is­ra­el und Nazi-​Deutschland an. Mit An­spie­lun­gen auf das Nazi-​Protektorat in der Tsche­cho­slo­wa­kei und an die Ge­ne­ral­re­gie­rung des be­setz­ten Po­len, sag­te er, dass die ‚Welt nicht ak­zep­tie­ren kön­ne, dass ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Zwei­ten Welt­krieg der An­grei­fer Is­ra­el und sei­ne Hin­ter­män­ner ein Sinai-​Protektorat oder ei­ne Ge­ne­ral­re­gie­rung für Jor­da­ni­en zum Zweck der er­neu­ten ko­lo­nia­len Un­ter­drü­ckung der ara­bi­schen Völ­ker bil­de­ten.’ In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten blieb die As­so­zi­ie­rung Is­ra­els mit Nazi-​Deutschland ein dau­er­haf­tes Ele­ment der kom­mu­nis­ti­schen, ara­bi­schen, pa­läs­ti­nen­si­schen und west­deut­schen und west­li­chen eu­ro­päi­schen lin­ken anti-​israelischen Pro­pa­gan­da. Doch die kom­mu­nis­ti­sche Pro­pa­gan­da des Kal­ten Krie­ges von den 1960er Jah­ren bis 1989 ging dar­über hin­aus, Is­ra­el zu be­schul­di­gen, Teil des im­pe­ria­lis­ti­schen Sys­tems zu sein. Für die So­wjet­uni­on und ih­re Ver­bün­de­ten, ein­schließ­lich der DDR, wur­de Is­ra­el an­zu­grei­fen, so­wohl ver­bal als auch durch Un­ter­stüt­zung der­je­ni­gen, die es mi­li­tä­risch an­grif­fen, zu we­sent­li­chen As­pek­ten der neu­en Be­deu­tung des An­ti­fa­schis­mus.

Der Sechs­ta­ge­krieg än­der­te die Sicht Ost­deutsch­lands auf Is­ra­el nicht. Al­ler­dings leg­te die In­ten­si­vie­rung der di­plo­ma­ti­schen, pro­pa­gan­da­mäs­si­gen und mi­li­tä­ri­schen Un­ter­stüt­zung des kom­mu­nis­ti­schen Re­gimes für die ara­bi­schen Staa­ten wäh­rend des Krie­ges den Grund­stein für ei­nen der größ­ten au­ßen­po­li­ti­schen Er­fol­ge sei­ner 40-​jährigen Ge­schich­te. Es er­leich­ter­te die Trans­for­ma­ti­on Ost­deutsch­lands von ei­ner iso­lier­ten, ver­ach­te­ten Dik­ta­tur in ein be­lieb­tes Ré­gime mit Un­ter­stüt­zung ei­ner wach­sen­den Zahl von Staa­ten, die vom lin­ken Na­tio­na­lis­mus in­spi­riert wur­den, was zur Ent­schei­dung des Irak, Sy­ri­ens, Ägyp­tens und des Su­dans führ­te, di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen auf­zu­neh­men. Bis da­hin hat­ten sich die Län­der au­ßer­halb des so­wje­ti­schen Blocks an­ge­sichts der „Hallstein-​Doktrin” der West­deut­schen, die di­plo­ma­ti­sche und wirt­schaft­li­che Be­zie­hun­gen ab­zu­bre­chen droh­ten, falls sie es tä­ten. In al­len Kom­mu­ni­qués, die die Auf­nah­me di­plo­ma­ti­scher Be­zie­hun­gen be­glei­te­ten, stimm­ten die Ost­deut­schen ih­ren neu­en ara­bi­schen staat­li­chen Part­nern zu, dass Is­ra­el ein ras­sis­ti­scher, im­pe­ria­lis­ti­scher und ag­gres­si­ver Staat sei. Marxistisch-​leninistische Ideo­lo­gie und die kon­ven­tio­nel­le Ver­fol­gung des na­tio­na­len In­ter­es­ses wur­den sich ge­gen­sei­tig ver­stär­ken­de Fak­to­ren. Das Spie­len der anti-​israelischen Kar­te öff­ne­te die Tür zur di­plo­ma­ti­schen An­er­ken­nung im Na­hen Os­ten. Es ver­setz­te auch West­deutsch­land in den ara­bi­schen Staa­ten in die De­fen­si­ve, die al­le di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen ab­bra­chen, als die Bun­des­re­pu­blik di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen mit Is­ra­el auf­nah­me im Jah­re 1965.

