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Wie viel von un­se­rer Kul­tur ge­ben wir für den Is­lam Preis?

Gi­ulio Meot­ti, 21.6.2016, Gatestone In­sti­tu­te

  • Der glei­che Hass wie von den Na­zis kommt von den Is­la­mis­ten und ih­ren po­li­tisch kor­rek­ten Ver­bün­de­ten. Wir ha­ben nicht ein­mal ei­ne va­ge Vor­stel­lung da­von, wie viel der west­li­chen Kul­tur wir für den Is­lam preis­ge­ge­ben ha­ben.
  • De­mo­kra­ti­en sind, oder soll­ten es zu­min­dest sein, Hü­ter ei­nes ver­derb­li­chen Schat­zes: Mei­nungs­frei­heit. Dies ist der größ­te Un­ter­schied zwi­schen Pa­ris und Ha­van­na, Lon­don und Ri­ad, Ber­lin und Te­he­ran, Rom und Bei­rut. Die Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung ist das Bes­te, was uns die west­li­che Kul­tur gibt.
  • Es ist selbst­zer­stö­re­risch, über die Schön­heit von Car­toons, Ge­dich­ten oder Ge­mäl­den zu deu­teln. Im Wes­ten ha­ben wir ei­nen ho­hen Preis be­zahlt für die Frei­heit, dies tun zu kön­nen. Wir soll­ten des­halb al­le pro­tes­tie­ren, wenn ein deut­scher Rich­ter „of­fen­si­ve” Ver­se ei­nes Ge­dich­tes ver­bie­tet, wenn ein fran­zö­si­scher Ver­lag ei­nen „is­la­mo­pho­ben” Re­dak­teur feu­ert, oder wenn ein Mu­sik­fes­ti­val ei­ne po­li­tisch fal­sche Band ver­bannt.

Nach dem Mas­sa­ker an Mit­ar­bei­tern von Char­lie Heb­do druck­ten nur sehr we­ni­ge Me­di­en ih­re Mohammed-​Karikaturen nach. Oben Sté­pha­ne Char­bon­nier, der Her­aus­ge­ber und Ver­le­ger von Char­lie Heb­do, der am 7. Ja­nu­ar 2015 zu­sam­men mit vie­len sei­ner Kol­le­gen er­mor­det wur­de, vor den ehe­ma­li­gen Bü­ros der Zeit­schrift, kurz nach­dem sie im No­vem­ber 2011 Op­fer ei­nes Brand­an­schlags wur­den.

Das al­les ge­schah in der glei­chen Wo­che. Ein deut­scher Rich­ter ver­bot ei­nem Ko­mi­ker, Jan Böh­mer­mann , „ob­szö­ne” Ver­se sei­nes be­rühm­ten Ge­dich­tes über den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­y­ip Er­do­gan zu wie­der­ho­len. Ein dä­ni­sches Thea­ter hat an­schei­nend „Die sa­ta­ni­schen Ver­se” in die­ser Sai­son ab­ge­sagt, aus Angst vor „Re­pres­sa­li­en”. Zwei fran­zö­si­sche Mu­sik­fes­ti­vals setz­ten die Ea­gles of De­ath Me­tal ab – der US-​Band, die im Thea­ter Bata­clan in Pa­ris spiel­te, als der An­griff von ISIS Ter­ro­ris­ten (89 Men­schen er­mor­det) dort statt­fand – we­gen „is­la­mo­pho­ber” Kom­men­ta­re von Jes­se Hug­hes, dem Lead-​Sänger. Hug­hes schlug vor, dass die Mus­li­me ei­ner stär­ke­ren Kon­trol­le un­ter­zo­gen wer­den soll­ten, und sag­te: „Es ist heut­zu­ta­ge in Ord­nung, schär­fer zu sein, wenn es um Mus­li­me geht”, und füg­te spä­ter hin­zu:

„Sie wis­sen, dass es da draus­sen ei­ne gan­ze Grup­pe von wei­ßen Kin­dern gibt, die dumm und blind sind. Es gibt da die­se wohl­ha­ben­den wei­ßen Kin­der, die mit ei­nem li­be­ra­len Lehr­plan auf­ge­wach­sen sind seit sie im Kin­der­gar­ten wa­ren, über­schwemmt mit die­sen er­ha­be­nen Be­grif­fen, die nur hei­ße Luft sind.”

