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Wie Is­ra­el in die Pfan­ne ge­hau­en wird

Yo­av Fro­mer, 3.12.2015, Ta­blet Mag

Der stei­gen­de Blut­zoll von mes­ser­schwin­gen­den und mit-​dem-​auto-​Juden-​überfahrenden Pa­läs­ti­nen­sern, die auf tra­gi­sche Wei­se in den ver­gan­ge­nen zwei Mo­na­ten in Is­ra­el auf ei­ner fast täg­li­chen Ba­sis er­schos­sen und ge­tö­tet wor­den sind, hat da­zu bei­ge­tra­gen, bei vie­len Kri­ti­kern des Lan­des ein be­lieb­tes Nar­ra­tiv an­zu­trei­ben: den Aus­bau der Sied­lun­gen in der West­bank durch die zu­neh­mend ras­sis­ti­sche rech­te Re­gie­rung Ben­ja­min Ne­tan­ja­hus und der Höchst­stand an jü­di­schem Ter­ro­ris­mus ha­ben jun­ge Pa­läs­ti­nen­ser da­zu ge­bracht, das Joch der Un­ter­drü­ckung ab­zu­wer­fen und die Waf­fen ge­gen die Be­sat­zung zu er­grei­fen. Die­se ro­man­ti­sier­te Ver­si­on der Er­eig­nis­se, die ab­sicht­lich die un­mit­tel­ba­re Ur­sa­che der jüngs­ten pa­läs­ti­nen­si­schen To­ten her­un­ter­spielt – die Tat­sa­che, dass sie ge­tö­tet wur­den, weil sie ver­such­ten (und es ih­nen oft ge­lang), Ju­den zu tö­ten – ver­mit­telt den Ein­druck, dass un­schul­di­ge pa­läs­ti­nen­si­sche Ju­gend­li­che sinn­los und er­bar­mungs­los nie­der­ge­schos­sen wer­den, nach dem Zu­falls­prin­zip, von schiess­wü­ti­gen is­rae­li­schen Po­li­zis­ten und Sol­da­ten.

Es ist kein Zu­fall, dass die­se Hand­lung ver­traut klingt für ame­ri­ka­ni­sche Oh­ren. Das soll sie. Die Es­ka­la­ti­on der Ge­walt in Is­ra­el be­wusst so dar­zu­stel­len, ver­sucht, ei­ne Ana­lo­gie her­zu­stel­len zwi­schen dem wie­der­keh­ren­den Schies­sen und Tö­ten von un­be­waff­ne­ten schwar­zen Män­nern in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und dem Tod von Pa­läs­ti­nen­sern, um die So­li­da­ri­tät zu för­dern und die bei­den Kämp­fe in der ame­ri­ka­ni­schen Öf­fent­lich­keit zu ver­bin­den. Ei­ne kürz­lich durch­ge­führ­te Me­di­en­kam­pa­gne mit le­gen­dä­ren afro­ame­ri­ka­ni­schen Ak­ti­vis­ten wie Lau­ryn Hill und An­ge­la Da­vis, zu­sam­men mit pa­läs­ti­nen­si­sche Ak­ti­vis­ten, zielt dar­auf ab, den Be­griff ei­ner Schick­sals­ge­mein­schaft durch den Ein­satz des fes­seln­den Slo­gans zu ver­fes­ti­gen: „Wenn ich sie se­he, se­he ich uns.”

Und doch ist et­was sehr falsch an der Vi­si­on, die Pa­läs­ti­na mit Fer­gu­son ver­bin­det. Es ist ei­ne Sa­che, Sym­pa­thie für un­ter­drück­te Völ­ker zu ver­mit­teln – und ja, in vie­ler­lei Hin­sicht sind die Pa­läs­ti­nen­ser un­ter­drückt. Doch Ga­za mit Bal­ti­more oder Je­ru­sa­lem mit Fer­gu­son zu ver­glei­chen ist nicht nur un­ge­nau oder un­fair – es ist be­lei­di­gend. Afro-​amerikanische Ju­gend­li­che wer­den nicht in ame­ri­ka­ni­schen Städ­ten von Po­li­zis­ten er­schos­sen, weil sie nach dem Zu­falls­prin­zip un­schul­di­ge Zi­vi­lis­ten auf der Stras­se mit Mes­sern an­grei­fen oder weil sie El­tern vor den Au­gen ih­rer Kin­der er­schies­sen. Der ge­sam­te Punkt der Schwarzes-​Leben-​zählt-​Bewegung ist, dass die Op­fer un­schul­dig sind.