DIE WESTDEUTSCHE LINKE NACH DEM SECHSTAGEKRIEG

Im Ge­gen­satz zur Kon­ti­nui­tät der anti-​israelischen Po­li­tik in Ost­deutsch­land war Ver­än­de­rung das vor­herr­schen­de Merk­mal der Re­ak­ti­on auf den Sechs­ta­ge­krieg in der West­deut­schen Neu­en Lin­ken. Bis En­de der 1960er Jah­re war Em­pa­thie und Un­ter­stüt­zung für Is­ra­el ei­ne ent­schei­den­de Kom­po­nen­te der lin­ken Po­li­tik in West­deutsch­land. Die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ver­ei­ni­gung (SDS) be­güns­tig­te die west­deut­schen di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el und die Re­pa­ra­ti­ons­zah­lun­gen an Ein­zel­per­so­nen und den Staat Is­ra­el. 1957 wur­de an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin die ers­te „Deutsch-​Israelische Stu­di­en­grup­pe” (DIS) ge­grün­det, und 1962 in­iti­ier­te DIS ei­ne Kam­pa­gne zur Un­ter­stüt­zung der Grün­dung di­plo­ma­ti­scher Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el. West­deut­sche Li­be­ra­le und Lin­ke äus­ser­ten sich klar und deut­lich in ih­rer Kri­tik an der Ent­schei­dung der ägyp­ti­schen Re­gie­rung, et­wa 500 west­deut­sche Ra­ke­ten­in­ge­nieu­re und Wis­sen­schaft­ler zu be­schäf­ti­gen, von de­nen vie­le an den V2-​Raketenprogrammen für das Nazi-​Régime ge­ar­bei­tet hat­ten, um Ra­ke­ten auf Is­ra­el zu rich­ten. Als Kon­rad Ade­nau­ers Nach­fol­ger Lud­wig Er­hard 1965 di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el auf­nahm, tat er dies mit star­ker Un­ter­stüt­zung im ge­sam­ten po­li­ti­schen Spek­trum der Bun­des­re­pu­blik. Bis zum Sechs­ta­ge­krieg blieb die grund­sätz­li­che Hal­tung der pro-​israelischen, west­deut­schen nicht­kom­mu­nis­ti­schen Lin­ken in­takt. Die Sym­pa­thie für Is­ra­el schien wie die selbst­ver­ständ­li­che und lo­gi­sche Ant­wort auf die Ver­bre­chen des Nazi-​Regimes und ge­gen die Rück­stän­de wi­der­ständ­le­ri­schen An­ti­se­mi­tis­mus im Nach­kriegs­deutsch­land und Eu­ro­pa zu sein.

