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Der wach­sen­de Ein­fluss der Tür­kei auf den Is­lam in Ös­ter­reich

So­e­ren Kern, 20.6.2016, Gatestone In­sti­tu­te


  • Der in Ber­lin an­säs­si­ge Tür­kei­ex­per­te Ralph Ghad­ban warnt, dass der Is­lam, der in tür­kisch kon­trol­lier­ten Mo­sche­en in Eu­ro­pa ge­pre­digt wird, ein „Scharia-​Islam mit star­ken türkisch-​nationalistischen Un­ter­tö­nen” ist, der zu ei­ner „strik­ten Tren­nung von west­li­chen in­di­vi­dua­lis­ti­schen Wer­ten” auf­ruft.
  • Im Fe­bru­ar 2016 ver­öf­fent­lich­te die Uni­ver­si­tät Wien die Stu­die, die her­aus­fand, dass is­la­mi­sche Kin­der­gär­ten in der Haupt­stadt do­mi­niert wer­den von „in­tel­lek­tu­el­len Sala­fis­ten und po­li­ti­schen Is­la­mis­ten”, die zur „theo­lo­gisch mo­ti­vier­ten Iso­la­ti­on” mus­li­mi­scher Schü­ler bei­tra­gen. Der Be­richt stellt die Be­haup­tung der IG­GiÖ in Fra­ge, dass anti-​westliche Lehr­bü­cher aus ös­ter­rei­chi­schen Schu­len ent­fernt wur­den.
  • Mus­li­mi­sche Stu­den­ten sind nach der amt­li­chen Sta­tis­tik an mitt­le­ren und hö­he­ren Schu­len in Wien heu­te zahl­rei­cher als römisch-​katholische Schü­ler. Die Zah­len zei­gen auch, dass mus­li­mi­sche Schü­ler auch dar­an sind, die Ka­tho­li­ken in den Wie­ner Volks­schu­len zu über­ho­len. Die Da­ten be­stä­ti­gen ei­nen mas­si­ven de­mo­gra­phi­schen und re­li­giö­sen Wan­del in Ös­ter­reich, ei­nem tra­di­tio­nell römisch-​katholischen Land.

Die Wahl des 28-​jährige Ibra­him Ol­gun (links) zum neu­en Füh­rer der Is­la­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in Ös­ter­reich ist von an­de­ren lo­ka­len mus­li­mi­schen Füh­rern als „un­de­mo­kra­tisch” und „il­le­gal” kri­ti­siert wor­den. Sie glau­ben, Ol­gun wer­de dar­an ar­bei­ten, den tür­ki­schen Ein­fluss auf die Mus­li­me in Ös­ter­reich zu er­hö­hen. Rechts das sau­disch fi­nan­zier­te Kö­nig Ab­dul­lah bin Ab­du­la­ziz In­ter­na­tio­nal Cent­re für in­ter­re­li­giö­sen und in­ter­kul­tu­rel­len Dia­log in Wien, von dem die Kri­ti­ker sa­gen, es ver­brei­te den fun­da­men­ta­lis­ti­schen wah­h­a­bi­ti­schen Is­lam.

Die Wahl ei­nes eth­ni­schen Tür­ken zum Füh­rer der is­la­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in Ös­ter­reich IG­GiÖ, der pri­mä­ren Ver­tre­tung der Mus­li­me im Land, wird von mus­li­mi­schen Grup­pen in Fra­ge ge­stellt, die ge­gen den wach­sen­den Ein­fluss der Tür­kei auf die Pra­xis des Is­lams in Ös­ter­reich sind.

Ibra­him Ol­gun, ein 28-​jähriger, in Ös­ter­reich ge­bo­re­ner is­la­mi­scher Theo­lo­ge mit Ver­bin­dun­gen zum tür­ki­schen Staat, wur­de am 19. Ju­ni in stil­ler Wahl als Er­satz des 62-​jährigen Fuat Sa­nac er­nannt, der nach fünf Jah­ren als IG­GiÖ Prä­si­dent zu­rück­ge­tre­ten war.