Und trotz der an­hal­ten­den Be­sat­zung und dar­aus fol­gen­der Un­ge­rech­tig­kei­ten, die von Is­ra­el pro­pa­giert wer­den, tra­gen Pa­läs­ti­nen­ser ih­ren An­teil an der Ver­ant­wor­tung für ih­re ei­ge­nen Mü­hen und Lei­den. Der Ver­such, die­se un­be­que­me Wahr­heit zu ver­schlei­ern, in­dem sie ih­re Sa­che in den hel­den­haf­ten Kampf ge­gen den Ras­sis­mus in Ame­ri­ka ein­bin­den, droht, den pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ror mit ei­ner mo­ra­li­schen Le­gi­ti­mi­tät zu ver­se­hen, die den Tat­sa­chen ge­walt an­tut, und den Kon­flikt nur noch wei­ter zu ent­fa­chen, statt ihn zu be­en­den.

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Wäh­rend ei­ner öf­fent­li­chen Ver­samm­lung zu Eh­ren des zwan­zigs­ten Jah­res­tags des Million-​Man-​March, die auf dem Ca­pi­tol Hill im Ok­to­ber statt­fand, er­klär­te Rev. Je­re­miah Wright, der frei­mü­ti­ge und kon­tro­ver­se Pfar­rer, des­sen Kir­che Prä­si­dent Oba­ma ein­mal be­such­te, dass „Die Ju­gend in Fer­gu­son und die Ju­gend in Pa­läs­ti­na wur­den mit­ein­an­der ver­ei­nigt, um uns dar­an zu er­in­nern, dass die Punk­te ver­bun­den wer­den müs­sen.” Er fuhr fort, die Schuld „Ras­sis­mus, Mi­li­ta­ris­mus und Ka­pi­ta­lis­mus” zu ge­ben für ih­re his­to­ri­schen Qua­len und im­pli­zier­te, dass Is­ra­el die eu­ro­päi­sche Ko­lo­ni­al­sche­ma re­pro­du­zie­re: „In Pa­läs­ti­na gibt es Apart­heid. … Wäh­rend wir hier sit­zen, wird ei­ne Apartheid-​Mauer ge­baut, die dop­pelt so hoch ist wie die Ber­li­ner Mau­er, die Pa­läs­ti­nen­ser von il­le­gal be­setz­ten Ge­bie­ten fern­hält, in de­nen die Eu­ro­pä­er das Land als ihr ei­ge­nes be­an­spru­chen.” Sol­che Rhe­to­rik, die sich weit ver­brei­tet hat un­ter Is­ra­els Kri­ti­kern (vor al­lem auf der aka­de­mi­schen Lin­ken), zielt dar­auf ab, den israelisch-​palästinensischen Kon­flikt auf ei­ne for­mel­haf­te an­ti­ko­lo­nia­le David-​gegen-​Goliath-​Pattsituation zu re­du­zie­ren. Da­bei droht sie, den Kon­flikt von ei­nem his­to­risch kom­pli­zier­ten po­li­ti­schen, geo­gra­phi­schen und re­li­giö­sen Kampf in die ei­ne Sa­che zu ver­wan­deln, um die es in Wirk­lich­keit nie ge­gan­gen ist: ras­sis­tisch mo­ti­vier­ten Im­pe­ria­lis­mus.