Wie Bren­dan O’Neill schrieb: „west­li­che Lin­ke tun ih­re schmut­zi­ge Ar­beit für sie, sie brin­gen Men­schen zum Schwei­gen, die ISIS als blas­phe­misch ver­ur­teilt hat; Sie schlies­sen die Ter­ror­ak­te von ISIS ab.”

Ei­ni­ge Wo­chen zu­vor feu­er­te Frank­reichs wich­tigs­ter Ver­lag, Gal­li­mard, sei­nen be­rühm­tes­ten Re­dak­teur, Ri­chard Mil­let, der ei­nen Auf­satz ge­schrie­ben hat, in dem er schrieb:

„der Rück­gang der Li­te­ra­tur und die tie­fen Ver­än­de­run­gen, er­wirkt in Frank­reich und in Eu­ro­pa durch ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che und um­fas­sen­de Ein­wan­de­rung von au­ßer­halb Eu­ro­pas, mit ih­ren ein­schüch­tern­den Ele­men­ten des mi­li­tan­ten Sala­fis­mus und der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit im Her­zen des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus, das heißt, das Ri­si­ko der Zer­stö­rung Eu­ro­pas und sei­nes kul­tu­rel­len Hu­ma­nis­mus oder christ­li­chen Hu­ma­nis­mus, im Na­men des ‚Hu­ma­nis­mus’ in sei­ner ‚mul­ti­kul­tu­rel­len’ Ver­si­on.”

Ken­neth Baker ver­öf­fent­lich­te ge­ra­de ein neu­es Buch, On the Bur­ning of Books: How Fla­mes Fail to De­s­troy the Writ­ten Word. Es ist ein Kom­pen­di­um des so ge­nann­ten „bi­blio­caust”, der Bü­cher­ver­bren­nung von Ka­lif Omar bis Hit­ler und um­fasst die Fat­wa ge­gen Sal­man Rush­die. Als die Na­zis Bü­cher in Ber­lin ver­brann­ten, er­klär­ten sie, dass aus der Asche die­ser Ro­ma­ne „der Phö­nix ei­nes neu­en Geis­tes auf­stei­gen” wer­de. Der­sel­be Hass kommt von Is­la­mis­ten und ih­ren po­li­tisch kor­rek­ten Ver­bün­de­ten. Wir ha­ben nicht ein­mal ei­ne va­ge Vor­stel­lung da­von, wie viel der west­li­chen Kul­tur wir dem Is­lam preis­ge­ge­ben ha­ben.

Theo van Go­ghs Film „Sub­mis­si­on”, für den er er­mor­det wur­de, ver­schwand von vie­len Film­fes­ti­vals. Die Zeich­nun­gen des is­la­mi­schen Pro­phe­ten Mo­ham­med von Char­lie Heb­do sind vor der Öf­fent­lich­keit ver­bor­gen: nach dem Mas­sa­ker ha­ben nur sehr we­ni­ge Me­di­en die­se Ka­ri­ka­tu­ren nach­ge­druckt. Raif Ba­da­wis Blog-​Posts, die ihn 1000 Peit­schen­hie­be und zehn Jah­re im Ge­fäng­nis in Saudi-​Arabien kos­ten, wur­den von den sau­di­schen Be­hör­den ge­löscht und zir­ku­lie­ren jetzt wie sei­ner­zeit die ver­bo­te­ne Sa­miz­dat-Li­te­ra­tur in der So­wjet­uni­on.

Mol­ly Nor­ris, die ame­ri­ka­ni­sche Ka­ri­ka­tu­ris­tin, die im Jah­re 2010 Mo­ham­med zeich­ne­te und den „Jeder-​zeichnet-​Mohammed-​Tag” pro­kla­mier­te, ver­steckt sich im­mer noch und muss­te ih­ren Na­men und ihr Le­ben än­dern. Das Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art in New York zog Bil­der von Mo­ham­med aus ei­ner Aus­stel­lung zu­rück, wäh­rend Yale Press Bil­der von Mo­ham­med aus ei­nem Buch über die Ka­ri­ka­tu­ren strich. The Je­wel of Me­di­na, ein Ro­man über Mo­ham­meds Frau, wur­de eben­falls zu­rück­ge­zo­gen.

