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War­um zielt das Rechts­zen­trum für Ar­mut des Sü­dens auf Linke?

Ay­a­an Hirsi Ali, 24.8.2017, New York Times

Maajid Na­waz, der über sei­ne Ver­gan­gen­heit als is­la­mi­scher Ex­tre­mist ge­schrie­ben hat und sei­ne Er­fah­rung be­nutzt, um ge­gen den Ex­tre­mis­mus zu strei­ten, spricht in West Hamp­s­te­ad, Lon­don Hus­tings 2015

Seit der Ge­walt in Char­lot­tes­vil­le vor 10 Ta­gen, als wei­ße Su­pre­ma­zis­ten ei­ne jun­ge Frau tot und 19 an­de­re ver­letzt zu­rück­lies­sen, hat das Rechts­zen­trum für Ar­mut des Sü­dens (Sou­thern Po­ver­ty Law Cen­ter, S.P.L.C.) den Jack­pot ge­trof­fen. Die in Ala­ba­ma do­mi­zi­lier­te Non­pro­fit­or­ga­ni­sa­ti­on soll Mil­lio­nen von Dol­lars in Spen­den emp­fan­gen ha­aben von ei­ni­gen der tiefs­ten Ta­schen der Na­ti­on. Ap­ple ver­sprach 1 Mil­li­on Dol­lar. JP Mor­gan Cha­se & Co ei­ne hal­be Mil­li­on. So­gar Ge­or­ge und Amal Cloo­ney gin­gen dar­auf ein und ver­spra­chen, ei­ne wei­te­re Mil­li­on Dol­lar zu spenden.

Wie je­der an­de­re an­stän­di­ge Ame­ri­ka­ner war ich em­pört, dass der Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Neo-​Nazi-​Aktivitäten in die­sem Land glei­cher­ma­ßen ver­ur­teil­te. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – ganz zu schwei­gen von der wei­ßen Vor­macht­stel­lung und der Rassen-​Bigotterie – hat kei­nen Platz in ei­ner zi­vi­li­sier­ten Gesellschaft.

Doch ist das Spen­den von Geld an S.P.L.C. der bes­te Weg, um die­ses Gift zu be­kämp­fen? Ich den­ke nicht. Wenn Tim Cook und Ja­mie Di­mon ih­re Due Di­li­gence ge­tan hät­ten, wür­den sie wis­sen, dass die S.P.L.C. ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on ist, die sich auf ei­nem Irr­weg be­fin­det, die Men­schen ver­leum­det, die für die Frei­heit kämp­fen, und die blind ist für ei­ne Ideo­lo­gie und ei­ne po­li­ti­sche Be­we­gung, die mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus viel ge­mein hat.

Ich bin ei­ne Schwar­ze, Fe­mi­nis­tin und ehe­ma­li­ge Mus­li­ma, die sich kon­se­quent ge­gen po­li­ti­sche Ge­walt aus­ge­spro­chen hat. Der Preis für den Aus­druck mei­ner Über­zeu­gun­gen war hoch: Ich muss je­der­zeit mit be­waff­ne­tem Si­cher­heits­per­so­nal rei­sen. Mein Freund und Mit­ar­bei­ter Theo van Gogh wur­de am hell­lich­ten Tag er­mor­det.

Und doch hat die S.P.L.C. die Kühn­heit, mich als „Ex­tre­mis­tin” zu be­zeich­nen, in­dem sie mei­nen Na­men in ei­nem „Field Gui­de to Anti-​Muslim Ex­tre­mists” auf­lis­tet, den sie auf ih­rer Web­site im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber ver­öf­fent­licht hat.

In die­sem Füh­rer be­haup­tet die S.P.L.C., dass ich ei­ne „Pro­pa­gan­dis­tin weit au­ßer­halb des po­li­ti­schen Main­streams” sei und warnt Jour­na­lis­ten, mei­ne „schäd­li­chen Fehl­in­for­ma­tio­nen” zu ver­mei­den. Die­se halt­lo­sen Ver­leum­dun­gen sind zu­tiefst be­lei­di­gend, da ich den gros­sen Teil mei­nes Er­wach­se­nen­le­bens der Tä­tig­keit ge­wid­met ha­be, die wah­ren Ex­tre­mis­ten beim Na­men zu nen­nen: Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Al Qai­da und ISIS. Den­noch wird man bei der S.P.L.C. ver­geb­lich nach dem „Field Gui­de to Mus­lim Ex­tre­mists” su­chen. Ei­ne sol­che Lis­te exis­tiert nicht.

