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Frank­reich: De­ra­di­ka­li­sie­rung von Dschi­ha­dis­ten ein „To­ta­les Fi­as­ko”

So­e­ren Kern, 26.2.2017, Gatestone In­sti­tu­te

  • Der Be­richt im­pli­ziert, dass die De­ra­di­ka­li­sie­rung we­der in spe­zia­li­sier­ten Zen­tren noch in Ge­fäng­nis­sen funk­tio­niert, weil die meis­ten is­la­mi­schen Ra­di­ka­len nicht de­ra­di­ka­li­siert wer­den wol­len.
  • Ob­wohl Frank­reich schät­zungs­wei­se 8.250 hardcore-​islamische Ra­di­ka­le be­her­bergt, sind nur 17 Be­wer­bun­gen ein­ge­reicht wor­den und nur neun ha­ben es an­ge­tre­ten. Kein ein­zi­ger Ein­woh­ner hat das vol­le zehn­mo­na­ti­ge Pro­gramm ab­ge­schlos­sen.
  • In­dem Is­la­mis­ten in ge­trenn­ten Ge­fäng­nis­flü­geln un­ter­ge­bracht wur­den, sind sie tat­säch­lich noch ge­walt­tä­ti­ger ge­wor­den, weil sie vom „Grup­pen­ef­fekt” er­mu­tigt wur­den, so Jus­tiz­mi­nis­ter Jean-​Jacques Ur­vo­as.
  • „De­ra­di­ka­li­sie­rung ge­schieht nicht in sechs Mo­na­ten. Die­se Leu­te, die kei­ne Idea­le er­hal­ten ha­ben und die sich an die Ideo­lo­gie des is­la­mi­schen Staa­tes klam­mern, wer­den sie nicht so ein­fach los­wer­den. Es gibt kein „Se­sam öff­ne dich”. – Se­na­to­rin Es­ther Ben­bassa.
  • „Das De­ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­gramm ist ein to­ta­ler Rein­fall, al­les muss neu über­dacht wer­den, al­les muss von Grund auf neu ge­stal­tet wer­den.” – Se­na­tor Phil­ip­pe Bas, der Lei­ter des Se­nats­aus­schus­ses, der den Be­richt in Auf­trag gab.

Das „Zen­trum für Prä­ven­ti­on, In­te­gra­ti­on und Staats­bür­ger­schaft” Châ­teau de Pon­tour­ny in Frank­reich. (Bild­quel­le: 28 Mi­nu­ten – ARTE Vi­deo Screen­shot)

Das Flagg­schiff der fran­zö­si­schen Re­gie­rung zur De­ra­di­ka­li­sie­rung von Dschi­ha­dis­ten ist ein „To­tal­scha­den” und muss nach den ers­ten Schluss­fol­ge­run­gen ei­ner par­la­men­ta­ri­schen Fin­dungs­kom­mis­si­on zur De­ra­di­ka­li­sie­rung „völ­lig neu kon­zi­piert” wer­den.

Der vor­läu­fi­ge Be­richt zeigt, dass die Re­gie­rung für die Dut­zen­den von Mil­lio­nen von Steuer-​Euros, die sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus­ge­ge­ben hat, nichts vor­zu­wei­sen hat, um die is­la­mi­sche Ra­di­ka­li­sie­rung in Frank­reich zu be­kämp­fen, wo 238 Men­schen seit Ja­nu­ar 2015 in dschi­ha­dis­ti­schen An­schlä­gen ge­tö­tet wor­den sind. Der Be­richt im­pli­ziert, dass die De­ra­di­ka­li­sie­rung we­der in spe­zia­li­sier­ten Zen­tren noch in Ge­fäng­nis­sen funk­tio­niert, weil die meis­ten is­la­mi­schen Ra­di­ka­len nicht de­ra­di­ka­li­siert wer­den wol­len.