Die zu­neh­mend all­ge­gen­wär­ti­ge Ge­wohn­heit des Zu­sam­men­bin­dens der pa­läs­ti­nen­si­schen und der afro­ame­ri­ka­ni­schen Ur­sa­chen mit dem Fa­den des Ko­lo­nia­lis­mus scheint iro­ni­scher­wei­se zu ver­ges­sen, um was ge­nau es beim eu­ro­päi­schen Ko­lo­ni­al­pro­jekt ging. Ver­wur­zelt in ei­nem re­al­po­li­ti­schen Wett­be­werb um glo­ba­le Vor­herr­schaft zwi­schen den gros­sen Mäch­ten, ei­nem räu­be­ri­schen Be­darf an Roh­stof­fen und neu­en Märk­ten, um die wach­sen­de Wirt­schaft der In­dus­trie­län­der zu be­frie­di­gen und der Kon­so­li­die­rung von po­li­ti­schen Re­gi­men und ge­bie­te­ri­schen Phan­ta­si­en von na­tio­na­ler Grös­se und ras­si­scher Vor­herr­schaft, die die so­ge­nann­te „Last des weis­sen Man­nes zu­sam­men­brau­ten, die Welt zu „zi­vi­li­sie­ren”, be­nutz­ten die Eu­ro­pä­er ih­re tech­no­lo­gi­sche und ad­mi­nis­tra­ti­ve Über­le­gen­heit, um ge­walt­sam Ur­ein­woh­ner in Afri­ka, Asi­en und La­tein­ame­ri­ka zu un­ter­wer­fen, ih­re Län­de­rei­en zu plün­dern, und an ei­ni­gen Or­ten wie dem Kon­go gan­ze Po­pu­la­tio­nen zu ver­wüs­ten.

Is­ra­el hat lei­der vie­le be­dau­er­li­che und un­ge­rech­te Din­ge ge­tan. Aber kei­nes von ih­nen kam je­mals in die Nä­he von so­was. Und wäh­rend west­li­cher Ko­lo­nia­lis­mus sich der Er­obe­rung und Aus­beu­tung wid­me­te, lie­gen die Ur­sprün­ge des is­rae­li­schen Ex­pan­sio­nis­mus in ei­nem deut­lich ver­schie­de­nen Mo­tiv: Schie­res phy­si­sches Über­le­ben. Ob­wohl es stimmt, dass vie­le is­rae­li­sche Sied­ler ih­re Prä­senz in der West­bank mit bi­blisch be­grün­de­ten An­sprü­chen ei­nes Gross-​Israel recht­fer­ti­gen, war das ein­fluss­rei­che mi­li­tä­ri­sche Es­ta­blish­ment des Staa­tes, zu­sam­men mit dem Gross­teil der Be­völ­ke­rung, im­mer viel prag­ma­ti­scher und ent­spre­chend be­sorg­ter um die stra­te­gi­sche Si­cher­heit, de­nen sol­che Mo­ti­ve die­nen, an­statt aus­ge­frans­te mes­sia­ni­sche Phan­ta­si­en.

Die Sied­ler, die oft durch Is­ra­els Kri­ti­ker als das wah­re Ge­sicht der Na­ti­on prä­sen­tiert wer­den, stel­len ei­nen klei­nen Bruch­teil der Be­völ­ke­rung (und die ex­tre­mis­ti­schen und ge­walt­tä­ti­gen Sek­ten un­ter ih­nen wer­den be­zeich­nen­der­wei­se ver­ach­tet und ver­ur­teilt von ei­ner gros­sen Mehr­heit der Is­rae­lis auf bei­den Sei­ten des po­li­ti­schen Spek­trums so­wie von den eta­blier­ten Sied­lern). Die Sied­ler ha­ben viel­leicht ei­ne lau­te Stim­me, sind gut or­ga­ni­siert und ha­ben über­pro­por­tio­na­len Ein­fluss auf­grund Is­ra­els in­sta­bi­lem par­la­men­ta­ri­schem Sys­tem, aber es fehlt ih­nen die po­li­ti­sche Le­gi­ti­mi­tät, die ih­nen fälsch­li­cher­wei­se zu­ge­schrie­ben wird. Um­fra­gen le­gen na­he, dass ihr öf­fent­li­ches An­se­hen we­gen der grau­sa­men Ter­ror­ak­te von fa­na­ti­schen ju­gend­li­chen Sied­lern ge­gen Pa­läs­ti­nen­ser auf Tal­fahrt ist, und dass we­ni­ger als ein Drit­tel der Is­rae­lis ih­re Sa­che un­ter­stüt­zen.