Das ist ei­ne Schan­de, denn der is­la­mi­sche Ex­tre­mis­mus – ei­ne Be­we­gung, die auf die Er­rich­tung ei­nes Ka­li­fats und die Ver­hän­gung der Scha­ria ab­zielt – ist so gif­tig wie die wei­ße Vor­herr­schaft. In den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten war er si­cher­lich für viel mehr To­te verantwortlich.

Wie die Neo­na­zis ver­ach­ten die is­la­mi­schen Ex­tre­mis­ten den Li­be­ra­lis­mus. Sie leug­nen die Gleich­heit der Ge­schlech­ter, recht­fer­ti­gen das Schla­gen der Ehe­frau und in ei­ni­gen Fäl­len so­gar die Ver­skla­vung weib­li­cher Un­gläu­bi­ger. Der is­la­mi­sche Staat und ähn­li­che Grup­pen er­mor­den re­gel­mä­ßig ho­mo­se­xu­el­le Men­schen auf ab­scheu­lichs­te Wei­se. Is­la­mi­sche Ex­tre­mis­ten sind auch vi­ru­lent an­ti­se­mi­tisch, wie die Na­zis vor ih­nen. Und wie die heu­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Na­zis schwin­gen sie Ha­ken­kreu­ze, sin­gen Be­lei­di­gun­gen und pfle­gen Verschwörungstheorien.

Die schreck­li­chen Kon­se­quen­zen des is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus sind je­de Wo­che auf der gan­zen Welt sicht­bar. In den Ta­gen nach Char­lot­tes­vil­le be­nutz­ten fünf Män­ner in Bar­ce­lo­na ei­nen Van und Mes­ser, um 14 Men­schen zu tö­ten und hau­fen­wei­se un­schul­di­ge Men­schen zu ver­let­zen. Ein wei­te­rer is­la­mi­scher Ex­tre­mist ging in Finn­land auf ei­nen mes­ser­ste­chen­den  Amok­lauf. In rei­chen Ge­sell­schaf­ten wie den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind die meis­ten Plä­ne, um im Na­men der is­la­mis­ti­schen Vor­herr­schaft zu tö­ten, ver­ei­telt wor­den. Doch den är­me­ren Ge­sell­schaf­ten in den Ent­wick­lungs­län­dern feh­len die Mit­tel, das zu tun, wes­halb die Mehr­heit der Op­fer der Ex­tre­mis­ten in Län­dern wie Af­gha­ni­stan, Irak, Ni­ge­ria, Pa­ki­stan und Sy­ri­en sind.

Es ist nicht ver­wun­der­lich, dass, wenn ich auf sol­che Tat­sa­chen hin­wei­se, ich von den­je­ni­gen, die sich dem is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus hin­ge­ben, bös­ar­tig an­ge­grif­fen und be­droht wer­de. Aber es hat mich im­mer sehr merk­wür­dig be­rührt, dass so vie­le ver­meint­lich Lin­ke im Wes­ten ih­re Sei­te ein­neh­men statt mei­ne, wie es vor drei Jah­ren ge­schah, als die Brandeis-​Universität ihr An­ge­bot ei­ner Eh­ren­aus­zeich­nung zu­rück­zog. Ich hät­te er­war­tet, dass ei­ne Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on, die an­geb­lich der Ge­rech­tig­keit ver­pflich­tet ist, sich ge­gen die­je­ni­gen äu­ßert, die Frau­en, Schwu­le und Mit­glie­der an­de­rer Glau­bens­rich­tun­gen un­ter­drückt. Aber die S.P.L.C. hat nichts zu sa­gen über is­la­mi­sche Ex­tre­mis­ten; nur über ih­re Gegner.

Ei­ne wei­te­re Stim­me, die die S.P.L.C. zum Schwei­gen zu brin­gen ver­sucht hat, ist die von Maajid Na­waz, der in den­sel­ben Feld­füh­rer wie ich auf­ge­nom­men wor­den ist (er ver­klagt die Or­ga­ni­sa­ti­on we­gen Ver­leum­dung). Herr Na­waz hat aus­führ­lich über sei­ne Ver­gan­gen­heit als is­la­mi­scher Ex­tre­mist in Eng­land und Ägyp­ten ge­schrie­ben, so wie ich über mei­ne Zeit in der Mus­lim­bru­der­schaft als Teen­ager ge­schrie­ben ha­be. Die letz­ten zehn Jah­re hat er Quil­liam ge­lei­tet, ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die dem is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus in Groß­bri­tan­ni­en und an­ders­wo, vor al­lem in Pa­ki­stan, ent­ge­gen­wir­ken will.