Sa­nac, auch ein Tür­ke, wur­de von den tür­ki­schen Be­hör­den be­schimpft für die Un­ter­stüt­zung der ös­ter­rei­chi­schen Re­gie­rung bei ei­nem neu­en Ent­wurf ei­nes Is­lam­ge­set­zes, das ei­nen „Is­lam mit ei­nem ös­ter­rei­chi­schen Cha­rak­ter” för­dern soll. Das Ge­setz, das im Fe­bru­ar 2015 ver­kün­det wur­de, soll durch das Ver­bot aus­län­di­scher Fi­nan­zie­rung für Mo­sche­en, Ima­me und mus­li­mi­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen in Ös­ter­reich die Ein­mi­schung von au­ßer­halb re­du­zie­ren. Es be­tont auch, dass das ös­ter­rei­chi­sche Recht den Vor­rang ha­ben muss vor der is­la­mi­schen Scha­ria für die im Land le­ben­den Mus­li­me.

Be­ob­ach­ter be­fürch­ten, dass Ol­gun – ein Mit­glied der tür­kisch fi­nan­zier­ten Türkisch-​Islamischen Uni­on für kul­tu­rel­le und so­zia­le Zu­sam­men­ar­beit in Ös­ter­reich (ATIB), ei­ne ein­fluss­rei­che Grup­pe, die sich ge­schwo­ren hat, das Is­lam­ge­setz bis vor Ös­ter­reichs Ver­fas­sungs­ge­richt an­zu­fech­ten – sei­ne neue Po­si­ti­on nut­zen wer­de, um so­wohl das Is­lam­ge­setz zu un­ter­gra­ben, als auch den Ein­fluss der Tür­kei auf die Mus­li­me in Ös­ter­reich zu er­hö­hen.

Min­des­tens acht ös­ter­rei­chi­sche mus­li­mi­sche Grup­pen (die al­ba­ni­sche, ara­bi­sche, bos­ni­sche und Sufi-​Moslems re­prä­sen­tie­ren) for­dern Ol­gun her­aus, der vom Schura-​Rat (Schur­a­rat) des IG­GiÖ ge­wählt wur­de, ei­nem Re­gel­ko­mi­tee (Shu­ra ist ein ara­bi­sches Wort für Be­ra­tung), des­sen fünf Mit­glie­der al­le zu­fäl­lig eth­ni­sche Tür­ken sind.

Die Sta­tu­en der IG­GiÖ ver­lan­gen, dass je­mand min­des­tens 35 Jah­re alt sein muss, um der Grup­pe vor­zu­ste­hen, doch der Schura-​Rat hat die­se Be­stim­mung ver­gan­ge­nen De­zem­ber ins­ge­heim für nich­tig er­klärt, laut Hassan Mou­sa, Lei­ter der ara­bi­schen Kul­tus­ge­mein­de in Ös­ter­reich. Er sag­te, dass Ol­guns Wahl „un­de­mo­kra­tisch” und „il­le­gal” war und füg­te hin­zu, dass sei­ne Be­zie­hun­gen zu ATIB das Macht­gleich­ge­wicht der IG­GiÖ wei­ter in Rich­tung der Tür­kei ver­la­ge­re.

ATIB, ei­ne Dach­or­ga­ni­sa­ti­on , die in Ös­ter­reich mehr als 60 Mo­sche­en be­treibt, wird di­rekt ver­wal­tet durch den At­ta­ché für re­li­giö­se An­ge­le­gen­hei­ten der tür­ki­schen Bot­schaft in Wien, und die Ima­me die­ser Mo­sche­en sind tür­ki­sche Be­am­te. ATIB und ihr deut­sches Pen­dant, die Türkisch-​Islamische Uni­on für re­li­giö­se An­ge­le­gen­hei­ten (DITIB), wer­den von der Di­rek­ti­on für re­li­giö­se An­ge­le­gen­hei­ten der tür­ki­schen Re­gie­rung fi­nan­ziert, auf tür­kisch als Diya­net be­kannt.

Ge­mäss dem in Ber­lin an­säs­si­gen Tür­kei­ex­per­ten Ralph Ghad­ban ist die pri­mä­re Auf­ga­be von ATIB und DITIB, „die of­fi­zi­el­le Ver­si­on des Is­lam der tür­ki­schen Re­gie­rung [in Ös­ter­reich und Deutsch­land] zu in­stal­lie­ren”. Er sagt, die bei­den Grup­pen sei­en der „er­wei­ter­te Arm” des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­y­ip Er­do­gan, der sie da­zu nutzt, tür­ki­schen Na­tio­na­lis­mus als Mit­tel ge­gen die In­te­gra­ti­on der tür­ki­schen Dia­spo­ra zu för­dern.

