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Ist Is­ra­el ein Apartheid-​Staat?

Ron Jontof-​Hutter, 6.7.2016, Je­wish Jour­nal

Palestinian schoolgirls walk with a donkey as the West Bank settlement of Maale Adumim, near Jerusalem, on November 13, 2013. Photo by Ammar Awad/Reuters

Pa­läs­ti­nen­si­schen Schü­le­rin­nen ge­hen mit ei­nem Esel an der Westbank-​Siedlung Maa­le Adu­mim, in der Nä­he von Je­ru­sa­lem, vor­bei am 13. No­vem­ber 2013. Fo­to von Ammar Awad /​ Reu­ters

Ich bin in Süd­afri­ka auf­ge­wach­sen in den Jah­ren der Apart­heid, zu El­tern, die die Na­zis über­lebt ha­ben. So hör­te ich aus ers­ter Hand, was sie er­leb­ten, was mei­ne Sen­si­bi­li­tät für so­zia­le Ge­rech­tig­keit und die Un­ter­stüt­zung für den zi­vi­len Un­ge­hor­sam ge­gen die­ses Ré­gime präg­te.

Im Jahr 1948 führ­te die süd­afri­ka­ni­sche Re­gie­rung un­ter Pre­mier­mi­nis­ter Da­ni­el Fran­cois „DF” Malan Apart­heid­ge­set­ze ein, von de­nen vie­le auf der Grund­la­ge der Nürn­ber­ger Ge­set­ze der Na­zis von 1935 be­ruh­ten, auf­bau­end auf den ras­sen­ba­sier­ten dis­kri­mi­nie­ren­den Ge­set­zen, die seit ei­nem Jahr­hun­dert un­ter bri­ti­scher Herr­schaft be­stan­den hat­ten.

So ver­bot das Misch­ehen­ge­setz 1949 Ehen zwi­schen Wei­ßen und Nicht-​Weißen, wäh­rend das Im­mo­ra­li­täts­ge­setz von 1950 se­xu­el­le Be­zie­hun­gen zwi­schen Wei­ßen und an­de­ren Ras­sen kri­mi­na­li­sier­ten. Im sel­ben Jahr brach­te das Ge­setz zur Un­ter­drü­ckung des Kom­mu­nis­mus wirk­sam die­je­ni­gen zum Schwei­gen, die ge­gen die Ras­sen­po­li­tik der Re­gie­rung op­po­nier­ten. Das Grup­pen­re­gio­nen­ge­setz (1950) mach­te die Tren­nung des Wohn­raums ob­li­ga­to­risch, die Nicht-​Weißen wur­den in Ghet­tos ge­zwun­gen. Das Getrennte-​Einrichtungen-​Gesetz (1953) setz­te von­ein­an­der ge­trenn­te öf­fent­li­che Ein­rich­tun­gen, Fahr­zeu­ge und Dienst­leis­tun­gen ent­lang der Ras­sen­li­ni­en durch. Das Be­völ­ke­rungs­re­gis­trie­rungs­ge­setz (1950) hat­te be­reits je­den Bür­ger in sei­ne ras­si­sche Grup­pe ein­ge­stuft, wie von der Re­gie­rung fest­ge­legt. Schwar­ze muss­ten je­der­zeit ihr Pass­buch bei sich ha­ben, das ein Fo­to, Fin­ger­ab­drü­cke und an­de­re In­for­ma­tio­nen ent­hielt. Oh­ne Pass­buch er­wischt zu wer­den führ­te zu so­for­ti­ger Ver­haf­tung. Ich er­in­ne­re mich an ein Ge­spräch mit ei­ner schwar­zen Frau, die dann über die Stra­ße Zi­ga­ret­ten kau­fen ging. Da sie ihr Pass­buch in ih­rer Hand­ta­sche auf ei­nem Tisch zu­rück­ge­las­sen hat­te, wur­de sie so­fort von vor­bei­ge­hen­der Po­li­zei ver­haf­tet und zwei Wo­chen lang ein­ge­sperrt.