Ei­ne der trau­rigs­ten Wen­dun­gen des Schick­sals in die­sem Kon­flikt ist, dass, wie in je­der grie­chi­schen Tra­gö­die, Is­ra­el wei­ter­hin fort­fährt, das letz­te zu tun, was es tat­säch­lich tun will: das Le­ben von Mil­lio­nen von Pa­läs­ti­nen­sern zu kon­trol­lie­ren. Ob­wohl die Be­sat­zung un­ge­recht ist, darf sie nicht als Aus­druck der Rassen-​Apartheid oder des zio­nis­ti­schen Im­pe­ria­lis­mus ver­stan­den wer­den, son­dern als kon­tra­pro­duk­ti­ve na­tio­na­le Si­cher­heits­stra­te­gie. Im­mer­hin ha­ben Is­rae­lis wie­der­holt und mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit, im Jahr 1992, 1999 und 2006, die lin­ken zen­tris­ti­schen Re­gie­run­gen ge­wählt, die sich der Si­che­rung ei­nes Land-​für-​Frieden-​Abkommens mit den Pa­läs­ti­nen­sern und dem Rück­zug aus den be­setz­ten Ge­bie­ten ge­wid­met hat­ten. Un­ab­hän­gig da­von, wer Schuld hat für das Ver­sa­gen, ei­ne end­gül­ti­ge Ei­ni­gung in Camp Da­vid vor 15 Jah­ren zu er­rei­chen – ei­ne heik­le Fra­ge, die bis heu­te bei­de Sei­ten an­fech­ten – ha­ben Is­rae­lis im­mer wie­der ih­re Be­reit­schaft, die West­bank im Aus­tausch für da­für ge­währ­te Si­cher­heit zu­rück­zu­ge­ben. Ge­ra­de in die­sem Som­mer, trotz des An­sturms re­li­gi­ös mo­ti­vier­ter Ge­walt, deu­te­ten Um­fra­gen über­ra­schen­der­wei­se an, dass ei­ne Mehr­heit der Is­rae­lis nach wie vor ei­ne Zwei­staa­ten­lö­sung fa­vo­ri­siert.

Der Grund da­für ist klar: Die meis­ten Is­rae­lis, trotz al­lem, was die Boy­kott, Des­in­ves­ti­ti­on und Sanktions-​Bewegung zu in­si­nu­ie­ren ver­sucht hat, wol­len nicht, dass ih­re Kin­der in der West­bank die­nen, sie wol­len nicht, dass ih­re Steu­ern Sied­lun­gen fi­nan­zie­ren, und sie se­hen nicht die Ge­bie­te als not­wen­dig für die Ver­wirk­li­chung des zio­nis­ti­schen Traums. Im Ge­gen­teil, der ein­zi­ge Grund, dass Is­rae­lis nicht be­reit sind, Ju­däa und Sa­ma­ria zu ver­las­sen, ist die Exis­tenz­angst, dass wie im Li­ba­non (2000) und dem Ga­za­strei­fen (2005) sich die Ge­schich­te ein drit­tes Mal wie­der­holt und ein ein­sei­ti­ger Rück­zug die West­bank in ei­nen wei­te­ren Ter­ror­staat an ih­ren Gren­zen trans­fo­riert – ei­ner, der viel nä­her an den Küs­ten­be­völ­ke­rungs­zen­tren und wirt­schaft­li­chen Zen­tren des Lan­des ge­le­gen ist und da­her das Le­ben in Is­ra­el un­er­träg­lich ma­chen wür­de. In die­ser Hin­sicht wer­den die Sied­lun­gen von vie­len als ein Mit­tel und nicht als Selbst­zweck wahr­ge­nom­men: sie bie­ten ei­ne stra­te­gi­sche Puf­fer­zo­ne, die die Haupt­last der Ter­ror­an­schlä­ge ab­sor­biert und Städ­te wie Tel Aviv oder Hai­fa da­vor schüt­zen, un­ter täg­li­chen Ra­ke­ten­be­schuss zu ge­ra­ten, wie im Sü­den Is­ra­els ge­sche­hen, nach­dem die is­rae­li­sche Ar­mee sich aus dem Ga­za­strei­fen zu­rück­ge­zo­gen hat­te. Je­de Frie­dens­ord­nung, die die­se Si­cher­heits­pro­ble­me mil­dern könn­te, wür­de wohl auch rasch das En­de der Be­sat­zung be­wir­ken.