Der Be­richt „De­indok­tri­na­ti­on, De­re­kru­tie­rung und Re­inte­gra­ti­on von Dschi­ha­dis­ten in Frank­reich und Eu­ro­pa” (Dé­sen­doc­tri­ne­ment, dé­sem­bri­ga­de­ment et réin­ser­ti­on des dji­ha­dis­tes en Fran­ce et en Eu­ro­pe) – der Ti­tel ver­mei­det das Wort „De­ra­di­ka­li­sie­rung”, da es von ei­ni­gen als po­li­tisch in­kor­rekt be­trach­tet wird – wur­de dem Se­nats­aus­schuss für kon­sti­tu­tio­nel­le und ju­ris­ti­sche An­ge­le­gen­hei­ten am 22. Fe­bru­ar vor­ge­stellt.

Der Be­richt ist die vor­läu­fi­ge Fas­sung ei­ner um­fas­sen­den Stu­die, die der­zeit von ei­ner par­tei­über­grei­fen­den Task Force durch­ge­führt wird, die mit der Be­wer­tung der Wirk­sam­keit der Regierungs-​Deradikalisierungsbemühungen be­auf­tragt ist. Der Ab­schluss­be­richt ist im Ju­li fäl­lig.

Ein Groß­teil der Kri­tik kon­zen­triert sich auf ei­nen 40-​Millionen-​Euro–Plan, um 13 De­ra­di­ka­li­sie­rungs­zen­tren zu bau­en, die als Zen­tren für Prä­ven­ti­on, In­te­gra­ti­on und Staats­bür­ger­schaft (Cent­re de pré­ven­ti­on, d’insertion et de ci­toy­enne­té, CPIC) be­kannt sind – ei­nes in je­der Me­tro­pol­re­gi­on – die dar­auf ab­zie­len, an­ge­hen­de Dschi­ha­dis­ten zu de­ra­di­ka­li­sie­ren.

Der ur­sprüng­li­che Plan, der im Mai 2016 mit gro­ßem Tra­ra ent­hüllt wor­den war, for­der­te, dass je­des Zen­trum bis zu ma­xi­mal 25 Per­so­nen im Al­ter von 18 bis 30 Jah­ren für zehn Mo­na­te auf­nimmt. Die Re­gie­rung sag­te, dass in den nächs­ten zwei Jah­ren 3.600 ra­di­ka­li­sier­te Ein­zel­per­so­nen in die­se De­ra­di­ka­li­sie­rungs­zen­tren ein­tre­ten wür­den.

Das ers­te – und bis da­hin ein­zi­ge – De­ra­di­ka­li­sie­rungs­zen­trum der Re­gie­rung, im Châ­teau de Pon­tour­ny, ei­nem iso­lier­ten Her­ren­haus aus dem 18. Jahr­hun­dert in Zen­tral­frank­reich un­ter­ge­bracht, wur­de im Sep­tem­ber 2016 er­öff­net.

Als die Se­na­to­rin­nen Es­ther Ben­bassa und Ca­the­ri­ne Trönd­le, die bei­de die Task Force füh­ren, Pon­tour­ny am 3. Fe­bru­ar be­such­ten, fan­den sie nur ei­nen Be­woh­ner in der Ein­rich­tung vor. Die­se Per­son ist seit­dem ein­ge­sperrt we­gen der Be­ge­hung von „Ak­ten häus­li­cher Ge­walt.”

Nach nur fünf Mo­na­ten Be­trieb ist Pon­tour­ny jetzt leer, ob­wohl es 27 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt, dar­un­ter fünf Psy­cho­lo­gen, Psych­ia­ter und neun Päd­ago­gen, bei jähr­li­chen Kos­ten von 2,5 Mio. €.

Ob­wohl Frank­reich die Hei­mat von schät­zungs­wei­se 8250 Hardcore-​islamischen Ra­di­ka­len ist, ha­ben sich seit sei­ner Er­öff­nung nur 59 Per­so­nen da­nach er­kun­digt, ob sie nach Pon­tour­ny ge­hen könn­ten. Von de­nen reich­ten nur 17 Be­wer­bun­gen ein und nur neun ka­men. Nicht ein ein­zi­ger Be­woh­ner hat das vol­le zehn­mo­na­ti­ge Pro­gramm ab­ge­schlos­sen.

