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Schweiz: Scho­ko­la­de, Uh­ren und Dschihad

Ju­dith Berg­man, 2.2.2017, Gatestone Institute

  • Die Schwei­zer Be­hör­den er­mit­teln der­zeit ge­gen 480 mut­maß­li­che Dschi­ha­dis­ten im Land.
  • „In der An-​Nur-​Moschee pre­dig­ten im­mer ra­di­ka­le Ima­me, das hat Sys­tem. Die Ver­ant­wort­li­chen sind Fa­na­ti­ker. Es ist kein Zu­fall, dass so vie­le jun­ge Leu­te von Win­ter­thur aus ra­di­ka­li­siert in den Ji­had zo­gen oder zie­hen woll­ten.” – Saï­da Keller-​Messahli, Prä­si­den­tin des Fo­rums für ei­nen Pro­gres­si­ven Islam.
  • Die Schweiz ist die Ant­wort an die­je­ni­gen, die be­haup­ten, dass der is­la­mi­sche Ter­ro­ris­mus für die­je­ni­gen Län­der re­ser­viert ist, die an Ope­ra­tio­nen ge­gen ISIS oder an­de­re is­la­mi­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen teil­ge­nom­men ha­ben. Die Schweiz hat nichts der­glei­chen ge­tan, und doch fi­gu­rier­te ih­re Fah­ne un­ter sech­zig an­de­ren feind­li­chen Fah­nen, die in ei­nem ISIS-​Propagandavideo ge­zeigt wurden.
  • „Rie­si­ge Sum­men flie­ßen aus Saudi-​Arabien, den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, Ka­tar, Ku­wait und der Tür­kei in die Schweiz … Es gibt in der Schweiz ein gan­zes Netz­werk von ra­di­kal ori­en­tier­ten Mo­sche­en. Die­ses Netz­werk ist ei­ne Dreh­schei­be für Sala­fis­ten. Die Schwei­zer Be­hör­den ma­chen den gro­ßen Feh­ler, nicht in die Mo­sche­en hin­ein­zu­schau­en.” – Saï­da Keller-Messahli.
  • Es gibt rund 70 tür­ki­sche Mo­sche­en, die di­rekt von der Tür­kei fi­nan­ziert wer­den durch die Diyanet-​Stiftung in der Schweiz.
  • Die schwei­ze­ri­sche Re­gie­rung scheint Ka­tar, ei­nem der Haupt­för­de­rer des Wahhabiten-​Salafismus in der Welt heu­te, ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Be­hand­lung zu geben.

Das is­la­mi­sche Kul­tur­zen­trum an’Nur in Win­ter­thur, Schweiz. (Bild­quel­le: Goog­le Maps)

Im No­vem­ber 2016 ver­haf­te­te die Schwei­zer Po­li­zei den Imam der an’Nur-Moschee in Win­ter­thur im Kan­ton Zü­rich, weil er da­zu auf­ge­for­dert hat­te, Mus­li­me zu er­mor­den, die sich wei­gern, am Ge­mein­de­ge­bet teil­zu­neh­men. Der jun­ge Imam, der aus Äthio­pi­en ge­kom­men war, war nur kur­ze Zeit in der Schweiz. Der Zür­cher Ver­band der Is­la­mi­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen (Vi­oz) er­klär­te, er sei „scho­ckiert” und sus­pen­dier­te die An’Nur- Mo­schee bis auf wei­te­res im Ver­band: „Wir sind scho­ckiert, dass ein Imam in ei­nem un­se­rer Ge­bets­häu­ser zu Ge­walt auffordert.”

Es gibt we­nig Grund, „scho­ckiert” zu sein. Be­reits im Jahr 2015 mach­te Win­ter­thur in der Schweiz Schlag­zei­len als auf­stre­ben­des Zen­trum für jun­ge Mus­li­me mit Dschihadi-​Ambitionen. Vier Leu­te aus Win­ter­thur schaff­ten es, nach Sy­ri­en zu rei­sen, um sich ISIS an­zu­schlie­ßen, und ein Fünf­ter wur­de am Flug­ha­fen Zü­rich gestoppt.