Zwi­schen Ju­ni und Sep­tem­ber 1967 ver­stärk­ten SDS und da­mit die west­deut­schen Neu­en Lin­ken die Be­deu­tung des An­ti­fa­schis­mus, er­setz­ten Em­pa­thie durch Feind­se­lig­keit ge­gen Is­ra­el und wur­den Par­ti­sa­nen der ara­bi­schen Staa­ten, aber noch mehr der pa­läs­ti­nen­si­schen be­waff­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, die den Krieg ge­gen Is­ra­el füh­ren. Da­bei echo­te es ei­ne ähn­li­che Trans­for­ma­ti­on in der glo­ba­len Neu­en Lin­ken. Doch das Tem­po und die In­ten­si­tät der Trans­for­ma­ti­on hat­ten viel mit der lo­ka­len Po­li­tik zu tun. Ei­ne Kon­junk­tur von zwei gleich­zei­ti­gen, aber kau­sal nicht zu­sam­men­hän­gen­den Epi­so­den der in­ter­na­tio­na­len und lo­ka­len Po­li­tik im Ju­ni 1967 – Krieg im Na­hen Os­ten und der Tod ei­nes Stu­den­ten­de­mons­tran­ten durch ei­nen Schuss der Po­li­zei in West­ber­lin – prä­zi­pier­te und be­schleu­nig­te die Ver­schie­bung der Stim­mung ge­gen Is­ra­el. Am 2. Ju­ni wur­de ei­ne De­mons­tra­ti­on ge­gen den Be­such des Schah von Iran in West-​Berlin zu ei­ner hef­ti­gen Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Po­li­zei und De­mons­tran­ten, in de­ren Ver­lauf ein West-​Berliner Po­li­zist, Karl-​Heinz Kur­ras, den 26-​jährigen Ben­no Oh­nes­org, Stu­dent an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, er­schos­sen und ge­tö­tet hat. Der Schuss ver­stärk­te den Glau­ben der Neu­en Lin­ken, dass die west­deut­sche Re­gie­rung ein au­to­ri­tä­res oder gar fa­schis­ti­sches Ré­gime war. Die For­schung in den Ak­ten des ost­deut­schen Mi­nis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit (Sta­si) hat nach­träg­lich fest­ge­stellt, dass Kur­ras seit 1955 als Agent der Sta­si tä­tig war. Bis­her ist kein Be­weis da­für auf­ge­taucht, dass Kur­ras be­foh­len wor­den wä­re, ei­nen der De­mons­tran­ten um­zu­brin­gen, um den ost­deut­schen und so­wje­ti­schen An­schul­di­gun­gen über die „neo­fa­schis­ti­sche” Na­tur der west­deut­schen Re­gie­rung Glaub­wür­dig­keit zu ver­lei­hen und da­mit die lin­ken Stu­den­ten in der Bun­des­re­pu­blik zu ra­di­ka­li­sie­ren. Der Schuss hat­te die Wir­kung, die­se Über­zeu­gun­gen zu ver­stär­ken. Wä­ren Kur­ras’ Ver­bin­dun­gen zur Sta­si da­mals be­kannt ge­we­sen, hät­ten die po­li­ti­schen Er­geb­nis­se wahr­schein­lich dra­ma­tisch an­ders aus­ge­se­hen, da das die Auf­merk­sam­keit auf die kom­mu­nis­ti­schen Be­mü­hun­gen ge­legt hät­te, die west­deut­sche De­mo­kra­tie zu un­ter­gra­ben, in­dem sie sie fälsch­li­cher­wei­se als neo­fa­schis­ti­sches Ré­gime dar­stell­te. Statt­des­sen wur­de ein Mord, der von ei­nem Agen­ten der ost­deut­schen Ge­heim­diens­te durch­ge­führt wur­de, für die west­deut­schen Lin­ken zum schlüs­si­gen Be­wei­se da­für, dass die west­deut­sche Re­gie­rung und die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Re­gie­rung West­ber­lins fa­schis­ti­sche, au­to­ri­tä­re Ré­gime wa­ren. Ei­ne der drei gro­ßen links­ge­rich­te­ten Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen der 1970er Jah­re be­schloss, sich „die Be­we­gung des 2. Ju­ni” zu nen­nen, die für das Da­tum be­nannt wur­de, als Kur­ras Oh­nes­org er­schos­sen hat­te.

Ein zwei­ter As­pekt des Zu­sam­men­tref­fens in West-​Berlin und West­deutsch­land be­traf die Zei­tun­gen der kon­ser­va­ti­ven Axel-​Springer-​Presse, vor al­lem ih­rer Bou­le­vard­zei­tung Bild, die ei­ne füh­ren­de Rol­le bei der An­pran­ge­rung der Neu­en Lin­ken ein­nahm. Doch die Springer-​Zeitungen wa­ren im west­deut­schen Jour­na­lis­mus auch füh­ren­de Stim­men der Un­ter­stüt­zung Is­ra­els. Nach dem Prin­zip, dass der Freund mei­nes Fein­des mein Feind ist, zog die Wen­de der Jun­gen Lin­ken ge­gen Is­ra­el wei­te­re emo­tio­na­le En­er­gie aus der Kom­bi­na­ti­on der Un­ter­stüt­zung der Springer-​Presse für Is­ra­el, ih­rer Kri­tik an der Neu­en Lin­ken und der Er­schie­ßung von Oh­nes­org. Für die jun­ge Lin­ke hat­te die Gleich­zei­tig­keit des Sechs­ta­ge­krie­ges und der Ohnesorg-​Erschießung die Wir­kung, Is­ra­el mit ih­ren west­deut­schen kon­ser­va­ti­ven Ge­gen­spie­lern zu as­so­zi­ie­ren.