Ei­ner der Be­woh­ner war ein 24-​jähriger Dschi­ha­dist na­mens Mus­ta­fa S., der wäh­rend ei­ner Anti-​Terror-​Operation in der Nä­he von Straß­burg am 20. Ja­nu­ar 2017 ver­haf­tet wor­den war. Die Po­li­zei sag­te, er ha­be Ver­bin­dun­gen zu ei­nem der Or­ga­ni­sa­to­ren des Dschihad-​Angriffs auf das Thea­ter Bata­clan in Pa­ris vom No­vem­ber 2015. Mus­ta­fa S. wur­de wäh­rend ei­nes Ur­laubs­gangs von Pon­tour­ny ver­haf­tet: Er war an­geb­lich auf dem Weg, sich dem is­la­mi­schen Staat in Sy­ri­en an­zu­schlies­sen.

Ein an­de­rer Be­woh­ner von Pon­tour­ny war ei­ne 24-​jährige schwan­ge­re Frau na­mens Sa­bri­na C., die vom 19. Sep­tem­ber bis zum 15. De­zem­ber in der An­la­ge leb­te. Sie ent­hüll­te ge­gen­über ei­ner Lo­kal­zei­tung, dass sie nie ra­di­ka­li­siert war, son­dern Pon­tour­ny be­nutz­te, um ih­rem „Fa­mi­li­en­ko­kon” zu ent­kom­men und „et­was fri­sche Luft” zu krie­gen:

„Zu kei­nem Zeit­punkt ha­be ich mich für ir­gend ei­ne Re­li­gi­on wie auch im­mer in­ter­es­siert. Mei­ne Fa­mi­lie ist ka­tho­lisch, nicht prak­ti­zie­rend, wir ge­hen von Zeit zu Zeit in die Kir­che, aber nicht mehr. Mein Freund woll­te, dass ich das Kopf­tuch tra­ge, aber ich wei­ger­te mich im­mer.”

Sa­bri­nas Mut­ter sag­te, die De­ra­di­ka­li­sie­rungs­ein­rich­tung „war ei­ne Ge­le­gen­heit für un­se­re Toch­ter, ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung zu ma­chen, ko­chen zu ler­nen, in der Nä­he von Tie­ren zu sein.” Sa­bri­na füg­te hin­zu, dass ihr Auf­ent­halt dort ein Alp­traum war: „Ich wein­te je­de Nacht, ich fühl­te mich in Pon­tour­ny nicht am rich­ti­gen Ort, sie be­han­del­ten mich wie ei­nen Ver­bre­cher.” Sie spe­ku­lier­te, dass der ein­zi­ge Grund, war­um sie in die An­la­ge zu­ge­las­sen wur­de, war, weil die Re­gie­rung „Zah­len bol­zen” muss­te.

Die Re­gie­rung ist auch in ih­ren Be­mü­hun­gen ge­schei­tert, is­la­mi­sche Ra­di­ka­li­sie­rung in fran­zö­si­schen Ge­fäng­nis­sen aus­zu­mer­zen. Im Ok­to­ber 2016 hob die Re­gie­rung ei­ne Po­li­tik auf, ra­di­ka­li­sier­te Ge­fan­ge­ne in se­pa­ra­ten Flü­geln un­ter­zu­brin­gen, nach­dem es ei­ne Zu­nah­me der An­grif­fe auf Ge­fäng­nis­wär­ter ge­ge­ben hat­te.

Die ur­sprüng­li­che Idee war, die Is­la­mis­ten zu iso­lie­ren, um sie da­von ab­zu­hal­ten, an­de­re In­sas­sen zu ra­di­ka­li­sie­ren, aber der Jus­tiz­mi­nis­ter Jean-​Jacques Ur­vo­as gab zu, dass die Is­la­mis­ten, in­dem sie sie in ge­trenn­ten Ge­fäng­nis­flü­geln un­ter­brach­ten, tat­säch­lich ge­walt­tä­ti­ger ge­wor­den wa­ren, weil sie von dem, was er den „Grup­pen­ef­fekt” nann­te, er­mu­tigt wor­den wa­ren.”

Der Be­richt ver­ur­teil­te auch die Ent­ste­hung ei­ner „De­ra­di­ka­li­sie­rungs­in­dus­trie”, in der Ver­bän­de und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen oh­ne Er­fah­rung in der De­ra­di­ka­li­sie­rung mit lu­kra­ti­ven Re­gie­rungs­ver­trä­gen do­tiert wur­den. „Meh­re­re Ver­bän­de, die in fi­nan­zi­el­len Man­gel­si­tua­tio­nen ei­ne öf­fent­li­che Fi­nan­zie­rung an­streb­ten, wand­ten sich oh­ne wirk­li­che Er­fah­rung der De­ra­di­ka­li­sie­rungs­bran­che zu”, so Se­na­to­rin Ben­bassa.