Im No­vem­ber 2015 sag­te der Schwei­zer Jour­na­list und Syrien-​Experte Kurt Pel­da: „Der IS hat ei­ne Zel­le in Win­ter­thur in der Nä­he der An’Nur-Moschee in Hegi, es gibt kei­nen Zwei­fel mehr.” Er sag­te auch, dass ne­ben den fünf be­kann­ten Fäl­len noch ein an­de­rer Mann aus Win­ter­thur nach Sy­ri­en ge­reist sei.

Der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Is­la­mi­schen Kul­tur­ver­ei­ni­gung der An’Nur, Atef Sahoun, leug­ne­te da­mals al­le Anwürfe:

„Wenn wir ra­di­ka­le Ten­den­zen in ei­nem Mit­glied ent­de­cken, dann wird die ent­spre­chen­de Per­son so­fort aus­ge­schlos­sen, wir schi­cken sie weg, egal wer es ist.”

Atef Sahoun wur­de im No­vem­ber 2016 zu­sam­men mit dem äthio­pi­schen Imam we­gen Het­ze­rei ver­haf­tet, doch spä­ter freigelassen.

Laut Saï­da Keller-​Messahli, is­la­mi­sche Ex­per­tin und Prä­si­den­tin des Fo­rum für ei­nen Pro­gres­si­ven Is­lam, ist der ver­haf­te­te Imam aus der an’Nur-Moschee nur die „Spit­ze des Eisbergs”:

„In der An-​Nur-​Moschee pre­dig­ten im­mer ra­di­ka­le Ima­me, das hat Sys­tem. Die Ver­ant­wort­li­chen sind Fa­na­ti­ker. Es ist kein Zu­fall, dass so vie­le jun­ge Leu­te von Win­ter­thur aus ra­di­ka­li­siert in den Ji­had zo­gen oder zie­hen wollten.”

Im No­vem­ber 2015 führ­te die Schwei­zer Po­li­zei ei­ne Raz­zia durch auf die Häu­ser zwei­er Ima­me an der größ­ten Mo­schee in der Schweiz, der Gen­fer Mo­schee, die 1978 vom ehe­ma­li­gen Kö­nig von Saudi-​Arabien ein­ge­weiht wor­den war. Die Mo­schee wird von ei­ner Stif­tung, Fon­da­ti­on Cul­tu­rel­le Is­la­mi­que de Genè­ve, ge­führt, die en­ge Ver­bin­dun­gen zu Saudi-​Arabien zu ha­ben scheint. Wäh­rend die fran­zö­si­sche Po­li­zei sich wei­ger­te, zu den Raz­zi­en oder Vor­wür­fen an die Ima­me Stel­lung zu be­zie­hen, be­rich­te­te ei­ne schwei­ze­ri­sche Zei­tung, „… ei­ne Grup­pe von et­wa 20 jun­gen Ex­tre­mis­ten hat seit meh­re­ren Mo­na­ten die Mo­schee be­sucht, von de­nen zwei an­geb­lich nach Sy­ri­en reisten.”

Die Schwei­zer Be­hör­den er­mit­teln der­zeit ge­gen 480 mut­maß­li­che Dschi­ha­dis­ten im Land. Die Schweiz ist al­so ei­ne her­vor­ra­gen­de Ant­wort auf die­je­ni­gen, die wei­ter­hin be­haup­ten, der is­la­mi­sche Ter­ro­ris­mus sei für die­je­ni­gen Län­der re­ser­viert, die an Ope­ra­tio­nen ge­gen ISIS oder an­de­re mus­li­mi­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen teil­ge­nom­men ha­ben. Die Schweiz hat nichts der­glei­chen ge­tan, und doch fi­gu­rier­te ih­re Fah­ne un­ter sech­zig an­de­ren feind­li­chen Fah­nen, die in ei­nem ISIS-​Propagandavideo ge­zeigt wurden..

Wer fi­nan­ziert die rund 250 Mo­sche­en in der Schweiz? Die Schwei­zer Re­gie­rung weiß es nicht, zu­min­dest of­fi­zi­ell, da sie nicht für die Er­he­bung von Da­ten über die Fi­nan­zie­rung mus­li­mi­scher Ver­bän­de und Mo­sche­en zu­stän­dig ist, au­ßer in Aus­nah­me­fäl­len, in de­nen die in­ne­re Si­cher­heit ge­fähr­det ist.