Auf ei­ner SDS-​Sitzung am 4. – 9. Sep­tem­ber 1967 auf dem Cam­pus der Jo­hann Wolf­gang von Goethe-​Universität in Frank­furt am Main ver­ab­schie­de­ten die De­le­gier­ten ei­ne Re­so­lu­ti­on, die die Wen­dung des SDS ge­gen Is­ra­el ko­di­fi­zier­te. Sie drück­te die Mé­lan­ge aus Neo­mar­xis­mus, Marxismus-​Leninismus und der ra­di­ka­len Be­geis­te­rung über Dritte-​Welt-​Revolutionen aus, die zu ei­ner de­fi­nie­ren­den Ei­gen­schaft der Neu­en Lin­ken rund um die Welt ge­wor­den war. Wie ih­re Kol­le­gen an­de­ren­orts wa­ren die west­deut­schen SDS-​Führer auf den Viet­nam­krieg fo­kus­siert. Doch die Nazi-​Vergangenheit, die geo­gra­phi­sche Nä­he des Na­hen Os­tens, die „be­son­de­re Be­zie­hung” der west­deut­schen Re­gie­rung und die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el und ih­re ei­ge­nen Kon­tak­te und Dis­kus­sio­nen mit ara­bi­schen Stu­den­ten in West­deutsch­land mach­ten den Na­hen Os­ten zu ei­nem be­deu­tungs­vol­le­ren The­ma der Neu­en Lin­ken in West­deutsch­land als in an­de­ren Zen­tren des Neu­en Lin­ken Ra­di­ka­lis­mus im Jah­re 1967.

Die SDS-​Resolution ver­deut­lich­te die Ver­schie­bung vom An­ti­fa­schis­mus der 1940er Jah­re zum „An­ti­im­pe­ria­lis­mus” ei­ner „Dritt-​Weltlichen” Lin­ken in den spä­ten 1960er Jah­ren. Es war ei­ne Trans­for­ma­ti­on, die wäh­rend der anti-​kosmopolitischen Säu­be­run­gen der frü­hen 1950er Jah­re im so­wje­ti­schen Block statt­ge­fun­den hat­te. Die SDS-​Resolution stell­te fest, dass der Sechs­ta­ge­krieg nur vor dem Hin­ter­grund des an­ti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kamp­fes der ara­bi­schen Völ­ker ge­gen ih­re Un­ter­drü­ckung durch den anglo-​amerikanischen Im­pe­ria­lis­mus ana­ly­siert wer­den könn­te. Die Re­so­lu­ti­on for­der­te die „Re­ha­bi­li­ta­ti­on von Hun­dert­tau­sen­den ara­bi­scher Flücht­lin­ge zu­rück in ihr Mut­ter­land”. Die September-​Resolution kri­ti­sier­te Is­ra­el für ei­ne „Po­li­tik der Ver­trei­bung und Un­ter­drü­ckung der pa­läs­ti­nen­si­schen Ara­ber”. SDS be­ru­hig­te die Ju­den, dass sie ein Recht hät­ten, in Pa­läs­ti­na zu exis­tie­ren, aber nicht ei­nen ei­ge­nen Staat zu ha­ben, d.h. Is­ra­el. Das Pro­blem wür­de durch ei­ne „re­vo­lu­tio­nä­re so­zia­lis­ti­sche Be­we­gung” ge­löst wer­den, die den Im­pe­ria­lis­mus über­win­det und die Ein­heit zwi­schen den So­zia­lis­ten in den ara­bi­schen Län­dern und dem „so­zia­lis­ti­schen Is­ra­el” schafft.

Von 1967 bis 1970 führ­te die Ra­di­ka­li­sie­rung der West­deut­schen Neu­en Lin­ken zur Un­ter­stüt­zung des „be­waff­ne­ten Kamp­fes der PLO” ge­gen die Exis­tenz Is­ra­els. In die­sen Jah­ren be­gan­nen Kon­tak­te zwi­schen west­deut­schen Lin­ken und ara­bi­schen und pa­läs­ti­nen­si­schen Stu­den­ten, die in West­deutsch­land stu­dier­ten, zu ma­te­ria­li­sie­ren, Kon­tak­te, die spä­ter zur Zu­sam­men­ar­beit der west­deut­schen Lin­ken Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen mit ver­gleich­ba­ren pa­läs­ti­nen­si­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen führ­ten, vor al­lem der Volks­front für die Be­frei­ung von Pa­läs­ti­na.