Im Jahr 1953 führ­te der Mi­nis­ter für Ein­ge­bo­re­nen­an­ge­le­gen­hei­ten, Hen­drik Ver­wo­erd, der 1958 Pre­mier­mi­nis­ter wur­de, das Ban­tu (Schwar­ze) Bil­dungs­ge­setz ein, das min­der­wer­ti­ge Ad-​hoc-​Bildung für Schwar­ze Men­schen le­ga­li­sier­te. Ver­wo­erd schrieb: „Es gibt kei­nen Platz für die Ban­tu in der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft über dem Ni­veau von be­stimm­ten For­men der Ar­beit …”

Apart­heid­ge­set­ze be­zo­gen sich auch auf die nie­der­län­di­sche re­for­mier­te Kir­che, be­kannt als „(Apart­heid) Re­gie­rung im Ge­bet.” Schwar­ze Mit­ar­bei­ter wur­den oft von der Teil­nah­me an der Be­er­di­gung ih­rer wei­ßen Ar­beit­ge­ber aus­ge­schlos­sen, ne­ben den re­gu­lä­ren Sonn­tags­got­tes­diens­ten in wei­ßen Kir­chen.

Die­se Lis­te von Apart­heid­ge­set­ze war kei­nes­wegs voll­stän­dig. Ihr Ziel war es, far­bi­ge Süd­afri­ka­ner zu iso­lie­ren und zu ent­per­so­ni­fi­zie­ren, wie es Deutsch­land mit sei­nen Ju­den ge­tan hat­te.

Is­ra­el hat nichts, das auch nur ent­fernt den Apart­heid­ge­set­zen äh­nelt. Im Ge­gen­teil hat Is­ra­el ver­sucht, das Spiel­feld ein­zu­eb­nen durch die Ein­füh­rung von affirmative-​action-​Programmen, die die Viel­falt der is­rae­li­schen Ge­sell­schaft dar­stel­len. Zwar nicht per­fekt, sind die­se Pro­gram­me klas­sen­ba­siert, statt ras­sen­ba­siert, um so mög­lichst vie­le be­nach­tei­lig­te Bür­ger wie mög­lich un­ab­hän­gig von ih­rem eth­ni­schen Hin­ter­grund zu um­fas­sen. Das Er­geb­nis ist, dass vie­le ara­bi­sche Is­rae­lis pro­fi­tiert ha­ben, zu­sam­men mit jü­di­schen Is­rae­lis aus ar­men nicht­eu­ro­päi­schen Her­künf­ten. Im Ge­gen­satz da­zu hat Süd­afri­ka Ras­sen­un­ter­schei­dun­gen zwi­schen den ei­ge­nen Bür­gern be­tont und aus­ge­beu­tet, um Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­ar­mung zu för­dern, da­mit das Ré­gime die He­ge­mo­nie der ei­ge­nen Ras­sen ge­währ­leis­ten konn­te.

In Süd­afri­ka der Apart­heid wur­den Schwar­ze über­wie­gend aus Be­ru­fen aus­ge­schlos­sen und als un­ge­lern­te „Ar­beits­ein­hei­ten” ge­hal­ten, wie Ver­wo­erd skiz­zier­te. Im Ge­gen­satz da­zu in Is­ra­el, wo Ara­ber 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus­ma­chen, sind 35 Pro­zent der is­rae­li­schen Apo­the­ker Ara­ber. Der Di­rek­tor der Not­fall­me­di­zin in Je­ru­sa­lems be­rühm­tem Ha­das­sah Me­di­cal Cen­ter ist Dr. Aziz Daraw­she, ein ara­bi­scher Is­rae­li, des­sen Mut­ter An­alpha­be­tin war und des­sen Va­ter vier Schul­jah­re hin­ter sich hat­te. Sei­ne Ge­schwis­ter sind Ärz­te, ein Zahn­arzt, ein In­ge­nieur und fünf Schwes­tern ha­ben auch das Col­le­ge be­sucht.