Do­ris Fi­a­la ist ei­ne Mitte-​Rechts-​Parlamentarierin, die die Be­hör­den da­zu auf­ge­ru­fen hat, Trans­pa­renz zu schaf­fen. Sie will je­den Ver­band, der von aus­län­di­schen Geld pro­fi­tiert, im Han­dels­re­gis­ter auf­lis­ten, dass des­sen Kon­ten von ei­ner un­ab­hän­gi­gen kan­to­na­len Be­hör­de und Wirt­schafts­prü­fungs­in­stanz über­wacht wer­den. Als Ant­wort auf ih­re An­trä­ge sag­te ihr die Regierung:

„Be­kannt ist, dass es so­wohl staat­li­che wie auch pri­va­te Geld­ge­ber aus dem Aus­land gibt. Der Nach­rich­ten­dienst des Bun­des NDB hat ak­tu­ell kei­ne Hin­wei­se auf staats­schutz­re­le­van­te ex­ter­ne Fi­nan­zie­run­gen von Moscheen.

Laut Rein­hard Schul­ze, Pro­fes­sor für Is­lam­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Bern:

„Es gibt zwei­fel­los struk­tu­rier­te Kon­tak­te zwi­schen der Is­la­mi­schen Welt­li­ga und ge­wis­sen is­la­mi­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen in der Schweiz. Spen­den der Welt­li­ga und an­de­re aus Sau­di­ara­bi­en stam­men­de Gel­der kom­men pri­vi­le­giert den Mo­sche­en und Ver­ei­nen zu, die der wah­h­a­bi­ti­schen Tra­di­ti­on zu­min­dest po­si­tiv gegenüberstehen.”

Geld aus Sau­di­ara­bi­en er­reicht die Schweiz auf ver­schie­de­ne Wei­se, so Schul­ze. Ein Bei­spiel da­für ist die Eu­ro­päi­sche Or­ga­ni­sa­ti­on der Is­la­mi­schen Zen­tren (EOIC), die im Jahr 2015 von ei­nem Al­ge­ri­er in Genf ge­grün­det wur­de und als ein­zi­ges Ziel die Fi­nan­zie­rung der In­fra­struk­tur mus­li­mi­scher In­sti­tu­tio­nen so­wie die Aus­bil­dung und Be­schäf­ti­gung von Ima­men umfasst.

„Rie­si­ge Sum­men flie­ßen aus Saudi-​Arabien, den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, Ka­tar, Ku­wait und der Tür­kei in die Schweiz”, sag­te Saï­da Keller-​Messahli im No­vem­ber der NZZ. Laut Keller-​Messahli ist die an’Nur-Moschee kein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Bei­spiel für ei­ne „ra­di­ka­le” Schwei­zer Moschee:

„Es gibt in der Schweiz ein gan­zes Netz­werk von ra­di­kal ori­en­tier­ten Mo­sche­en. Da­hin­ter steckt die Is­la­mi­sche Welt­li­ga, die jun­ge Ima­me nach ih­rem Sinn aus­bil­det und dann in die Welt hin­aus­schickt. Das sind ei­gent­li­che Wan­der­pre­di­ger, die nicht nur in der Schweiz, son­dern auch in Ös­ter­reich, Deutsch­land, Nor­we­gen oder Dä­ne­mark ihr Un­we­sen trei­ben. Die­ses Netz­werk ist ei­ne Dreh­schei­be für Sala­fis­ten. Die Schwei­zer Be­hör­den ma­chen den gros­sen Feh­ler, nicht in die Mo­sche­en hin­ein­zu­schau­en. Das Bild von den be­mit­lei­dens­wer­ten Hinterhof-​Moscheen stimmt nicht mehr. Der­zeit wer­den für je­weils meh­re­re Mil­lio­nen Fran­ken neue Mo­sche­en er­stellt, zu­letzt in Vol­kets­wil, Net­s­tal (GL) und in Wil (SG). Dass die­se Be­trä­ge von Mit­glie­dern stam­men sol­len, ist ein­fach ge­lo­gen – sie kom­men von der Is­la­mi­schen Welt­li­ga und ih­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen bei­spiels­wei­se in Genf, mit der kla­ren Ab­sicht, hier­zu­lan­de sala­fis­ti­sches Ge­dan­ken­gut zu streuen.”