Ob­wohl es die PLO war, mehr als die ara­bi­schen Staa­ten, die die Phan­ta­sie der west­deut­schen Lin­ken er­ober­ten, ist es wich­tig, dar­an zu er­in­nern, dass die West­deut­schen Linken-​Gruppen, die So­li­da­ri­tät mit der PLO aus­spra­chen, ih­re Un­ter­stüt­zung für ih­re Char­ta von 1968 be­kräf­ti­gen. Die PLO-​Charta be­zeich­ne­te ein geo­gra­phi­sches Ge­biet na­mens Pa­läs­ti­na, das das ge­sam­te da­mals exis­tie­ren­de Is­ra­el um­fass­te, als „Hei­mat des ara­bi­schen pa­läs­ti­nen­si­schen Vol­kes”. Das „pa­läs­ti­nen­si­sche Volk” hat­te ein „le­ga­les Recht” in die­sem Ge­biet. Ar­ti­kel Sechs er­klär­te, dass die Ju­den, die in Pa­läs­ti­na bis zum Be­ginn der zio­nis­ti­schen In­va­si­on leb­ten, als Pa­läs­ti­nen­ser gel­ten wür­den. Das Da­tum des Be­ginns die­ser „In­va­si­on” war ei­ne Quel­le der Un­ge­wiss­heit. Wenn, wie oft ar­gu­men­tiert wur­de, die „In­va­si­on” im Jah­re 1917 mit der Un­ter­zeich­nung der Balfour-​Erklärung be­gann, dann wür­den nur 60.000 der et­wa 2,5 Mil­lio­nen Ju­den, die 1968 in Is­ra­el leb­ten, als Pa­läs­ti­nen­ser be­trach­tet. Wenn die „In­va­si­on” auf 1947 da­tiert wür­de, dann wür­den et­wa 700.000 Ju­den so de­fi­niert und könn­ten so im ent­ste­hen­den pa­läs­ti­nen­si­schen Staat blei­ben. Der Rest wür­de nicht als „Pa­läs­ti­nen­ser” in ei­nem neu­en Staat be­trach­tet und da­mit ver­mut­lich aus­ge­schlos­sen wer­den. Ar­ti­kel Acht be­sag­te, dass im „na­tio­na­len Kampf für die Be­frei­ung Pa­läs­ti­nas” die „in der na­tio­na­len Hei­mat oder in der Dia­spo­ra” im Na­hen Os­ten und in Eu­ro­pa le­ben­den ei­ne „na­tio­na­le Front” bil­de­ten für die Wie­der­er­lan­gung Pa­läs­ti­nas und sei­ner Be­frei­ung durch den be­waff­ne­ten Kampf”. Ar­ti­kel Neun er­klär­te, dass „be­waff­ne­ter Kampf der ein­zi­ge Weg sei, um Pa­läs­ti­na zu be­frei­en. Das ist die Ge­samt­stra­te­gie, nicht nur ei­ne tak­ti­sche Pha­se. Nach Ar­ti­kel 10 bil­den „Kommando-​Aktionen den Kern des pa­läs­ti­nen­si­schen Volks­be­frei­ungs­krie­ges”.

