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Eu­ro­pa: Ver­wan­delt es sich in das neue Afghanistan?

Gi­ulio Meot­ti, 21.4.2017, Gatestone Institute

  • „Je­ne Mi­gran­ten, die in Frank­reich Frei­heit su­chen, müs­sen an der Frei­heit par­ti­zi­pie­ren. Die Mi­gran­ten ha­ben nicht in Saudi-​Arabien um Asyl er­sucht, son­dern in Deutsch­land. War­um? We­gen Si­cher­heit, Frei­heit und Wohl­stand. Al­so dür­fen sie nicht ein neu­es Af­gha­ni­stan er­schaf­fen”, sag­te der al­ge­ri­sche Schrift­stel­ler Ka­mel Daoud. Recht hat er. Doch es ist der eu­ro­päi­sche Main­stream, der es zu­lässt, dass sie un­se­re Kul­tur­land­schaft in ein wei­te­res Af­gha­ni­stan verwandeln.
  • Der Wes­ten war mal stolz dar­auf, das Land der Frei­en zu sein. Die eu­ro­päi­schen Mu­se­en ha­ben sich statt­des­sen rasch der is­la­mi­schen Kor­rekt­heit un­ter­wor­fen. Die Aus­stel­lung „Pas­si­on for Free­dom” in der Mall Gal­le­ry in Lon­don zen­sier­te die Licht­in­stal­la­ti­on ei­ner Fa­mi­lie von Spiel­zeug­tie­ren, die in ei­nem ver­zau­ber­ten Tal leben.
  • „Der Lou­vre wid­met dem künst­le­ri­schen Er­be der öst­li­chen Chris­ten ei­nen neu­en Ab­schnitt”, so Prä­si­dent Ni­cho­las Sar­ko­zy im Jahr 2010. Aber das Pro­jekt wur­de von der neu­en Lei­tung des Mu­se­ums mit der Zu­stim­mung des Kul­tur­mi­nis­te­ri­ums von Prä­si­dent Hol­lan­de ein­ge­mot­tet. Heu­te hat der Lou­vre ei­nen Ab­schnitt, der der is­la­mi­schen Kunst ge­wid­met ist, je­doch nichts über das öst­li­che Christentum.

Die mu­ti­ge Ar­beit der Künst­le­rin Mim­sy, „ISIS be­droht Syl­va­ni­en”, die die Bru­ta­li­tät von ISIS sa­ti­ri­sier­te, wur­de aus den Lon­do­ner Mall Ga­le­ri­en ent­fernt, nach­dem die bri­ti­sche Po­li­zei sie als „het­ze­risch” de­fi­niert hat­te. (Bild­quel­le: Mimsy)

Maas­tricht, in den Nie­der­lan­den, ist die ma­le­ri­sche Stadt, die dem be­rühm­ten Ver­trag, der 1992 von den zwölf Na­tio­nen der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft un­ter­zeich­net wur­de, den Na­men gab und der den Weg für die Grün­dung der heu­ti­gen Eu­ro­päi­schen Uni­on und der ein­heit­li­chen Wäh­rung, dem Eu­ro, ge­eb­net hat.

Maas­tricht ist aber auch die Hei­mat von „Tefaf”, der be­deu­tends­ten Kunst- und An­ti­qui­tä­ten­mes­se der Welt. Das Kunst­werk „Per­se­po­lis” des ita­lie­ni­schen Künst­lers Lu­ca Pi­gna­tel­li war be­reits ku­ra­tiert, als die Kom­mis­si­on an­ord­ne­te, dass es ent­fernt wer­den müs­se. Die Ar­beit, ge­baut im Jahr 2016, kom­bi­nier­te ei­nen per­si­schen Is­la­mi­schen Tep­pich und ei­nen weib­li­chen Kopf. „Wir sind al­le ge­de­mü­tigt und sprach­los”, er­klär­te Pi­gna­tel­li und deu­te­te dar­auf hin, dass sei­ne Ar­beit zu­nächst die Be­geis­te­rung der Kom­mis­si­on ge­weckt hat­te. Die Er­klä­rung der Mes­se war, dass Pi­gna­tel­lis Ar­beit „pro­vo­ka­tiv” sei.