Ben­bassa sag­te, dass das Regierungs-​Deradikalisierungsprogramm mit­ten in ei­ner schwe­ren dschi­ha­dis­ti­schen Be­dro­hung schlecht kon­zi­piert war und aus po­li­ti­schen Grün­den has­tig vor­an­ge­trie­ben wur­de. „Die Re­gie­rung war in Pa­nik we­gen der Dschi­ha­dis­ten­an­grif­fe”, sag­te sie. „Es war die Pa­nik, die ihr Han­deln lei­te­te. Es stand nur we­nig po­li­ti­sche Zeit zur Ver­fü­gung, man muss­te die Öf­fent­lich­keit be­ru­hi­gen.”

Der französisch-​iranische So­zio­lo­ge Far­had Khos­rok­ha­var, ein Ex­per­te für Ra­di­ka­li­sie­rung, sag­te zu Fran­ce 24, dass die ein­zi­ge Mög­lich­keit der Re­gie­rung, mit Hardcore-​Dschihadisten um­zu­ge­hen, dar­in be­steht, sie ein­zu­sper­ren:

„Man­che Men­schen kön­nen de­ra­di­ka­li­siert wer­den, aber nicht al­le, es ist un­mög­lich bei den Hardcore-​Dschihadisten, bei de­nen, die völ­lig über­zeugt sind. Die­se Art von Pro­fi­len sind sehr ge­fähr­lich und stel­len et­wa 10% bis 15% der­je­ni­gen dar, die ra­di­ka­li­siert wur­den. Das Ge­fäng­nis ist viel­leicht ei­ner der ein­zi­gen We­ge, mit die­sen Hardcore-​Gläubigen um­zu­ge­hen.”

In ei­nem In­ter­view mit L’Obs sag­te Ben­bassa, dass die Re­gie­rung sich auch nicht um Prä­ven­ti­on ge­küm­mert ha­be:

„Jun­ge Kan­di­da­ten für den Dschi­ha­dis­mus müs­sen so­zia­li­siert wer­den. Wir müs­sen ih­nen ei­nen Be­ruf bei­brin­gen, sie zu Be­rufs­tä­ti­gen ma­chen und ih­nen ein in­di­vi­dua­li­sier­tes Follow-​up an­bie­ten. Da­zu ge­hört die Fa­mi­lie, Ima­me, ört­li­che Po­li­zei­be­am­te, Päd­ago­gen, Psy­cho­lo­gen und Un­ter­neh­mer, die auch in­ter­ve­nie­ren kön­nen .…

„Ich den­ke auch, dass un­se­re po­li­ti­schen Füh­rer ein we­nig Nüch­tern­heit und De­mut an­neh­men soll­ten, wenn sie sich die­sem kom­ple­xen Phä­no­men nä­hern. Die Auf­ga­be ist äu­ßerst schwie­rig: ‚De­ra­di­ka­li­sie­rung’ ge­schieht nicht in sechs Mo­na­ten. Die Men­schen, die kei­ne Idea­le er­hal­ten ha­ben, und die sich an die Ideo­lo­gie des is­la­mi­schen Staa­tes klam­mern, wer­den sie nicht so ein­fach los. Es gibt kein „Se­sam öff­ne dich.”

Se­na­tor Phil­ip­pe Bas, der Vor­ste­her des Se­nats­aus­schus­ses, der den Be­richt be­auf­tragt hat, be­schrieb das Re­gie­rungs­de­ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­gramm auf die­se Wei­se: „Es ist ein to­ta­les Fi­as­ko, al­les muss neu über­dacht wer­den, al­les muss von Grund auf neu ge­stal­tet wer­den.”

So­e­ren Kern ist ein Se­ni­or Fel­low am New Yor­ker Gatestone In­sti­tu­te. Fol­gen Sie ihm auf Face­book und auf Twit­ter.


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone In­sti­tuts.

 

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