Ar­ti­kel 22 war die Er­öff­nungs­sal­ve in ei­ner Pro­pa­gan­da­kam­pa­gne, die sie­ben Jah­re spä­ter, im No­vem­ber 1975, als die UNO-​Generalversammlung er­klär­te, dass der Zio­nis­mus „ras­sis­tisch und fa­na­tisch in sei­ner Na­tur, ag­gres­siv, ex­pan­sio­nis­tisch und ko­lo­ni­al in sei­nen Zie­len und fa­schis­tisch in sei­nen Me­tho­den [ist]. Is­ra­el ist das In­stru­ment der zio­nis­ti­schen Be­we­gung und die geo­gra­phi­sche Ba­sis für den Welt­im­pe­ria­lis­mus, die stra­te­gisch in­mit­ten der ara­bi­schen Hei­mat ge­setzt wur­de, um die Hoff­nun­gen der ara­bi­schen Na­ti­on auf Be­frei­ung, Ein­heit und Fort­schritt zu be­kämp­fen’. Der gro­ße Pro­pa­gan­da­sieg der PLO war, zwei Lü­gen Teil der welt­po­li­ti­schen Kul­tur zu ma­chen. Die ers­te war, dass der Zio­nis­mus ei­ne Form von Ras­sis­mus sei. Die zwei­te war, dass die Char­ta der PLO kein ras­sis­ti­sches Do­ku­ment sei, denn je­de sorg­fäl­ti­ge Le­sung wür­de dar­auf hin­deu­ten, dass sie, wenn sie um­ge­setzt wür­de, die Ver­trei­bung der über­wie­gen­den Mehr­heit der jü­di­schen Staats­bür­ger des Staa­tes Is­ra­el ver­lang­te. Be­mer­kens­wer­ter­wei­se ist das ras­sis­ti­sche Ele­ment der PLO nie ein wich­ti­ges The­ma der Welt­po­li­tik ge­wor­den, wäh­rend Jahr­zehn­te der Be­mü­hun­gen der is­rae­li­schen Bot­schaf­ter der UNO, die Auf­merk­sam­keit auf das The­ma zu len­ken, er­folg­los wa­ren.

Wenn ir­gend­je­mand in der west­deut­schen Neu­en Lin­ken in die­sen Jah­ren „So­li­da­ri­tät” mit der PLO äu­ßer­te, dann un­ter­stütz­te er ef­fek­tiv die­se sehr öf­fent­li­chen, sehr kla­ren Po­si­tio­nen, die ei­ne Kriegs­er­klä­rung dar­stell­ten, de­ren Ziel die Zer­stö­rung des Staa­tes Is­ra­el war, und zwar durch den Ein­satz von Waf­fen. Ob­wohl die PLO-​Charta al­le „all­mäh­li­chen und fried­li­chen Kräf­te” auf der gan­zen Welt an­rief, traf sie in der west­deut­schen ra­di­ka­len Lin­ken ei­nen Nerv, weil die Rhe­to­rik des „An­ti­fa­schis­mus” und „An­ti­im­pe­ria­lis­mus” ei­ne an­de­re Be­frei­ung von den Be­las­tun­gen der deut­schen Ge­schich­te nach dem Ho­lo­caust an­bot. Im post­na­zis­ti­schen Deutsch­land führ­te es auch zu ei­ner bi­zar­ren Be­schrei­bung Is­ra­els, die die an­ti­se­mi­ti­schen An­schul­di­gun­gen, die Jahr­hun­der­te lang ge­gen die Ju­den Eu­ro­pas ge­schleu­dert wur­den, wi­der­hal­len liess. Ein auf­fäl­li­ges Merk­mal so­wohl des ost­deut­schen kom­mu­nis­ti­schen Re­gimes als auch der west­deut­schen ra­di­ka­len Lin­ken war ei­ne Art von Blind­heit ge­gen­über den Ähn­lich­kei­ten zwi­schen äl­te­ren an­ti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen bö­ser und mäch­ti­ger Ju­den und den An­grif­fen auf den Zio­nis­mus und Is­ra­el als in­hä­rent ag­gres­siv, ras­sis­tisch und so­gar ge­no­zi­dal.

Ein sehr erns­tes Pro­blem, dass Is­ra­els Sieg für die west­deut­sche und west­eu­ro­päi­sche Lin­ke dar­stell­te, war, dass der jü­di­sche Staat ei­nen Krieg ent­schei­dend ge­won­nen hat­te. Wäh­rend die Nachkriegs-​Westdeutschen die har­te Macht der Staa­ten, die sie mit Nazi-​Deutschland ver­knüpf­ten, ver­schmäh­ten, wa­ren die Leh­ren, die Ju­den und Bür­ger Is­ra­els aus dem Ho­lo­caust ge­lernt hat­ten, ge­nau das Ge­gen­teil, näm­lich dass je­ne oh­ne Staat und sei­ne har­te Macht der Gna­de von de­nen aus­ge­lie­fert wa­ren, die sie viel­leicht er­mor­den woll­ten. Is­ra­els Sieg im Jah­re 1967 paß­te nicht in die lin­ken Ka­te­go­ri­en des »Im­pe­ria­lis­mus« und des »An­ti­im­pe­ria­lis­mus«, doch da die Ka­te­go­ri­en für die ra­di­ka­len Lin­ken je­ner Jah­re zur Ver­fü­gung stan­den, be­nutz­te die ra­di­ka­li­sie­ren­de Neue Lin­ke sie, um das Er­geb­nis des Krie­ges in die­ses un­an­ge­mes­se­ne Pa­ra­dig­ma zu ver­le­gen: Is­ra­el war jetzt der „Im­pe­ria­list”.