Ghad­ban warnt, dass der Is­lam, der in tür­kisch kon­trol­lier­ten Mo­sche­en in Eu­ro­pa ge­pre­digt wird, ein „Scharia-​Islam mit star­ken türkisch-​nationalistischen Un­ter­tö­nen” ist, der ei­ne „strik­te Tren­nung von west­li­chen in­di­vi­dua­lis­ti­schen Wer­ten” for­dert. Er sagt auch, dass DITIB ih­re Ver­bin­dun­gen zu Mil­li Gö­rüs (Tür­kisch für „na­tio­na­le Vi­si­on”), ei­ner ein­fluss­rei­chen is­la­mis­ti­schen Be­we­gung, ge­stärkt hat, die ent­schie­den ge­gen mus­li­mi­sche In­te­gra­ti­on in die eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaft ist.

Ol­gun, der is­la­mi­sche Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät von An­ka­ra stu­dier­te, hat ge­schwo­ren, al­le Mus­li­me in der Tür­kei zu ver­tre­ten:

„Ich ha­be selbst er­lebt, wie es ist, in Ös­ter­reich auf­zu­wach­sen und mei­ne ei­ge­ne Iden­ti­tät zu hin­ter­fra­gen. Was ist Re­li­gi­on und was Tra­di­ti­on? Es lohnt sich, dar­über nach­zu­den­ken und dann theo­lo­gi­sche For­schung zu be­trei­ben. Heu­te füh­le ich mich als Mus­lim in Ös­ter­reich Zu­hau­se, aber ich ver­ges­se auch mei­ne Wur­zeln nicht. Dar­um wer­de ich Brü­cken bau­en.”

Ol­gun be­steht dar­auf, dass er nicht Er­do­gans Ma­rio­net­te sein und nicht zu­las­sen wird, durch ATIB be­ein­flusst zu wer­den. Bis vor kur­zem war Ol­gun je­doch ATIBs Wei­chen­stel­ler für „in­ter­re­li­giö­sen Dia­log”, ei­ne Schlüs­sel­me­tho­de, um im Wes­ten den Is­lam zu ver­brei­ten, in­dem sie als ei­ne Re­li­gi­on des Frie­dens und der To­le­ranz por­trä­tiert wird.

In Ös­ter­reich kon­kur­riert ATIB di­rekt mit dem in Wien ba­sier­ten, Saudi-​finanzierten Kö­nig Ab­dul­lah bin Ab­du­la­ziz In­ter­na­tio­nal Cent­re für in­ter­re­li­giö­sen und in­ter­kul­tu­rel­len Dia­log, das nach An­sicht von Kri­ti­kern ein per­ma­nen­tes „Pro­pa­gan­da­zen­trum” in Mit­tel­eu­ro­pa ist, aus dem die kon­ser­va­ti­ve Wahhabiten-​Sekte des Is­lams ver­brei­tet wird.

Ol­gun war auch ein „Fach­in­spek­tor für Is­la­mi­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt” für die IG­GiÖ in Wien, wo er dar­an ar­bei­te­te, si­cher­zu­stel­len, dass mus­li­mi­sche Kin­der ei­ne Ver­si­on des Is­lam ge­lehrt wird, die ver­mut­lich von der tür­ki­schen Re­gie­rung eta­blier­te Stan­dards er­füllt.

Die IG­GiÖ, die mehr als 250 mus­li­mi­sche Ver­bän­de in ganz Ös­ter­reich re­prä­sen­tiert, bie­tet staat­lich fi­nan­zier­ten is­la­mi­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt an den ös­ter­rei­chi­schen öf­fent­li­chen und pri­va­ten Schu­len an.

Im Jahr 2014 führ­te die IG­GiÖ neue steu­er­fi­nan­zier­te Lehr­bü­cher für die for­ma­le Leh­re des Is­lam in al­len öf­fent­li­chen Grund­schu­len im gan­zen Land ein. Nach An­ga­ben der IG­GiÖ ba­sie­ren die neu­en Lehr­bü­cher – ge­nannt „Is­lam­stun­de” – auf „si­che­ren und an­er­kann­ten Quel­len des Is­lam” mit dem Ziel „Is­lam in das Le­ben der Stu­den­ten zu in­te­grie­ren.”

