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Ge­bro­che­ne Her­zen in Ga­za: Ei­ne Lek­ti­on in nicht-​investigativem Jour­na­lis­mus

Bren­da Ya­blon (ka­na­di­sche Au­to­rin, Jour­na­lis­tin und Film­kri­ti­ke­rin mit Aus­zeich­nun­gen), 11.3.2015, honestreporting.com

Ni­cho­las Kris­tof ist ein Jour­na­list der New York Times, der ei­ne sehr wich­ti­ge Ni­sche aus­füllt: Er schreibt über Men­schen­rechts­miss­bräu­che und so­zia­le Un­ge­rech­tig­kei­ten. Er hat zwei Pu­lit­zer­prei­se ge­won­nen, ei­nen für sei­ne jour­na­lis­ti­schen Bei­trä­ge zum Tia­nan­men­platz, und den an­de­ren für Dar­fur. Er gibt je­nen ei­ne  Stim­me, die nicht für sich sel­ber spre­chen kön­nen. Zu­sam­men mit sei­ner Frau, She­ryl Wu­dunn, hat er ein Buch ge­schrie­ben mit dem Ti­tel: „Half the Sky: Tur­ning Opp­res­si­on in­to Op­por­tu­ni­ty for Wo­men World­wi­de.” Da­bei han­delt es sich um ei­ne ein­ge­hen­de Un­ter­su­chung der welt­wei­ten Un­ter­drü­ckung der Frau­en.

Als al­so Mr. Kris­tof so­wohl ein Vi­deo, als auch ei­nen Ar­ti­kel für die New York Times pro­du­zier­te, die am 8. März 2015 er­schie­nen, mit dem Ti­tel „Ge­bro­che­ne Her­zen in Ga­za”, so in­ter­es­sier­te mich die­ser Be­richt sehr.

Er stellt das Stück mit den Wor­ten vor, dass „mein Job als Jour­na­list mich nach Ga­za ge­bracht hat, um zu se­hen, wie der letzt­jäh­ri­ge Krieg mit Is­ra­el die nor­ma­len Men­schen be­ein­flusst.” Ich er­war­te­te, dass, nebst der gros­sen Zer­stö­rung, kei­ne Ver­su­che des Wie­der­auf­baus und dem all­ge­mei­nen all­ge­gen­wär­ti­gen Elend glück­lo­ser Men­schen es auch ein Por­trät der Ha­mas gä­be, wie sie Ga­za re­giert und wie die Ga­za­ner von ih­rer ei­ge­nen Re­gie­rungs­po­li­tik be­trof­fen sind.

Das Vi­deo be­ginnt da­mit, wie Kris­tof ei­ne jun­ge Mut­ter und ih­ren klei­nen Sohn in­ter­viewt. Ob­wohl sie im Ga­za­strei­fen le­ben, lebt der Ehe­mann und Va­ter des Jun­gen in der West­bank, und hat nie sei­nen Sohn ge­se­hen.

Wie ist die­se un­glück­li­che Si­tua­ti­on ent­stan­den? Das Paar war of­fen­sicht­lich ir­gend­wann zu­sam­men, lan­ge ge­nug, um zu hei­ra­ten und ein Kind zu zeu­gen. Doch die Fra­ge wird nicht ein­mal an­ge­deu­tet. Statt­des­sen fragt Kris­tof die Mut­ter: „Wie ist es, ein Kind, das sei­nen Va­ter nie ge­se­hen hat, auf­zu­zie­hen?” Er be­kommt den jun­gen Va­ter ans Han­dy und wir se­hen und hö­ren, wie er sei­ne Trau­er über die Si­tua­ti­on zum Aus­druck bringt.

Die ein­zi­ge Er­klä­rung, die Kris­tof bie­tet, ist „Is­ra­el ver­bie­tet den meis­ten Ga­za­nern, Ga­za zu ver­las­sen.” War­um kann der Va­ter nicht wie­der nach Ga­za? Wur­de er von der Ha­mas de­por­tiert? Von Is­ra­el? Ein kri­ti­sches De­tail der Ge­schich­te wur­de aus­ge­las­sen und es wird der Ein­druck er­zeugt, dass Is­ra­el al­lein für die Un­zu­frie­den­heit der jun­gen Fa­mi­lie voll­stän­dig ver­ant­wort­lich ist.

Dann be­sucht er ei­ne Keks- und Scho­ko­la­den­fa­brik, die ein blü­hen­des Un­ter­neh­men in Ga­za war, vor dem Krieg mit Is­ra­el, mit Hun­der­ten von An­ge­stell­ten. Aber wäh­rend des Krie­ges bom­bar­dier­te es Is­ra­el. Jetzt funk­tio­niert die Fa­brik kaum noch. Ma­schi­nen ste­hen still, Er­satz­tei­le kön­nen nicht be­stellt wer­den, 150 Men­schen wur­den ent­las­sen. Der Be­sit­zer ist deut­lich in bit­te­rer Ver­zweif­lung, und das ist auch ver­ständ­lich.