Die Mes­se­lei­tung woll­te of­fen­bar den Is­lam und die mus­li­mi­schen Käu­fer nicht mit Pi­gna­tel­lis Kom­bi­na­ti­on der Mat­te (die von Mus­li­men zum Ge­bet be­nutzt wird) mit dem Ge­sicht der Frau be­lei­di­gen. „Wir sind scho­ckiert, dies ist das ers­te Mal, dass dies ge­sche­hen ist und ich den­ke, es ist le­gi­tim, dar­über zu re­den”, sag­te Pi­gna­tel­li. „Falls es in Rom da­zu kommt, dass man sich ent­schei­det, Kunst­wer­ke zu ver­hül­len, um zu ver­mei­den, aus­län­di­sche Be­su­cher zu be­lei­di­gen, gut, dann bin ich nicht ein­ver­stan­den”. Das ist ein Hin­weis auf die Ent­schei­dung der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, die an­ti­ken rö­mi­schen Sta­tu­en zu ver­hül­len, um den auf Be­such wei­len­den ira­ni­schen Prä­si­den­ten Hassan Ro­uha­ni nicht zu beleidigen.

Wenn Eu­ro­pa ei­ne Zu­kunft will, soll­te es we­ni­ger ideo­lo­gisch sein über den Ver­trag von Maas­tricht und mehr ge­gen die Ka­pi­tu­la­ti­on Maas­trichts vor der Angst. Der mu­ti­ge al­ge­ri­sche Schrift­stel­ler Ka­mel Daoud sagte:

„Je­ne Mi­gran­ten, die in Frank­reich Frei­heit su­chen, müs­sen an der Frei­heit par­ti­zi­pie­ren. Mi­gran­ten ha­ben nicht in Saudi-​Arabien um Asyl er­sucht, son­dern in Deutsch­land. War­um? We­gen Si­cher­heit, Frei­heit und Wohl­stand. Al­so dür­fen sie nicht ein neu­es Af­gha­ni­stan erschaffen”.

Rich­tig. Doch es ist der eu­ro­päi­sche Main­stream, der sie un­se­re Kul­tur­land­schaft in ein wei­te­res Af­gha­ni­stan ver­wan­deln lässt. Die Ta­li­ban ha­ben Künst­ler ge­tö­tet und Kunst­wer­ke zer­stört. Der Wes­ten war stolz dar­auf, das Land der Frei­en zu sein.

Die eu­ro­päi­schen Mu­se­en ha­ben sich statt­des­sen rasch der is­la­mi­schen Kor­rekt­heit un­ter­wor­fen. Die Aus­stel­lung „Pas­si­on for Free­dom” in der Mall Gal­le­ry in Lon­don zen­sier­te die Licht­in­stal­la­ti­on ei­ner Fa­mi­lie von Spiel­zeug­tie­ren, die in ei­nem ver­zau­ber­ten Tal le­ben. Ver­se­hen mit dem Ti­tel „ISIS be­droht Syl­va­ni­en”, wur­de sie ent­fernt, nach­dem die bri­ti­sche Po­li­zei auf ih­ren „het­ze­ri­schen” In­halt hin­ge­wie­sen hat­te. Zu­vor ver­bot die Ta­te Gal­le­ry in Lon­don ei­ne Ar­beit von John Lat­ham, die ei­nen in Glas ein­ge­bet­te­ten Ko­ran zeigte.

Ein an­de­rer bri­ti­scher Künst­ler, Gray­son Per­ry, gab zu, dass er sich selbst zen­sie­re, aus Angst,  dass er en­den könn­te wie Theo van Gogh, der nie­der­län­di­sche Fil­me­ma­cher, der von ei­nem ex­tre­mis­ti­schen Mus­lim, Mo­ham­med Bouye­ri, ge­tö­tet wur­de, weil er ei­nen Film über Frau­en un­ter dem Is­lam ge­macht hat­te. „Ich ha­be mich selbst zen­siert”, sag­te Per­ry. „Der Grund, war­um ich in mei­ner Kunst nicht voll auf An­griff zum Is­lam ge­gan­gen bin, ist, weil ich ech­te Angst ha­be, dass mir je­mand die Keh­le durch­schnei­den wird”.