Is­ra­el als Kolonial- und Apart­heid­staat zu por­trä­tie­ren, straft die­ses Si­cher­heits­prin­zip ab­sicht­lich Lü­gen und er­setzt fälsch­li­cher­wei­se das po­li­ti­sche Mo­ti­vik mit der Ras­se. Der Ein­satz von Macht zur Un­ter­wer­fung, Aus­nut­zung und Be­herr­schung von Po­pu­la­tio­nen, die als ras­sisch min­der­wer­tig gel­ten, ist es, was den eu­ro­päi­schen Ko­lo­nia­lis­mus und den ame­ri­ka­ni­schen Jim Crow recht­fer­tig­te. Dies in der Über­zeu­gung, fehl­ge­lei­tet wie es auch im­mer sein mö­ge, dass der tat­säch­li­che Schutz der öf­fent­li­chen Wohl­fahrt Sie nicht zum Im­pe­ra­lis­ten macht. Es macht Sie zu ei­nem mo­der­nen Staat.

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Die rie­si­ge Dis­kre­panz der Tak­tik macht den pa­läs­ti­nen­si­schen An­spruch auf So­li­da­ri­tät mit Afro-​Amerikanern eben­so zwei­fel­haft. Die er­folg­reichs­te Me­tho­de für die De­mon­ta­ge Jim Crows er­wie­sen sich, un­ter an­de­rem, die ge­walt­lo­sen Wi­der­stands­kam­pa­gnen, un­ter an­de­rem an­ge­führt von Mar­tin Lu­ther Kings Sou­thern Chris­ti­an Lea­dership Con­fe­rence, dem Kon­gress der Ras­sen­gleich­heit und dem Stu­dent Non-​Violent Co­or­di­na­ting Com­mit­tee. Ih­re mu­ti­gen An­stren­gun­gen, den süd­li­chen Ras­sis­mus durch ge­walt­freie Mit­tel zu be­sie­gen, in­klu­si­ve des Ein­be­zugs von Mittagessen-​Zählern und Bus­li­ni­en und dem Ab­hal­ten von Mas­sen­boy­kot­ten und De­mons­tra­tio­nen. Und sie ver­än­dertn die öf­fent­li­che Mei­nung er­folg­reich und zwan­gen den Kon­gress und die Bun­des­re­gie­rung da­zu, nicht ein­fach zu in­ter­ve­nie­ren, weil sie die mo­ra­li­sche Ober­hand ge­won­nen und den dar­un­ter lie­gen­den ro­hen Fa­na­tis­mus und Hass des süd­li­chen Ras­sis­mus ex­po­niert hat­ten, son­dern weil ih­re ei­ne ech­te Bot­schaft des Frie­dens, der Ge­rech­tig­keit und uni­ver­sel­ler Brü­der­lich­keit war.

Wie King in sei­ner be­rühm­ten Re­de auf dem Marsch auf Wa­shing­ton im Jahr 1963 er­klär­te: „Im Pro­zess der Ge­win­nung un­se­res recht­mäs­si­gen Plat­zes dür­fen wir nicht un­rech­ter Hand­lun­gen schul­dig sein. Lasst uns nicht un­se­ren Durst nach Frei­heit durch das Trin­ken aus dem Kelch der Bit­ter­keit und des Has­ses be­frie­di­gen. Wir müs­sen un­se­ren Kampf stets auf der ho­hen Ebe­ne der Wür­de und Dis­zi­plin füh­ren. Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass un­ser krea­ti­ver Pro­test in phy­si­sche Ge­walt aus­ar­tet.” Lei­den­schaft­lich en­ga­giert im Wohl­wol­len und der Freund­schaft, die die Evan­ge­li­en pre­di­gen, ver­stand King, dass das We­sen des Kamp­fes letzt­lich sein Er­geb­nis ge­stal­tet. Er be­ton­te da­her: „Es ist falsch, un­mo­ra­li­sche Mit­tel ein­zu­set­zen, um mo­ra­li­sche Zie­le zu er­rei­chen.”