Doch WARUM hat Is­ra­el die­se Fa­brik bom­bar­diert? War es ein Feh­ler? Wur­de sie von Ha­mas „Kämp­fern” be­nutzt als Start­ram­pe für Ra­ke­ten ge­gen Is­ra­el, wie sie das mit Kran­ken­häu­sern, Schu­len, UN-​Gebäuden und Pri­vat­häu­sern ge­tan ha­ben? Das ist ei­ne kri­ti­sche Fra­ge. Kris­tof be­han­delt sie in ei­nem Satz: „Ich weiss nicht, war­um die­se Fa­brik bom­bar­diert wur­de.” Was ist mit dem in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus pas­siert? Die Nicht-​Beantwortung der Fra­ge sagt dem Be­trach­ter, dass sie nicht wich­tig ist. Wich­tig ist nur, dass Is­ra­el die Bom­bar­die­rung durch­führ­te.

Er spricht mit ei­ner Frau, de­ren Haus be­schä­digt und de­ren Mann ver­letzt wur­de. „Willst du, dass is­rae­li­sche Müt­ter die­sel­ben Schmer­zen er­lei­den, die Sie er­lit­ten ha­ben?” fragt er sie, in ei­nem schö­nen Bei­spiel ei­ner Sug­ges­tiv­fra­ge. Sie ant­wor­tet, dass is­rae­li­sche Müt­ter nicht kämp­fen und auch Angst um ih­re Kin­der ha­ben. Er fragt be­harr­lich Leu­te, bis er zwei 14-​jährige Jun­gen fin­det, von de­nen ei­ner be­reit wä­re, sein Le­ben für den „Wi­der­stand” hin­zu­ge­ben.

Nicholas Kristof

Kris­tof ist be­reit, an­zu­er­ken­nen, dass „Is­ra­el le­gi­ti­me Si­cher­heits­in­ter­es­sen hat. Tunnel-​Einbrüche sind re­al. Hamas-​Raketen wur­den von zi­vi­len Or­ten ab­ge­feu­ert… ” Tunnel-​Einbrüche? Ein Ein­bruch ist ei­ne ge­rin­ge Stö­rung. Ist das die Art, wie Kris­tof die Exis­tenz und den Zweck der Tun­nels in­ter­pre­tiert? Wie wä­re es da­mit, zu tö­ten oder so vie­le Is­rae­lis wie mög­lich als Gei­seln zu neh­men? Oder um sich Ma­te­ria­li­en an­zu­eig­nen, die da­zu hät­ten ver­wen­det wer­den kön­nen, ein bes­se­res Le­ben für die Men­schen in Ga­za zu bau­en? Und, ja, Ha­mas hat Ra­ke­ten von zi­vi­len Or­ten aus ab­ge­feu­ert – mehr als 5’000 im Jahr 2014, und mehr als 11’000 seit Is­ra­el sich 2005 aus dem Ga­za­strei­fen zu­rück­ge­zo­gen hat.

Kris­tof fasst sei­ne „Er­kennt­nis­se” so zu­sam­men: „Is­ra­el und Ha­mas ha­ben bei­de ver­sagt, ha­ben Kriegs­run­de um Kriegs­run­de ge­führt.” Is­ra­el und Ha­mas sind al­so glei­cher­mas­sen für die ab­grund­tie­fe La­ge im Ga­za­strei­fen ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Ob­wohl er für sei­ne lei­den­schaft­lich Un­ter­stüt­zung der Men­schen­rech­te be­kannt ist, er­wähnt er nicht ein ein­zi­ges Mal die be­kann­ten Hin­rich­tun­gen der Ha­mas von je­der­mann, von dem sie mut­maws­sen, dass er sie nicht un­ter­stützt, und si­cher­lich oh­ne or­dent­li­ches Ge­richts­ver­fah­ren; ih­rer bru­ta­len Ent­füh­rung und Er­mor­dung is­rae­li­scher Zi­vi­lis­ten; ih­ren er­folg­rei­chen Ver­such, Ga­za zu is­la­mi­sie­ren, mit al­len in­hä­ren­ten Ein­schrän­kun­gen, ins­be­son­de­re für Frau­en. Er schlägt vor, dass der Weg, um den Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen, dar­in be­steht, dass Is­ra­el das Em­bar­go auf­hebt. Das ist es. So ein­fach.

Im Druckerzeug­nis, das das Vi­deo „Win­de des Krie­ges” be­glei­tet, macht Kris­tof ein Zu­ge­ständ­nis. „Zwar ist die Hamas’sche Miss­wirt­schaft von zen­tra­ler Be­deu­tung für das Pro­blem, aber wir ha­ben kei­nen Ein­fluss auf die Ha­mas; wir ha­ben da­ge­gen Ein­fluss auf Is­ra­el. ”

Kris­tof mag ein bril­lan­ter Jour­na­list sein mit Herz und Ge­wis­sen, doch nichts da­von war in sei­ne Be­richt­erstat­tung aus dem Ga­za­strei­fen er­sicht­lich. Sei­ne Be­richt­erstat­tung war sehr im Ein­klang mit dem gröss­ten Teil des Jour­na­lis­mus, der wäh­rend der Ope­ra­ti­on Schutz­rand her­aus­kam, und noch mehr: es ist nach­läs­sig, be­quem, ge­kenn­zeich­net durch Aus­las­sun­gen, Man­gel an his­to­ri­schem Wis­sen und kon­fu­sem Den­ken. Durch den Fei­spruch der Ha­mas von jeg­li­cher Ver­ant­wor­tung, hilft die­ser fehl­ge­lei­te­te Jour­na­lis­mus auf kei­ne Wei­se, um  das Leid der Pa­läs­ti­nen­ser im Ga­za­strei­fen zu ver­min­dern. Das ein­zi­ge, was er tut, ist, die Ha­mas zu stär­ken.

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