Im Jahr 2013 hat ei­ne weib­li­che is­rae­li­sche Mus­li­min, Mais Ali-​Saleh, ih­ren Ab­schluss ge­macht von Is­ra­els bes­ter me­di­zi­ni­scher Schu­le, dem Tech­ni­on, als Ab­schieds­red­ne­rin. Vor kur­zem gra­tu­lier­te Bil­dungs­mi­nis­ter Nafta­li Ben­nett Mo­ham­med Zei­dan als bes­tem Ab­itu­ri­ent Is­ra­els (er er­ziel­te die höchs­te Punkt­zahl in ei­nem stan­dar­di­sier­ten Test). Er wird sich zu sei­ner Schwes­ter am Tech­ni­on ge­sel­len. Im Ge­gen­satz da­zu wur­den schwar­ze süd­afri­ka­ni­sche Stu­den­ten in der Re­gel nicht auf dem Cam­pus zu­ge­las­sen, au­ßer als Haus­meis­ter.

In Süd­afri­ka spiel­ten die Po­li­zei und das Mi­li­tär ei­ne Schlüs­sel­rol­le bei der Durch­set­zung der Apart­heid – oft ge­walt­tä­tig. In Is­ra­el sind ara­bisch­spra­chi­ge Is­rae­lis wie Brig. Gen. Imad Fa­res und Oberst Ghassan Eli­an, der Kom­man­deur der Eli­te Go­la­ni Bri­ga­de, in Po­si­tio­nen auf­ge­stie­gen, die für Schwar­ze oder In­der in Süd­afri­ka un­denk­bar wa­ren. Vor kur­zem wur­de der arabisch-​israelische Ja­mal Ha­krush zum stell­ver­tre­ten­den Po­li­zei­kom­mis­sar er­nannt.

Ob­wohl le­bens­ret­ten­de Maß­nah­men wie die Si­cher­heits­bar­rie­re und die Kon­trol­le der Ara­ber an ih­rem Platz sind, um Le­ben vor Ter­ror­an­schlä­gen zu ret­ten, so gel­ten sie nicht für ara­bi­sche Is­rae­lis, son­dern für die­je­ni­gen, die kei­ne is­rae­li­schen Staats­bür­ger, au­ßer­halb der Waf­fen­still­stands­li­ni­en, sind. Im Ge­gen­satz da­zu dis­kri­mi­nier­te das süd­afri­ka­ni­sche Apartheid-​Régime ge­gen sei­ne schwar­zen Bür­ger. Ein ame­ri­ka­ni­scher oder deut­scher Tou­rist konn­ten ein Thea­ter be­su­chen oder ei­nen Spa­zier­gang am Strand ma­chen – Ak­ti­vi­tä­ten, die schwar­zen süd­afri­ka­ni­schen Bür­gern ver­wei­gert wur­den.

Vor kur­zem ge­wann die israelisch-​arabische Ta’alin Abu Han­na den Miss Trans-​Israel Wett­be­werb. Sie be­merk­te, dass sie in ei­nem ara­bi­schen Land wahr­schein­lich er­mor­det wor­den wä­re. Im Süd­afri­ka der Apart­heid könn­te ei­ne far­bi­ge Per­son nicht ein­mal an ei­nem Kunst oder Mu­sik­wett­be­werb teil­neh­men, ge­schwei­ge denn an ei­nem Schön­heits­wett­be­werb.

Bi­schof Des­mond Tu­tu und die Or­ga­ni­sa­tio­nen, die Ver­an­stal­tun­gen wie die Israel-​Apartheid-​Woche för­dern, sind nicht nur ir­re­füh­rend, sie be­lei­di­gen die Er­in­ne­rung an die Op­fer der Apart­heid eben­so wie es Holocaust-​Leugner tun. Lei­der ha­ben sie auch ech­te Li­be­ra­le zu­tiefst in Ver­le­gen­heit ge­bracht durch fal­sche und ver­zerr­te Dar­stel­lung der Wahr­heit durch fehl­ge­lei­te­te po­li­ti­sche Kor­rekt­heit und ver­schla­ge­nen Po­pu­lis­mus.

Ron Jontof-​Hutter ist Se­ni­or Re­se­arch fel­low am Ber­li­ner In­ter­na­tio­na­len Cen­ter für das Stu­di­um des An­ti­se­mi­tis­mus. Er ist auch Au­tor ei­ner Sa­ti­re über po­pu­lis­ti­schen An­ti­se­mi­tis­mus mit dem Na­men “The Trom­bo­ne Man: Ta­les of a Mi­so­gy­nist.

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