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Das stra­te­gi­sche Ver­sa­gen des Wes­tens, das mo­ra­li­sche Ver­sa­gen der Mus­li­me

Kom­men­tar: Si­cher­heits­kräf­te kön­nen ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Ar­beit leis­ten, um den Ter­ro­ris­mus zu ver­hin­dern. Doch so­lan­ge die mus­li­mi­schen Ge­mein­den Eu­ro­pas den Ra­di­ka­lis­mus nicht ab­leh­nen, wer­den im­mer mehr jun­ge Men­schen auf­het­zen­de Bot­schaf­ten hö­ren und Mär­ty­re­r­at­ten­ta­te aus­füh­ren.

Na­dav Ey­al, 25.12.2016, Ynet­news

Die Ter­ro­ris­ten vom 11. Sep­tem­ber plan­ten ih­re töd­li­che Ver­schwö­rung in Ham­burg, di­rekt un­ter der Na­se der lo­ka­len Nach­rich­ten­diens­te. Die Deut­schen zo­gen aus die­sem Nach­rich­ten­dienst­ver­sa­gen um­fang­rei­che Leh­ren; Sie wur­den zum fä­higs­ten Land des Wes­tens – ver­mut­lich mit Aus­nah­me von Is­ra­el – in der Er­mitt­lung ter­ro­ris­ti­scher Plä­ne und Zel­len. Die in Frank­reich und Bel­gi­en auf­ge­deck­ten Feh­ler nach dem An­schlag auf das Bataclan-​Theater sind im deut­schen Sys­tem nicht vor­han­den. Trotz­dem er­war­te­ten die Deut­schen, schließ­lich von ei­nem Groß­an­griff ge­trof­fen zu wer­den. Die Ter­ror­at­ta­cke in Ber­lin über­rasch­te nie­man­den und die Deut­schen er­war­ten noch mehr An­grif­fe die­ser Art.

Der Ter­ror­an­griff in Ber­lin, für den ISIS die Ver­ant­wor­tung über­nahm, scheint nicht wie ei­ne Tat, die von ei­nem or­ga­ni­sier­ten Ter­ror­netz­werk durch­ge­führt wird, son­dern als Tat ei­nes einsamer-​Wolf-​Terroristen. Es ist zu früh, et­was zu sa­gen, aber die­se Art von Ter­ro­ris­mus er­in­nert an ähn­li­che Phä­no­me­ne, die wir im Wes­ten im All­ge­mei­nen se­hen. Ein jun­ger Mann, der Sohn von Ein­wan­de­rern (meis­tens selbst kein Ein­wan­de­rer), er­lebt ei­nen ra­schen Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­zess und führt mit re­la­tiv be­schränk­ter Ko­ope­ra­ti­on an­de­rer ei­nen Plan aus, der sehr töd­lich sein könn­te. Ein LKW ist ei­ne ein­schüch­tern­de Waf­fe, wie wir in Niz­za ge­se­hen ha­ben.

Der Wes­ten, wie Is­ra­el, be­schäf­tigt sich in­ten­siv mit Fra­gen, wie man die­sen Ter­ro­ris­mus be­sie­gen kann. Wie ver­hin­dern wir, dass ein­sa­me Ter­ro­ris­ten sich auf mör­de­ri­sche Mis­sio­nen be­ge­ben, wenn ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Au­ßen­welt be­grenzt ist, wo­durch die Wirk­sam­keit ver­schie­de­ner Über­wa­chungs­we­ge ein­ge­schränkt wird? Wie ent­de­cken wir Ra­di­ka­li­sie­rung und schnei­den sie ab?

Of­fen­sicht­lich er­leich­tert ein öf­fent­li­cher und „on­line” -Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­zess den Si­cher­heits­diens­ten, sie zu lo­ka­li­sie­ren und viel­leicht so­gar vor ei­nem An­griff in­ter­ve­nie­ren zu kön­nen. In der Eu­ro­päi­schen Uni­on gibt es ei­ne Viel­zahl von Plä­nen, die Leh­rern, Wis­sen­schaft­lern und Po­li­zei Mit­tel für die Su­che nach Ra­di­ka­li­sie­rung er­mög­li­chen, die töd­lich ver­lau­fen könn­te. Wie gut funk­tio­niert es? In be­grenz­tem Um­fang.