Im No­vem­ber 1969 plat­zier­ten ra­di­ka­le Lin­ke ei­ne Bom­be im Jü­di­schen Ge­mein­de­zen­trum in West-​Berlin, die nicht ex­plo­dier­te. Ei­ne Bro­schü­re mit dem Ti­tel „Shalom und Na­palm” wur­de in Agit 883 ver­teilt, ei­ner Zeit­schrift, die in der West-​Berliner Linken-​Szene weit­hin ge­le­sen wur­de. Ne­ben der Un­ter­stüt­zung des pa­läs­ti­nen­si­schen „be­waff­ne­ten Kamp­fes” ge­gen Is­ra­el for­der­te er die west­deut­schen „An­ti­im­pe­ria­lis­ten” auf, ei­ne ak­ti­ve Rol­le im Kampf ge­gen die Un­ter­stüt­zer Is­ra­els in West­deutsch­land zu spie­len, d.h. sich bei An­grif­fen auf Ju­den in West­deutsch­land zu en­ga­gie­ren, vor al­lem auf je­ne, die Is­ra­el öf­fent­lich un­ter­stütz­ten.

‚Shalom und Na­palm’ be­inhal­te­te auch ei­nen An­griff auf die west­deut­sche Tra­di­ti­on der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung. Da­bei wie­der­hol­ten sie Ar­gu­men­te, die in den 1950er Jah­ren von der ost­deut­schen Re­gie­rung ge­macht wur­den. Sie ver­ur­teil­ten die west­deut­schen Re­pa­ra­ti­ons­zah­lun­gen und die Ent­wick­lungs­hil­fe als Bei­trag zum zio­nis­ti­schen Ver­tei­di­gungs­haus­halt. „Un­ter dem schuld­be­wuss­ten Vor­wand, sich mit den fa­schis­ti­schen Gräu­el­ta­ten ge­gen die Ju­den aus­ein­an­der­zu­set­zen, leis­ten sie [die west­deut­sche Re­gie­rung und In­dus­trie] ei­nen ent­schei­den­den Bei­trag zu den fa­schis­ti­schen Gräu­el­ta­ten Is­ra­els ge­gen die pa­läs­ti­nen­si­schen Ara­ber.” Die Au­to­ren der Bro­schü­re über­nah­men die Ver­ant­wor­tung für die Plat­zie­rung ei­ner Bom­be im jü­di­schen Ge­mein­de­zen­trum und er­klär­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land den Krieg. Die Neu­fas­sung des An­ti­fa­schis­mus, die im so­wje­ti­schen Block statt­ge­fun­den hat­te, trat nun in der west­deut­schen Lin­ken auf. Die Au­to­ren schrie­ben, dass der wah­re An­ti­fa­schis­mus der kla­re und ein­fa­che Aus­druck der So­li­da­ri­tät mit den Fe­daye­en (den Kämp­fen­den) ist, … die Ju­den, die vom Fa­schis­mus ver­trie­ben wur­den, sind selbst zu Fa­schis­ten ge­wor­den, die in Zu­sam­men­ar­beit mit ame­ri­ka­ni­schem Ka­pi­tal das pa­läs­ti­nen­si­sche Volk aus­rot­ten wol­len. „Shalom und Na­palm” war die ers­te von ei­ner Rei­he von Aus­sa­gen der Holocaust-​Inversion von der west­deut­schen Links­aus­sen, die die west­deut­schen lin­ken Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen da­zu in­spi­rier­ten, mit gleich­ge­sinn­ten pa­läs­ti­nen­si­schen Grup­pen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten – am be­kann­tes­ten in der Ent­füh­rung und dann der Tren­nung von is­rae­lischn und nicht-​israelischen Gei­seln am Flug­ha­fen in En­teb­be, Ugan­da im Jahr 1976.