In den Nie­der­lan­den wur­de ei­ne Oper über Ai­sha, ei­ner von Mo­ham­meds Frau­en, in Rot­ter­dam ab­ge­sagt, nach­dem die Ar­beit von den mus­li­mi­schen Schau­spie­lern der Thea­ter­trup­pe boy­kot­tiert wur­de, nach­dem es of­fen­sicht­lich wur­de, dass sie ein Ziel für Is­la­mis­ten wä­ren. Die Zei­tung NRC Han­dels­blad brach­te den Fall un­ter der Schlag­zei­le „Te­he­ran an der Maas”, dem Fluss, der durch die nie­der­län­di­sche Stadt fliesst.

In Eng­land hat das Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­um Mo­ham­meds Bild ab­ge­hängt. „Bri­ti­sche Mu­se­en und Bi­blio­the­ken hal­ten Dut­zen­de die­ser Bil­der, meist Mi­nia­tu­ren in Hand­schrif­ten, die meh­re­re Jahr­hun­der­te alt sind, aber sie wur­den weit­ge­hend von der Öf­fent­lich­keit fern­ge­hal­ten,” er­klär­te The Guar­di­an. In Deutsch­land sag­te die Deut­sche Oper Mo­zarts Oper Ido­me­neo in Ber­lin ab, weil sie den ab­ge­schla­ge­nen Kopf von Mo­ham­med dar­ge­stellt.

Chris­to­pher Mar­lo­wes „Tam­bur­lai­ne the Gre­at”, das ei­ne Re­fe­renz ent­hält, Mo­ham­med sei „nicht wür­dig, ver­ehrt zu wer­den”, wur­de im Lon­do­ner Bar­bi­can Thea­ter neu ge­schrie­ben, wäh­rend der Köl­ner Kar­ne­val den Char­lie Heb­do Wa­gen zu­rück­zog.

In der nie­der­län­di­schen Stadt Hui­zen wur­den zwei Akt­bil­der aus ei­ner Aus­stel­lung ent­fernt, nach­dem Mus­li­me sie kri­ti­siert hat­ten. Die Ar­beit ei­ner nie­der­län­di­schen ira­ni­schen Künst­le­rin, So­oreh He­ra, wur­de von meh­re­ren nie­der­län­di­schen Mu­se­en ent­fernt, weil ei­ni­ge der Fo­tos Dar­stel­lun­gen von Mo­ham­med und sei­nem Schwie­ger­sohn Ali ent­hiel­ten. Ge­mäß die­ser An­ord­nun­gen wer­den ei­nes Ta­ges die Lon­do­ner Na­tio­nal Gal­le­ry, die Flo­ren­zer Uf­fi­zi, der Pa­ri­ser Lou­vre oder der Ma­dri­der Pra­do ent­schei­den, Mi­chel­an­ge­lo, Raf­fa­el­lo, Bosch und Bal­thus zu zen­sie­ren, weil sie die „Sen­si­bi­li­tät” der Mus­li­me be­lei­di­gen.

Der eng­li­sche Dra­ma­ti­ker Ri­chard Be­an wur­de ge­zwun­gen, ei­ne Ad­ap­ti­on von Aris­to­pha­nes Ko­mö­die „Ly­sis­tra­ta” zu zen­sie­ren, in der die grie­chi­schen Frau­en ei­nen „Sex­streik” durch­füh­ren, um ih­re Män­ner da­von ab­zu­hal­ten, Krieg zu füh­ren (in Be­ans Skript ge­hen mus­li­mi­sche Jung­frau­en zum Streik über, um Selbst­mord­at­ten­tä­ter zu stop­pen). Meh­re­re spa­ni­sche Dör­fer stopp­ten die Ver­bren­nung von Bild­nis­sen von Mo­ham­med wäh­rend der Ge­denk­ze­re­mo­nie zur Fei­er der Re­con­quis­ta des Lan­des im Mit­tel­al­ter.