Das größ­te Ver­sa­gen des Wes­tens ver­steckt sich in Kom­men­ta­ren des US-​Präsidenten Ge­or­ge W. Bush, ge­folgt von Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma: Der Is­lam ist nicht das Pro­blem. Das Pro­blem ist der Ter­ro­ris­mus und die Ra­di­ka­len, die sich dar­an an­leh­nen. Die­se Aus­sa­gen wa­ren die Emp­feh­lung der ame­ri­ka­ni­schen Si­cher­heits­be­hör­den, die mit Bush dar­um ba­ten, zwi­schen „gut” und „bö­se” zu un­ter­schei­den und nicht die ge­sam­te mus­li­mi­sche Welt zum Feind zu ma­chen. Die Aus­sa­ge selbst ist zwar zu­tref­fend, aber es ge­lang nicht, das wirk­sams­te ge­mein­schaft­li­che In­stru­ment ge­gen Ra­di­ka­lis­mus in Stel­lung zu brin­gen – so­zia­le Äch­tung.

Zum Bei­spiel, wie be­kämpft der Wes­ten Ras­sis­mus? Er ver­sucht (oder ver­such­te, um ge­nau­er zu sein), die Ras­sis­ten zu äch­ten. Er setzt sie der Schan­de aus in ih­rer Un­wis­sen­heit und ih­rem Hass. Ja, es nützt sich ab, aber die west­li­che Norm ist, dass Ras­sis­ten Men­schen sind, die vom La­ger­feu­er fern­ge­hal­ten wer­den soll­ten und da­durch zu ei­nem un­be­deu­ten­den und il­le­ga­len Phä­no­men wer­den.

Die Aus­gren­zung hat im Kon­text der is­la­mi­schen Ra­di­ka­li­sie­rung nicht gut funk­tio­niert. Der Wes­ten ver­such­te zu über­zeu­gen, sei­ne Füh­rer sag­ten die rich­ti­gen Wor­te, aber die eu­ro­päi­schen Mus­li­me leh­nen Ra­di­ka­lis­mus nicht ab. Ih­re Füh­rer ver­ur­tei­len ihn zwar, aber sie un­ter­neh­men nichts und ent­fer­nen die Ra­di­ka­len nicht aus ih­rer Mit­te. Und ich mei­ne nicht den hef­ti­gen Ra­di­ka­lis­mus; Es ist sehr leicht, nach ei­nem An­griff zu ver­ur­tei­len. Es gibt aber kei­ne Ab­leh­nung der auf­wie­geln­den, het­ze­ri­schen Ra­di­ka­len.

Der Wes­ten schei­ter­te stra­te­gisch, je­doch das mo­ra­li­sche Ver­sa­gen muss man vie­len mus­li­mi­schen Ge­mein­schaf­ten an­las­ten. Die Kri­se er­gibt sich aus der Tat­sa­che, dass die Idee der „mus­li­mi­schen Ge­mein­schaft” ei­ne künst­li­che Kon­struk­ti­on von Fremd­heit ist. Denn was hat der per­sisch spre­chen­de ira­ni­sche schii­ti­sche Mus­lim in Deutsch­land wirk­lich mit dem türkisch- und deutsch­spra­chi­gen Sohn der tür­ki­schen Im­mi­gran­ten und mit dem sy­ri­schen Flücht­ling ge­mein, der kei­ne die­ser Spra­chen spricht? Es gibt hier Sub-​Communities und Sub-​Sub-​Communities. Sie sind arm, und sie ha­ben kei­ne ak­zep­tier­te Füh­rung. Wenn es kei­ne ho­mo­ge­ne Ge­mein­schaft gibt, ist es schwie­rig, ef­fek­ti­ve Me­cha­nis­men der Aus­gren­zung zu schaf­fen, und an den Rän­dern ist es leich­ter für den Ra­di­ka­lis­mus, sich zu ver­brei­ten.

So­lan­ge die­se Si­tua­ti­on so bleibt, wer­den im­mer mehr jun­ge Men­schen ra­di­ka­li­sie­ren­de Bot­schaf­ten hö­ren und Mär­ty­rer­an­grif­fe aus­füh­ren. Die Si­cher­heits­kräf­te kön­nen her­vor­ra­gen­de Ar­beit leis­ten, um sie zu ver­hin­dern (und in Is­ra­el wird das ge­tan), doch die Krank­heit und die Me­di­ka­men­te da­ge­gen kön­nen nur in der Ge­mein­schaft ge­fun­den wer­den.

Na­dav Ey­al ist in­ter­na­tio­na­ler Chef­kor­re­spon­dent von Chan­nel 10.

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