Ich traf Herrn Na­waz im Jahr 2010 bei ei­ner De­bat­te in New York Ci­ty, wo das The­ma die Na­tur des Is­lam war. Un­se­re lei­den­schaft­li­che Mei­nungs­ver­schie­den­heit war öf­fent­lich zur Schau ge­stellt: Herr Na­waz ist ein sä­ku­la­rer Mos­lem, wäh­rend ich nicht län­ger gläu­big bin. Den­noch wa­ren wir uns bei­de ei­nig, dass der Weg zu ei­ner er­folg­rei­chen Re­for­ma­ti­on des Is­lam in mehr Dis­kus­si­on, mehr Kon­trol­le und kri­ti­sche­rem Den­ken liegt. Es sind ge­nau die­se Ak­ti­vi­tä­ten, die un­se­re Geg­ner, jetzt auch die S.P.L.C., als Ex­tre­mis­mus beschreiben.

Cui bo­no? Die­se Fra­ge ist fast im­mer die rich­ti­ge, die Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der S.P.L.C. ge­stellt wer­den soll­ten. Wer pro­fi­tiert wirk­lich von ih­ren Ak­ti­vi­tä­ten? Wie­der­holt und seit mehr als zehn Jah­ren ha­ben Jour­na­lis­ten von Pu­bli­ka­tio­nen von Harper’s über Po­li­ti­co und The Na­ti­on bis zum Wee­kly Stan­dard dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Grün­der des Zen­trums mehr dar­an in­ter­es­siert sind, von den Ängs­ten und der wei­ßen Schuld der nörd­li­chen Lin­ken zu pro­fi­tie­ren als die Men­schen­rech­te der ar­men Süd­län­der oder von sonst je­man­dem hoch­zu­hal­ten. Es gibt je­doch auch ei­ne we­ni­ger zy­ni­sche Er­klä­rung, näm­lich dass die Lin­ken sich zu­tiefst und zu­neh­mend un­wohl füh­len da­mit, den is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus zu be­nen­nen, aus Angst, als „is­la­mo­phob” ver­leum­det zu wer­den, oder noch schlimmeres.

In je­dem Fall aber ist die Ent­schei­dung der S.P.L.C., auf die­je­ni­gen zu zie­len, die sich für die Men­schen­rech­te der Mus­li­me aus­spre­chen, ei­ne Travestie.

Mus­li­me kön­nen heu­te die Rol­le ih­rer Re­li­gi­on in den meis­ten Län­dern mit mus­li­mi­scher Mehr­heit nicht frei dis­ku­tie­ren, wo die An­kla­gen der Ket­ze­rei oder des Ab­falls vom Glau­ben ein To­des­ur­teil oder ei­nen Lynch-​Mob be­deu­ten kön­nen. Auch hier im Wes­ten wird die freie Dis­kus­si­on über den Is­lam nicht zu­letzt schwie­ri­ger, weil is­la­mi­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der Rat der amerikanisch-​islamischen Be­zie­hun­gen CAIR jeg­li­che Kri­tik am Is­lam kri­ti­sie­ren und als „Ha­te Speech” brand­mar­ken, das mo­der­ne Wort für Ket­ze­rei. Be­wusst oder un­be­wusst leis­tet die S.P.L.C. is­la­mi­schen Ex­tre­mis­ten Bei­hil­fe, in­dem sie kri­ti­sche Den­ker wie Mr. Na­waz und mich als „Ex­tre­mis­ten” brandmarkt.

Ei­nen Stand­punkt ge­gen die Neonazi-​Show, die wir in Char­lot­tes­vil­le ge­se­hen ha­ben, zu set­zen, ist ein Im­puls, der be­ju­belt wer­den soll­te – und Ap­ple, JP Mor­gan und die Hollywood-​A-​Liste kann und soll­te mehr tun, um der po­li­ti­schen Ge­walt und In­to­le­ranz in all ih­ren For­men ent­ge­gen­zu­wir­ken. Doch sie müs­sen ver­trau­ens­wür­di­ge­re und ver­dien­te­re Part­ner zur Zu­sam­men­ar­beit fin­den, als die S.P.L.C.

Ay­a­an Hirsi Ali (@ayaan) ist ein Re­se­arch Fel­low an der Hoo­ver In­sti­tu­ti­on und Grün­de­rin der AHA Foun­da­ti­on.

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