Ein be­son­de­res Merk­mal des sä­ku­la­ren lin­ken Ant­ago­nis­mus ge­gen­über Is­ra­el, zu­erst im so­wje­ti­schen Block und dann in der glo­ba­len Neu­en Lin­ken, war sei­ne ent­rüs­te­te Be­haup­tung, dass es ab­so­lut nichts mit An­ti­se­mi­tis­mus zu tun ha­be. Doch der Ei­fer, mit dem sich die Fein­de Is­ra­els über die ras­sis­ti­sche Na­tur des Zio­nis­mus ver­brei­te­ten und be­reit wa­ren, den jü­di­schen Staat mit Nazi-​Deutschland zu ver­glei­chen, wies dar­auf hin, dass tat­säch­lich ein Ele­ment des An­ti­se­mi­tis­mus in der in­ter­na­tio­na­len Lin­ken ar­bei­te­te, als sie im Ju­ni 1967 auf den Sieg Is­ra­els re­agier­te. Für die So­wjet­uni­on war es är­ger­lich und pein­lich zu se­hen, wie ih­re ara­bi­schen Kli­en­ten so elen­dig­lich schei­ter­ten. Es war ein schwe­rer Schlag für ih­re Be­mü­hun­gen, den west­li­chen Ein­fluss im Na­hen Os­ten zu ver­rin­gern und die Kon­trol­le über die Öl­ver­sor­gung zu be­kom­men, die für die Welt­wirt­schaft so wich­tig ist. Den­noch be­stand die lin­ke Holocaust-​Inversion auf sehr al­ten und fal­schen At­tri­bu­tio­nen von enor­mer Macht und gro­ßem Übel, die re­li­giö­se und welt­li­che An­ti­se­mi­ten den Ju­den in Eu­ro­pa zu­ge­schrie­ben hat­ten. An­statt zu er­ken­nen, dass die Ju­den, wie je­de an­de­re Na­ti­on mit ei­nem ei­ge­nen Staat, sich ge­gen ei­ne ech­te Be­dro­hung ver­tei­digt und ei­nen Krieg ge­won­nen hat­ten, ha­ben die Kom­mu­nis­ten und die ra­di­ka­le Lin­ke die ne­ga­ti­ven At­tri­bu­te, die einst auf die Ju­den Eu­ro­pas an­ge­wandt wur­den, auf den Staat Is­ra­el an­ge­wandt. Wäh­rend An­ti­se­mi­ten vor 1945 die Ju­den als Mit­tel­punkt ei­ner mäch­ti­gen in­ter­na­tio­na­len Ver­schwö­rung be­schrie­ben hat­ten, be­schrie­ben die Anti-​Zionisten des Kal­ten Krie­ges Is­ra­el als Speer­spit­ze im Na­hen Os­ten, ei­ne von den USA ge­führ­te und von West­deutsch­land un­ter­stütz­te Ver­schwö­rung. An­statt den Krieg für das, was er war, zu se­hen, ein Krieg der Selbst­ver­tei­di­gung an­ge­sichts ernst­haf­ter Be­dro­hun­gen, ver­such­ten Is­ra­els lin­ke Ge­gen­spie­ler wäh­rend und nach 1967, ih­ren Sieg als Akt der Ag­gres­si­on zu de­le­gi­ti­mie­ren. Nach dem Sechs­ta­ge­krieg nahm die Idee des mäch­ti­gen und bö­sen Ju­den, der in der Ge­schich­te des eu­ro­päi­schen An­ti­se­mi­tis­mus so ver­traut war, ei­ne neue Form ei­nes mäch­ti­gen und bö­sen Is­ra­els an. Die Kom­mu­nis­ten und die ra­di­ka­le Lin­ke im Wes­ten blen­de­ten sich mit sol­chem ​​Hass, dass sie nicht ver­ste­hen konn­ten, war­um und wie ein Volk, das zu­vor von der Zer­stö­rung be­droht war, we­ni­ger als ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Ho­lo­caust wi­der al­le Er­war­tun­gen ei­nen Krieg kämp­fen und ge­win­nen konn­te.

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