Is­rae­lis wür­den sich sehr freu­en, wenn die Pa­läs­ti­nen­ser sich an der afro­ame­ri­ka­ni­schen Sa­che, die King viel­leicht mehr als je­der an­de­re ver­kör­pert, aus­rich­te­ten. Des­halb ist es auf­schluss­reich und ent­hül­lend, dass sie im­mer wie­der ge­walt­frei­en Pro­test ab­ge­lehnt ha­ben als ei­ne Stra­te­gie, um ih­re ei­ge­ne Un­ter­drü­ckung zu be­en­den. Trotz der Be­mü­hun­gen zur För­de­rung sol­cher al­ter­na­ti­ver Wi­der­stands­for­men ha­ben sich vie­le Pa­läs­ti­nen­ser statt­des­sen für kon­ti­nu­ier­li­che Ge­walt ent­schie­den: In den letz­ten Wo­chen ha­ben sie die Tö­tung von un­schul­di­gen is­rae­li­schen Zi­vi­lis­ten ge­fei­ert und zu mehr Blut­ver­gies­sen auf­ge­hetzt, wäh­rend sie die be­rüch­tig­te Ha­mas Grün­dungs­ur­kun­de wie­der­ga­ben, die sich zur „Ver­nich­tung Is­ra­els” be­kennt und „je­den Zoll von Pa­läs­ti­na” zu­rück­for­dert. Es lohnt sich, dar­an zu er­in­nern, dass auch die mi­li­tan­ten afro­ame­ri­ka­ni­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Black Pan­thers in ers­ter Li­nie die­je­ni­gen her­aus­ge­for­dert ha­ben, die als Werk­zeu­ge ih­rer Un­ter­drü­ckung wahr­ge­nom­men wur­den – die Po­li­zei; wo­hin­ge­gen die Pa­läs­ti­nen­ser sich ent­schie­den ha­ben, wahl­los un­be­waff­ne­te Frau­en, Kin­der und äl­te­re Men­schen an­zu­grei­fen. Die blut­rüns­ti­ge eli­mi­na­to­ri­sche Rhe­to­rik und die wie­der­hol­ten ab­leh­nen­den Ak­tio­nen und ge­walt­tä­ti­gen Ter­ror­an­schlä­ge von ih­ren Ge­sprächs­part­nern zu igno­rie­ren zu­guns­ten der Idee, dass al­les, was die Pa­läs­ti­nen­ser wol­len, ei­ne fried­li­che Zwei­staa­ten­lö­sung ist, könn­te in der Tat die Es­senz wei­ser, weit­sich­ti­ger Staats­kunst sein. Doch die Tat­sa­che, dass vie­le Is­rae­lis da­zu ge­langt sind, et­was an­de­res zu glau­ben und den Pa­läs­ti­nen­sern miss­trau­en, ist nicht ein­fach der Be­weis, dass Is­rae­lis ko­lo­nia­lis­ti­sche Ras­sis­ten sind.

Auch wenn es kon­kur­rie­ren­de Stim­men in­ner­halb der Bür­ger­rechts­be­we­gung gab, war es Kings in­spi­rie­ren­de Bot­schaft des Frie­dens und der Ko­exis­tenz, die sich letzt­lich durch­setz­te. Zwar gibt es ähn­lich ab­wei­chen­de Stim­men un­ter den Pa­läs­ti­nen­sern – doch wird nur die Stim­me der ge­walt­tä­ti­gen Fa­na­ti­ker auf ih­rer Sei­te ge­hört. Und wir müs­sen ernst­haft dar­über nach­den­ken, war­um das so ist, be­vor wir Pa­läs­ti­na mit Sel­ma ver­glei­chen. Wenn pa­läs­ti­nen­si­sche mes­ser­schwin­gen­de An­grei­fer zu­ge­ben, dass aus­ge­gan­gen sind, um „Ju­den zu er­ste­chen” und dass sie Sol­da­ten in ei­nem hei­li­gen Krieg sind, dann müs­sen wir die düs­te­re Tat­sa­che be­rück­sich­ti­gen, dass ih­re Tak­tik des­halb so un­ter­schied­lich ist, weil ih­re Zie­le so weit von­ein­an­der ent­fernt sind: die meis­ten Afro-​Amerikaner such­ten Eman­zi­pa­ti­on von ih­ren Fein­den; zu vie­le Pa­läs­ti­nen­ser wol­len die Zer­stö­rung ih­rer Fein­de.