Dar­über hin­aus gibt es rund 70 tür­ki­sche Mo­sche­en, die di­rekt aus der Tür­kei fi­nan­ziert wer­den durch die Diyanet-​Stiftung in der Schweiz. Die wich­tigs­ten sind in Zü­rich, Lu­zern, St. Gal­len, Lu­ga­no, Biel, Frei­burg und Neuchâtel.

Dar­über hin­aus scheint die Schwei­zer Re­gie­rung Ka­tar, ei­nem der pri­mä­ren För­de­rer des Wahhabiten-​Salafismus in der Welt heu­te, ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Be­hand­lung zu ge­ben. In der Schweiz hat Ka­tar Mil­li­ar­den von Schwei­zer Fran­ken in­ves­tiert: Be­reits 2008 in­ves­tier­te sie 6 Mil­li­ar­den Fran­ken in die Credit Su­is­se und der ehe­ma­li­ge Emirs­sohn sitzt im Vor­stand der Bank. Sie hält 8,42 Pro­zent der An­tei­le an der Wa­ren­grup­pe Glen­core Xstra­ta und 4,11 Pro­zent des Reis­händ­lers Duf­ry. Ka­tar ver­fügt so­gar über ei­ne ei­ge­ne Bank, die QNB Ban­que Pri­vée Su­is­se, die in Genf tä­tig ist. Ne­ben die­sen In­ves­ti­tio­nen hat Ka­tar stark in die Schwei­zer Ho­tel­le­rie in­ves­tiert und wächst dort wei­ter. Sie gibt der­zeit ei­ne Mil­li­ar­de Fran­ken aus für den Er­werb und die Re­no­vie­rung von drei Lu­xus­ho­tels und Re­sorts in der Schweiz in Lau­sanne, Bern und in der Nä­he von Lu­zern, be­kannt als das Pro­jekt „Bür­gen­stock Selec­tion”. Das größ­te der drei ist ein Re­sort, hoch über dem Vier­wald­stät­ter­see, wo drei Ho­tels, zehn Lu­xus­vil­len und Dut­zen­de von Woh­nun­gen ge­baut wer­den. In den Wor­ten von Die Welt: „Ka­tar baut ein ei­ge­nes Dorf” in der Schweiz.

Am Viel­sa­gends­ten ist viel­leicht ein klei­nes Vor­komm­nis, das En­de De­zem­ber statt­fand. Die Welt be­rich­te­te, dass die Schwei­zer Luft­waf­fe dem ehe­ma­li­gen Emir von Ka­tar, Ha­mad Bin Kha­li­fa al-​Thani, er­laub­te, mit­ten in der Nacht auf dem Flug­ha­fen Zü­rich zu lan­den, trotz des be­stehen­den Nacht­flug­ver­bots. Der 64-​jährige Kha­li­fa al-​Thani hat­te in Ma­rok­ko ein Bein ge­bro­chen und be­stand dar­auf, so­fort in die Schweiz ge­flo­gen zu wer­den, oh­ne sich dar­um zu küm­mern, dass zwi­schen drei und sechs Uhr nachts in Zü­rich nie­mand lan­den darf. Die Schwei­zer Luft­waf­fe stimm­te den­noch der Lan­dung zu und stütz­te ih­re Ent­schei­dung auf ei­nen „me­di­zi­ni­schen Not­fall”. Kurz vor sechs Uhr lan­de­ten zwei wei­te­re Flug­zeu­ge – dies­mal aus Do­ha, der Haupt­stadt von Ka­tar – eben­falls wäh­rend des Nachtflugverbots.

Die schwei­ze­ri­sche Re­gie­rung stört sich of­fen­bar nicht dar­an, dass die ka­ta­ri­sche Herr­scher­fa­mi­lie die Schweiz als Er­wei­te­rung von Ka­tar be­han­delt – und das sub­su­miert per­fekt die fort­schrei­ten­de Is­la­mi­sie­rung der Schweiz.

Ju­dith Berg­man ist Schrift­stel­le­rin, Ko­lum­nis­tin, Rechts­an­wäl­tin und Politologin.


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone Instituts.

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  1. Stoff für’s Hirn | abseits vom mainstream - heplev

    […] der Schweiz): – Rech­te­grup­pen bie­ten kos­ten­lo­se Dienst­leis­tun­gen für den Dschi­had – Schweiz: Scho­ko­la­de, Uh­ren und Dschi­had – War­um kri­ti­sie­re ich Israel […]

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