Das Victoria-​und Albert-​Museum in Lon­don zeig­te zu­erst ein Por­trät des Pro­phe­ten des Is­lam, ein hin­ge­bungs­vol­les Werk ei­nes Kunst­bil­des von Mo­ham­med, und zog es dann zu­rück. Die Fo­to­gra­fin Sy­ra Miah, ei­ne in Bri­tan­ni­en Ge­bo­re­ne, de­ren Fa­mi­lie aus Ban­gla­desch stammt, muss­te zu­se­hen, wie ih­re Ar­beit aus ei­ner Kunst­ga­le­rie in Bir­ming­ham­zu­rück­ge­zo­gen wur­de, nach Pro­tes­ten ei­ner Grup­pe von Mus­li­men. Das Fo­to por­trä­tier­te ei­ne halb­nack­te Frau, die psy­chisch krank war, die un­ter ei­ner Bus­hal­te­stel­le in Ban­gla­desch lebt.

Das Mu­se­um der Kul­tu­ren der Welt in Gö­te­borg, Schwe­den, er­öff­ne­te ei­ner Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „AIDS im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung”. Dar­in zeig­te die Künst­le­rin Louz­la Dara­bi ein Werk „Scè­ne d’amour”, das ei­ne Frau beim Se­xu­al­akt mit ei­nem Mann zeigt, des­sen Ge­sicht nicht zu se­hen ist. Ein Vers aus dem Ko­ran ist dar­auf auf Ara­bisch ge­schrie­ben. We­ni­ger als drei Wo­chen nach der Ein­wei­hung der Aus­stel­lung ent­fern­te das Mu­se­um das Ge­mäl­de. Das Hergé-​Museum in Lou­vain, Bel­gi­en, plan­te ei­ne Aus­stel­lung, um Char­lie Heb­do’s Ka­ri­ka­tu­ris­ten zu wür­di­gen. Auch die­ses Er­eig­nis wur­de abgesagt.

Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent François Hol­lan­de eli­mi­nier­te ei­nen Ab­schnitt des Louvre-​Museums, das den öst­li­chen Chris­ten ge­wid­met war, die in den letz­ten zwei Jah­ren vom is­la­mi­schen Staat de­zi­miert wur­den. „Der Lou­vre wid­met dem künst­le­ri­schen Er­be der öst­li­chen Chris­ten ei­nen neu­en Ab­schnitt”, kün­dig­te der da­ma­li­ge Prä­si­dent Ni­cho­las Sar­ko­zy im Jahr 2010 an. Doch das Pro­jekt wur­de von der neu­en Lei­tung des Mu­se­ums mit der Ge­neh­mi­gung des Kul­tur­mi­nis­te­ri­ums von Hol­lan­de eingemottet.

Marie-​Hélène Rutschow­s­ca­ya – ehe­ma­li­ge Che­fin des kop­ti­schen Teils des Lou­vre und ei­ne der welt­weit füh­ren­den Ge­lehr­ten des öst­li­chen Chris­ten­tums – ver­ur­teil­te den Schritt. „Die dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­se, die wir der­zeit im Na­hen Os­ten und Ost­eu­ro­pa se­hen, soll­ten statt­des­sen da­zu bei­tra­gen, mehr zu tun, um dau­er­haf­te kul­tu­rel­le Bin­dun­gen zu för­dern”, schrieb Rutschow­s­ca­ya in ih­rem Brief an Hol­lan­de. Heu­te hat der Lou­vre ei­nen Ab­schnitt, der der is­la­mi­schen Kunst ge­wid­met ist, aber nichts über das öst­li­che Christentum.

Viel­leicht hat­ten die ira­ni­schen Aya­tol­lahs recht, die ka­pi­to­li­ni­schen Mu­se­en in Rom zu bit­ten, die nack­ten Sta­tu­en wäh­rend des Be­su­ches von Prä­si­dent Ro­uha­ni zu ver­hül­len. Viel­leicht lie­gen die is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­ten falsch und der Wes­ten ist nicht so frei, wie er be­haup­tet. Viel­leicht soll­ten wir uns bei den Ta­li­ban für die Kri­tik an der Zer­stö­rung der gro­ßen Bud­dhas von Af­gha­ni­stan ent­schul­di­gen. Nach der neu­en kul­tu­rel­len Fröm­mig­keit des Wes­tens könn­ten die­se Sta­tu­en heu­te auch als „blas­phe­misch” be­trach­tet werden.

Gi­ulio Meot­ti, Kul­tur­re­dak­tor für Il Fo­glio, ist ita­lie­ni­scher Jour­na­list und Autor.


Erst­ver­öf­fent­li­chung hier. Re­pro­duk­ti­on mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Gatestone Instituts.

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