Der Ver­such, ei­ne in­hä­rent feh­ler­haf­te und ab­sicht­lich ir­re­füh­ren­de Ana­lo­gie zwi­schen Pa­läs­ti­nen­sern und Afro-​Amerikanern her­zu­stel­len und zu ver­ewi­gen ist sym­pto­ma­tisch für die zu­neh­mend ver­zerr­te Art, wie der israelisch-​palästinensische Kon­flikt im Wes­ten ge­se­hen wird. Die Po­li­ti­sie­rung des Wis­sens bei ei­ni­gen Kri­ti­kern Is­ra­els hat zur un­ver­ant­wort­li­chen Ver­ein­fa­chung des­sen ge­führt, was im Her­zen ei­ne un­glaub­lich kom­ple­xe An­ge­le­gen­heit ist, bei der bei­de Sei­ten be­rech­tig­te Lei­den ha­ben. Doch das Ver­ständ­nis der wirk­li­chen Ur­sprün­ge des Kon­flik­tes – Vor­aus­set­zung, um über­haupt ei­ne trag­fä­hi­ge Lö­sung da­für zu fin­den – ver­langt Nu­an­ce, Raf­fi­nes­se, und ei­ne mo­ra­li­sche Am­bi­gui­tät, die zu vie­le nicht ein­zu­set­zen be­reit sind. Ja, die Be­set­zung ist un­ge­recht; aber, was sind die Grün­de für ih­re Fort­set­zung? Wie kann ei­ne sou­ve­rä­ne Na­ti­on, der die all­ge­mei­ne Si­cher­heit sei­ner Bür­ger an­ver­traut ist, die Un­ter­zeich­nung von Frie­dens­ver­trä­gen mit den glei­chen Leu­ten, de­ren Grün­dungs­char­ta aus­drück­lich zu ih­rer Zer­stö­rung ver­pflich­tet, recht­fer­ti­gen? Das sind kei­ne Aus­re­den, son­dern grund­le­gen­de Fra­gen. Der Ver­such, sie be­quem un­ter den Tep­pich der Un­wis­sen­heit zu fe­gen, in­dem hoh­le Vor­wür­fe von „Sied­ler­ko­lo­nia­lis­mus” und „Sys­te­me der Re­pres­si­on” ge­gen­über Is­ra­el er­ho­ben wer­den, die ver­su­chen, den Kon­flikt fälsch­li­cher­wei­se auf­zu­tren­nen zu ei­nem ver­zerr­ten his­to­ri­schen Mo­dell, auf das er nicht zu­trifft, ist ein Ver­rat des geis­ti­gen Le­bens und ei­ne Ver­höh­nung des ge­sun­den Men­schen­ver­stan­des.

Auf­ru­fe nach afro­ame­ri­ka­ni­scher So­li­da­ri­tät mit den Pa­läs­ti­nen­sern könn­ten über­zeu­gen­der sein, wenn ih­re Er­fah­run­gen tat­säch­lich ähn­li­cher wä­ren. Aber das sind sie nicht, zu­min­dest noch nicht. Is­rae­li­sche Po­li­zis­ten, die Mes­ser schwin­gen­de Pa­läs­ti­nen­ser im Ver­such, un­schul­di­ge Zi­vi­lis­ten zu To­de zu ste­chen, er­schies­sen, sind nicht ähn­lich Po­li­zis­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die un­be­waff­ne­te schwar­ze Män­ner tö­ten. Ers­te­re wur­den er­schos­sen, weil sie ver­such­ten, je­man­den zu tö­ten. Letz­te­re wur­den we­gen ih­rer Haut­far­be er­schos­sen.

Der israelisch-​palästinensische Kon­flikt ist ei­ne Tra­gö­die oh­ne Hel­den und viel zu vie­len Op­fern. Wir wol­len uns des­halb dar­an er­in­nern, dass Schwar­ze Le­ben zäh­len. Pa­läs­ti­nen­si­sche Le­ben zäh­len. Is­rae­li­sche Le­ben zäh­len eben­falls.