Im Ge­gen­satz zu frü­he­ren Ver­sio­nen der Bü­cher, die für ih­ren „über­mä­ßig mar­tia­li­schen Ton­fall” kri­ti­siert wur­den und da­für, nicht „aus­rei­chend auf eu­ro­päi­sche Wer­te ori­en­tiert” zu sein, wur­den die neu­en Bü­cher auf Ba­sis ei­nes „völ­lig neu­en di­dak­ti­schen Mo­dells für kom­pe­tenz­ba­sier­te Aus­bil­dung” ent­wi­ckelt.

Im Fe­bru­ar 2016 je­doch ver­öf­fent­lich­te die Uni­ver­si­tät Wien die Stu­die, die her­aus­fand, dass die is­la­mi­schen Kin­der­gär­ten in der Haupt­stadt do­mi­niert wer­den von „in­tel­lek­tu­el­len Sala­fis­ten und po­li­ti­schen Is­la­mis­ten”, die zur „theo­lo­gisch mo­ti­vier­ten Iso­la­ti­on” mus­li­mi­scher Schü­ler bei­tra­gen. Der Be­richt stellt Be­haup­tun­gen der IG­GiÖ in Fra­ge, dass anti-​westliche Lehr­bü­cher von den ös­ter­rei­chi­schen Schu­len ent­fernt wur­den: „In vie­len ih­rer Ver­öf­fent­li­chun­gen leh­nen die Mus­lim­bru­der­schaft und Mil­li Gö­rüs die west­li­che Le­bens­wei­se als ei­ne min­der­wer­ti­ge Welt­an­schau­ung ab.”

Ol­gun weist die ge­gen ihn er­ho­be­ne Kri­tik zu­rück: „Sie sa­gen, dass ich zu jung bin, dass ich der ver­län­ger­te Arm des tür­ki­schen Staa­tes bin. Das ist nicht wahr. Ich bin in Ös­ter­reich ge­bo­ren und hier auf­ge­wach­sen und bin ös­ter­rei­chi­scher Staats­bür­ger. Ich bin kein tür­ki­scher Be­am­ter.”

Ol­gun An­hän­ger sa­gen, dass es Zeit ist für ei­nen „Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel ” in der IG­GiÖ, weil Ös­ter­reichs mus­li­mi­sche Ge­mein­schaft jung ist und schnell wächst. Die mus­li­mi­sche Be­völ­ke­rung in Ös­ter­reich über­steigt jetzt die 500.000 (oder rund 6% der Ge­samt­be­völ­ke­rung), im Ver­gleich zu ei­ner ge­schätz­ten Zahl von 150.000 (oder 2%) im Jahr 1990. Nach jüngs­ten Schät­zun­gen wird er­war­tet, dass die mus­li­mi­sche Be­völ­ke­rung bis zum Jahr 2030 800.000 (oder 9,5%) er­reicht.

Mus­li­mi­schen Schü­ler sind jetzt zahl­rei­cher als römisch-​katholische Schü­ler an mitt­le­ren und hö­he­ren Schu­len in Wien, nach der amt­li­chen Sta­tis­tik, die zeigt, dass mus­li­mi­sche Schü­ler auch dar­an sind, die Ka­tho­li­ken in Wie­ner Volks­schu­len zu über­ho­len. Die Da­ten be­stä­ti­gen ei­nen mas­si­ven de­mo­gra­phi­schen und re­li­giö­sen Wan­del in Ös­ter­reich, ei­nem tra­di­tio­nell römisch-​katholischen Land.

So­e­ren Kern ist ein Se­ni­or Fel­low am New Yor­ker Gatestone In­sti­tu­te. Er ist auch Se­ni­or Fel­low for Eu­ro­pean Po­li­tics am Ma­dri­der Gru­po de Estu­di­os Est­ra­té­gicos /​ Stra­te­gic Stu­dies Group. Fol­gen Sie ihm auf Face­book und auf Twit­ter. Sein ers­tes Buch, Glo­bal Fire, kommt 2016 her­aus.


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone In­sti­tuts.

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