Es gibt ein Vi­deo aus dem Jahr 2006, als die To­des­dro­hun­gen ge­gen Char­lie Heb­do be­sorg­nis­er­re­gend wur­den. Jour­na­lis­ten und Ka­ri­ka­tu­ris­ten sind um ei­nen Tisch ver­sam­melt, um das nächs­te Co­ver für das Ma­ga­zin zu dis­ku­tie­ren. Sie spre­chen über den Is­lam. Jean Ca­bu, ei­ner der Ka­ri­ka­tu­ris­ten, der spä­ter von Is­la­mis­ten er­mor­det wur­de, stell­te das Pro­blem so dar: „Nie­mand in der So­wjet­uni­on hat­te das Recht, Sa­ti­re über Bre­schnew zu ma­chen.”

Dann sagt ein wei­te­res zu­künf­ti­ges Op­fer, Ge­or­ges Wo­lin­ski: „Ku­ba ist vol­ler Ka­ri­ka­tu­ris­ten, aber sie ma­chen kei­ne Ka­ri­ka­tu­ren über Cas­tro. Wir kön­nen uns al­so sehr glück­lich schät­zen. Ja, wir ha­ben Glück, Frank­reich ist ein Pa­ra­dies.”

Ca­bu und Wo­lin­ski hat­ten Recht. De­mo­kra­ti­en sind, oder zu­min­dest soll­ten sie es sein, Hü­ter ei­nes ver­derb­li­chen Schat­zes: Der Mei­nungs­frei­heit. Dies ist der größ­te Un­ter­schied zwi­schen Pa­ris und Ha­van­na, Lon­don und Ri­ad, Ber­lin und Te­he­ran, Rom und Bei­rut. Die Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung ist das Bes­te, was uns die west­li­che Kul­tur gibt.

Dank der Is­la­mis­ten­kam­pa­gne und der Tat­sa­che, dass jetzt nur noch ein paar” Ver­rück­te” im­mer noch die Aus­übung der Frei­heit wa­gen, wer­den wir bald nur noch ängst­lich sein? „Is­la­mo­pho­be” Ka­ri­ka­tu­ris­ten, Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­ler sind die ers­ten Eu­ro­pä­er seit 1945, die sich aus dem öf­fent­li­chen Le­ben zu­rück­ge­zo­gen ha­ben, um ihr ei­ge­nes Le­ben zu schüt­zen. Zum ers­ten Mal in Eu­ro­pa seit Hit­ler die Ver­bren­nung von Bü­chern auf dem Ber­li­ner Be­bel­platz an­ord­ne­te, wer­den Fil­me, Bil­der, Ge­dich­te, Ro­ma­ne, Car­toons, Ar­ti­kel und Thea­ter­stü­cke buch­stäb­lich und im über­tra­ge­nen Sinn ver­brannt.

Der jun­ge fran­zö­si­sche Ma­the­ma­ti­ker Jean Ca­vail­les pfleg­te, um sei­ne schick­sal­haf­te Be­tei­li­gung am Anti-​Nazi-​Widerstand zu er­klä­ren, zu sa­gen: „Wir kämp­fen dar­um, ‚Pa­ris Soir’ zu le­sen und nicht den ‚Völ­ki­schen Be­ob­ach­ter’” Al­lein aus die­sem Grund ist es selbst­zer­stö­re­risch, über die Schön­heit der Car­toons, Ge­dich­te oder Ge­mäl­de zu deu­teln. Im Wes­ten ha­ben wir ei­nen ho­hen Preis für die Frei­heit be­zahlt, dies tun zu kön­nen. Wir al­le soll­ten des­halb pro­tes­tie­ren, wenn ein deut­scher Rich­ter „of­fen­si­ve” Ver­se ver­bie­tet, wenn ein fran­zö­si­scher Ver­le­ger ei­nen „is­la­mo­pho­ben” Re­dak­teur feu­ert oder wenn ein Mu­sik­fes­ti­val ei­ne po­li­tisch fal­sche Band ver­bannt.

Oder ist es be­reits zu spät?

Gi­ulio Meot­ti, Kul­tur­re­dak­teur für Il Fo­glio, ist ita­lie­ni­scher Jour­na­list und Schrift­stel­ler.

Ver­wand­tes Vi­deo: Gi­ulio Meot­ti über „Den Tod der frei­en Re­de in Eu­ro­pa”


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone In­sti­tuts.

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