1 Kommentar

  1. nussknacker56

    Fro­mer schreibt merk­wür­dig de­fen­siv, er sieht zwar die Ab­sicht von di­ver­sen Ak­ti­vis­ten, die afro­ame­ri­ka­ni­sche und pa­läs­ti­nen­si­sche Sa­che mit­ein­an­der zu ver­zah­nen, doch die Be­tref­fen­den wer­den nicht et­wa scharf kri­ti­siert für die Bil­dung ei­nes sol­chen re­ak­tio­nä­ren Bünd­nis­ses, son­dern es schwingt statt­des­sen im­mer die Hal­tung mit, dass de­ren ei­gent­li­ches An­lie­gen (An­ti­ras­sis­mus) ja sa­kro­sankt ist. 

    Ist es das? Sind al­le auf­ge­führ­ten Bei­spie­le aus neue­rer Zeit wirk­lich so ein­deu­tig trenn­bar in Gut und Schlecht? Bei Be­trach­tung et­li­cher Fäl­le in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit ha­be ich im­mer mehr Zwei­fel dar­an. Mir kommt es längst so vor, als wür­de die­ses An­lie­gen nur be­nutzt um be­lie­big de­struk­ti­ve Ag­gres­sio­nen pau­schal zu le­gi­ti­mie­ren und mit den Wei­hen „be­rech­tig­ter Ge­gen­ge­walt“ ver­se­hen zu kön­nen. Im­mer mehr ma­chen es sich in ei­ner Op­fer­rol­le be­quem und be­nut­zen die­se für ganz an­de­re oder gar ent­ge­gen­ge­setz­te Vor­ha­ben.

    Für mich hat ei­ne Per­son wie An­ge­la Da­vis ih­ren Kre­dit als pro­gres­si­ve Kämp­fe­rin längst auf­ge­braucht. Ro­bert Mu­ga­be kämpft schon seit Jahr­zehn­ten da­für, der Welt zu zei­gen, dass es nicht nur schwar­ze Dik­ta­to­ren son­dern auch schwar­ze Ras­sis­ten gibt. Ja­cob Zu­ma ist da­bei, die Hoff­nung auf ein bes­se­res Süd­afri­ka zu­nich­te zu ma­chen für die Be­frie­di­gung von pro­fa­ner per­sön­li­cher Macht­gier. Die­se Lis­te lässt sich lei­der im­mer mehr ver­län­gern.

    Fro­mer scheint ein Ge­fan­ge­ner der Vor­stel­lung zu sein, die fest­legt, dass Schwar­ze im­mer Op­fer und Wei­ße im­mer Ras­sis­ten sind. Da­bei weiß er doch an­hand des is­rae­li­schen Bei­spiels, dass es ei­nem ganz er­heb­li­chen Teil der Pa­läs­ti­nen­ser mit ih­rer – vom Wes­ten fe­ti­schier­ten – Dau­er­in­sze­nie­rung als „Op­fer“ kei­nes­wegs dar­um geht, ih­re La­ge zu ver­bes­sern, ei­nen ei­ge­nen Staat oder zu­min­dest mehr Au­to­no­mie zu ha­ben. Es geht ih­nen um et­was ganz an­de­res: Um die Ver­nich­tung des is­rae­li­schen Staa­tes. Die­ser lie­be­voll ge­pfleg­ten Vor­stel­lung ord­nen sie of­fen­sicht­lich al­les an­de­re un­ter. Das macht die Sa­che sehr schwie­rig, für Ver­hand­lun­gen, für Zu­ge­ständ­nis­se, für Kom­pro­mis­se und was ei­ni­ger­ma­ßen zi­vi­li­sier­te Ge­mein­we­sen der­glei­chen mehr an Lö­sungs­mit­teln für die Be­he­bung von Kon­flik­ten pa­rat ha­ben.

    Wer sich mit sol­chen Vor­stel­lun­gen ge­mein macht, wie dies obi­ge Ak­ti­vis­ten tun, darf ru­hig mit et­was grö­be­ren Hand­schu­hen an­ge­fasst wer­den.

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